Das Wunderbarste aller Wunder

Welch erhabene Lehre! Der Sohn Gottes kommt in unsere Welt, um uns Sein göttliches Leben zu lehren und zu schenken. Dafür ist aber die Abkehr vom Geschöpflichen notwendig, weil sie uns den Besitz des Schöpfers erschließt. Erst wenn wir unser eigenes Nichts erkennen und uns als Sünder bekennen, kann Er daraus Seine neue Welt der Gnade schaffen. Die hl. Magdalena Sophie Barat lehrte dies nicht nur, sie lebte es auch ihren Mitschwestern vor: „In der Weihnachtszeit erforschte sich die Heilige gern über die Übung der klösterlichen Armut und schaffte aus ihrer Umgebung alles Entbehrliche fort. – 1844 lag sie krank zu Aix in der Provence. Sie verlangte eine ganz enge Zelle und duldete beim Speisen nur das älteste Geschirr. Es war eben Dezember, und dem Herzen nach lebte sie ganz in Nazareth, wo alles Losschälung predigt, wo der Eigenliebe, dem Hochmut und kleinen menschlichen Anhänglichkeiten der Abschied gegeben wird. Sie wiederholte: ‚Mir ist es unverständlich, daß beim Anblick der Krippe eine Ordensfrau sich mit Nichtigkeiten, mit kleinlichen Ansprüchen der Eigenliebe abgeben kann. Gott, die ewige Weisheit, das Wort des himmlischen Vaters, verurteilt sich zum Schweigen und unterbricht dieses nur durch kindliches Klagen; Gott unterwirft sich zwei Geschöpfen, die allerdings vollkommen, aber doch seine Geschöpfe sind … o, wie muß der Hochmut hier zunichte werden!‘“

Und einer Ordensfrau schrieb sie: „Vom göttlichen Kinde werde ich für Sie völlige Entäußerung alles Geschöpflichen erflehen. Jesus allein gebührt Ehre und Ruhm, uns Mühe und Demütigung. Närrisch und blind sind wir, wenn die Krippe uns nicht diese Auffassung, dieses Leben beibringt; dann sollten wir in die Welt zurückkehren, wo die Narren nach ihrem Geschmack leben können.“

2. Die Wahrheit über das Kind in der Krippe

Wie viele Menschen sind heutzutage geistig erblindet? Wie viele sind durch ihre Gottlosigkeit närrisch geworden? Wir leben zweifelsohne in der Zeit des großen Abfalls vom christlichen Glauben. Die christlichen Wahrheiten haben in unserer Gesellschaft inzwischen vollkommen ihre prägende Bedeutung verloren. Das Neuheidentum hat die Institutionen bis in die Spitzen hinein erobert und alles entheiligt. Im alltäglichen Leben der allermeisten Menschen kommt Gott nicht mehr vor, kein einziger Gedanke findet mehr den Weg zu Ihm. Was bedeutet da das hl. Weihnachtsfest noch für diese Menschen? Wobei man hier nicht einmal nur an die Weltmenschen denken muß, gilt dasselbe doch genauso von den sog. Taufscheinkatholiken – und sind das inzwischen nicht fast schon alle? Doch werden wir noch etwas persönlicher: Was bedeutet uns Weihnachten? Was bedeutet die Menschwerdung des Sohnes Gottes für mich? Ist Weihnachten für mich womöglich nur noch ein sentimental wohliges Gefühl – mit ein wenig Glauben kaschiert? Versuchen wir einmal, dem Weihnachtsfest theologisch auf den Grund zu gehen.

Das Evangelium der dritten Weihnachtsmesse, gefeiert am Tage, mit der Stationskirche in Groß St. Marien, ist der Anfang des Hl. Evangeliums nach Johannes. Der „Adler“ unter den Evangelisten blickt aus erhabener, göttlicher Distanz herab auf das Geschehen in unserer Menschenwelt. Aus göttlicher Höhe fixiert er jenen Ort in unserer Welt, an dem sich das Wunder Gottes vollzieht: die Menschwerdung des WORTES GOTTES. Dieses wunderbarste aller Wunder erklärt uns Johannes, der Theologe, der Gottesgelehrte, in unnachahmlich schönen, einfachen, tiefen Worten. Satz für Satz nähert er sich jenem Wunder der Heiligen Nacht, um es sodann in jenem einem Satz auszuworten: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

Wir wollen uns anhand einer Frage des hl. Thomas von Aquin, die er in seiner Summe der Theologie (III. Teil, 3. Frage, 8. Artikel) stellt, dem hl. Weihnachtsevangelium nach Johannes nähern. Thomas fragt: Entspricht die Menschwerdung mehr dem Sohne als dem Vater und dem Hl. Geist? Es geht also darum abzuwägen, warum die zweite göttliche Person Mensch wurde und nicht etwa die erste oder dritte? Welche Gründe lassen sich dafür anführen? Wobei der hl. Thomas in diesem Zusammenhang nur von Angemessenheitsgründen spricht, denn im letzten bleibt der göttliche Ratschluß auch nach seiner Offenbarung ein Geheimnis.

