Papst und Antichrist

9. Damit sind wir bei den Zeichen, welche uns der Prophet für die Verfolgung der Letzten Zeiten gibt. Es sind dies drei. Das erste ist das Aufhören des immerwährenden Opfers, das zweite ist die Besetzung des Heiligtums durch den Greuel der Verwüstung, das dritte das Herabstürzen des „Himmelsheeres“ und der „Sterne“. Was ist zunächst gemeint mit der Wegnahme des täglichen Opfers? Das Opfer im Tempel des Alten Bundes, das dort jeden Morgen und Abend dargebracht worden war, wurde hinweggenommen durch die Zerstörung Jerusalems. Doch der Prophet Malachias spricht von einem anderen Opfer: „Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist mein Name groß unter den Völkern, und an jedem Orte wird meinem Namen Rauchopfer dargebracht und reine Opfergabe“ (Mal 1,11). Dies wird von den Kirchenvätern auf das heilige Meßopfer bezogen. So ist es beinahe einmütige Ansicht der Kirchenväter, daß zur Zeit des Antichristen das heilige Meßopfer aufhören wird.

Der heilige Hippolyt schreibt: „Die Kirchen werden klagen mit großer Klage, denn es wird kein Opfer mehr dargebracht noch ein Brandopfer noch ein Gott genehmer Dienst. Die heiligen Kirchengebäude werden zu elenden Hütten, und der Kostbare Leib und Blut Christi werden in jenen Tagen nicht zugegen sein. Die Liturgie wird ausgelöscht sein, der Psalmengesang verklingen, die Lesung der Heiligen Schrift nicht mehr vernommen werden. Doch es wird Finsternis auf den Menschen lasten und Klage über Klage und Weh über Weh.“

Die Kirche wird dann zerstreut werden, in die Wüste getrieben, und sie wird eine Zeit lang, wie in ihren Anfängen, unsichtbar sein, verborgen in Katakomben, in Höhlen, in Bergen, an versteckten Orten. Sie wird wie vom Angesicht der Erde verschwunden sein. So die einhellige Aussage der Kirchenväter. Und haben wir nicht historische Beispiele, beispielsweise im Osten, Konstantinopel, Kleinasien oder Nordafrika, wo einst blühende christliche Gebiete inzwischen islamisch sind und Kirchen zu Moscheen wurden? Und wie ist es im Westen, hat nicht auch hier der Protestantismus aus so vielen Kirchen und Gegenden das Meßopfer vertrieben? Ist nicht die Unterdrückung des Meßopfers gerade das Charakteristikum der protestantischen „Reform“? So sieht Manning, wie sich schon zu seiner Zeit die Prophetie des Daniel erfüllt. Was würde er erst heute sagen?

Manning selbst beschreibt bereits, wie die geheimen Sekten ihre Finger nach Rom ausstrecken, wie sie die Kirche infiltrieren, um dort, im Herzen der Christenheit, das Opfer zum Erlöschen zu bringen. Und das ist der Greuel der Verwüstung, wenn in der Kirche das Opfer erloschen ist. Sie wird dastehen, wie protestantische Gotteshäuser es tun, leer, öde, ohne Altar, ohne Tabernakel, ohne Gegenwart des Heilands. Und ist es nicht heute schon in den meisten auch „katholischen“ Gotteshäusern so?

Wir kommen zum dritten Kennzeichen, dem Herabholen des „Himmelsheeres“, welches nach Manning nichts anderes ist, als das Stürzen der kirchlichen Autorität, namentlich des Stellvertreters Christi auf Erden, des Papstes. Rom ist Erbe der Inkarnation. Doch die Welt ist entschlossen, die Inkarnation von der Erde zu tilgen. Das steckt bereits hinter den antikirchlichen Bewegungen der Zeit Mannings, als man dem Papst den Kirchenstaat raubte. „Die Entthronung des Stellvertreters Christi ist die Entthronung der Hierarchie der gesamten Kirche und die öffentliche Zurückweisung der Gegenwart und Herrschaft Jesu Christi“, schreibt Manning. Was hätte er gesagt, hätte er gesehen, wie dieser Plan heute in einer geradezu teuflisch perfiden Weise umgesetzt wurde?

