Liturgische Metamorphose – 6. Teil

von antimodernist2014

Bereits im letzten Beitrag waren wir am Endpunkt des alchimistischen Werks der großen Baumeisters Bugnini, dem „Novus Ordo Missae„, angelangt und hatten uns die Apostolische Konstitution „Missale Romanum“ Pauls VI. vom 3. April 1969 sowie seine Ansprache am Vorabend des weltbewegenden Ereignisses, nämlich der verpflichtenden Einführung der „Neuen Messe“ zum 1. Adventssonntag, angesehen. Dieser 1. Advent fiel damals vor 45 Jahren ebenso wie dieses Jahr auf den 30. November. Wir feiern also ein gleichermaßen denkwürdiges wie trauriges Jubiläum. Ebenfalls hatten wir noch die Neudefinition der Messe als „Versammlung des Volkes Gottes“ in der „Instructio generalis“ gesehen und ihren zwei- bzw. vierteiligen Aufbau mit den beiden „Tischen“, dem des „Gotteswortes“ und dem des „Herrenleibes“ nämlich, betrachtet. Damit wollen wir so eine „Novus Ordo„-Messe einmal vor unserem geistigen Auge ablaufen lassen.

Der Markt der ungezählten Möglichkeiten

Sehen wir uns nun eine „Novus Ordo“-Messe im Detail näher an. Wir verwenden dazu ein „Schott-Meßbuch“, welches ja für die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen, mithin für die eigentlichen Vollzieher der Liturgie gedacht ist. Was früher einmal „Meß-Ordo“ hieß, heißt nun „Die Feier der Gemeindemesse“ und teilt sich in vier Teile: Eröffnung, Wortgottesdienst, Eucharistiefeier und Entlassung. Der erste Teil beginnt mit einem „Einzug – Gesang zur Eröffnung“. In der Rubrik wird angemerkt: „Während der Priester einzieht, kann der Gesang zur Eröffnung gesungen werden.“ In einer Fußnote ist eigens angemerkt, daß „die hier und im folgenden abgedruckten Rubriken“ ein „Auszug aus der authentischen Ausgabe des Meßbuchs für den liturgischen Gebrauch“ sind, „in der weitere Gestaltungsmöglichkeiten der Meßfeier näherhin beschrieben werden“. Was uns hier bereits auffällt und direkt angesprochen wird, sind die vielen neuen „Gestaltungsmöglichkeiten“. Schon der „Gesang zur Eröffnung“ ist rein fakultativ. Er „kann“ gesungen werden, muß aber nicht.

In der von den deutschsprachigen Bischöfen 2007 herausgegebenen „Grundordnung des römischen Meßbuchs“ zur 3. Auflage des Deutschen Meßbuchs lesen wir, Ziel der Eröffnungsriten sei es, „dass die zusammenkommenden Gläubigen eine Gemeinschaft bilden und sich darauf vorbereiten, in rechter Weise das Wort Gottes zu hören und würdig die Eucharistie zu feiern“ (Nr. 46). Der Gesang zum Einzug habe „die Aufgabe, die Feier zu eröffnen, die Zusammengehörigkeit aller Teilnehmer zu fördern, sie innerlich in das Mysterium der liturgischen Zeit oder des Festes einzustimmen sowie den Einzug des Priesters und der liturgischen Dienste zu begleiten“ (Nr. 47). Wie wir sehen, stehen von Anfang an die „Gemeinschaft“ der „zusammenkommenden Gläubigen“ und die „Zusammengehörigkeit aller Teilnehmer“ im Vordergrund dieser „Liturgie“.

Es folgt die „Verehrung des Altars“, die meist durch ein einfaches Kopfnicken geschieht, bisweilen auch durch einen Kuß auf den „Volksaltar“ genannten Druidenstein. „Wenn der Priester, der Diakon und die liturgischen Dienste den Altarraum erreicht haben, grüßen sie den Altar mit einer tiefen Verneigung. Zum Zeichen der Verehrung aber küssen sodann der Priester und der Diakon den Altar. Der Priester inzensiert gegebenenfalls das Kreuz und den Altar“, so sieht es die „Grundordnung“ der deutschsprachigen Bischöfe vor (Nr. 49). „Nachdem der Priester den Altar begrüßt hat“, heißt es weiter in den „Rubriken“, „und an seinen Platz [natürlich nicht am Altar, sondern an den Sedilien] gegangen ist, spricht er (während alle stehen)“: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“. Dazu macht er das Kreuzzeichen. Sodann hat er nicht weniger als 8 verschiedene Möglichkeiten, die versammelte „Gemeinde“ zu begrüßen, die von „Der Herr sei mit euch“ über „Gnade und Friede in der heiligen Versammlung der Kirche Gottes sei mit euch“ bis zu „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch“ reicht und von der „Versammlung“ mit „Und mit deinem Geiste“ beantwortet wird. „Durch diesen Gruß und die Antwort des Volkes wird das Mysterium der versammelten Kirche zum Ausdruck gebracht“, erklären uns die Bischöfe (Nr. 50). „Darauf kann der Priester, der Diakon oder ein anderer dazu Beauftragter [tätige Teilnahme der Gläubigen!] eine knappe Einführung in die Feier geben“, wobei es sich „empfiehlt“, wenn nämlich „zur Eröffnung nicht gesungen wurde“, in die „Einführung den Einführungsvers einzubeziehen, da dieser häufig einen Leitgedanken der Meßfeier angibt“.

