Das Wunderbarste aller Wunder

Die Erbsünde beeinträchtigt sowohl die Erkenntnisfähigkeit des Menschen als auch seinen Willen. Der erbsündliche Mensch ist darum in der ständigen Gefahr, die sichtbare, materielle Welt absolut zu setzen. Sein geistiges Auge ist erblindet. Wobei dem heutigen Menschen nicht nur das Reich des Geistes vollkommen fremd geworden ist, sondern noch viel mehr das Reich der Gnade. Wie soll dieser heillose Zustand wieder geheilt werden? Der hl. Evangelist Johannes schreibt: „In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ Wir werden durch das „WORT“, in dem der Vater Seine ewige Weisheit ausspricht, erleuchtet und finden in IHM das Leben der Gnade wieder. ER ist die Quelle, von der alle Weisheit des Menschen ausströmt. Man kann es kaum fassen, in der Heiligen Nacht wird dieses Wort allen sichtbar, oder soll man sagen hörbar – und damit jedem von uns leicht zugänglich. In IHM wird uns die ganze Wirklichkeit, sichtbare und unsichtbare, Erde und Himmel unmittelbar zu Gesicht gebracht, ja in IHM, auf Seinem Antlitz, leuchtet uns die göttliche Unendlichkeit entgegen. Wenn wir nur recht hinschauen, führt uns der Glaube an das in der Krippe sich offenbarende WORT unmittelbar hinein in das unergründliche Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, wie wir beim Evangelisten Johannes lesen: „Philippus sagte zu ihm: ‚Herr, zeige uns den Vater! Das genügt uns.‘ Jesus erwiderte ihm: ‚Solange schon bin ich bei euch, und du kennst mich noch nicht, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du nur sagen: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?‘“ (Joh 14,8ff). Eigentlich sollte es uns unheimlich werden, ja wir sollten zutiefst erschrecken, wenn wir dem göttlichen Kind in die Augen schauen!

Als zweiten Angemessenheitsgrund für die Menschwerdung der zweiten göttlichen Person führt der hl. Thomas folgendes an: „Ein weiterer Grund für die Angemessenheit der Menschwerdung des Sohnes läßt sich aus dem Zweck der Vereinigung herleiten. Durch sie sollte die Vorherbestimmung derer erfüllt werden, die für das himmlische Erbe ausersehen sind. Nur die Söhne haben einen Anspruch darauf, nach dem Wort des hl. Paulus: ‚Wenn Söhne, dann auch Erben‘ (Röm 8,17). Darum war es angemessen, daß die Menschen durch den, der [Gottes] Sohn von Natur ist, an der Ähnlichkeit dieser Seiner Sohnschaft durch Annahme an Kindes Statt Anteil erhielten. ‚Denn die Er vorher erkannt, hat Er auch vorherbestimmt, dem Bilde Seines Sohnes gleichförmig zu werden‘ (Röm 8,29).“

Aus Kindern des Zornes sollen durch den göttlichen Erlöser wieder Kinder Gottes werden, Söhne und Erben. Der Sohn Gottes steigt deswegen – wegen uns Menschen und unserem Heil, wie wir im Credo der hl. Messe beten – vom Himmel hernieder und nimmt unsere menschliche Natur an, denn nur als Gott-Mensch ist er ewiger Hoherpriester und Erlöser des Menschengeschlechtes. Wahrer Mensch geworden, läßt ER auch uns an der Ähnlichkeit Seiner Sohnschaft teilnehmen, indem er uns in der Erlösungsgnade erneut an Kindes statt annimmt. Während ER von Natur aus der Sohn Gottes ist, sollen wir durch gnadenhafte Adoption Kinder Gottes werden. Damit dieses Wunder der Gnade in unserer Seele Wirklichkeit werden kann, müssen wir IHN jedoch im Glauben aufnehmen, wie es wiederum im Evangelium der dritten Weihnachtsmesse heißt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“

Lassen wir uns nun vom hl. Thomas gedanklich nochmals einen Schritt weiterführen in unserem Wissen über den tieferen Sinn der hl. Weihnacht: „Der dritte Grund für diese Angemessenheit liegt in der Sünde unseres Stammvaters, der durch die Menschwerdung Heilung wird. Denn der erste Mensch hat gesündigt, weil er nach Erkenntnis verlangte. Das geht aus den Worten der Schlange hervor, die ihm Erkenntnis des Guten und Bösen versprach (Gen 3,5). Darum sollte das ‚WORT‘, die wahre Weisheit, den Menschen zu Gott zurückführen, der durch ungeordnetes Verlangen nach Wissen von Gott abgefallen war.“

