Richtig glauben

Wenn aber Gott wirklich existiert und zwar nicht als ein Was, sondern als ein „Wer“, also als ein Jemand, der reden kann, dann gibt es auch keine „Sicherheit“ gegen das Wunder der Offenbarung! Warum sollte dieser Gott, der die ganze Welt geschaffen hat, nicht zu seinen Geschöpfen reden können und wollen? Wenn Gott aber redet, dann ist die einzig sinnvolle, vernunftgemäße Antwort des Menschen darauf Glauben! In dem umfangreichen Werk des Jesuiten Julius Beßmer, „Theologie und Philosophie des Modernismus“ ist zu lesen: „Soll der Glaube vernünftig sein, so muß er auf der Überzeugung beruhen, daß Gott gesprochen hat. Erst dann kann ich gewisse Wahrheiten auf Gottes Wort und Autorität hin annehmen, wenn ich mich überzeugen kann, daß Gott sie geoffenbart hat. Wo sind nun diese Beweise für die Tatsache einer göttlichen Offenbarung? Die katholische Theologie und mit ihr die ganze alte Apologetik sah die sichersten und zuverlässigsten Beweise in den Wundern, welche zur Beglaubigung der Offenbarung gewirkt wurden, und in der Erfüllung von Prophezeiungen, auf die sich Moses, die Propheten, der Heiland selber und seine Apostel berufen hatten. In diesen Wundern und Prophezeiungen sah man das göttliche Siegel für die Wahrheit der Offenbarung.“

4. Glaube an den menschgewordenen Gott

Nun hat aber Gott nicht nur irgendwie mit uns Menschen geredet, sondern: „Vielmals und auf vielerlei Weise hat Gott vor Zeiten durch die Propheten zu den Vätern gesprochen; am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben über das All eingesetzt, durch den er auch die Welten erschaffen hat. Dieser ist der Abglanz der Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens und trägt das All durch sein machtvolles Wort. Nachdem er die Reinigung von den Sünden vollzogen hatte, hat er sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt“ (Hebr. 1,1-3).

Die heilige Kirche hat diesen Text aus dem Brief des hl. Apostels Paulus an die Hebräer zur Lesung der dritten Messe des hl. Weihnachtsfestes bestimmt. Gott ist wahrer Mensch geworden und hat „zu uns gesprochen durch den Sohn“. Ist ein unmittelbareres Sprechen Gottes mit seinem Geschöpf denkbar? Nein! Wenn also Gott zu uns durch Seinen Sohn gesprochen hat, dann müssen wir Ihm glauben! Wir müssen Seine Worte als wahr annehmen, denn wie der hl. Ambrosius ganz zu Recht fragt: „Wem sollte ich in bezug auf Gott eher glauben als Gott?“ Eine nur allzu treffende Frage, auf die man natürlich nur antworten kann: In bezug auf Gott gibt es nichts Vernünftigeres als dem Wort Gottes vorbehaltlos zu glauben!

So einfach dies scheint und in Wirklichkeit auch ist, so schwierig erscheint ein solcher Glaube heute! Denn die sog. Moderne hat die Einfachheit des Glaubens zerstört. Der moderne Mensch kann nicht mehr einfach glauben, weil er selbst allzu kompliziert ist, lebt er doch in einem geistigen Chaos. Dieses Chaos verdanken wir der geistesgeschichtlichen Fehlentwicklung der letzten Jahrhunderte.

Zunächst hat der Zweifel die Grundlagen des übernatürlichen Glaubens zerfressen. Schon im Jahre 1877 beobachtet John Henry Newman voller Sorge die Endphase dieser Entwicklung: „Der religiöse Skeptizismus breitet sich unheilvoll aus -, und das große Unglück besteht darin, daß von vornherein eine allgemeine Neigung zur Seite des Unglaubens vorherrscht, da er vernünftiger und wahrscheinlicher zu sein scheint. Ein Gedanke gewinnt die Oberhand, nämlich daß große Wandlungen kommen werden, sodaß die Menschen an den Atheismus glauben, bevor sie die Offenbarung entdeckt haben…“