Somit ist gleich zu Anfang Platz für die so wichtige „Belehrung“ des Volkes und kreative Betätigung, denn eine solche Eröffnungsansprache, gerne auch „Statio“ genannt, muß erst ausgedacht oder ersonnen werden. Damit eröffnet sich zugleich das breite Feld pastoraler Handreichungen, welche in unzähligen Büchern vorgefertigte Ansprachen für die Eröffnung, Fürbitten etc. enthalten. Nicht jeder Geistliche oder „Beauftragte“ ist ja so ein Genie, daß ihm täglich oder auch nur allsonntäglich derlei Dinge in Fülle aus dem Geist sprudelten. So sorgte der „Novus Ordo“ nicht nur für ungeahnte Spontanität, sondern auch für einen Markt professioneller Autoren, die ihr Brot den weniger begabten „Liturgie-Vorstehern“ verdanken.

Als nächstes ist ein „Allgemeines Schuldbekenntnis“ an der Reihe, wobei, wie sorgfältig angemerkt, an Sonntagen „an die Stelle des Allgemeinen Schuldbekenntnisses das sonntägliche Taufgedächtnis (Besprengung mit Weihwasser) treten“ kann. Diese Schuldbekenntnis liegt in „Form A“ oder „B“ oder „C“ vor, wozu der Priester wiederum jeweils mehrere Möglichkeiten der „Einladung“ hat. Für „Form A und B“ hat er vier Möglichkeiten, für „Form B und C“ noch eine weitere dazu, ergänzt durch die Rubrik: „Oder ein ähnlicher passender Text.“ Es wird ja von treuherzigen „Konservativen“ oft beklagt, es würde von manchen allzu liturgisch bewegten Pfarrern und Gemeinden „liturgischer Mißbrauch“ betrieben. Aber warum soll man beispielsweise an dieser Stelle einen „ähnlichen passenden Text“ nicht auch bei Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nietzsche, Marcuse, den „Beatles“ oder Jogi Löw finden? Ist das wirklich „Mißbrauch“ oder nicht vielmehr einfach Gebrauch der hier eröffneten Möglichkeiten?

„Form A“ entspricht im wesentlichen dem „Confiteor“, nur daß die Muttergottes und die Heiligen ausgelassen werden, weshalb man die Schuld außer Gott nur noch „allen Brüdern und Schwestern“ bekennt – natürlich, es ist ja eine Gemeinschaftsfeier. Erst am Schluß werden auch „die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen“ neben den „Brüdern und Schwestern“ um Fürbitte angerufen. Die Schuld ist nicht mehr „übergroß“, sondern nur noch „groß“, dafür wird auch bekannt, „daß ich Gutes unterlassen und Böses getan habe“. „Form B“ ist wesentlich kürzer und dürfte allein deshalb oft den Vorzug erhalten, obendrein können beide Formen „durch ein Bußlied ersetzt werden“. Die dritte „Form C“ ist länger, integriert dafür aber bereits das „Kyrie“. Alle drei Formen werden durch die „Vergebungsbitte“ abgeschlossen, die ihrerseits in drei Varianten existiert. Es wäre sicherlich interessant, einmal auszurechnen, wieviele verschiedene Möglichkeiten der „Meßfeier“ sich bisher bereits ergeben haben, und wir sind noch nicht einmal beim Kyrie!

Die „Kyrie-Rufe“, die nun folgen („falls sie nicht schon vorausgegangen sind“, s. „Form C“), lassen allerdings wenig kreativen Spielraum. Sie können in Deutsch oder eben Griechisch gebetet werden, wurden aber von je drei auf je zwei Anrufungen reduziert, also nur zweimal Kyrie eleison, zweimal Christe eleison, zweimal Kyrie eleison. Natürlich, es sollten ja laut „Konzil“ „unnötige Wiederholungen“ vermieden werden, und die Zweizahl entspricht vollständig dem „gemeindlichen“ Charakter: Vorbeter betet vor, die Gemeinde antwortet. Einmal mehr wurde die trinitarische Zahl ausgemerzt. Die Bischöfe dazu: „Da in diesem Gesang die Gläubigen den Herrn anrufen und sein Erbarmen erflehen, wird das Kyrie für gewöhnlich von allen vollzogen, insofern das Volk und die Schola beziehungsweise der Kantor daran beteiligt sind. Jeder Ruf wird in der Regel zweimal vorgetragen; doch sind weitere Wiederholungen nicht ausgeschlossen, sofern sich dies aus der Eigenart der verschiedenen Sprachen, aus der musikali- schen Form oder aus den jeweiligen Gegebenheiten ergibt“ (Nr. 52).

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