Durch die Sünde wird die Erkenntnisfähigkeit des Menschen nicht nur getrübt, seine Erkenntnis wird zudem fehlgeleitet. Der Teufel hat dem Menschen eine Erkenntnis als erstrebenswert vorgegaukelt, die es in Wirklichkeit gar nicht war. Der Mensch meinte fälschlicher Weise, durch die Erkenntnis von Gut und Böse würde er Gott gleich werden. Das war ein fataler Irrtum, der ihn in tiefstes Elend stürzte. Seit der Erbsünde beherrscht uns Menschen dieses Verlangen nach falscher Erkenntnis. Heute gilt das sicher mehr denn je, man muß nur den Wissensbetrieb an Schule und Universität einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Eigentlich sollte dieser verkehrte Erkenntnisdrang durch den Glauben an das WORT diszipliniert werden, wie es beim hl. Johannes heißt: „Das war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt… Allein die Welt hat Ihn nicht erkannt.“ Die meisten Menschen wollen sich nicht von ihrer fehlgeleiteten Erkenntnis, durch welche sie letztlich nur ihre Sünden entschuldigen wollen, trennen. Diejenigen aber, die sich vom göttlichen WORT belehren lassen, werden von diesem zur wahren Gotteserkenntnis zurückgeführt. Darum schreibt der vollkommen christusbegeisterte hl. Paulus: „Ja, in der Tat, ich erachte alles als Verlust angesichts der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich das alles aufgegeben habe und es geradezu für Kehricht halte, damit ich Christus gewinne“ (Phil 3,8). Oder mit den Worten des hl. Johannes ausgedrückt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14).

Diese Worte beschreiben vollkommen den weihnachtlichen Menschen. Dieser hat die Herrlichkeit des ewigen WORTES gesehen, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater. Wie aber könnte jemand diese Herrlichkeit sehen, ohne dadurch umgestaltet zu werden, wie der hl. Paulus im zweiten Korintherbrief schreibt: „Wir alle aber, die wir mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn schauen, werden durch den Herrn des Geistes zu dem gleichen Bild umgestaltet, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2Kor 3,18).

3. „Singet dem Herrn ein neues Lied; denn Wunderbares hat Er getan.“

Weihnachten muß man leben. Die hl. Liturgie drückt dies in den Worten der Überschrift aus, welche aus dem Introitus der dritten Weihnachtsmesse stammen. Wer das vom Himmel herabgestiegene ewige Wort des Vaters gehört und verstanden hat, wer also an den menschgewordenen Sohn Gottes wahrhaft glaubt, der beginnt ein neues Lied zu singen, weil ihm, verwandelt durch die heiligmachende Gnade, ein neues Leben geschenkt worden ist. Die hl. Magdalena Sophie Barat schreibt: „Alle Liebes- und Erlösungstaten sind dem heiligsten Herzen Jesu entsprungen. Seit dem Augenblick, wo die zweite göttliche Person sich mit der menschlichen Natur vereinigte, hat ihr heiligstes Herz uns alle seine Schläge geschenkt, dem himmlischen Vater sich angeboten, für uns zu sühnen, uns zu erlösen … Zu sühnen, das heißt, die in der Sünde angegriffene Ehre des Vaters wiederherzustellen und im gleichen Opfer die Menschen zu erlösen.“

Die Verwandlung des Menschen fordert das Opfer. Schon in der Krippe beginnt das heiligste Herz Jesu sein Erlösungswerk. Viel zu wenig denken wir an diese Opferweihnacht. Dabei würde gerade sie uns helfen, das wahre Weihnachtsfest zu finden. Denn vor allem im Opfer bietet sich uns die Möglichkeit, auf die Liebe des göttlichen Kindes zu antworten, wobei die Möglichkeiten dieser Opferliebe unerschöpflich sind, ist diese Liebe doch keine menschliche, sondern eine göttliche Tugend. Im Buche des Propheten Isaias findet sich die Verheißung: „Ich werde dir die verborgenen Schätze und das Geheimnis der Geheimnisse offenbaren“ (Is 45,3). Außerdem sind dort diese wunderbaren Worte niedergeschrieben: „Ein neuer Name wird dir gegeben, der aus dem Munde des Vaters hervorgeht, du wirst heißen: Mein Wille. Denn der Herr erfreut sich an dir… Wie der Bräutigam sich an der Braut erfreut, so bist du die Freude deines Gottes“ (Is 62).

Es stockt einem der Atem, wenn man diese Worte liest und sie ernst nimmt. In ihnen leuchtet das Weihnachtsgeheimnis ganz groß auf und die selige Verheißung für alle Menschen guten Willens. Die hl. Magdalena Sophie Barat erklärt hierzu: „Die Gegenliebe soll der Liebe entsprechen. Ist das göttliche Herz der Glutherd, von dem die Geheimnisse der Krippe, des Kreuzes, des Altars, der Seligmachung ausgehen, so sollen wir uns mit diesen Geheimnissen vereinen, aus Liebe in tätiger Liebe leben. Hat die Liebe Jesus zu allen Opfern gedrängt, so haben wir seinen Opfern die unsrigen anzuschließen. Ist das Herz Jesu in seinem Opferleben das Vorbild aller Tugenden, besonders der Demut gewesen, so sollen wir diese Tugenden, vor allem die Demut in uns weiterüben.“

Es bleibt zu hoffen, diese Gedanken mögen Ihnen ein wenig helfen, sich in diesen letzten Adventstagen würdig auf das kommende Fest vorzubereiten, damit sich erfüllt, was wir im Introitus des ersten Adventssonntags gebetet haben: „Denn all die vielen, die auf Dich warten, werden nicht enttäuscht.“