Das Wunderbarste aller Wunder

Für die hl. Magdalena Sophie Barat war das Geheimnis der Erniedrigung des göttlichen Wortes …wie ein lebendiger Quell, aus dem sie tiefe Erkenntnisse über die wunderbare Erlöserliebe Gottes schöpfte und zudem ein stets neues Sehnen nach Verdemütigung. Die heilige Gründerin beginnt im Glauben, die Wirklichkeit des Wunders aller Wunder immer tiefer zu erfassen und wird von der Erniedrigung des Sohnes Gottes, „der, in Gottes Gestalt seiend, das Gott-gleich-Sein nicht für einen Raub gehalten hat, sondern sich entäußerte, Knechtsgestalt annahm und den Menschen gleich wurde“ (Phil 2,6f), persönlich zutiefst ergriffen. Sie erkennt, wie diese Erniedrigung des Sohnes Gottes die Liebe seiner Geschöpfe herausfordert. Wie sollte die hl. Magdalena Sophie Barat auf diese sich für uns derart entäußernde Liebe anders antworten als mit dem beständigen Bemühen, Gott wiederzulieben aus ganzem Herzen, mit dem ganzen Gemüte und allen Kräften der eigenen Seele? Offenbar sah ihr Herz, was andere aufgrund ihrer Herzenskälte und –härte nicht sehen konnten. Vor dem Wunder der hl. Weihnacht wurde sie selbst wieder ganz Kind, sie erfaßte nämlich vollkommen, was dieses göttliche Kind einmal lehren wird: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen“ (Matth 18,3).

Darum konnte sie vor dem göttlichen Kind begeistert ausrufen und klagen: „O, wer da erkennen möchte, wie bezaubernd, wie liebenswürdig Jesus in den Armen seiner Mutter ist! Wie sein kleines Herz schon für uns brennt! Wer würde ihn nicht lieben? Wer seinem Zauber widerstehen? Ach nein! Man kennt ihn nicht. Darum sind die Menschen so gleichgültig für einen so gütigen Gott. Wie groß ist der Herr und wie würdig allen Preises, wie klein ist der Herr und wie liebenswert! Tragen Sie, mein Kind, also zu seiner Kenntnis bei, und bald wird man ihn liebgewinnen. Bringen Sie ihn besonders jenen albernen Frömmlerinnen zur Kenntnis, die sein göttliches Erbarmen einschränken möchten.“

Mit den albernen Frömmlerinnen sind wahrscheinlich jansenistisch angehauchte Pietistinnen gemeint, die sich einbildeten, Gottes Herz sei genauso eng und eisig wie ihr eigenes. Man kennt Ihn nicht, darum liebt man Ihn auch nicht! War dies nicht ebenfalls die Klage des hl. Franz von Assisi, des Erfinders unserer Weihnachtskrippen und Krippenspiele? Auch dieser war vom Feuer der göttlichen Liebe verwundet worden, dieser Liebe, die uns sichtbar erschienen ist in einem kleinen Kind. Wie uns der bekannte Biograph des Heiligen, Thomas von Celano (1190 – 1260), in seiner ersten Lebensbeschreibung schildert (§ 84-86), ließ der hl. Franziskus mitten im Wald auf dem Gipfel des Berges in Greccio eine lebendige Krippe errichten: “Etwa vierzehn Tage vor dem Fest der Geburt des HERRN sprach Franziskus: ‚Ich möchte das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde – und ich möchte die bittere Not, die es schon als Kleinkind zu erleiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar wie möglich mit leiblichen Augen schauen…‘”

