Jerusalem oder Babylon

Das gilt freilich auch umgekehrt. „Wir sagen also: Wie die wahre katholisch-kirchliche Pietät in der erhabenen Auffassung und der entsprechenden gläubigen Verehrung des dreifachen Gnadenthrones Christi, in der Eucharistie, in der heiligen Jungfrau und im Heiligen Stuhle, vorzugsweise sich kundgibt; so hat die antikirchliche, die Kirche zerreißende und erniedrigende Richtung in der abendländischen Häresie, die im Gegensatze zur morgenländischen durch freiere, lebendigere und praktischere Bewegung und darum auch mehr durch auflösende und zersetzende Tendenzen sich auszeichnet, sowohl in ihrem offenen Kampf außerhalb der Kirche, als in ihrem schlangenartigen Auftreten innerhalb der Kirche stets durch die gemeinschaftliche Anfeindung dieses dreifachen Gnadenthrones sich bemerklich macht. Beide Tatsachen aber haben darin ihren tiefsten Grund, daß die Eucharistie, Maria und der Heilige Stuhl die vorzüglichsten Bindeglieder sind, durch welche die Kirche als die wahre und volle, feste und lebendige Gemeinschaft mit Christus hergestellt, erhalten und dargestellt wird.“

3. In diesem dreifachen „Gnadenthron“ also manifestiert sich die enge, unauflösliche Verbindung zwischen Christus und Seiner Kirche, weshalb auch die Kirche notwendig und wesentlich heilig sein muß. Scheeben schreibt dazu: „Die Heiligkeit der Kirche als der durch den Heiligen Geist befruchteten und erleuchteten Braut Christi hat eine doppelte Seite. Nach der einen Seite hin besteht sie in der unentweihten übernatürlichen Fruchtbarkeit ihres Schoßes, durch welche die Kirche vermitteltst der Sakramente die sündhaften Menschen zu heiligen Kindern Gottes wiedergebiert und das in ihnen erzeugte göttliche Leben nährt, fördert, heilt und entwickelt; nach der anderen Seite hin liegt sie in der unentweihten Reinheit ihres mit dem Honig himmlischer Weisheit erfüllten Mundes, durch welche sie den Kindern Gottes die heilige Lehre ihres himmlischen Vaters verkündet und sie vermittelst derselben zu einem gottähnlichen heiligen Leben erzieht – die Heiligkeit des Lebens und der Werke der Kinder der Kirche ist nur die Frucht und das Zeugnis dieser doppelten Heiligkeit ihres Schoßes und ihres Mundes. Nach der zweiten Seite hin ist die Heiligkeit der Kirche identisch mit ihrer Unfehlbarkeit, wofern jedoch die letztere in lebensvoller Beziehung gedacht wird zum Lichte des Heiligen Geistes, aus der sie entspringt, und zu dem heiligen Leben in und aus dem Lichte der göttlichen Wahrheit, welches sie leiten und regeln soll.“

Er führt aus: „Wie nun die Heiligkeit der Kirche nach der ersten Seite hin am vollkommensten sich darin ausspricht, daß sie in der Eucharistie Christus selbst in geheimnisvoller Weise wiedergebären und den Kindern Gottes als Nahrung und Wurzel ihres übernatürlichen Lebens ins Herz legen kann: so kulminiert sie nach der anderen Seite hin darin, daß das sichtbare Oberhaupt der Kirche, durch dessen Mund Christus selbst seine Kinder leitet und weidet, nur eine durchaus reine, gesunde und heilige Lehre verkünden kann und durch seine unantastbare Autorität in Stand gesetzt ist, alle unreinen, ungesunden und unheiligen Lehren von ihnen zu entfernen und fern zu halten. Ja, die Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche ist nicht bloß die Krone ihrer Heiligkeit; ohne dieselbe kann man kaum von der Heiligkeit der lebendigen Kirche sprechen. Wo sollen wir auch in der Kirche ihre unbefleckte und unbefleckbare Heiligkeit suchen, wie noch die Kirche in ihrem lebendigen Organismus als heilig denken, wenn ihr Haupt, der wesentliche Teil dieses Organismus, von dem alle Teile desselben abhängen und in Bewegung gesetzt werden, nicht heilig ist, in dem Sinne nämlich, daß von ihm kein Einfluß ausgehen kann, der das innere Leben des ganzen Körpers durch Verkündung unheiliger Grundsätze im Prinzip vergiften und verpesten würde? Wo hätte ferner die Kirche im ganzen Bereiche ihres Organismus den unentweihten heiligen Mund, aus welchem ihre Kinder die heilige Lehre des Heils und des Lebens mit aller Sicherheit empfangen, und durch welchen alle unheiligen Irrtümer, als ihrem Geiste fremd abgewiesen und ausgeschieden werden könnten, wenn es nicht der Mund ihres sichtbaren Oberhauptes ist?“

