Halb-gute Konzilspäpste

von antimodernist2014

1. Welch kuriose Blüten die in „Traditionalisten“-Kreisen verbreitete „Sedisphobie“ treibt, zeigte unlängst wieder ein lefebvristischer Bischof, welcher meinte, es scheine zwar „dem katholischen Hausverstand“ zu genügen, wenn man annehme, die „konziliaren Päpste“ seien keine Päpste gewesen, jedoch: „für die meisten Katholiken scheint jene Annahme noch stärker dem katholischen Hausverstand zu genügen, wonach die von Gott auf einem lebenden Papst gegründete Kirche das letzte halbe Jahrhundert (1962–2014) nicht ohne einen solchen hätte auskommen können“. Zwar habe der Heiland gesagt: „So kann ein guter Baum keine schlechten Früchte hervorbringen und ein schlechter Baum keine guten“ (Matthäus 7, 18). Er aber, der lefebvristische Bischof, sage: „Jedoch kann ein zur Hälfte guter und zur Hälfte schlechter Baum durchaus zur Hälfte gute und zur Hälfte schlechte Früchte tragen.“

2. Wie ist das zu verstehen? Nun, erklärt uns der offensichtlich gleich einem Kirchenvater erleuchtete neue Bibel-Interpret, zwar sei „als Ganzes gesehen eine Mischung aus Gutem und Schlechtem stets schlecht“, doch bedeute dies nicht, „daß einzeln gesehen die guten Teile der Mischung so schlecht wären wie die schlechten Teile“. Er hat auch gleich ein griffiges Bild parat. So werde „Krebs in der Leber mich zwar umbringen, aber nicht bedeuten, daß ich Lungenkrebs habe“ (Krebspatienten werden sich ungemein getröstet fühlen). Es folgt die Anwendung: „Nun aber ist jeder Kirchenmann, wie überhaupt jeder Mensch, weder vollständig schlecht, noch vollständig gut. Wir alle sind eine schwankende Mischung bis zum Tage unseres Todes. Gibt es also einen Kirchenmann, dessen Früchte vollständig schlecht sind? Selbstverständlich nicht. Somit kann die katholische Kirche während der letzten 50 Jahre von den halb-guten Früchten der Konzilspäpste gelebt haben – wobei diese Halblebigkeit von Gott zugelassen wurde, um seine Kirche zu reinigen, während er gleichzeitig verhindert hat, daß die Halblebigkeit soweit reichte, um die Kirche zerstören zu können.“

Die Kirche hat also „während der letzten 50 Jahre von den halb-guten Früchten der Konzilspäpste gelebt“. Als solche werden genannt: „Beispielsweise weinte Papst Paul VI. über den Mangel an Berufungen, Benedikt XVI. sehnte sich nach der Tradition, und sogar Franziskus dürfte versuchen, die Menschen zu Gott zu führen, indem er Gott auf die Stufe von uns Menschen hinunterzerrt.“ Von derlei „halb-guten Früchten“ also „lebte“ die Kirche während mehr als 5 Dezennien (wenn auch nur „halblebig“)! Sie „lebte“ von den Tränen Pauls VI., den Sehnsüchten Benedikts XVI. und dem leeren Geschwätz Bergoglios. Erstaunlich! „Die Konzilspäpste irren fürchterlich mit ihren Vorstellungen und verhalten sich bei Fragen des Glaubens verheerend mehrdeutig, wo sie absolut eindeutig sein müßten. Die Kirche starb ab und stirbt weiterhin ab unter ihnen.“ Die Kirche „starb“ also „ab“ und „stirbt weiterhin ab“ unter diesen „Päpsten“, und dennoch: „Doch jene Teile in ihnen, welche noch gut gewesen sind, haben der Kirche das Fortdauern ermöglicht und diese Konzilspäpste sind nötig gewesen als lebende Häupter, um den Körper der lebenden Kirche fortdauern zu lassen, so wie Pius XII. sagte. Fürchten wir also nicht, daß sie die Kirche zerstören könnten, sondern kämpfen wir mit Zähnen und Klauen gegen ihren Liberalismus und beten wir für ihre Rückkehr zur katholischen Vernunft, weil wir sie für das Fortleben unserer Kirche brauchen.“ Wir brauchen also dringend weiter diese „Päpste“, unter welchen die Kirche „abstirbt“, weil sie ohne sie nicht leben kann. Diese Logik erinnert an das „Stockholm-Syndrom“ und ähnliche Erscheinungen, wo Opfer von Verbrechern mit diesen eine irrationale Symbiose eingehen.

