Jerusalem oder Babylon

von antimodernist2014

1. In Unserem Herrn Jesus Christus, dem Gottmenschen, haben sich Gottheit und Menschheit in einzigartiger und erhabener Weise zu einer untrennbaren Einheit verbunden. Zwar existieren in Ihm nach wie vor beide Naturen, die göttliche und die menschliche, ganz, unversehrt und unvermischt, und doch in so enger Weise vereint, daß die Gottheit die Menschheit gewissermaßen ganz durchdringt. Denn beide Naturen gehören derselben Person an, nämlich der zweiten Person der heiligsten Dreifaltigkeit, dem Sohn Gottes. Wir nennen das die „hypostatische Union“.

Dies hat zur Folge, daß auch die Menschheit Unseres Herrn Jesus Christus ganz und gar vergöttlicht und anbetungswürdig ist. Sogar Seinem Leib und dessen einzelnen Teilen und Organen schulden wir göttliche Verehrung. So beten wir das heiligste Herz Jesu an, Seine heiligen fünf Wunden oder Sein heiligstes Antlitz. Die Hirten vom Felde, die drei Weisen aus dem Morgenland, Maria und Joseph, sie alle beteten das Kind in der Krippe an, denn dieses Kind war Gott.

Daher hat auch die allerseligste Jungfrau nicht nur einfach ein Kind geboren, sondern den kindgewordenen Gott. Sie ist Gottesgebärerin, wie das Konzil zu Ephesus festgestellt hat. Das ist der Grund all ihrer Vorzüge und Privilegien, der Unbefleckten Empfängnis, ihrer Gnadenfülle, ihrer besonderen Stellung im Heilswerk als Miterlöserin und Gnadenmittlerin bis hin zu ihrer Aufnahme in den Himmel mit Leib und Seele. Unter allen Heiligen nimmt sie eine absolute Sonderstellung ein, sie steht über allen, und ihr gebührt ein besonderer Kult, die Hochverehrung.

Unser Herr Jesus Christus hat Sich gewürdigt, nicht nur eine menschliche Natur anzunehmen, die Er sich gewissermaßen als Braut antraute, sondern auch eine Art Erweiterung oder Fortsetzung davon, welche wir die heilige Kirche nennen. Die heilige, katholische Kirche ist die makellose Braut Christi, sie ist in gewisser Weise die fortgesetzte Menschwerdung oder Inkarnation Gottes. Sie ist wesentlich göttlich und menschlich, und beide Elemente sind in ihr ebenfalls untrennbar zu einer einzigartigen Einheit verbunden.

2. Der große Dogmatiker Matthias Joseph Scheeben schreibt in einem Aufsatz mit dem Titel „Die theologische und praktische Bedeutung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes, besonders in seiner Beziehung auf die heutige Zeit“ von einem dreifachen „Gnadenthron“, auf welchem sich die göttliche Weisheit, der Sohn Gottes, in Seiner Kirche niedergelassen hat. „Die Weisheit, die aus dem Munde des Allerhöchsten vor aller Kreatur hervorgegangen ist und mit ihrer Macht und Herrlichkeit die ganze Welt erfüllt, sucht auf Erden einen Ruheplatz, und der Vater spricht zu ihr: ‚In Jacob wohne, und in Israel nimm dein Erbteil, und in meinen Auserwählten schlage deine Wurzel‘. So hat sie dann ‚inmitten des bevorzugten Volkes, des Erbteils Gottes, in der Versammlung der Heiligen sich niedergelassen, indem sie in der heiligen Wohnung auf Sion sich festsetzte und in Jerusalem ihre Macht entfaltete‘, und von dieser Stätte aus, als ein edler Baum, mit ihren Blüten, ihren Früchten und ihrem Dufte alles um sich her erfreute, erquickte und belebte, was der heilige Schriftsteller in einer Menge der reizendsten Bilder weiter ausführt. Von hier aus lädt sie dann auch die Menschen ein, nach ihr zu begehren und mit ihren himmlischen Früchten sich zu nähren, und sagt zu ihnen: ‚Wer mich ißt, wird noch hungern, und wer mich trinkt, wird noch dürsten; wer auf mich hört, wird nicht zu Schanden werden, und wer in mir seine Werke tut, wird nicht sündigen; wer mich verherrlicht, wird das ewige Leben haben.‘ ‚Das Alles‘, fügt der heilige Schriftsteller hinzu, ‚ist das Buch des Lebens, das Testament des Allerhöchsten, und die Erkenntnis der Wahrheit.’“

Scheeben fährt fort: „Alles dieses gilt aber in viel höherer Weise von der Wohnung der ewigen Weisheit im Israel des neuen Bundes, in der Kirche, in welcher die Weisheit durch die Annahme des Fleisches persönlich sich niedergelassen. Auch dieses geistige Israel hat zum Mittelpunkte eine Stadt Gottes, einen heiligen Berg und einen heiligen Tempel, in welchem die ewige Weisheit ihre dauernde Wohnung aufgeschlagen, und von wo aus, als von ihrem Throne, sie ihre Macht und Herrlichkeit offenbart und die Auserwählten zu sich einlädt, auf welchem und in welchem sie dauernd Wurzel in der Gemeinschaft der Heiligen schlägt und sich festsetzt. Als ein solcher Thron der ewigen Weisheit ist naturgemäß zu betrachten vor allem die heilige Eucharistie, in welcher die Weisheit substantiell mit ihrer Fülle von Gnade und Wahrheit unter uns wohnt; sodann an zweiter Stelle die heilige Jungfrau, durch welche sie mit ihrer Gnadenfülle in die Kirche eingetreten ist, und in deren Schoß sie zuerst Wurzel geschlagen hat; endlich an dritter Stelle der Stuhl der Wahrheit, von welchem herab sie ihr Licht in die Kirche leuchten läßt; und in der Tat werden von alters her die Äußerungen des Propheten in dieser dreifachen Richtung angewandt. Wie daher beim alten Israel der heilige Stolz des auserwählten Volkes sich auf Sion konzentrierte, auf die daselbst ruhende Bundeslade mit dem Manna und den Gesetzestafeln, und wie seine Frömmigkeit in der Pietät gegen dieses dreifache Heiligtum ihren spezifischen Ausdruck fand: so konzentriert sich im neuen Israel der heilige Stolz des auserwählten Volkes, das Bewußtsein seiner Gemeinschaft und Verbindung mit der ewigen Weisheit auf Maria als die lebendige Stadt Gottes und die geistliche Bundeslade, auf welcher für uns das wahre Manna und die Sonne der Gerechtigkeit selbst aufgegangen; auf die Eucharistie, in der die ewige Weisheit als Brot des Lebens wesenhaft wohnt, und auf den Lehrstuhl der Wahrheit, den Christus inmitten seiner Kirche aufgerichtet hat; und die spezifisch kirchliche, die katholische Frömmigkeit mit ihrer übernatürlichen, zarten und lieblichen Gottinnigkeit charakterisiert sich zu allermeist durch die Pietät, welche sie der ewigen Weisheit auf diesem dreifachen von ihrer Majestät erfüllten Throne darbringt. Der begeisterte Anschluß an diesen dreifachen Thron Christi ist zu allen Zeiten der Höhenmesser des katholischen Lebens gewesen und wurde stets als der unzweideutige Ausdruck echt kirchlicher und katholischer Gesinnung betrachtet, weil er nichts anderes ist als der Anschluß an den in seiner Kirche gegenwärtigen und lebendig, objektiv mit ihr verbundenen Christus.“

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