Richtig glauben

Greifen wir nochmals auf Josef Pieper zurück, um das Gesagte zusammenzufassen: „Würde man einen wahrhaft Glaubenden fragen: Was eigentlich glaubst du? – dann bräuchte er nicht so sehr inhaltlich einzelnes zu nennen; sondern er müßte, falls er ganz präzis sein wollte, auf seinen Gewährsmann zeigen und zur Antwort geben: Ich glaube das von Jenem Gesagte. Damit hätte er das entscheidende gemeinsame Merkmal aller von ihm im einzelnen geglaubten Sachverhalte genannt, das, was ihn veranlaßt, sie alle für wahr zu halten; er hätte den Grund angegeben, weswegen er das einzelne als Wahrheit akzeptiert. Der Grund ist nämlich nichts anderes als daß jener Jemand es so gesagt hat. ‚In allem Glauben ist der, dessen Aussage man zustimmt, das Entscheidende [principale]; demgegenüber sind die Inhalte, denen man zustimmt, in gewissem Sinn sekundär‘ – so Thomas von Aquin in seinem Traktat über den Glauben.“

Dieser Gedanke Josef Piepers spitzt den Begriff des Glaubens auf das Wesentliche zu, wodurch uns das Entscheidende faßbar wird: Im Glauben verläßt man sich ausschließlich auf das Urteil dessen, dem man Glauben schenkt. Wobei im täglichen Leben dieses Eigentliche meist verdeckt wird, da wir dem anderen normalerweise zwar glauben und trauen, aber durchaus nicht ausschließlich „auf sein Wort hin“ Glauben schenken, sondern weil das Gesagte etwa zu dem schon Gewußten stimmt und es deswegen eine gewisse innere Wahrscheinlichkeit für dessen Richtigkeit gibt, usw.

Lassen wir nun nochmals Josef Pieper in einem etwas längeren Text aus seinem Büchlein über den Glauben unseren Glaubensbegriff präzisieren: „Wenn wirklich jenes Äußerste einmal zuträfe [daß nämlich einer, ohne jeden Anhaltspunkt sonst, aus keinem anderen Grund, als weil jemand anders so sagt, etwas vorbehaltlos als Wahrheit akzeptierte], dann müßte der in solch radikalem Sinn Glaubende konsequenterweise alles, was sein Gewährsmann etwa sonst gesagt hat oder in Zukunft noch sagen wird, gleichfalls für wahr halten. Dies aber braucht man nur einen Augenblick zu bedenken, und schon ist über allen Zweifel klar: So etwas kann es legitimerweise im Verhältnis von Mensch zu Mensch nicht geben. Glaube in jenem äußersten Sinn, wie ihn der Ausdruck ‚an jemanden glauben‘ spiegelt, darf unter mündigen Menschen weder geleistet noch gefordert werden. [Das unmündige Kind glaubt, was die Mutter sagt, aus keinem anderen Grund, als weil sie es sagt. Daß es aber für das Kind keinen anderen Grund gibt, etwas für wahr zu halten: genau dies macht seine Unmündigkeit aus.]“

Wir Katholiken glauben zwar anderen Menschen, insoweit sie glaubwürdig sind, aber wir glauben niemals an sie. Mit diesem „an jemanden Glauben“ würde eine Sekte begründet. Ein Mensch würde zum Maß aller Dinge erhoben, seine Anhänger würden ihm deswegen in allem kritiklos folgen und wären zudem bereit, alles zu tun, was er sagt – nur aufgrund der Tatsache, daß er es gesagt hat. Josef Pieper bringt in seinem Buch ein Beispiel aus „Grimms Deutschem Wörterbuch“: „in dem Artikel ‚Glauben‘, der erst im Jahre 1936 erschienen ist, findet man diese Grenzüberschreitung folgendermaßen beschrieben: ‚Aus dem Bereich des Übernatürlich-Religiösen wird «Glaube» im 18. Jahrhundert mit besonderem Sinngehalt auf das Gebiet des Natürlich-Diesseitigen übertragen und bedeutet hier zumeist ein starkes gefühlsmäßiges Verhältnis zu innerweltlichen Werten, Idealen, Persönlichkeiten usw., das an innerer Kraft und sittlichem Gehalt dem religiösen «Glauben» verwandt erscheint‘ – wofür dann folgende sprachliche Belege angeführt werden: ‚Glaube an sich selbst‘, ‚Glaube an die Menschheit‘, ‚Glaube an Deutschland‘, ‚Glaube an den Führer‘.“

