Sichtbarkeit der Kirche

von antimodernist2014

1. Ein beliebter Einwand gegen den „Sedisvakantismus“ – oder was manche dafür halten – ist der Hinweis auf die Sichtbarkeit der Kirche. Die „Sedisvakantisten“, so sagt man, würden die Sichtbarkeit der Kirche leugnen, da es für sie ja keinen Papst und keine Hierarchie mehr gibt (es sei denn die „virtuelle“ der „Sedisprivationisten“), und obendrein die Apostolische Sukzession unterbrechen, seien doch nach ihnen keine Kardinäle mehr vorhanden, die den Papst wählen könnten, und somit gebe es entweder gar keinen Papst mehr, oder aber einen aus irgendwelchen „Küchen-Konklaven“ hervorgehenden Pseudo-Papst, jedenfalls keinen wahren Nachfolger Petri.

2. Wir wollen uns zunächst der Sichtbarkeit der Kirche zuwenden. Gewiß gehört die Sichtbarkeit wesentlich zur Kirche, wobei diese freilich zum Teil sichtbar, zum anderen aber unsichtbar ist. Auch der Mensch ist ja sichtbar in seinem Leib, aber unsichtbar in seiner Seele. Analog hat man auch von einem „Leib der Kirche“ gesprochen und von einer „Seele der Kirche“. Die „Seele der Kirche“ ist natürlich der in ihr wirkende Heilige Geist, welcher die menschlichen Seelen heiligt und alle Gnaden und geistigen Schätze hervorbringt, deren sich die Kirche erfreut. Sichtbar aber ist die Kirche in ihrem „Leib“, vorzüglich durch ihr sichtbares Oberhaupt, den Stellvertreter Christi auf Erden, den Papst. Darum hat man die Sichtbarkeit der Kirche immer gerne kurz zusammengefaßt in die Devise: „Ubi papa, ibi ecclesia. – Wo der Papst, da die Kirche.“

3. Bernhard Poschmann unterscheidet in seiner Dissertation „Die Sichtbarkeit der Kirche nach der Lehre des heiligen Cyprian“ (Breslau 1907) die „Sichtbarkeit der Kirche in ihrer äußeren Konstitution“ und die „Sichtbarkeit der Kirche in ihrem dreifachen Amte“. Er meint, die Begriffe von „sichtbarer“ und „unsichtbarer“ Kirche seien überhaupt erst seit Luther im Schwange, welcher der hierarchisch verfaßten katholischen Kirche eine „Versammlung der Herzen im Glauben“, also eine unsichtbare „Geistkirche“ entgegenstellte. Lieber als vom „sichtbaren“ spreche er daher vom „hierarchischen“ Kirchenbegriff, „ein Ausdruck, der in der Tat bezeichnender ist und anderseits doch alle Momente in sich einschließt, welche den Begriff der ‚Sichtbarkeit‘ der Kirche ausmachen, insofern eben die Hierarchie die Grundlage der sichtbaren Kirche ist“. Er fährt fort: „Sichtbar ist nämlich die Kirche, um den Inhalt des Begriffs näher zu bestimmen, 1. in ihrer äußeren Konstitution, indem sie sich darstellt als die geschlossene Gemeinschaft aller derer, welche mit der Hierarchie, d. i. konkret mit den rechtmäßigen Bischöfen in Verbindung stehen, 2. in Bezug auf ihr dreifaches von der Hierarchie ausgeübtes Amt, indem ihre Lehre die äußere Regel für den Glauben, ihr Gesetz die äußere Norm für das sittliche Handeln, ihre Kultformen die sichtbaren Mittel zur Erlangung der Gnade sind.“

Grundlage der Sichtbarkeit ist nach dem heiligen Cyprian zunächst der Episkopat, und zwar als Ganzes gesehen. Wer nicht den Bischof als Hirt anerkennt, gehört nicht zur Kirche Christi. „Wo der Bischof ist, da ist die Kirche.“ Der heilige Cyprian: „Der Bischof macht die Gemeinde zur Christenheit.“ Poschmann: „So tritt uns die Einzelgemeinde als eine organisierte, sichtbare Gesellschaft entgegen. Aber auch in ihrer Gesamtheit bilden die Gemeinden ein organisch zusammengefügtes, abgeschlossenes Ganzes, die katholische Kirche.“ Freilich müssen dazu die einzelnen Bischöfe in der Gesamtheit des Episkopats verbleiben, denn wenn sie sich aus dieser Einheit losgelöst haben, „haben sie aufgehört, rechtmäßige Bischöfe, Stellvertreter Christi zu sein“. „Wie die Einzelkirche ihren Einheitsgrund in ihrem Bischofe hat, so sind die Bischöfe in ihrer Gesamtheit die Grundlage der ganzen Kirche.“ Trennt sich ein Bischof vom Gesamtepiskopat, „so ist seine Gewalt erloschen; er betrügt seine Gemeinde, welche ihn vielleicht noch weiter als Bischof betrachtet und in der Kirche zu sein vermeint, während sie es tatsächlich nicht mehr ist“.