Und an einer anderen Stelle klagt er: „Ich sehe darin [nämlich im Skeptizismus] eine wirkliche Seuche, seltsam um sich greifend. Sie breitet sich nicht durch einsichtige Gründe, sondern durch Einbildung aus. Diese täuscht nämlich eine mögliche und glaubhafte Sicht der Dinge vor, welche den Geist verfolgt und ihn schließlich überwältigt. Es beginnt damit, daß man sich die Frage stellt: ‚Wie können wir sicher sein, daß dies nicht so ist?‘ Dieser Gedanke verbirgt vor unserem Geiste das wirklich vernünftige Fundament, auf welchem unser Glaube gründet. Damit geben wir unseren Glauben auf. Und wie kann er überhaupt noch zurückgewonnen werden, wenn nicht allein durch ein wundervolles Eingreifen der Gnade Gottes. Möge Gott uns alle vor diesem schrecklichen Trug der letzten Tage bewahren! Ich blicke mit großer Besorgnis – ja, ich muß sagen mit Bangen – auf die nächste Generation.“

Der Skeptizismus, die Zweifelsucht, „verbirgt vor unserem Geiste das wirklich vernünftige Fundament, auf welchem unser Glaube gründet“. Wenn aber der Glaube kein vernünftiges Fundament mehr hat, dann ist er nicht mehr tragfähig für die göttliche Offenbarung. Der wahre, göttliche Glaube löst sich unaufhaltsam in ein irrationales, gefühlsmäßiges Meinen auf. Wir haben das Ende dieser Entwicklung miterlebt als der Modernismus mit dem „2. Vatikanum“ die Bastionen geschliffen hat und wie eine Springflut alle kirchlichen Bereiche erfaßte. Es gibt seither nur noch sehr wenige wahre Katholiken, also Glaubende, die noch im katholischen Sinne unterscheidungsfähig sind, weil sie ihren theologischen Glauben bewahrt haben. Ein Katholik ist seinem Wesen nach ein Antimodernist.

Mit der Zweifelsucht verbindet die Moderne die Sucht nach ständiger Neuerung. Durch diese Sucht wird die Fähigkeit, Wahres noch als zeitlos wahr zu erkennen und anzuerkennen, erstickt. Auch das beschreibt John Henry Newman schon im Jahre 1832 in einem seiner Essays erstaunlich treffend: „Einem kultivierten Geist, der sich an der Mannigfaltigkeit der Literatur und des Wissens sowie an den stets anwachsenden Entdeckungen der Wissenschaft erquickt und am immer frischen Zustrom von Informationen aus der Politik und den verschiedenen Ländern interessiert ist, dem wird die Religion im allgemeinen aus Mangel an Neuigkeiten langweilig vorkommen. Darum sucht er unentwegt, was sein Gefühl erregt, und geht darin auf. Immer hat er neue Gegenstände im Religiösen, neue Systeme und Pläne, neue Lehren, neue Prediger nötig, um jene Gier zu befriedigen, welche die sogenannte Verbreitung des Wissens geschaffen hat. Der Geist wird krankhaft empfindlich und wählerisch; unzufrieden mit den Dingen, wie sie sind, begierig nach Abwechslung als solcher, so als müßte die Veränderung an sich schon eine Abhilfe darstellen.“

Modern sein wollen heißt, Tag für Tag anders sein zu müssen. Nichts haßt der moderne Mensch so sehr wie die Beständigkeit und nichts liebt er so sehr wie die Veränderung. Was soll da noch ein ewiger gleichbleibender Glaube? Ein ewig unveränderlicher Gott? Wie sollte dieser ewig unveränderliche Gott bei diesen unruhevollen, ständig gehetzten Menschen noch Gehör finden? Wie sollten Seine göttlichen Worte noch auf einen fruchtbaren Boden fallen können? John Henry Newman gibt mit dem hl. Paulus zu bedenken: „Der Glaube kommt aus dem Hören [vom Hören], aus dem Wort Gottes. Rationalisten sind jene Menschen, die sich mit den Schlußfolgerungen ihrer eigenen Überlegungen begnügen, wir aber sind ‚auf Grund des Glaubens gerettet‘. Selbst bei Fällen und Personen, bezüglich derer wir zu wahren Schlußfolgerungen gelangen können, dürfen diese Folgerungen nur auf Grund des festen Bewußtseins geglaubt werden, daß ‚Gott gesprochen hat‘. Es kann sein, daß ein Mensch ein echter Theist [ein Gottgläubiger im weitesten Sinne des Wortes] und ohne jeden Falsch ist, doch muß er darum noch nicht gläubig [im katholischen Sinne] sein. Was ihm zum Glauben noch fehlt, ist die Gnade Gottes, die er als Antwort auf das Gebet empfängt.“