3. In der Tat ist es recht interessant, was „Wikipedia“ über die Ursachen des „Stockholm-Syndroms“ schreibt: „In erster Linie manifestiert sich die Wahrnehmungsverzerrung, die zum Stockholm-Syndrom führt, darin, dass die subjektive Wahrnehmung der Geisel nur einen Teil der Gesamtsituation erfassen kann. Das Opfer erlebt eine Zurückhaltung der Einsatzkräfte vor Ort, es fühlt sich mit zunehmender Dauer der Entführung allein gelassen. Dagegen wird das Agieren der Geiselnehmer überproportional wahrgenommen, schon kleinste Zugeständnisse (das Anbieten von Nahrung, auf die Toilette gehen lassen oder Lockern von Fesselungen) werden als große Erleichterungen empfunden. Das Opfer erlebt eine Situation, in der es ausschließlich ‚Gutes‘ von den Geiselnehmern erfährt. Es kommt zu der für Außenstehende subjektiv nicht nachvollziehbaren Folge, dass ein Opfer mehr Sympathie für seine Peiniger empfindet als für die rettenden Einsatzkräfte.“ Ist es nicht auch so, daß sich viele „Traditionalisten“ unserer Tage mit zunehmender Dauer der „Kirchen-Krise“ mehr und mehr alleingelassen fühlen und daher auf die geringsten Zugeständnisse der modernistischen „Päpste“ mit größtem Dank und Jubel reagieren, so etwa auf die „Freigabe der Alten Messe“? Oder wie kommt es sonst „zu der für Außenstehende subjektiv nicht nachvollziehbaren Folge“, daß sie für die ihren Glauben und ihre Kirche zerstörenden Modernisten mehr Sympathie empfinden als für die „rettenden Einsatzkräfte“, welche sie als „Sedisvakantisten“ beschimpfen und mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser? „Täter werden sich Opfern gegenüber oftmals wohlwollend verhalten, weil sie die Opfer als Vermögenswerte ansehen oder um eine Eskalation der Situation zu vermeiden. Hieraus kann eine emotionale Bindung und Dankbarkeit von Opfern gegenüber Tätern entstehen.“ So erklärt „Wikipedia“ weiter, und auch dieses Muster scheint uns im Verhältnis der „konziliaren“ Päpste zu den „Traditionalisten“ erkennbar (vgl. Res clamat ad dominum).

4. Doch wir wollen hier nicht Psychologie betreiben, so interessant das manchmal sein mag, sondern sehen, welche theologischen Früchte wir pflücken können. Wir haben schon gesehen, daß der Heiland im Gegensatz zu unserem lefebvristischen Bischof mit „Stockholm-Syndrom“ durchaus der Ansicht ist, daß es gute und schlechte Bäume gibt, und von halb-guten offensichtlich nichts weiß. Ebenso spricht Er in Seinem Gleichnis vom Fischernetz nur von „guten“ und „schlechten“ Fischen, wobei man „die guten in Gefäße“ sammelt, „die schlechten aber warf man weg“. Von den halb-guten oder halb-schlechten Fischen und wie es diesen erging sagt Er uns wieder nichts. Stattdessen fährt Er fort: „So wird es auch am Ende der Welt gehen. Die Engel werden ausziehen, die Bösen von den Gerechten absondern und sie in den Feuerofen werfen; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“ (Mt 13,39f). Allenthalben finden wir beim Heiland diese klare „Schwarz-Weiß-Malerei“ und nicht die vielen Zwischentöne, so etwa wenn Er von den klugen und den törichten Jungfrauen spricht und wieder die halb-klugen und halb-törichten völlig außer acht läßt. Das ist natürlich ein gravierendes Versäumnis.

Entsprechend kommen in Seiner Gerichtsrede auch nur Schafe und Böcke vor, die einen zu Seiner Rechten, die anderen zu Seiner Linken, und während Er zu den einen sagen wird: „Kommt, ihr Gesegneten Meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an!“ (Mt 25,34), werden die anderen die schrecklichen Worte vernehmen: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist!“ (Mt 25,41). Die Guten kommen also in den Himmel, die Bösen in die ewige Verdammnis, und abermals wird uns nicht gesagt, was denn mit den Halb-Guten und den Halb-Bösen geschieht. Kommen diese mit einem Teil in den Himmel, mit dem anderen in die Hölle? Oder kommen sie zeitweise hier-, zeitweise dorthin, sodaß sie hin und her pendeln?

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