Ausgangspunkt und Mittelpunkt des Gesamtepiskopates ist jedoch der Papst. Die römische Kirche ist „die Hauptkirche, weil Ausgangspunkt und Zentrum der katholischen Kirchengemeinschaft“, sie ist „die Wurzel, aus welcher die übrigen herausgewachsen sind, von welcher sie sich aber auch nicht trennen können, ohne ihre Lebenskraft einzubüßen“. Gemeinschaft mit dem römischen Papst bedeutet Gemeinschaft mit der Kirche. „Ohne Gemeinschaft mit Rom keine Kirche. Durch die Verbindung mit Rom sind die um ihre Bischöfe konzentrierten Einzelkirchen vereinigt zu einem einzigen großen Weltverbande, der katholischen Kirche, die sich nunmehr als eine abgeschlossene sichtbare Größe präsentiert.“

Die Zugehörigkeit zur Kirche ist notwendig für das Heil. Denn sie allein besitzt das dreifache Amt Christi, sie allein ist „imstande, die Wahrheit zu verbürgen, weil in ihr die traditio Dei hinterlegt ist“, sie allein hat die hirtenamtliche Gewalt. „Die Bischöfe und Priester sind vom Herrn als Hirten des Volkes aufgestellt, sie haben dafür zu sorgen, daß Zucht und Sitte gewahrt wird; aus ihrer Hand wird Gott die Seelen am Gerichtstage fordern. Deswegen ist es notwendig, daß die Gläubigen ihnen gehorchen.“ Die Kirche allein besitzt auch das wahre Priestertum, wobei der heilige Cyprian so weit geht, alle außerhalb der Kirche gespendeten Sakramente einschließlich der Taufe für ungültig zu halten. Er hat sich hier, so meint Poschmann, durch „seinen Eifer in der Bekämpfung der Spaltungen in der Kirche“ zu einer „Überspannung des Einheitsgedankens verleiten lassen“. „So wahr es nämlich ist, daß nur derjenige Bischof ein rechtmäßiger Bischof der Kirche ist, welcher mit dem Gesamtepiskopat in Verbindung steht, und daß ein Bischof, der sich von der Gemeinschaft der übrigen trennt, damit sich und die ihm mala fide folgenden Anhänger von den Gnaden der Kirche ausschließt, so falsch ist es, auch den Fortbestand der priesterlichen Amtsgewalten von der Aufrechterhaltung der kirchlichen Gemeinschaft abhängig zu machen und zu lehren, daß es außerhalb der Kirche auch keine objektive Gnadenwirkung, kein gültiges Sakrament und kein Opfer gebe. Der Satz ’salus extra ecclesiam non est‘ enthält so im Sinne Cyprians eine Übertreibung, welche der kirchlichen Lehre widerspricht.“ In ihrem dreifachen Amt ist die Kirche sichtbar durch die „kirchliche Lehre als äußere Glaubensregel“, durch das „kirchliche Gesetz als Norm für das sittliche Handeln“, sowie in der sichtbaren „Gnadenvermittelung durch das Priestertum“.

4. Der Katechismus des heiligen Pius X. definiert die katholische Kirche so: „Die katholische Kirche ist die Gesellschaft oder die Vereinigung aller Getauften, welche auf Erden leben und denselben Glauben sowie das Gesetz Christi bekennen, an denselben Sakramenten teilhaben und den rechtmäßigen Hirten gehorchen, besonders dem Obersten Hirten in Rom.“ Hier ist die doppelte Sichtbarkeit im dreifachen Amt und der Hierarchie kurz und knapp zusammengefaßt. Zur Sichtbarkeit der wahren Kirche Jesu Christi gehört freilich auch ihre Unterscheidbarkeit von „den vielen Gesellschaften oder von Menschen gestifteten Sekten, die sich christlich nennen“, anhand ihrer vier Kennzeichen: „Sie ist einig, heilig, katholisch und apostolisch.“ Man nennt die Kirche auch die „römische“, „weil man die vier Charaktere der Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität nur in jener Kirche antrifft, die den Bischof von Rom, den Nachfolger des heiligen Petrus, als Oberhaupt anerkennt“.

Die Kirche Jesu Christi „ist als eine wahre und vollkommene Gesellschaft verfaßt, und man kann an ihr wie an einer juristischen Person Seele und Leib unterscheiden“. „Die Seele der Kirche besteht in dem, was sie an Innerlichem und Geistigem besitzt, das sind der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Gaben der Gnade und des Heiligen Geistes und alle himmlischen Schätze, welche ihr durch die Verdienste Christi, des Erlösers, und der Heiligen zugeflossen sind.“ Ihr Leib „besteht in dem, was sie an Sichtbarem und Äußerlichem besitzt, sei es in der Versammlung ihrer Glieder, sei es im Kult, sei es in ihrem Lehramt, sei es in der äußeren Ordnung und Regierung“. Zwar kann sich niemand „außerhalb der katholischen, apostolischen, römischen Kirche“ retten, wer sich aber „ohne seine Schuld, das heißt im guten Glauben, außerhalb der Kirche befindet und die Taufe empfangen oder unausgesprochen wenigstens das Verlangen danach hat, wer außerdem aufrichtig die Wahrheit sucht und den Willen Gottes erfüllt, so gut er kann, der ist, wenn auch getrennt vom Leib der Kirche, dennoch mit ihrer Seele vereinigt und daher auf dem Wege des Heiles“.

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