Wohlgemerkt, der „Fürst der Neuscholastik“ betont hier, „daß das sichtbare Oberhaupt der Kirche … nur eine durchaus reine, gesunde und heilige Lehre verkünden kann (!)“, daß „von ihm kein Einfluß ausgehen kann (!), der das innere Leben des ganzen Körpers durch Verkündung unheiliger Grundsätze im Prinzip vergiften und verpesten würde“! Das wäre unvereinbar mit der Unfehlbarkeit und Heiligkeit der Kirche, es „kann“ nicht sein! Die „Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche“ ist nicht irgendeine Eigenschaft, die der Papst nach Belieben an- oder abstellen kann, die er bei Bedarf zuschaltet wie einen „Turbo“, aber ebensogut abgeschaltet lassen kann. Sie gehört wesentlich zum päpstlichen Amt und seinen Äußerungen. Sie ist so wenig von ihm trennbar wie die Menschheit Christi von Seiner Gottheit. Die Auffassung, der Papst könne manchmal unfehlbar sein und manchmal nicht, löscht seine Unfehlbarkeit insgesamt aus, so wie die Häresie, daß in Jesus Christus Gottheit und Menschheit nicht wesentlich und untrennbar in der göttlichen Person des Logos geeinigt sind, den Gottmenschen auslöscht. Natürlich ist der Unterschied, daß der Papst eine rein menschliche Person ist und bleibt und daher nicht persönlich als Mensch unfehlbar ist, sondern nur insofern er sein höchstes Lehramt „ex cathedra“ ausübt, was beispielsweise bei einem ökumenischen Konzil jedoch fraglos der Fall ist. Die Meinung jedenfalls, die „konziliaren Päpste“ seien zwar wahre Päpste, würden jedoch – z.B. bei Heiligsprechungen – nicht mehr oder nicht immer unfehlbar handeln, weil sie an ihre Unfehlbarkeit nicht glaubten, scheint unhaltbar zu sein.

4. Scheeben: „Die unversöhnlichen Gegner der päpstlichen Unfehlbarkeit halten freilich mit den Jansenisten die Kirche selbst dann noch für heilig, wenn ihr Haupt ein Jahrtausend lang ‚ein entstellender, krankhafter, atembeklemmter Auswuchs am Organismus der Kirche gewesen‘ (Janus S. IX.) und durch seinen Mund Jahrhunderte lang gottwidrige Irrtümer gepredigt habe, und wenn, wie jetzt, das Haupt mit dem gesamten Lehrkörper einen fundamentalen Irrtum mit äußerster Energie aufrecht halten soll. Kann man eine Kirche, bei der eine so tiefgreifende und allgemeine Entweihung möglich ist, noch heilig nennen?“ An dieser Stelle müssen wir an die „Traditionalisten“ unserer Tage denken, welche immer noch die „konziliare Kirche“ für die heilige katholische Kirche halten, wie unlängst erst wieder der „Pius-Generalobere“, welcher bei einer Weihehandlung im argentinischen La Reja sagte: „Die offizielle Kirche ist jene, die sichtbar ist, das ist die katholische Kirche…“ Auf der anderen Seite aber sprechen sie von „der inneren Zerrissenheit und Treulosigkeit der Kirche (!) gegenüber Christus“, beklagen, daß „Verwirrung, Apostasie und Tatenlosigkeit beinahe die ganze Kirche (!) erfasst haben“ und „in Rom unsägliche Häresien hoffähig werden“, ja daß die Kirche „vom liberalen Geist durchdrungen, entstellt und fast unkenntlich geworden“ sei. Einer von ihnen wetterte gar gegen ein „durch und durch verdorbenes Rom, ein Rom der totalen Ökumene, ein Rom der entdogmatisierten Barmherzigkeit, ein Rom der protestantischen Mahlmesse, ein Rom der Unterhöhlung des Papsttums“, und nannte dieses Rom „für unseren Glauben von größter Gefährlichkeit“. Wie berechtigt wäre da die Frage: „Kann man eine Kirche, bei der eine so tiefgreifende und allgemeine Entweihung möglich ist, noch heilig nennen?“