Jerusalem oder Babylon

Scheeben kennt natürlich auch die Einwände, die stets stereotyp erhoben werden. „Um zu zeigen, daß der Papst nicht das heilige Fundament der Kirche sein könne, weist man hin auf die Fehler und Sünden und auf das zuweilen in der Tat keineswegs heilige Leben einzelner Päpste. Allein das beweist wiederum nur, daß die Päpste nicht durch ihr persönliches Leben und Tun das Fundament der Heiligkeit der Kirche sind; dieses ist aber auch so wenig notwendig, als die Heiligkeit der Kirche als solche in der persönlichen Heiligkeit aller ihrer Glieder besteht. Vielmehr ist die Heiligkeit der Lehre der Päpste gerade deshalb um so notwendiger für die Heiligkeit der Kirche, weil das Leben der Päpste nicht immer das heiligste ist. Denn so lange das böse Beispiel oder unheilvolle Schritte durch die eigene Lehre der Päpste gerichtet werden, können sie der Kirche nicht wesentlich schaden; so lange ist die lokale Krankheit des Hauptes keine Krankheit zum Tode für den ganzen Körper; so lange gilt das Wort: ‚Was sie euch sagen, das tut, aber nach ihren Werken tut nicht‘; sobald aber auch die authentische Lehre des Heiligen Stuhles gefälscht werden könnte, würde die Heiligkeit der Kirche im Prinzip gefährdet, würde die Krankheit derselben unheilbar, und müßte der andere Spruch des Heilandes Platz greifen: ‚Wenn das Auge verdunkelt ist, wird der ganze Körper finster sein.’“

Noch einen weiteren Zusammenhang deckt Scheeben auf: „Übrigens vergesse man nicht, daß, wenn schon die Heiligkeit der Lehre bei den Päpsten nicht ihre persönliche Heiligkeit einschließt, so doch die unfehlbare Lehrautorität des Heiligen Stuhles als die fruchtbare Mutter all der Heiligkeit des Lebens erscheint, welche sich wirklich in der Kirche kund gibt, und daß gerade die schönsten und edelsten Blüten der Heiligkeit in ihrem Lichte entspringen, gedeihen und glänzen. Der demütige Gehorsam und die unerschütterliche Festigkeit des Glaubens, diese beiden Wurzeln der wahren Heiligkeit, entspringen und betätigen sich bei den Heiligen vorzugsweise in der Unterwerfung und dem Vertrauen gegen die Lehrautorität des Heiligen Stuhles; seine Lehre vor allem bewahrt sie vor den gefährlichen Extremen und leitet sie auf der goldenen Mittelstraße zur höchsten Höhe der Vollkommenheit; und seine Autorität ist es allein, welche ihren Tugenden den Glanz und die Krone verleiht, durch welche sie der Gegenstand der Verwunderung und Nachahmung für alle Kinder der Kirche werden.“ Das ist wohl der Grund, warum wir heute so vergeblich nach lebenden Heiligen Ausschau halten. „Es ist eine merkwürdige, wohl zu beachtende Erscheinung: wie einerseits die Heiligen vor allen Menschen die Heiligkeit des Heiligen Stuhles achten und ehren, und von ihm wiederum, wie sonst nirgendwo, geachtet und geehrt worden, so sind auch andererseits die Verächter der Heiligkeit des Heiligen Stuhles in der Regel zugleich Verächter der Heiligen und umgekehrt.“ So kommt es zu den unheiligen „Heiligen“ der „Konziliaren Kirche“, und selbst diese stellen für „Traditionalisten“ keinen Hinderungsgrund dar, in letzterer die Kirche Jesu Christi zu erblicken.

