Liturgische Metamorphose – 6. Teil

Es wird bei der Opferung somit erstens bezeichnet, was der Priester Gott darbringt: Leib und Blut Unseres Herrn Jesus Christus – auch wenn dies zunächst noch geheimnisvoll unter dem Schleier „hostia“ und „Kelch des Heiles“ verborgen gehalten wird. Erst im Kanon, kurz vor der Wandlung, spricht der Priester die Wirklichkeit in aller erschreckender Offenheit aus: „Quam oblationem tu, Deus, in omnibus, quæsumus, benedictam, adscriptam, ratam, rationabilem, acceptabilemque facere digneris: ut nobis Corpus et Sanguis fiat dilectissimi Filii tui, Domini nostri Jesu Christi. – Diese Opfergabe mache Du, o Gott, wir bitten Dich, huldvoll in jeder Hinsicht zu einer gesegneten, eingetragenen, gültigen, geistigen und genehmen, damit sie uns werde Leib und Blut Deines vielgeliebten Sohnes, unsres Herrn Jesus Christus.“ Zweitens wird genau bestimmt, wem das Opfer dargebracht wird, nämlich „Dir, meinem lebendigen, wahren Gott“, und der Opferzweck genannt, nämlich in erster Linie Sühne für die „unzähligen Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten“ zunächst des Priesters selbst, dann aber auch „für alle Umstehenden und alle Christgläubigen, für die Lebenden und Verstorbenen“. Ihnen allen soll das Opfer zugute kommen, und zwar damit es „ihnen zum Heile gereiche für das ewige Leben“.

Bei der Mischung von Wein und Wasser wird auch genau der Grund genannt, warum uns dieses Opfer zur Erreichung des ewigen Lebens so notwendig ist, und es wird seine Wirkweise offengelegt. Es ist wie eine Kurzfassung der gesamten katholischen Lehre von Sündenfall und Erlösung. Gott hat den Menschen ursprünglich „in seiner Würde wunderbar erschaffen“, nämlich als vollkommenen Menschen der Natur nach und obendrein im Stand der Gnade als Kind Gottes. Durch den Sündenfall ging der Gnadenstand verloren und wurde die Natur geschädigt, doch durch die Erlösung in Jesus Christus hat Gott beides „noch wunderbarer erneuert“, da Er uns teilnehmen läßt „an der Gottheit Dessen, der Sich herabgelassen hat, unsre Menschennatur anzunehmen, Jesus Christus, Dein Sohn, unser Herr“. Durch Sein Kreuzesopfer hat Unser Herr uns diese Erlösung verdient, in der Hl. Messe wendet Er sie uns zu.

Bei der Aufopferung des Kelches heißt es, es möge dieser „wie lieblicher Wohlgeruch vor das Angesicht Deiner göttlichen Majestät emporsteigen“. Das erinnert an eine Begebenheit aus dem Alten Testament, als zwei Brüder, die Söhne des ersten Menschenpaares, beide ein Opfer darbrachten. Abel, der ein Schafhirte war, opferte, so wird uns berichtet, „von den Erstlingen seiner Herde und ihrem Fett“, und „der Herr blickte auf Abel und seine Opfergabe“ (Gen 4,4). In bildlichen Darstellungen finden wir dies meist als weißen, zum Himmel steigenden Rauch veranschaulicht, eben ein Opfer, das „wie lieblicher Wohlgeruch“ vor das Angesicht der göttlichen Majestät emporsteigt. Auf der anderen Seite erblicken wir das Opfer des Kain, und auf dieses Opfer „sah Gott nicht“, wie uns die Heilige Schrift berichtet, weshalb dies in den Abbildungen meist durch schwarzen, beißenden, zur Erde ziehenden Qualm gekennzeichnet ist. Wie wir wissen, wurde Kain darüber zornig und erschlug seinen Bruder, dessen Blut daraufhin „vom Erdboden empor“ zu Gott schrie. Wie erschrecken wir jedoch, wenn wir lesen, daß „Kain von den Früchten der Erde dem Herrn ein Opfer darbrachte“ (Gen 4,3)! Erinnert uns das nicht in beängstigender Weise an die Gebete der „Gabenbereitung“ mit ihrer „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“?

Was war der Unterschied, warum war das eine Opfer, das Opfer Abels, Gott wohlgefällig, das andere Opfer jedoch nicht? Zunächst lag es wohl an der Opfergesinnung. Kain wird uns als ein irdisch gesinnter Mensch dargestellt. Sein Opfer sollte sein irdisches, zeitliches Wohlergehen sicherstellen. Abel hingegen sehnte sich nach dem Himmlischen. Er erkannte den gefallenen und heillosen Zustand des Menschen und wußte, daß nur das Blut eines reinen Opferlammes imstande war, Sühne zu leisten. Im Glauben wußte er vom kommenden Erlöser, und ihn sollten seine Opfergaben vorstellen. Darum wird das Opfer des Abel auch im Kanon der Heiligen Messe neben dem Opfer des Abraham und dem des Melchisedech als eines der Vorbilder des heiligen Meßopfers genannt. Abel selbst wurde zum Vorbild Christi, des Erlösers, der ebenfalls aus Neid von seinen eigenen Brüdern, dem Apostel Judas und dem Hohen Rat Seines Volkes, dem Tod überliefert wurde, und dessen Blut seitdem „vom Erdboden empor“ zu Gott ruft bzw. aus dem „Kelch des Heiles“ wie lieblicher Wohlgeruch vor das Angesicht der göttlichen Majestät emporsteigt. Das Opfer Abels war somit ein echtes Vorbild der wahren Heiligen Messe, in welcher Leib und Blut Unseres Herrn Jesus Christus geopfert werden zur Ehre Gottes und zu unserem ewigen Heil. Das Opfer Kains hingegen muß als Vorbild der „Neuen Messe“ gesehen werden, die sich der „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ rühmt und erwartet, Gott möge daraus den Menschen zu ihrer Freude das „Brot des Lebens“ machen. Hier zeigt sich ebenfalls eine rein irdische Gesinnung, dort eine rein himmlische, hier geht es um das zeitliche Wohlergehen, dort um das ewige Leben. Es ist erstaunlich, wie man es fertiggebracht hat, das Opfer Abels gegen das Opfer Kains auszutauschen und auch noch den braven und arglosen Gläubigen beizubringen, es habe sich im Grunde nichts geändert.