Der hl. Thomas erklärt nun erstens: „Die Menschwerdung des Sohnes war im höchsten Maße sinnvoll. Man betrachte zunächst die Vereinigung selbst. Es ist sinnvoll, ähnliche Dinge miteinander zu verknüpfen. Nun bemerken wir, daß die Person des Sohnes, das WORT Gottes, in bestimmter Hinsicht in einem Ähnlichkeitsverhältnis zur gesamten Schöpfung steht. Denn das ‚Wort‘ des Künstlers, sein Gedanke, ist das Vorbild dessen, was er schafft; mithin ist Gottes ‚WORT‘, Seine ewige Idee das [bestimmende] Urbild der ganzen Schöpfung. Je nach ihrem Anteil an diesem Urbild sind die Geschöpfe unbeschadet ihrer Wandelbarkeit in besondere Arten eingeordnet. Dementsprechend war es sinnvoll, die Geschöpfe nicht durch bloße Anteilnahme am WORTE, sondern durch die Vereinigung mit Ihm in der Person in ihrer Ordnung wiederherzustellen, um sie ihrer ewigen, wandellosen Vollendung zuzuführen. Denn auch der Künstler stellt ein zerbrochenes Kunstwerk nach derselben Idee wieder her, nach der er es schuf.“

Dem Menschengeschlecht ist sein eigenes Urbild durch die Sünde verloren gegangen, das göttliche Kunstwerk ist schuldhafterweise zerbrochen. Der moderne Mensch ist kaum noch fähig, die Tragik dieses Geschehens zu ermessen und sie als geoffenbarte Wahrheit ernst zu nehmen. Wir dagegen wissen aus der Offenbarung: durch die Erbsünde ist nicht so sehr das natürliche Urbild zerstört worden, wenn auch die Natur des Menschen durch die Sünde großen Schaden erlitt, sondern vor allem das inwendige, gnadenhafte, ihn Gott verähnlichende Urbild seiner Seele wurde durch den Verlust der heiligmachenden Gnade zerstört. Durch die Erlösung soll dieses zerstörte inwendige Urbild in wunderbarer Weise wiederhergestellt werden. Wie könnte aber diese Wiederherstellung angemessener und besser geschehen, als durch die Menschwerdung des ewigen Wortes, jenes Wortes, von dem der hl. Johannes schreibt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ In diesem Satz-Dreiklang erklärt uns der hl. Evangelist, daß im Geheimnis Gottes im Anfang ewig ein Wort war, nämlich der ewige Sohn des Vaters. Dieses „WORT“, Seine ewige Idee ist das [bestimmende] Urbild der ganzen Schöpfung. Oder wie der hl. Evangelist Johannes in seinem Prolog sich ausdrückt: „Durch das Wort ist alles geworden; und nichts, was geworden, ward ohne das Wort.“ Das ganze Universum, dieses göttliche Wort, das sich in Raum und Zeit ausdehnt, ist ein Echo jenes unerschaffenen Wortes, das im Anfang bei Gott war. Die ganze sichtbare und unsichtbare Welt ist Gottes Geheimnis, das ER im „Hymnus der sechs Tage“, wie Augustinus es nennt, ausgesprochen hat. Dabei ist die Erschaffung des Menschen der alles zusammenfassende Schlußstein der ganzen Schöpfungswirklichkeit. Wenn nun dieses göttliche WORT, in dem alles geschöpfliche Sein, also auch der begnadete Mensch, geworden ist, selbst wahrer Mensch wird, dann ist in IHM die menschliche Natur wiedervereinigt mit der göttlichen Natur, d.h. in IHM wird sie in ihrer ursprünglichen Reinheit und Heiligkeit wiederhergestellt, ja sie wird in IHM sogar noch wunderbarer erneuert, als sie vor der Erbsünde war, wie wir in jeder hl. Messe bei der Vermischung von Wein und Wasser beten. Wenn wir also in der hl. Nacht vor der Krippe knien und das göttliche Kind betrachten, dann sollen wir in diesem göttlichen Kind unser eigenes gnadenhaftes Urbild wiederentdecken, um dieses sodann im durch die Liebe geformten Glauben an IHN wiederherzustellen. Deshalb schreibt der hl. Paulus im zweiten Korintherbrief: „Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17).

Dieser Gedanke wird vom hl. Thomas noch ausgefaltet: „Überdies liegt in der Menschwerdung eine eigentümlich sinnvolle Beziehung zur menschlichen Natur. Denn das ‚WORT‘, in dem der Vater Seine ewige Weisheit ausspricht, ist die Quelle, von der alle Weisheit des Menschen ausströmt. Als geistiges Wesen findet der Mensch in der Weisheit seine eigentliche Vollendung, und deshalb wird er in dem Maße in der Weisheit fortschreiten, als er am WORTE Gottes Anteil hat.“