5. Scheeben stellt fest, daß „die Gegner der päpstlichen Unfehlbarkeit mehr oder minder naturalistischen und rationalistischen Anschauungen und Tendenzen huldigen, und diese gerade bei der Bekämpfung unseres Dogmas klarer als je zur Schau getragen haben“. „Diese Anschauung wenden sie natürlich auf die Kirche an, wie wir eben schon an ihren Theorien über den Organismus der Kirche gesehen, und glauben erst dann eine wahrhaft würdige Auffassung von derselben zu haben, wenn sie dieselbe recht menschlich denken und den Maßstab der übrigen menschlichen Gesellschaften an dieselbe anlegen. Wofern sie noch katholisch sein wollen, lassen sie allerdings auch etwas Übernatürliches und Göttliches, wenigstens dem Namen nach, in der Kirche zu, finden es aber nur in dem im Schoße der Kirche niedergelegten übernatürlichen Schatz von Gnade und Wahrheit – der freilich wiederum so natürlich als möglich gedacht wird – und in der göttlichen Einsetzung einer zur Verwaltung dieses Schatzes und zur Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung eingesetzten Hierarchie, die für Hütung und Verteilung des Schatzes sorgen soll, so gut sie eben kann und will. Die Konstitution oder Verfassung des Organismus der Kirche behält aber trotz seiner göttlichen Anordnung und seines mehr oder minder übernatürlichen Wirkungskreises den Typus der rein menschlichen gesellschaftlichen Ordnungen; die Kirche wird nicht gedacht als durch ihre hierarchischen Organe eingebaut in einen göttlichen Felsengrund, angegliedert an ein göttliches Haupt und innerlich verbunden mit dem eigenen Geiste Gottes. Basis, Wurzel und Seele des sozialen Organismus der Kirche sucht man in der Natur, während das Übernatürliche in der positiven künstlichen Kombination der natürlichen Elemente bestehen soll.“ So ist es für sie auch möglich, sich einen Papst und ein ökumenisches Konzil zu denken, die grauenhafte Irrtümer lehren, weil sie im Moment gerade ihre Unfehlbarkeit nicht gebrauchen wollen bzw. nicht die Kombination aller Elemente gegeben war, welche zur Unfehlbarkeit nötig sind.

„Hätte man einen richtigen Begriff von dem übernatürlichen Schatze der Gnade und Wahrheit, der in der Kirche niedergelegt ist, so wäre eine solche Auffassung ihres Organismus unmöglich. Begriffe man die Gnade und Wahrheit, die uns durch Christus geworden, nicht als eine bloße Nachhilfe, die der Natur zur freien Verfügung und zur gefälligen Benutzung dargeboten ist, sondern als einen Strom übernatürlichen, himmlischen, göttlichen Lichtes und Lebens, das sich aus dem Herzen des Sohnes Gottes durch die Kirche als seinen mystischen Leib ergießen soll: dann würde man begreifen, daß er die Glieder der Kirche mit ihrem gottmenschlichen Haupte verketten und seinerseits seine ganze Kraft und Wirksamkeit aus diesem schöpfen muß, daß die Verwalter der Gnadenmittel und der Lehre in Wirklichkeit die Kanäle und Organe des fortdauernden, lebendigen übernatürlichen Stromes der Gnade und der Wahrheit, des Lebens und Lichtes sind, der vom Haupte aus in alle Glieder des Leibes der Kirche sich ergießt; man würde folglich auch keinen Anstand nehmen, in den hierarchischen Organen, wie eine übernatürliche Fruchtbarkeit in Bezug auf die Gnade, so auch eine übernatürliche Erleuchtung in Bezug auf die Lehre der Wahrheit anzuerkennen.“

Die „Traditionalisten“ stellen sich die Sache ja gerne so vor, als sei die Kirche ein Eisenbahnzug, der irgendwann aus dem Geleis gesprungen ist, welches sie „Tradition“ nennen. Würde der entgleiste Zug wieder auf die Geleise gestellt, so hätte die „Kirche“ ihre „Tradition“ wieder gefunden. Sie selbst verharren auf den Schienen an dem Punkt, an welchem das Unglück geschehen ist, so etwa um das Jahr 1962 herum, und warten auf bzw. bemühen sich um die Rückkehr des Zuges auf die Geleise, die „Bekehrung der Kirche“ bzw. „Bekehrung Roms“. Damit verkennen sie völlig die Natur der Kirche und das Wesen der Tradition. Die Tradition ist nichts der Kirche äußerliches, sondern ganz und gar innerlich. Sie verhält sich zur Kirche wie die Gene zum Lebewesen und wie der Blutkreislauf zum Organismus. Sie prägt und formt die Kirche in all ihren Erscheinungen und durchströmt sie mit göttlichem Leben und Kraft, deren „Kanäle und Organe“ die „Verwalter der Gnadenmittel und der Lehre“ sind, also Papst und Bischöfe. Eine „Kirche“, welche ihre „Tradition“ verloren hat und diese erst „wiederfinden“ muß, deren Hierarchie nicht mehr Kanäle und Organe der Tradition sind, kann unmöglich die wahre Kirche sein.