Die „Epiklese“

Wie wir oben schon gesehen haben, gehört zur Vollständigkeit des Opfers auch die Selbstaufopferung der Christen, welche im „Novus Ordo“ recht kurz ausfällt: „Herr, wir kommen zu dir mit reumütigem Herzen und mit demütigem Sinn. Nimm uns an und gib, daß unser Opfer dir gefalle.“ In der wahren Messe hießt es noch: „Laß uns, Herr, im Geiste der Demut und mit zerknirschtem Herzen bei Dir Aufnahme finden. So werde unser Opfer heute vor Deinem Angesichte, auf daß es Dir wohlgefalle, Herr und Gott.“ Hier ist weitaus mehr asketisches Bemühen um die rechte Opfergesinnung spürbar, als wenn einfach die Aufforderung an Gott ergeht: „Nimm uns an und gib, daß unser Opfer dir gefalle.“

Die Herabrufung des Heiligen Geistes auf die Opfergaben, die in der Heiligen Messe an dieser Stelle erfolgt, fehlt im „Novus Ordo“ bzw. wurde in das „Eucharistische Hochgebet“ integriert. Das mag daran liegen, daß diese „Epiklese“ in den östlichen Riten sehr ernst genommen wird und dort bisweilen fast einen höheren Stellenwert als die Wandlung einnimmt. Und hatte der „selige“ Paul VI. nicht geprahlt, daß inzwischen „sowohl älteste liturgische Quellen neu erschlossen und veröffentlicht wie auch Texte der Ostkirchen eingehender untersucht worden“ seien, woraus „sich bei vielen der Wunsch“ ergeben habe, “die dort vorhandenen Reichtümer des Glaubens und der Frömmigkeit nicht länger im Dunkel der Bibliotheken verborgen zu halten, sondern ans Licht zu bringen, um Herz und Sinn der Christen zu erleuchten und zu nähren“? Da man, wie wir gesehen haben, den „ältesten liturgischen Quellen“ nicht mehr traut und daher die Wandlung zur Nebensache degradiert hatte, mußte die ostkirchliche „Epiklese“ an ihre Stelle rücken.

Die im feierlichen Amt übliche Inzens der Opfergaben, die nach einem genau vorgeschriebenen Ritus mit drei Orationen und einem Psalm vorgenommen wird, wird im „Novus Ordo“ zu einem weiteren ad libitum einzufügenden und durchzuführenden Baustein in der Baukastenliturgie: „Der Priester kann die auf dem Altar befindlichen Gaben inzensieren, dann das Kreuz und den Altar selbst, zum Zeichen dafür, dass die Opfergabe der Kirche und ihr Gebet wie Weihrauch vor das Angesicht Gottes emporsteigen. Anschließend können der Priester wegen seines heiligen Amtes und das Volk auf Grund seiner Taufwürde vom Diakon oder einem anderen der liturgischen Dienste inzensiert werden“ (Nr. 75). „Dann wäscht der Priester an der Seite des Altars die Hände. Durch diesen Ritus wird das Verlangen nach innerer Reinigung ausgedrückt“ (Nr. 76). Er spricht dazu die schlichten Worte: „Herr, wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mach mich rein.“ Wiederum zeigt der wahre Meßritus einen wesentlich größeren aszetischen Ernst, indem er den Priester zum Lavabo den Psalm 25, Vers 6-12 beten läßt.

„Sind die Opfergaben auf dem Altar bereitgestellt und die begleitenden Riten vollzogen, wird die Gabenbereitung durch die Einladung, mit dem Priester zusammen zu beten, und durch das Gebet über die Opfergaben abgeschlossen und das Eucharistische Hochgebet vorbereitet“, heißt es in Nr. 77 der Bischöfe. Diese „Einladung zum Gabengebet“ liegt wiederum in „Form A“ oder „Form B“ vor, „Oder eine andere geeignete Gebetseinladung“, wonach alle „eine kurze Zeit in stillem Gebet“ verharren. Darüberhinaus gibt es auch noch die „Form C“, die dem „Orate fratres“ der wahren Hl. Messe und dem „Suscipiat“ entspricht, wobei natürlich alles laut und in deutsch und letzteres von den Gläubigen vorgetragen wird. „Durch das Gabengebet“, welches die frühere Sekret ersetzt, „wird die Bereitung der Opfergaben abgeschlossen. Die Gemeinde beschließt das Gebet mit dem Ruf: Amen.“