Das Wunderbarste aller Wunder

von antimodernist2014

Jedes Jahr zur Adventszeit stolpere ich wieder über den Text des hl. Thomas von Aquin aus seiner „Summe wider die Heiden“, wo er schreibt: „Das Geheimnis der Menschwerdung übersteigt von allen göttlichen Werken am meisten die Vernunft. Nichts Wunderbareres kann man sich als Gottestat ausdenken, als daß der wahre Gott, Gottes Sohn, wahrer Mensch würde. Und weil dies Geheimnis unter allen das wunderbarste ist, so folgt, daß alle anderen Wundertaten auf den Glauben an dieses Wunderbarste hingeordnet seien.“

Wenn man diesen Text aufmerksam liest und versucht zu verstehen, was da so ruhig und unauffällig formuliert ausgesagt ist, so beginnt man doch sehr daran zu zweifeln, ob wir diese große Wahrheit entsprechend würdigen und dem Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes, welches das wunderbarste ist, so daß alle anderen Wundertaten auf den Glauben an dieses Wunderbarste hingeordnet sind, den rechten Platz in unserem Glauben einzuräumen bereit sind. Das Weihnachtsfest ist jedes Jahr erneut ein Prüfstein für diesen unseren Glauben an die Menschwerdung, daß der wahre Gott, Gottes Sohn, wahrer Mensch wurde. Womöglich haben wir uns aber schon so sehr an dieses wunderbarste aller Wunder gewöhnt, daß es uns gar nicht mehr so geheimnisvoll erscheint und uns die Worte des hl. Thomas sogar wie eine fromme Übertreibung vorkommen. Wir müssen uns doch zumindest fragen lassen, wie wir an dies wunderbarste aller Wunder glauben können, ohne daß sich durch diesen Glauben in unserem eigenen Leben etwas ändert, ohne daß wir auch nur anfangen, neu über unser Menschenleben nachzudenken und ohne daß wir uns ernsthaft bemühen, gleich Ihm ein „göttliches“ Leben, d.i. ein Leben vollkommen geformt aus der Gnade zu beginnen? Wie oft haben wir schon Weihnachten gefeiert, ohne die Gnade spürbar in uns zu mehren? Leider sind wir Menschen nur recht selten wirklich konsequent, und diese Feststellung gilt in ganz besonderem Maße für den modernen Menschen. Für diesen modernen Menschen bedeutet der Glaube durchaus keine von Gott geschenkte, allein wahre und darum für alle Zeit festgefügte Lebensform mehr, eine Lebensform, die von Gott als Meßlatte an unser Menschenleben angelegt wird und gemäß der wir einst gerichtet werden. Nein, der Glaube ist für den modernen Menschen nicht viel mehr als ein Spiel, für das jeder selber seine Spielregeln erfinden kann – und der Gott dieses Spieles kann sodann noch froh darüber sein, daß wir modernen Menschen uns soweit herablassen, überhaupt noch mit ihm zu spielen. Wie kümmerlich ist solch ein selbstgemachter Glaube gegenüber dem wahren, gottgeschenkten katholischen Glauben und ein solch selbstgemachter Gott gegenüber dem wahren Gott der Offenbarung!

Da die Gnade jedes Weihnachtsfestes wesentlich davon abhängt, ob wir dieses Fest auch im Glauben recht erfaßt und dementsprechend unser Herz vorbereitet haben, wollen wir uns über das Weihnachtsgeheimnis im Voraus einige Gedanken machen, Gedanken, die uns womöglich stille werden und sogar noch ein wenig staunen lassen über das wunderbarste aller göttlichen Wunder.