6. Uns steht fest, daß es sich bei der „Konziliaren Kirche“ nicht um die Kirche Jesu Christi handelt. Den dreifachen Gnadenthron hat man in ihr entfernt. Durch die „Neue Messe“ und die „neuen“ Sakramentsriten insbesondere der Bischofsweihe hat man die eucharistische Gegenwart des Heilands weitgehend zum Verschwinden und den Gnadenstrom der Sakramente zum Versiegen gebracht. Mit der Degradierung der allerseligsten Jungfrau zu einem Mitglied der Kirche hat man sie aus der hypostatischen Ordnung herausgenommen, um sie „auf das Niveau aller anderen Glieder des mystischen Leibes Christi herabzusetzen, als prima inter pares“. Die Cathedra Petri hat man vom unfehlbaren Thron der Wahrheit in einen Lehrstuhl der Lüge und der Häresien umgewandelt. Diese „Kirche“ ist in nichts mehr heilig und bringt daher auch keine Heiligkeit und keine Heiligen hervor.

7. In der Offenbarung des heiligen Johannes wird uns die Kirche unter dem Bild der heiligen Stadt Jerusalem beschrieben mit ihrem Berg Sion als Ort der göttlichen Gegenwart. „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herniederkommen von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott“ (Off 21,2f). Wir sehen deutlich den göttlichen Ursprung der Kirche und die Gegenwart und das Wirken Gottes in ihr. „Und es kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten, voll der sieben letzten Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm her, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes zeigen“ (Off 21,9). Sie ist die geschmückte Braut des Lammes, Unseres Herrn Jesus Christus, ganz heilig, ganz makellos, ganz schön. „Und er führte mich im Geiste hinweg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt, Jerusalem, herniederkommend aus dem Himmel von Gott; und sie hatte die Herrlichkeit Gottes. Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr kostbaren Edelstein, wie ein kristallheller Jaspisstein… Und ich sah keinen Tempel in ihr, denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm. Und die Stadt bedarf nicht der Sonne, noch des Mondes, auf daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm“ (Off 21,10-11.22-23). Der Glanz der Kirche, das in ihr strahlende Licht, ihre Schönheit und Heiligkeit ist Gott selbst, ist der Gottmensch Jesus Christus.

Auf der anderen Seite finden wir die Stadt „Babylon, die große, die mit dem Weine der Wut ihrer Hurerei alle Nationen getränkt hat“ (Off 14,8). Sie ist in allem das gerade Gegenteil der himmlischen Braut des Lammes. Durch ihre „Zauberei sind alle Nationen verführt worden“ (Off 18,23), „die auf der Erde wohnen, sind trunken geworden von dem Weine ihrer Hurerei“ (Off 17,2). „Und er führte mich im Geiste hinweg in eine Wüste; und ich sah ein Weib auf einem scharlachroten Tiere sitzen, voll Namen der Lästerung, das sieben Köpfe und zehn Hörner hatte. Und das Weib war bekleidet mit Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelgestein und Perlen, und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll Greuel und Unreinigkeit ihrer Hurerei; und an ihrer Stirn einen Namen geschrieben: Geheimnis, Babylon, die große, die Mutter der Huren und der Greuel der Erde“ (Off 17,3-5). Ihr ganzer Prunk ist ein rein äußerer und irdischer Protz, ihr Kennzeichen ist die „Hurerei“, d.h. die Häresie und Apostasie, die „Zauberei“ und die „Lästerung“ oder Blasphemie. Ob die „Konziliare Kirche“ wohl eher mit der heiligen Stadt Jerusalem oder der großen Stadt Babylon Ähnlichkeit hat?