Diese Gedankenreihe zeigt, wie einerseits das Wissen über den wahren, übernatürlichen Glauben von Generation zu Generation immer mehr verloren ging und wie man dadurch anderseits geneigt wird, Eigenschaften, die nur dem übernatürlichen Glauben zukommen, fälschlicher Weise auf andere Bereiche zu übertragen. Von „Glaube an sich selbst“, über „Glaube an die Menschheit“, wobei ein weiterer Wesenszug des Glaubens verfälscht wird, Glaube geht auf eine konkrete Person und nicht auf ein Abstraktum, wie etwa die Menschheit, gelangt man zu „Glaube an Deutschland“, und endet schließlich bei „Glaube an den Führer“. Die Voraussetzung für diesen letzten „Glauben“, der ein ganzes Volk in unermeßliches Unglück gestürzt hat, ist, daß der Begriff des Glaubens als solcher bei den meisten Menschen schon ins Irrationale verformt worden ist. Da dieser „Glaube“ keine vernünftige Basis mehr hat, wird man schließlich bereit, jemandem alles zu glauben und zudem alles zu tun, was dieser sagt. Falscher Glaube führt normalerweise zu blindem Gehorsam.

Es ist also eine ganz entscheidende, festzuhaltende Einsicht: Unter Menschen gibt es niemals einen absoluten, rückhaltlosen Glauben. Diese Art des Glaubens verstieße gegen die Natur des Menschen. Der Mensch als endliches Wesen mit endlichem, also immer auch beschränktem Wissen, woraus eine vielfache Möglichkeit des Irrtums resultiert, verdient niemals absoluten Glauben. Deswegen ist Glaube im vollen und strikten Sinn nur möglich, wenn es Jemanden gibt, der unvergleichlich höher über dem mündigen Menschen steht als dieser über einem unmündigen Kind, und daß dieser Jemand auf eine dem Menschen vernehmliche Weise gesprochen hat. Ein solcher „Jemand“ ist aber allein Gott.

3. Glaube an Gott

Sobald Gott ins „Spiel“ kommt – für den modernen Menschen ist fast alles nur noch Spiel – wird es schwierig, weil sodann nicht mehr die nüchterne Vernunft ausschlaggebend ist – auch wenn dieser moderne Mensch sich bei seinem Unglauben noch so nüchtern und vernünftig vorkommt – sondern der vom Gefühl fehlgeleitete Wille. Glauben kann man immer nur freiwillig, denn wie der hl. Thomas von Aquin es in seiner knappen, aber ganz präzisen Weise sagt: Beim Glauben finde sich ein Element der Vollkommenheit und eines von Unvollkommenheit; die Vollkommenheit liege in der Festigkeit der Zustimmung, die Unvollkommenheit liege darin, daß kein Sehen zustande komme; dies habe aber zur Folge, daß im Glaubenden eine Art „Denk-Unruhe“ zurückbleibe. Im Gegensatz zum Schauenden hält der Glaubende die geglaubte Wahrheit nur mit dem Willen fest, weil sein Verstand die Wahrheit nicht fassen kann – was für alle sog. Geheimnisse des Glaubens im strikten Sinne des Wortes gilt. Darum kann man ohne Übertreibung endlos über solche geheimnisvollen Wahrheiten nachdenken, sie immer und immer wieder betrachten. Oder mit den Worten des hl. Thomas ausgedrückt: „Die Bewegung [des Geistes] ist noch nicht gestillt; vielmehr ist in ihm noch immer forschendes Bedenken dessen, was er glaubt – wiewohl er doch dem Geglaubten mit völliger Festigkeit zustimmt.“

