Liturgische Metamorphose – 6. Teil

„An den Sonntagen außerhalb der Advents- und Fastenzeit, an Hochfesten, Festen und bei anderen festlichen Gottesdiensten folgt das Gloria“, werden wir instruiert. Dieses wird entweder deutsch oder lateinisch gebetet und „darf durch ein Gloria-Lied ersetzt werden“. Danach lädt der Priester zum Gebet ein. „Er singt oder spricht: Lasset uns beten. Nach einer kurzen Stille spricht der Priester das Tagesgebet. Die Gemeinde beschließt das Gebet mit dem Ruf: Amen.“ Da der „Novus Ordo“ vor lauter „tätiger Teilnahme“ kaum Zeit und Gelegenheit zur Besinnung bietet, wurden allenthalben Kunstpausen eingefügt, wie hier die „kurze Stille“. Daß diese kaum für Gebet oder Betrachtung genutzt werden, liegt auf der Hand, da damit gewissermaßen ein vorübergehender Stillstand eingetreten ist und alle nur darauf lauern, wann es endlich weitergeht.

Tisch des Gotteswortes

Nach dieser „Eröffnung“ beginnt endlich der „Wortgottesdienst“, und zwar mit der „ersten Lesung“ und dem „Antwortpsalm“. „Der Lektor“ – oder die Lektorin natürlich, der „Schott“ ist hier noch nicht „geschlechtergerecht“ – „geht zum Ambo und trägt die erste Lesung vor. Alle [einschließlich des Zelebranten, wie wir wissen, und sei er noch so hochgestellt] hören sitzend zu [„sedens auscultat“, die alte Rubrik aus der Bugnini-Karwoche]. Wo nach der Lesung ein Zuruf der Gemeinde üblich ist, fügt der Lektor an: Wort des lebendigen Gottes. A.: Dank sei Gott. Danach kann eine kurze Stille erfolgen.“ Also wieder eine Zwangspause. „Die Liturgie des Wortes ist so zu feiern, dass sie die Betrachtung fördert“, belehren uns die Bischöfe in ihrer „Grundordnung“. „Deshalb muss jede Art von Eile, die der Sammlung hinderlich ist, gänzlich vermieden werden. Der Sammlung dienen auch kurze Momente der Stille, die der jeweiligen Versammlung angemessen sind, in denen durch das Gnadenwirken des Heiligen Geistes das Wort Gottes im Herzen aufgenommen und die Antwort darauf durch Gebet vorbereitet werden soll. Solche Momente der Stille können passenderweise etwa vor Beginn der Liturgie des Wortes, nach der ersten und der zweiten Lesung, schließlich auch nach der Homilie gehalten werden“ (Nr. 56). „Dann trägt der Kantor (Psalmist) den Antwortpsalm vor. Die Gemeinde übernimmt den Kehrvers.“ Danach kommt in gleicher Weise die zweite Lesung, und auf diese folgt „das Halleluja bzw. der an dessen Stelle vorgesehene Ruf vor dem Evangelium“.

Wir sehen, wie man an dieser Stelle möglichst viel „tätige Teilnahme“ der Gläubigen einarbeiten wollte. Man kann hier bis zu zwei Lektor_innen und Kantor_innen unterbringen und beteiligt gleich mehrfach die „Gemeinde“, mit „Zuruf“, „Kehrvers“ und „Halleluja“ bzw. „Ruf vor dem Evangelium“. Das mit dem „Kehrvers“ und „Ruf vor dem Evangelium“ klappt meist nicht so gut, denn allzu verschraubt und ungewohnt klingen die zu diesem Zweck von gutdotierten Kirchenmusikern ersonnenen Melodien, weshalb zumeist auf das von der Osternacht her bekannte, sehr eingängige und populäre „Halleluja“ zurückgegriffen wird.

