Liturgische Metamorphose – 6. Teil

Das klingt fast schon traditionell, zumal die Bischöfe dies wie folgt einleiten: „Beim Letzten Abendmahl setzte Christus das österliche Opfer und Mahl ein, durch das in der Kirche das Kreuzesopfer fortwährend gegenwärtig gesetzt wird, sooft der Priester, der Christus, den Herrn, repräsentiert, dasselbe vollzieht, was der Herr selbst getan und den Jüngern zu seinem Gedächtnis zu tun anvertraut hat“ (ebd.). Etwas stutzig macht uns der Ausdruck „österliches Opfer und Mahl“. Die Hl. Messe ist, wie wir gesehen haben, ein Opfer. Zwar wird dieses Opfer durch die Konsumation der konsekrierten Gestalten vollendet, das geschieht jedoch durch die Kommunion des Priesters und nicht durch die der Gläubigen. Die traditionelle Dreiheit: Opferung (Vorbereitung des Opfers), Wandlung (Durchführung des Opfers), Kommunion des Priesters (Vollendung des Opfers), wurde nunmehr zu: Gabenbereitung, Danksagung und Kommunion der Gläubigen. Ziel und Höhepunkt ist hier die Kommunion der Gläubigen, das Gemeinschaft stiftende Mahl, welches durch Gabenbereitung und Danksagung vorbereitet wird. Ziel und Höhepunkt dort war die Darbringung des Opfers bei der heiligen Wandlung.

Die „Eucharistiefeier“ beginnt also mit der „Gabenbereitung“, welche die bisherige Opferung ersetzt. Ein „Gesang zur Gabenbereitung“ kann das „Herbeibringen und die Bereitung der Gaben“ begleiten, muß es aber nicht. Es kann auch „in der Stille geschehen“. „Es empfiehlt sich, daß die Gläubigen ihre Teilnahme durch eine Gabe bekunden“, heißt es im „Schott“. „Sie können durch Vertreter Brot und Wein für die Eucharistie oder selber andere Gaben herbeibringen, die für die Bedürfnisse der Kirche und der Armen bestimmt sind. Auch die Geldkollekte ist eine solche Gabe.“ Zunächst jedoch wird, wie die Bischöfe anmerken, „der Altar, der Tisch des Herrn, welcher der Mittelpunkt der ganzen Eucharistischen Liturgie ist, bereitet: Korporale, Kelchtuch, Messbuch und Kelch, sofern dieser nicht an der Kredenz bereitet wird, werden auf den Altar gestellt“ (Nr. 73). Und natürlich begeben sich nun auch Priester und Diakon, „Konzelebranten“ etc. von den Sedilien zu diesem „Mittelpunkt“ des zweiten großen Teiles, der „Eucharistischen Liturgie“.

„Dann bringt man die Opfergaben zum Altar. Angemessenerweise werden Brot und Wein von den Gläubigen dargereicht, vom Priester aber oder von einem Diakon an einem geeigneten Ort entgegengenommen, um zum Altar gebracht zu werden. Wenn auch die Gläubigen das Brot und den Wein, die für die Liturgie bestimmt sind, nicht mehr wie früher selbst mitbringen, behält der Ritus, sie nach vorne zu tragen, doch Aussagekraft und geistliche Bedeutung. Auch Geld oder andere Gaben, die von den Gläubigen für die Armen oder für die Kirche gespendet beziehungsweise in der Kirche eingesammelt werden, sind willkommen. Deshalb werden sie an einem geeigneten Ort niedergelegt, nicht jedoch auf dem Tisch der Eucharistie“ (ebd.). Wir kennen diese bisweilen sehr phantasievoll ausgestalteten „Gabenprozessionen“ nicht zuletzt von „päpstlichen Gottesdiensten“.

„Das Brot und der Wein werden vom Priester auf dem Altar niedergestellt, wobei die vorgeschriebenen Gebete gesprochen werden“, so die Instruktion der Bischöfe (Nr. 75). Die hier angesprochenen „Begleitgebete zur Gabenbereitung“ lauten: „Über das Brot: Gepriesen bis du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde.“ Zur Mischung von Wein und Wasser wird gesprochen: „Wie das Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ „Über den Kelch“ heißt es sodann: „Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit. Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, damit er uns der Kelch des Heils werde.“ Es wurde bereits von Liturgikern mehrfach darauf hingewiesen, daß es sich dabei um eine Adaption jüdischer Tischgebete handelt, passend zum „Mahlcharakter“ und zur „Pessach“-Tradition bzw. dem „Pascha-Mysterium“ (s.o. „II. Vatikanum“, SC 5).