Beim religiösen Glauben kommt etwas hinzu, was im alltäglichen Glauben fehlt. Die Glaubenszustimmung zu einem sich offenbarenden Gott ist nicht neutral in dem Sinne, daß sie das eigene Leben unangetastet ließe. Glauben heißt immer auch sich bekehren, also das Leben zum Besseren ändern. Deswegen ziehen es die meisten Menschen heute vor, nicht zu glauben, weil sie ihr Leben nicht entsprechend dem Wort Gottes ändern wollen. Gott darf ihnen nicht zu nahe treten, sie denken: „Ein unpersönlicher Gott: schön und gut! Ein Gott des Wahren, Schönen und Guten hinter der eigenen Stirn: das ist noch besser! Eine gestaltlose Lebenskraft, aus der wir schöpfen können: das ist von allem das Beste! Aber Gott selber, der Lebendige, der am anderen Ende der Schnur zieht, der vielleicht mit ungeheurer Schnelligkeit auf uns zukommt, der Jäger, der König, der Bräutigam – das ist etwas ganz und gar anderes. Es kommt ein Augenblick, da Menschen, die in ‚Religion‘ herumgestümpert und Gott ‚gesucht‘ haben, plötzlich erschreckt zurückfahren: Angenommen, wir hätten ihn gefunden? Schlimmer noch, angenommen, er hätte uns gefunden? Das ist dann eine Art Rubikon (=Grenzfluß). Der eine überschreitet ihn, der andere nicht. Aber wenn man ihn überschreitet, dann gibt es keine Sicherheit gegen Wunder.“ So C. S. Lewis in seinem Buch über das Wunder.

Sobald Gott aus der Anonymität heraustritt, und für uns persönliche Wirklichkeit wird, „gibt es keine Sicherheit gegen Wunder“ mehr. C.S. Lewis spricht damit etwas ganz Entscheidendes an: Ein Gott, der Wunder wirkt, muß ernst genommen werden, denn er bewegt wahrhaft die Geschicke unserer Welt. Ein Gott dagegen, dem man die Fähigkeit, Wunder zu wirken, abspricht, ist nicht der Rede wert. Denn wie sollte dieser Gott noch irgendetwas in meiner Welt bewegen können, verändern können, eingreifen können? Ein Gott, der keine Wunder wirkt, ist nur der Spielgefährte meiner eigenen Gedanken, Wünsche, Phantasien, einen solchen Gott kann man getrost aus der eigenen Lebensplanung streichen.

Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß die Modernisten ihrem Gott die Fähigkeit, Wunder wirken zu können, abgesprochen haben. Damit zeigen sie jedem, der es sehen möchte, daß ihr Glaube kein wahrer Glaube mehr ist und sein will. Die Modernisten glauben an keinen echten Gott, einen Gott, der ihnen wirklich etwas zu sagen hätte. Nein, sie lassen ihren Gott immer nur das sagen und tun, was sie ihm gemäß ihrer eigenen Ideologie zugestehen wollen. Nicht Gott ist das Maß ihres Glaubens, sondern ihr Glaube ist das Maß ihres Gottes. Ideologie ist wesentlich selbstverschuldete Verblendung, darum ist sie immer mit Wahrnehmungsstörungen verbunden. Es könnten noch so viele Wunder auf der Welt geschehen und es sind wahrlich im Laufe der Jahrhunderte viele und große Wunder geschehen, ein Modernist wird dennoch keines davon wahrnehmen, denn Wunder kommen in seinem Denksystem ganz einfach nicht vor, also gibt es auch keine Wunder in der Geschichte, Wunder sind nur Projektionen der eigenen Glaubensvorstellung in die Welt hinein. Gemäß dieser ideologischen Vorgabe liest der Modernist alle Wunder aus der Heiligen Schrift und dem Leben der Heiligen feinsäuberlich aus, sodaß plötzlich ein echter Gott, der wirklich Wunder wirkt, für ihn eine ernsthafte Bedrohung ist.

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