Der Vortrag des Evangeliums ist durch den Diakon vorgesehen, nur ausnahmsweise durch den Priester (sofern kein Diakon vorhanden). „Die Aufgabe, die Lesungen vorzutragen, ist, wie aus der Tradition hervorgeht, keine Sache des Vorstehers, sondern eines eigenen Dienstes“, wissen dazu die Herren Bischöfe. „Die Lesungen sind daher von einem Lektor vorzutragen, das Evangelium aber ist vom Diakon oder, falls keiner da ist, von einem anderen Priester zu verkündigen. Wenn aber kein Diakon und kein anderer Priester zur Verfügung steht, hat der zelebrierende Priester selbst das Evangelium zu lesen; wenn auch ein geeigneter Lektor fehlt, hat der zelebrierende Priester auch die übrigen Lesungen vorzutragen“ (Nr. 59). Es gibt wieder drei Weisen der Einleitung, und am Schluß erfolgt da, wo „ein Zuruf der Gemeinde üblich ist“, die Anfügung „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ mit der Antwort „Lob sei dir, Christus“. Es fällt auf, daß in der Praxis zumeist die Einleitung zum Evangelium und der Schluß sehr feierlich vorgenommen werden, mit Gesang und Weihrauch, während das Evangelium selbst in schülerhafter Lesebuch-Manier vorgelesen wird. Hierauf ist die „Homilie“ vorgesehen. Diese ist „ein Teil der Liturgie“ und deswegen „an allen Sonntagen und gebotenen Feiertagen vorgeschrieben, sonst empfohlen“. Wir haben schon gesehen, daß die Predigt an den Sonn- und gebotenen Feiertagen auch durch das frühere Kirchenrecht vorgeschrieben war, aber sie war nie ein „Teil der Liturgie“ gewesen. Wenn der Zelebrant selber sie innerhalb der Messe hielt, so zog er dafür Manipel und Meßgewand aus, setzte das Birett auf und begab sich außerhalb des Chorraumes auf die Kanzel.

„An Sonntagen, an Hochfesten und bei anderen festlichen Gottesdiensten folgt das Credo“, heißt es dann. Dies kann das „Große Glaubensbekenntnis“ sein, auf Deutsch oder Latein, oder das kürzere und einfachere „Apostolische Glaubensbekenntnis“, wiederum auf Deutsch oder Latein, wobei bei der Erwähnung der Inkarnation nur noch eine Verbeugung gemacht wird. Lediglich „an Weihnachten und am Hochfest der Verkündigung des Herrn kniet man nieder“. Die „tätige Teilnahme“ durch Kniebeugen ist offensichtlich nicht so sehr erwünscht.

Die „Fürbitten“, auch „Allgemeines Gebet“ genannt, beschließen den Wortgottesdienst. „Die Fürbitten werden vom Priester eingeleitet und abgeschlossen. Die einzelnen Anliegen können vom Diakon, Lektor, Kantor oder anderen vorgetragen werden.“ Die Herren Bischöfe dazu: „Im Allgemeinen Gebet beziehungsweise im Gebet der Gläubigen antwortet das Volk gewissermaßen auf das gläubig aufgenommene Wort Gottes, trägt Gott Bitten für das Heil aller vor und übt so sein priesterliches Amt aus, das es durch die Taufe empfangen hat“ (Nr. 69). Hier bietet sich wiederum viel Platz für die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen und für professionelle Fürbitt-Autoren. Eine ganze Reihe von Beispielen für einige Zeiten des Kirchenjahres und sonstige besondere Anlässe liefert der „Schott“ gleich mit, weitere können bei den einschlägigen Verlagen gegen entsprechendes Entgelt bezogen werden. So hatte man es also verstanden, den „Tisch des Gotteswortes reicher zu bereiten“, wie Paul VI. es mit dem „II. Vatikanum“ ausdrückte. Ein übriges dazu taten die „Lesejahre“ A, B und C, die wir noch sehen werden.

Gabenbereitung

Der nächste große Teil ist die „Eucharistiefeier“. Diese hat laut den Bischöfen „drei Teile“, die den „Worten und Handlungen Christi entsprechen“; dieser „nahm nämlich das Brot und den Kelch nahm, sagte Dank, brach das Brot und reichte beides seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet, esset, trinket; das ist mein Leib; das ist der Kelch meines Blutes. Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Nr. 72). Somit ergeben sich folgende drei Teile: „1) Bei der Gabenbereitung werden Brot und Wein mit Wasser zum Altar getragen, jene Elemente also, die Christus in seine Hände genommen hat. 2) Im Eucharistischen Hochgebet wird Gott für das gesamte Heilswerk Dank gesagt, und die Opfergaben werden Christi Leib und Blut. 3) Durch die Brotbrechung und die Kommunion empfangen die Gläubigen, obwohl sie viele sind, von dem einen Brot den Leib und aus dem einen Kelch das Blut des Herrn auf die gleiche Weise wie die Apostel aus Christi eigenen Händen“ (ebd.).