Richtig glauben

von antimodernist2014

Für einen Katholiken ist es ohne Zweifel heute sehr schwer geworden, seinen Glauben zu bewahren. Die sog. Moderne – also die besondere Art wie der sich modern nennende, denkende und lebende Mensch seine Welt eingerichtet hat – hat nämlich das Verständnis vom Glauben völlig verändert, weshalb ein Katholik mit seinem Glauben vollkommen an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden ist. Weil jedoch jeder Katholik wenigstens in gewissem Maße immer auch ein moderner Mensch ist, ist er doch in vielerlei Hinsicht gezwungen, sich im praktischen Leben an die Moderne anzupassen, läuft er ständig Gefahr, seinen Glauben unbemerkt so zu verändern, daß er ebenfalls nicht mehr im katholischen, sondern im modernen Sinne glaubt. Mit anderen Worten, er verliert seinen übernatürlichen Glauben und bewahrt nur noch einen rein natürlichen – dem er sodann nur noch mehr oder weniger das Etikett „übernatürlich“ aufklebt, weil er auch noch katholisch sein möchte. Weil diese Gefahr inzwischen überall lauert, wollen wir uns damit etwas eingehender befassen.

Kardinal John Henry Newman, der vom Anglikanismus zur katholischen Kirche konvertiert ist, sich also notwendigerweise mit der Besonderheit des katholischen Glaubens auseinandersetzen mußte, beschreibt im Jahre 1879 die Lage in folgender Weise: „Es ist mir eine wahre Freude, sagen zu dürfen: Von Anfang an habe ich gegen ein großes Zeitübel gekämpft: seit dreißig, vierzig, fünfzig Jahren bemühe ich mich nach meinen besten Kräften, den Geist des Liberalismus im Religiösen abzuwehren. Dringender denn je hat die Heilige Kirche Streiter nötig, die den Kampf dagegen aufnehmen, denn – leider! – will ein Irrtum, einer Schlingpflanze gleich, die ganze Welt überwuchern… Liberalismus im Religiösen bedeutet, daß es im Bereich der Religion keine positive Wahrheit gebe. Jedes Credo könne neben dem anderen als gleichwertig bestehen. Diese Lehre gewinnt täglich an Substanz und Überzeugungskraft. Es ist für sie völlig ausgeschlossen, eine Religion anzuerkennen, die den Anspruch erhebt, die wahre zu sein. Der Liberalismus fordert, daß Toleranz gegenüber allem und jedem geübt werden müsse, weil alles nur eine Sache der verschiedenen Meinung sei: die geoffenbarte Religion sei keine Wahrheit, sondern Gefühl und Geschmackssache, nicht eine objektive Wirklichkeit, nichts Übernatürliches: und jeder einzelne habe das Recht, das auszudrücken, was im Augenblick seine Phantasie anspreche. Frömmigkeit gründe nicht notwendigerweise auf Glaube. Man könne in protestantische und katholische Kirchen gehen, von beiden Gutes bekommen, und doch zu keiner von beiden gehören. Sie können in geistlichen Gesprächen und Gefühlen brüderlich zusammen sein, ohne auch nur einen Blick auf die Frage der gemeinsamen Lehre zu werfen oder deren Notwendigkeit zu sehen. Weil also die Religion für jeden so durchaus persönliche Sache und sein Privatbesitz sei, müßten wir notwendigerweise im Verkehr von Mensch zu Mensch davon absehen…“

1. Glaube und Glaube ist nicht gleich: Notwendige Unterscheidungen

Zum Selbstverständnis des modernen Menschen gehört es, sich einzubilden, also im modernen Sinne irrational zu glauben, er sei allen vergangenen Zeiten weit überlegen, er sei also gebildeter, freier, aufgeklärter, sittlich vollkommener usw. als alle früher lebenden Menschen. Ganz besonders nährt der heutige Mensch diese Einbildung gegenüber dem „dunklen Mittelalter“, das bei den meisten Zeitgenossen als das Beispiel schlechthin einer primitiven, dümmlich-naiven, ja barbarischen Welt gilt. Dieses Klischee des dunklen Mittelalters braucht der moderne Mensch, um die Einbildung von seiner angeblichen Überlegenheit lebendig halten zu können. Man braucht nur an entsprechende Filme zu denken, die diese dümmlich-primitive Geschichtsfälschung mehr oder weniger gekonnt auf die Leinwand bannten, um zu verstehen, auf welch schwachen Füßen das Ganze steht.

Während also nach dem Urteil heutiger Menschen der mittelalterliche Mensch noch besonders primitiv gewesen sein soll, weil er noch an Gott und an die Kirche als göttliche Institution glaubte und deswegen in Glaubens- und Sittenfragen seiner Kirche gehorchte, empfindet es derselbe moderne Mensch als durchaus nicht primitiv, wenn er sein „Wissen“ großteils aus einem rechteckigen Kasten bezieht, der die Fähigkeit hat, bewegte Bilder und dazu passende Töne wiederzugeben. Dabei glaubt der moderne Mensch diesem rechteckigen Kasten viel blinder als der mittelalterliche Mensch vermeintlich seiner Kirche geglaubt haben soll, ohne auch nur im Ansatz in Erwägung zu ziehen, daß das ihm dargebotene „Wissen“ von einer verschwindend kleinen Interessengruppe kontrolliert wird, deren erstes Ziel es ist, möglichst viel Geld zu verdienen und dementsprechend das Verhalten der Masse zu steuern.