Der hl. Franziskus war noch nicht lange aus dem Heiligen Land zurückgekehrt und hatte sicher noch eine lebendige Erinnerung an die Geburtsgrotte in Bethlehem in seinem Gemüt bewahrt. Als er eines Tages von Rieti aus in das nördlich angrenzende Bergland hinaufstieg, erblickte er hoch oben einen kleinen Ort namens Greccio. Dort angelangt, sah er vor sich eine hohe Felswand, unter der sich eine stattliche Höhle befand. Bei diesem Anblick kam ihm spontan eine Idee: Man könnte doch hier den Stall von Bethlehem möglichst getreu nachbauen, und somit allen Bewohnern der ganzen Gegend die Möglichkeit geben, sich davor zu versammeln und die Geburt des Gottessohnes würdig zu feiern.
Als er dieses so bei sich überlegte, kam ein Mann namens Johannes auf ihn zu, um ihn ehrfurchtsvoll – Franziskus wurde damals bereits überall wie ein Heiliger verehrt – zum Mittagessen einzuladen. Gerne nahm dieser die Einladung an und benutzte sogleich die Gelegenheit, seinen Gastgeber zu bitten, ihm bei der Verwirklichung seines Vorhabens zu helfen: „Johannes, ich will hier in Greccio mit euch das Weihnachtsfest auf eine Weise feiern, wie man es vorher noch nicht erlebt hat. Ich möchte hier in der Höhle bei dem hohen Felsen eine Krippe errichten, in die wir eine Puppe legen wollen, Leute aus dem Dorf sollen Maria, Joseph, die Hirten, die Könige, aber auch die musizierenden Engel darstellen. Schließlich dürfen auch Ochs und Esel nicht fehlen, um die Armseligkeit der Behausung des Jesusknaben zu veranschaulichen. Über der Krippe wollen wir ein Hochamt feiern sowie aus dem Evangelium und aus den Psalmen lesen.“

In der Grotte von Greccio stand neben der Futterkrippe auch ein Altar, auf dem man die Christmette feierte. Während der hl. Messe nahm Franziskus das Kind, das in der Futterkrippe auf dem Heu lag, in seine Arme. Durch den feurigen Glauben des hl. Franziskus schien es zum Leben zu erwachen und in den Herzen der Anwesenden wiedergeboren zu werden. – Es erschien allen in dieser Nacht so, als befänden sie sich in der Geburtsgrotte von Bethlehem inmitten der Hirten. Thomas von Celano berichtet noch von einem erstaunlichen Vorfall, der sich während des Geschehens ereignet haben soll. Ein frommer Mann habe eine wunderbare Vision gehabt. „Er sah nämlich in der Krippe ein lebloses Knäblein liegen; zu diesem beugte sich der Heilige nieder und erweckte das Kind wie aus tiefem Schlaf.“ Dem fügt der Chronist deutend hinzu: „Gar nicht unzutreffend ist dieses Gesicht; denn der Jesusknabe war in den Herzen vieler vergessen. Da wurde er in ihnen durch seinen heiligen Diener Franziskus wieder erweckt.“

Wie wir sehen, wurde der hl. Franziskus mit derselben Ergriffenheit vom wunderbarsten aller Wunder erfaßt wie die hl. Magdalena Sophie Barat. Ist es nicht dieselbe Verwundung der Liebe durch den menschgewordenen Sohn Gottes, der als kleines Kind ganz arm im Stall von Bethlehem geboren werden wollte, welche beide Heilige entflammt? Wie könnte es auch anders sein, die Heiligen sind hierin alle eins, eint sie doch der hl. Glaube, die christliche Hoffnung und die göttliche Liebe. Wie aber schaut es in unseren Herzen aus? Ist das Jesuskind vielleicht auch bei uns in Vergessenheit geraten? Dann sollten wir jetzt im Advent schnell beginnen, es wieder zu neuem Leben zu erwecken.

Kehren wir nach diesen Gedanken über die Weihnacht des hl. Franziskus nochmals kurz zurück zur hl. Magdalena Sophie Barat, denn die Verehrung des göttlichen Kindes zeigte bei ihr ganz erstaunliche Tugendfrüchte. An eine Ordensschwester schreibt sie etwa: „In der Wiege des göttlichen Kindes habe ich meine Wünsche für Ihre Ordensfamilie niedergelegt. Jeden Morgen bitte ich das anbetungswürdige, so große und zugleich so kleine Herz, uns allen dafür Verständnis zu geben, daß die wahre Größe in der Niedrigkeit, in Demütigung und Leiden liegt. Dann erst können wir uns ihm nähern, der uns das Geheimnis des wahren Glückes verrät. Lehrt er uns doch, wie kostbar die Abkehr vom Geschöpflichen ist, weil sie uns den Besitz des Schöpfers erschließt. Der Heiland kam, um diese Gegenpole zu verbinden, und man begreift, daß Gott das Nichts erwählte, um daraus seine Welt zu schaffen.“