Der wahre Glaube führt uns zu einer wahren Gottesbegegnung. Gott ist plötzlich keine bloße Theorie, keine Idee, kein genialer Einfall mehr, sondern persönliche Wirklichkeit, oder noch genauer gesagt, geheimnisvolle dreipersönliche Wirklichkeit. Wir erfassen diese Wirklichkeit Gottes unmittelbar im Glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes! Wenn Gott wahrhaft Mensch geworden ist, dann ist Gott kein Unbekannter mehr, kein Fremder mehr, vielmehr ist Er jedem sichtbar geworden. Wenn jemand nach Gott fragt, kann ich ihm sagen: Du mußt nur hingehen und Ihn anschauen, etwa jetzt in der Weihnachtszeit als Kind in der Krippe. Darin liegt der Zauber der hl. Weihnacht begründet, wie es die Präfation so unnachahmlich schön ausdrückt: „Denn die geheimnisvolle Menschwerdung des Wortes zeigt dem Auge unseres Geistes das neue Licht Deiner Herrlichkeit; indem wir Gott so mit leiblichen Augen schauen, entflammt Er in uns die Liebe zu unsichtbaren Gütern.“

Müßte man nicht denken, daß es alle Menschen hinzieht zur Krippe, daß alle Menschen Ihn sehen wollen? John Henry Newman drückt es einmal so aus: „’Gott, der befahl, daß aus der Finsternis Licht aufstrahle, ließ auch in unseren Herzen ein Licht erstrahlen, daß aufleuchte die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz Jesu Christi‘ (2 Kor 4, 6), das heißt, in einer wahrnehmbaren Gestalt, als ein wirklich existierendes Einzelwesen. Zur selben Zeit begann er sofort zu uns als Einzelwesen zu sprechen. … So war es in gewissem Sinne eine Offenbarung von Antlitz zu Antlitz.“

Wir können, dürfen, sollen, müssen Ihn von Antlitz zu Antlitz sehen. Unfaßbar ist diese Gnade. Je mehr man dies begreift, desto mehr beginnt man zu fragen: Warum gehen so wenige Menschen hin und schauen? Warum lassen sie sich nicht von Ihm bezaubern? Warum haben sie Augen und sehen nicht und Ohren und hören nicht?

Nur aus der wirklichen, man möchte fast sagen, berührenden Begegnung mit dem menschgewordenen Gott kann unser Leben verwandelt werden. Das ist das Unterscheidende des katholischen Glaubens, er ist ein Glaube an den menschgewordenen Gott. Einen Gott, der uns im Fleische erschienen ist, wie der hl. Apostel Johannes in seinem zweiten Brief schreibt: „Denn viele Verführer sind in die Welt ausgezogen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist; dies ist der Verführer und der Antichrist. Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was ihr erarbeitet habt, sondern den vollen Lohn empfangt. Wer sich über die Lehre Christi hinwegsetzt und nicht in ihr bleibt, hat Gott nicht; wer aber in der Lehre bleibt, hat sowohl den Vater als auch den Sohn“ (2 Joh. 7-9).

Jesus Christus, der im Fleisch gekommen ist, ist den meisten Menschen zu nahe. Ihre Herzen sind nicht bereit, sich anrühren zu lassen. Sie können ihre Zurückhaltung, die aus der Sünde stammt, nicht überwinden. Deswegen fliehen sie in den Unglauben. Die Menschen früherer Generationen waren auch Sünder, aber sie flohen in die Hände des Barmherzigen Gottes. Sie ließen sich von der göttlichen Erlöserliebe anrühren – aber das war natürlich der barbarische mittelalterliche Mensch. Der moderne, aufgeklärte, über alle anderen Menschen der Vergangenheit sich überhebende Mensch stirbt lieber in der Verzweiflung – wie schrieb der hl. Johannes: „dies ist der Verführer und der Antichrist“!

Wir Katholiken aber wollen nochmals unseren Blick zur Krippe wenden, indem wir die Worte John Henry Newmans bedenken: „In allem Christus zu sehen, geoffenbart in sichtbaren Zeichen, Seine Anordnungen zu betrachten: nicht in sich selbst, sondern als Zeichen Seiner Gegenwart und Macht, als Ausdruck Seiner Liebe, als Seine eigentliche Gestalt und das wahre Antlitz dessen, der uns immer anblickt, immer in Liebe umfängt, Ihn so Tag für Tag in Herrlichkeit geoffenbart zu sehen, ist das nicht für jene, die daran glauben, ein unaussprechliches Glück?“

Ganz sicher, für uns, die an Ihn glauben, ist Er „ein unaussprechliches Glück“ – möge das für jeden von uns auch ganz und gar wahr sein!

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