Wir müssen auf diese „Begleitgebete zur Gabenbereitung“ etwas näher eingehen, weil sich darin besonders der völlig veränderte Charakter dieser „Neuen Messe“ offenbart. Die Gebete zur Opferung lauten bekanntlich wie folgt: Bei der Darbringung der Hostie betet der Priester: „Suscipe, sancte Pater, omnipotens æterne Deus, hanc immaculatam hostiam, quam ego indignus famulus tuus offero tibi Deo meo vivo et vero, pro innumerabilibus peccatis, et offensionibus, et negligentiis meis, et pro omnibus circumstantibus, sed et pro omnibus fidelibus christianis vivis atque defunctis: ut mihi, et illis proficiat ad salutem in vitam æternam. Amen. – Heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, nimm diese makellose Opfergabe gnädig an. Dir, meinem lebendigen, wahren Gott, bringe ich, Dein unwürdiger Diener, sie dar für meine unzähligen Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten. Ich opfere sie auf für alle Umstehenden und alle Christgläubigen, für die Lebenden und Verstorbenen. Gib, daß sie mir und ihnen zum Heile gereiche für das ewige Leben. Amen.“ Zur Vermischung von Wein und Wasser wird gebetet: „Deus, qui humanæ substantiæ dignitatem mirabiliter condidisti, et mirabilius reformasti: da nobis per hujus aquæ et vini mysterium, ejus divinitatis esse consortes, qui humanitatis nostræ fieri dignatus est particeps, Jesus Christus, Filius tuus, Dominus noster: Qui tecum vivit… – Gott, Du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert: laß uns durch das Geheimnis dieses Wassers und Weines teilnehmen an der Gottheit Dessen, der Sich herabgelassen hat, unsre Menschennatur anzunehmen, Jesus Christus, Dein Sohn, unser Herr: der mit Dir lebt…“ Bei der Darbringung des Kelches spricht der Priester die Worte: „Offerimus tibi, Domine, calicem salutaris, tuam deprecantes clementiam: ut in conspectu divinæ majestatis tuæ, pro nostra et totius mundi salute, cum odore suavitatis ascendat. Amen. – Wir opfern Dir, Herr, den Kelch des Heiles und flehen Dich, den Allgütigen, an: laß ihn, uns zum Segen und der ganzen Welt zum Heile, wie lieblichen Wohlgeruch vor das Angesicht Deiner göttlichen Majestät emporsteigen. Amen.“

Wir haben hier einen exzellenten Ausdruck katholischer Theologie vor uns. Zunächst fällt auf, daß gar nicht von „Brot“ und „Wein“ die Rede ist – außer bei der Mischung von Wein und Wasser –, sondern von der „hostia“, der „Opfergabe“, und dem „calix salutaris“, dem „Kelch des Heiles“. Was ist gemeint mit dieser „hostia“ und dem „Kelch des Heiles“, wenn nicht das, was in der Hl. Messe tatsächlich geopfert wird: Leib und Blut Unseres Herrn Jesus Christus? Doch an dieser Stelle handelt es sich doch noch gar nicht um Leib und Blut Jesu Christi! Das hat vielen Liturgikern große Schwierigkeiten gemacht, und selbst im alten „Schott“ finden sich hier die irreführenden Ausdrücke „Darbringung des Brotes“ und „Darbringung des Weines“. Es gab daher die verschiedensten Theorien, die Sache zu erklären. Manche unterschieden zwischen dem Opfer Christi (Seinem Leib und Blut) und dem „Opfer der Kirche“ (Wein und Brot). Aber sind wir denn Heiden, daß wir Gott Wein und Brot opfern? „Hätte Ich Hunger, Ich müßte es dir nicht sagen; mir gehört ja die Erde und was sie erfüllt. Esse ich etwa das Fleisch von Stieren, oder trinke ich das Blut der Böcke?“ (Ps. 49,12f). Nein, die Kirche hat nur ein Opfer, und das ist das Kreuzesopfer Christi!

Opfer Abels und Opfer Kains

Was also geschieht bei der Opferung wirklich? Es gab modernistische Versuche, die Transsubstantiation, also die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, welche bei der hl. Wandlung geschieht, abzumildern bzw. umzudeuten. Man sprach daher von einer „Transsignifikation“, also nicht einer Wesensverwandlung, sondern einer Bedeutungswandlung, oder einer „Transfinalisation“, einer Zweckänderung. Nun, wenn es in der Hl. Messe eine Stelle gibt, wo eine „Transsignifikation“ oder „Transfinalisation“ stattfindet, so nicht bei der Wandlung, sondern bei der Opferung. Tatsächlich gibt der Priester den Gestalten, die er Gott darbringt und hier auf dem Altar bereitlegt, bereits jetzt die Bedeutung dessen, was sie bei der Wandlung werden sollen. Sie sind noch nicht Leib und Blut Christi, aber sie sollen es werden und stellen es deshalb hier schon dar. Darum müssen die Gestalten nach der Opferung auch als geheiligt betrachtet werden und dürfen, z.B. bei einem Defekt, der sich vor der Wandlung noch ergäbe, nicht einfach entsorgt werden, sondern werden nach Art geweihter Gegenstände bzw. wie die konsekrierten Gestalten behandelt.