Kirchliche Verwandlung mit Gaspedal und Bremse

Ferner: „Ein weiteres Argument, welches der Theorie der ‚Reinigung von Konservativen‘ zu entgegnen ist: Andere bekannte Gestalten werden nicht entfernt. Kardinal Pell ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Als führendes Mitglied der Ratgebergruppe von acht Kardinälen, die von Franziskus eingerichtet wurde, wurde er vom Papst ausgewählt, die Reformen der Vatikanbank voranzubringen. Kardinal Müller, Haupt der mächtigen Glaubenskongregation, ist eine andere konservative Stimme in der Nähe von Papst Franziskus. Bei der Synode haben sich Müller ebenso wie Pell frei im Namen der konservativen Richtung der Synode geäußert. Jene, welche eine Fehde zwischen Franziskus und Kardinal Burke argwöhnen als Teil einer großen Säuberungsaktion, müssen anerkennen, daß die Beweislage dürftig ist. Es ist wahr, daß Franziskus sein Programm der Reformen voranzubringen sucht, aber es ist falsch zu behaupten, daß er all jene entfernt, die nicht mit ihm übereinstimmen.“

Diese Beobachtungen dürften durchaus zutreffend sein. Tatsächlich äußerte Bergoglio in seinem Interview zur Versetzung Burkes laut „kath.net“, daß diese im Zusammenhang mit der geplanten Kurienreform und einer „Neustrukturierung der vatikanischen Gerichte“ gestanden sei. Darum hatte er Burke bis dato in seinem Amt nicht bestätigt, obwohl er ihn vorläufig darin belassen habe. „Dann habe er die Anfrage des Malteserordens nach einem neuen Kardinalpatron erhalten. Da sei ihm Burke in den Sinn gekommen, weil dieser sich als US-Amerikaner in dem Ambiente bewegen könne.“ Und tatsächlich hat Bergoglio für die nächste Familiensynode im Oktober 2015 als zusätzliches Präsidiumsmitglied den „konservativen“ „Kardinal“ Wilfrid Fox Napier ernannt, welcher bei der letzten Synode als Kritiker allzu aufgeweichter Positionen aufgefallen war.

So scheint uns die Folgerung des „Aleteia“-Autors ganz stichhaltig: „Auch wenn Franziskus ohne jeden Zweifel progressistische Ansichten über gewisse Fragen hat und gerne ‚ein Durcheinander stiftet‘, so ist er sich doch seiner Rolle als Papst bewußt [wir würden wohl besser sagen: seiner Rolle als Moderator, um die verschiedenen Strömungen zusammenzuhalten bzw. für sich einzuspannen]. Er hat denkwürdige Worte gesprochen, als er sagte, daß er Papst sein müsse ‚für jene, die den Fuß auf dem Gaspedal haben, und jene, welche auf der Bremse stehen‘. Seine postsynodale Ansprache war eine deutliche Mahnung an die Führer der Kirche über die Gefahren sowohl der liberalen als auch der konservativen Denkrichtungen. Er hat sich bei den Synodenvätern für die freie und offene Debatte bedankt in voller Anerkennung, daß dies, trotz aller Spannungen, die beste Form des Voranschreitens sei.“

7. Kurzum, es dünkt uns zu kurz gegriffen und zu eindimensional gedacht, wenn man Bergoglio ganz einfach ins Links-Rechts-Schema einordnet und ihn als Konservativen-mordenden Progressisten und Traditionalisten-Schreck hinstellt. In Wahrheit ist er ein gewiefter Dialektiker, der nach gut modernistischer Manier seine Reformen mithilfe des dialogischen Wechselspiels der verschiedenen Kräfte, „Gaspedal“ und „Bremse“, voranbringen will, um auf diese Weise desto sicherer voranzukommen und alle Seiten in den Prozeß mit einzubinden. Bisher ist ihm das ja auch auf beeindruckende Weise gelungen. Das Ergebnis der letzten Synode, die zwar keine Zwei-Drittel-Mehrheit, wohl aber eine absolute Mehrheit selbst für „umstrittenste“ Passagen zustandebrachte, ist dafür ein eindrucksvoller Beleg. Bergoglio dazu in seinem Interview: „Der synodale Prozess ist kein parlamentarischer Prozess, sondern ein geschützter Raum.“ „Dies sei notwendig, damit der Heilige Geist wirken könne“, gibt ihn „kath.net“ wieder. „Es sei zwar wahr, dass es unterschiedliche Positionen während der Synode gegeben habe, so Franziskus weiter. Doch diese hätten sich noch in einem ‚Stadium des Suchens nach der Wahrheit‘ befunden. Für jene, die in ihren Positionen sehr festgelegt seien, müsse man beten, dass der Heilige Geist sie verwandele, so Franziskus.“ Genau um diese „Verwandlung“ geht es ihm, um „Transformation“. Starr bleiben darf also keiner, nicht „links“ und nicht „rechts“.

Bergoglio kann sich sicherlich vorstellen, in diesen dialektischen „Transformations“-Prozeß auch die „Traditionalisten“ der „Piusbruderschaft“ mit einzubeziehen. Und schon sind sie ja dabei, ihren „Dialog“ mit den „konziliaren Bischöfen“ zu führen; ihre „Verwandlung“ ist in vollem Gang, sodaß sie sogar bereits im durch und durch mondialistischen EU-Parlament wohlgelitten werden. „Pater Jorge“ macht seine Sache ganz gut, er versteht sein Geschäft. Vielleicht wird er ja eines Tages in Begleitung von „Kardinal“ Fellay vor der UNO auftreten und dort von Menschenwürde und Menschenrechten schwadronieren, während sein Begleiter einen Tannenbaum – oder besser eine Palme – segnen darf, um die UN „an die Gnade des Lieben Gottes“ zu binden. Dann wird man von einer rundum gelungenen „kirchlichen Verwandlung“ sprechen dürfen.

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