Ein mittelalterlicher Mensch hätte diesem Kasten wohl nichts geglaubt, weil ihm die Anonymität dieses „Wissens“ unheimlich erschienen wäre, während der moderne Mensch tatsächlich das, was doch zunächst immer nur Illusion sein kann und auch ist, ganz naiv für wahr und für wirklich hält, obwohl er die Wahrheit oder Wirklichkeit des Gesehenen und Gehörten anhand der gesehenen Bilder und der gehörten Töne niemals wird beurteilen können.

Die modernen Medien nützen hier kaltblütig eine Grundbefindlichkeit des menschlichen Lebens aus: Jeder Mensch muß glauben! Je weniger man sich über diesen Sachverhalt Rechenschaft ablegt, desto leichter ist man bereit, irgendjemandem irgendetwas zu glauben. Ohne Glauben gibt es auch kein umfangreicheres Wissen. Denn normalerweise hat niemand die Zeit oder auch die Möglichkeit, alles, was er von anderen erfährt, persönlich nachzuprüfen. Solches gelingt höchstens einem Fachmann in seinem sehr eng umgrenzten Wissensbereich, wobei selbst dieser Fachmann sich auf eine ganze Reihe von nicht hinterfragten Voraussetzungen oder Grundlagen stützen muß, die von seiner Wissenschaft mehr oder weniger unbefragt allgemein anerkannt werden.

Je gründlicher darum das Wissen eines wahren Fachmannes ist, desto klarer sieht dieser wahrhaft Wissende ein, wie viel er nicht weiß, weil er mit seinem durch vieles Studium erweiterten Wissen immer auch umso mehr ungeprüfte Voraussetzungen akzeptieren mußte. Er hat es immer klar vor Augen: einen Großteil meines „Wissens“, besitze ich allein aufgrund von Glauben. Was diese Einsicht in einer solcherart ideologisierten modernen Welt bedeutet, verstehen wohl nur ganz wenige wahrhaft Gebildete, die man früher Philosophen nannte, also Liebhaber der Weisheit. An einen echten Philosophen wollen wir uns deswegen auch anlehnen, wenn nun wir unseren Gedanken weiter ausfalten.

2. Begriffsbestimmung

In seinem Büchlein „Über den Glauben“ beschreibt Josef Pieper den Glauben folgendermaßen: „Glauben heißt immer: jemandem etwas glauben (vgl. Thomas von Aquin II,II, 129,6). Der im strikten Wortsinn Glaubende akzeptiert, auf das Zeugnis von jemand anderem hin, einen Sachverhalt als wirklich und wahr. Das ist der grundrißhaft vollständige Begriff von Glauben.“

Glauben zielt also nicht zunächst auf den zu glaubenden Sachverhalt, sondern auf die Person desjenigen, der diesen Sachverhalt beglaubigt, wie man es in der deutschen Sprache so treffend ausdrückt. Mithin ist ein Glaube nur dann vernünftig, wenn der Zeuge des zu glaubenden Sachverhalts glaubwürdig ist, also entsprechende Voraussetzungen mit sich bringt, das zu Glaubende recht, wahr, sicher, zweifelsfrei zu bezeugen. Damit man jemandem vernünftigerweise Glauben schenken kann, muß dieser ein entsprechendes Wissen von der Sache haben und zudem bereit sein, dieses Wissen anderen mitzuteilen. Somit kann man im menschlichen Bereich im ganz strengen Sinne nur demjenigen Glauben schenken, den man entsprechend genau kennt, dessen Glaubwürdigkeit man deswegen auch beurteilen kann.

Sobald man diese Einsicht ernst nimmt, muß man sich wohl eingestehen, in wie vielen Fällen von Glaubensleistung man im Leben äußerst leichtgläubig war – womöglich sogar bei den meisten. Dieses Selbstkennen des anderen ersetzt im wissenschaftlichen Bereich gewöhnlich die Anerkennung durch die sog. wissenschaftliche Welt. Wobei einem sogleich die Fragwürdigkeit einer solchen Anerkennung klar wird, sobald ein Wissenschaftsbetrieb ideologisiert ist – und welcher Wissenschaftsbetrieb ist das heute nicht, d.h. welcher Wissenschaftsbetrieb ist nicht von Fremdinteressen abhängig und mag dieses Fremdinteresse auch nur Geld heißen? Wenn ich etwa für die Atomindustrie ein Gutachten über die Gefahrlosigkeit der Atomtechnik für Mensch und Umwelt erstellen soll, dann mag ich mit noch so viel Wissen und guten Willen an die Arbeit gehen, das Ergebnis steht immer schon fest, unsere Atomkraftwerke sind auf jedem Fall sicher.
Darum ist es leicht einsichtig, jemand verdient umso mehr Glauben, je mehr er durch sein Leben zeigt, es geht im ausschließlich um die Wahrheit – und nicht etwa um Anerkennung, Ruhm, Einfluß, Macht, usw.

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