Schon zu seiner Zeit sieht er die Feinde am Werk. Die Staaten entledigen sich mehr und mehr des Christentums und sind bestrebt, eine rein natürliche Gesellschaft herzustellen. Einst durch die Kirche Gottes zum christlichen Glauben und dem Gehorsam gegen Gottes Gebote geführt, haben sie sich nun erhoben und entheiligt, um in einen natürlichen oder besser heidnischen Status zurückzufallen. Bereits der Prophet Daniel verkündet zum Ende der Welt einen großen Abfall vom Glauben an Gott. Dieser geschieht teils aus Furcht, teils aus Täuschung, teils aus Feigheit. Man wagt nicht, für eine unpopuläre Wahrheit einzutreten angesichts einer populären Lüge. Man läßt sich von der „öffentlichen Meinung“ treiben (heute würden wir auch sagen: „political correctness“). Man bewundert Fortschritt und Technik, liebt den Wohlstand, und so geben die Menschen den Glauben auf und werden Materialisten, die nur noch nach irdischem Wohlergehen trachten.

10. So wird es also schließlich und im letzten zu einer Verfolgung kommen, die Manning uns nun beschreiben will. Der Heiland hat uns vorhergesagt, daß der Bruder den eigenen Bruder zum Tode überliefern wird. Es wird demnach eine Verfolgung sein, in welcher keiner seinen Nachbarn schont, in welcher die Mächte der Welt mit einer solchen Wut gegen die Kirche toben werden, wie die Welt sie nie gekannt hat. Die Kirche wird von niemandem mehr Schutz oder Hilfe erhalten. Schwach und elend wird sie blutend zu den Füßen der Mächtigen liegen. Ein Bild dafür ist uns Papst Pius IX., der von allen verlassen, seines Kirchenstaates beraubt, zur Flucht gezwungen wurde. Doch dann wird der Heiland selbst sich erheben und wider Seine Feinde streiten. Die „Große Stadt“ wird fallen und zerstört. Manning sieht in dieser Stadt mit vielen Kirchenvätern die Stadt Rom.

Die kirchlichen Schriftsteller, sagt er, berichten uns, daß in den Letzten Tagen die Stadt Rom von der Kirche und dem Stellvertreter Christi abfallen wird, und daß Rom dafür bestraft wird. Das Gericht Gottes wird über den Ort kommen, von welchem aus Er einst die Völker regierte. Rom wird es ergehen wie ehedem Jerusalem, der von Gott erwählten Heiligen Stadt, welche völlig zerstört und verbrannt wurde. Das wird die Strafe für die Apostasie sein. Kardinal Manning belegt diese Aussagen durch Zitate der Theologen Malvenda, Lessius, Bellarmin, Viegas und Cornelius a Lapide. Rom, das heidnisch war unter den Kaisern, christlich unter den Aposteln, gläubig unter den Päpsten, apostatisch unter der Revolution, wird wieder heidnisch unter dem Antichristen. Nur Jerusalem, das so hoch erhoben war, konnte so tief fallen, und nun auch Rom.

11. Damit endet Manning seinen prophetischen Ausblick und kehrt noch einmal zurück zum Beginn seiner Ausführungen. Er hatte damit begonnen, daß er uns die drei Kennzeichen der antichristlichen Bewegung gab: erstens Schisma von der Kirche Gottes, zweitens Leugnung ihrer göttlichen und unfehlbaren Stimme, drittens Leugnung der Menschwerdung. Daher ist diese der direkte und tödliche Feind der einen, heiligen und katholischen Kirche, jener Einheit, von welcher jedes Schisma trennt, jenes einzigen Organs der göttlichen Stimme des Heiligen Geistes, Heiligtum der Inkarnation und des dauernden Opfers.

12. Wir stehen somit vor der Entscheidung, für oder gegen Christus. Wir müssen wählen zwischen der unfehlbaren Stimme der Kirche, welche uns zu ihrer Einheit ruft, oder dem Geist der Spaltung und Unordnung. Es ist die Zeit der Entscheidung, der Siebung. Unser Herr Jesus Christus steht mit der Wurfschaufel und siebt die Spreu vom Weizen. Die großen Gegenspieler, Christus und der Antichrist, sammeln ihre Truppen für den letzten großen Entscheidungskampf. Wir erleiden schon jetzt jene großen Prüfungen, die für jene Zeit vorhergesagt ist. Und der Sieg Unseres Herrn und Heilands ist sicher, und sicher ist, daß ein jeder das Gericht erfahren wird, der Seinen Glauben, Seine Kirche, Seinen Stellvertreter auf Erden bekämpft hat, zusammen mit dem Antichristen, dessen Diener er gewesen ist.

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