1. Der Zauber der hl. Weihnacht

Weihnachten scheint zunächst, oberflächlich betrachtet, ein recht einfaches Fest zu sein, spricht es doch wie kein anderes Fest des Kirchenjahres unser Gemüt an. Man muß sich nur der Weihnachtsstimmung überlassen, so wähnen viele, dann wird es wie von selbst Weihnachten. Solches Denken ist jedoch in vielerlei Hinsicht falsch, weshalb es zu keiner Zeit des Jahres so viele Familiendramen gibt wie an Weihnachten, wird doch diese naive Erwartung nur allzu leicht und allzu schnell bitter enttäuscht. Wie feiert man also richtig Weihnachten? Wie begegnet man dem Zauber der hl. Weihnacht wirklich?

Von einer Ordensfrau wird uns folgendes Verhalten während der Weihnachtszeit berichtet: „Am hohen Christfest wurde sie Kind mit dem neugeborenen Gotteskinde. Menschliche Größe und Weisheit verschwinden vor ihm. Zärtlichst umfing und küßte sie das Kindlein in der Krippe. Wahrscheinlich gab es dabei kleine Unglücksfälle, denn bei Beginn des Advents 1862 sagte sie einer Ordensschwester: ‚Letztes Jahr hat man mir verboten, dem Jesulein in der Kapelle die Füße zu küssen, damit ich es nicht beschädige; das war grausam. Jetzt ist es mir einerlei; ich habe selber eins und kann es küssen, so viel ich will.‘ Am hl. Abend also brachte man ihr ein wächsernes Jesuskind, das sie bis Maria Lichtmeß im Zimmer behielt. Strahlend vor Freude liebkoste sie das Kindlein, nahm es zum Gebet auf die Knie, drückte es ans Herz, hielt mit ihm trauliche Zwiesprache; es war ihr Schatz, ihr Alles.“

Kommt uns dieses Verhalten der Ordensschwester nicht ein wenig übertrieben vor? Ja, sind wir nicht sogar geneigt, es als allzu sentimental abzutun und deswegen sogar zurückzuweisen? In unserer durch die Charismatiker geistig so verdorbenen und verworrenen Zeit würde man es wohl jedenfalls kaum wagen, jemand ein solches Verhalten zu empfehlen. Wie überrascht ist man darum, sobald man erfährt, die Ordensschwester, von der solches berichtet wird, war die hl. Magdalena Sophie Barat. Diese äußerst tatkräftige Frau, deren Ordensgemeinschaft am Ende ihres Lebens 3500 Ordensfrauen in 85 Klöstern zählte, kann man nun beileibe keiner sentimentalen Frömmigkeit zeihen, sondern man muß ganz im Gegenteil ihre große Nüchternheit und ihren außerordentlichen Sachverstand bewundern. Wie ist also so ein auffälliges Verhalten zu erklären? Nun, die Heilige bewahrte im Übermaß einer kaum vorstellbaren Arbeitslast eine wunderbar zärtliche Verehrung ihres menschgewordenen Gottes, weil ihr Glaube ganz tief und vollkommen echt und gnadenhaft lebendig war.

In ihrer Lebensbeschreibung heißt es weiter: „Immerhin zeigte sie eine Vorliebe für das Geheimnis der Menschwerdung, das Geheimnis der Erniedrigung des göttlichen Wortes. Beständig kam sie darauf zurück, fand nie genug Ausdrücke, um zu sagen, was der Gedanke an den im Schoß Mariens verborgenen Gottessohn ihr einflöße. Der Text des hl. Paulus: ‚Er hat sich selbst erniedrigt‘ (Phil 2,8); der des hl. Johannes: ‚Das Wort ist Fleisch geworden‘ (Joh 1,14) wirkten auf sie wie ein lebendiger Quell, der ihr stets neues Sehnen nach Verdemütigung zutrug. Bei Beginn des Advents gewahrte man an der Heiligen eine tiefe Sammlung. Mit den Tagen der heiligen Vorbereitung schien ihr Eifer zu wachsen. Am köstlichen Kern der feierlichen Antiphonen, die während der Woche vor Weihnachten bei der Vesper gesungen werden, nährte und labte sie ihre Andacht.“

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