Die Neue Messe – Ein Ritus der Kirche?

Während die Anglikaner ihre Meßreform gegen Rom durchführten und das Ziel eine eigene Nationalkirche war, ist die nachkonziliare Reform von „Rom“ und durch „Rom“ durchgeführt worden, und dieselbe wurde von den römischen Autoritäten der ganzen Weltkirche aufoktroyiert. Das ist eine in der Kirchengeschichte einmalige Situation, eine Situation, die dringend einer Erklärung bedarf. Etwas anders ausgedrückt: Kann ein legitimer Papst der Kirche eine Liturgie aufzwingen, von der man sagen muß, daß sie der Liturgie der Anglikaner fast bis aufs Haar gleicht? Eine Meß-Liturgie, über die die Kardinäle Ottaviani und Bacci in ihrer Schrift „Kurze kritische Untersuchung des Novus Ordo Missae“ folgendermaßen urteilen: „… All dieses impliziert weder die Realpräsenz noch die Wirklichkeit des Opfers, weder die Sakramentalität des konsekrierenden Priesters noch den innersten Wertgehalt des eucharistischen Opfers unabhängig von der Gegenwart der Versammlung. Ebensowenig ist irgendeiner der dogmatischen und für die Messe wesentlichen Werte impliziert, die erst die wahre Definition der Messe konstituieren. Hier kommt die freiwillige Auslassung ihrem ‚Überholtsein‘ und daher, wenigstens in der Praxis, ihrem totalen Verneintwerden gleich.“

Kann das sein? Kann die Kirche einen Ritus haben, der mit den vorhergehenden Riten so weit bricht, daß es „wenigstens in der Praxis ihrem totalen Verneintwerden gleich“ kommt?

Um diese Tatsache zu erklären, nehmen viele Traditionalisten ihre Zuflucht zu einer recht zweifelhaften These. Sie verweisen meist auf Paul VI., der schon am 29. Juni 1972 gesagt habe: „Wir haben das Gefühl, daß durch irgendeinen Spalt der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist (Anm.: Montini sagte nicht, der Rauch Satans sei „in den Vatikan“ eingedrungen, wie öfter fälschlich behauptet wurde, Montini sagte: „in den Tempel Gottes eingedrungen“) … Es ist zum Eingriff einer feindlichen Macht gekommen, ihr Name ist ,Teufel‘ (diavolo)… Wir glauben, daß etwas Außernatürliches in die Welt gekommen ist, nur um zu stören, die Früchte des Konzils zu ersticken.“

Zunächst muß man also erstaunt feststellen: Gemäß dem Originalzitat Montinis ist der Rauch Satans gar nicht in Form des Modernismus und seiner neuen Liturgie in die Kirche eingedrungen, sondern um „die Früchte des Konzils zu ersticken“! Was für ein Hohn ist diese Aussage, wenn man bedenkt, was dieses sog. Konzil alles angerichtet hat. Bereits im Frühjahr 1963 sprach der amerikanische Professor George A. Lindbeck, seinerzeit Delegierter des lutherischen Weltbundes auf dem sog. Konzil, im Blick auf die Liturgiekonstitution vom „Ende der Gegenreformation“ und er legte seine Ansicht in einem Artikel über „Die theologischen Grundsätze der Liturgie-Reform“ dar, in dem es heißt: „…es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Grundprinzipien des Schemas (des 2. Vatikanums über die Liturgie) nichts weniger als revolutionär sind – zumindest in protestantischer Sicht… In jedem Fall stellen sie… das Manifest der Umkehrung der wesentlichen liturgischen Bestrebungen (und Richtungen) aus den letzten – vielleicht kann man so weit gehen – fünfzehnhundert Jahren dar.“

Wie ist das also mit dem Rauch Satans in der Kirche genau – „das Manifest der Umkehrung der wesentlichen liturgischen Bestrebungen (und Richtungen) aus den letzten – vielleicht kann man so weit gehen – fünfzehnhundert Jahren“? Welches Ziel hat diese revolutionäre Umkehrung? Manche Traditionalisten sprechen in diesem Zusammenhang oftmals von einer Selbstzerstörung in der Kirche. Doch fragt man sich hierzu nochmals erstaunt: Wie soll das denn möglich sein? Kann denn die unzerstörbare Kirche Jesus Christi sich plötzlich selbst zerstören? Im Katechismus des hl. Pius X. heißt es auf die Frage: Kann die katholische Kirche zerstört werden oder untergehen? „Nein, die katholische Kirche kann verfolgt werden, aber sie kann nicht zerstört werden und nicht untergehen. Sie wird dauern bis ans Ende der Welt, weil Jesus Christus, wie er verheißen hat, bei ihr sein wird bis ans Ende der Welt.“ Wer von einer Selbstzerstörung der Kirche spricht, hat offensichtlich schon lange Wesentliches durcheinandergeworfen.

Versuchen wir dieses Durcheinander ein klein wenig in Bezug auf den Ritus der Kirche zu entwirren. Kardinal Billot schreibt: „Das immerwährende Opfer, um das es hier geht, ist das Opfer des Neuen Bundes; es folgte auf jenes des Alten Bundes, das man laut dem Gesetz Mosis abends und morgens im Tempel von Jerusalem darbrachte … In einem Wort, es ist das Opfer unserer Altäre, das dann, in diesen schrecklichen Tagen, überall geächtet sein wird; außer wenn es im unterirdischen Schatten der Katakomben dargebracht wird, wird es überall unterbrochen sein … Doch was wird diesmal der Greuel der Verwüstung sein? Offenbar etwas Ähnliches wie das, was bei der Verfolgung durch Antiochus geschah, als der Tempel von Jerusalem Jupiter dem Olympier geweiht und mit allerlei Unreinheit und Entweihung befleckt wurde. Etwas Ähnliches sagen wir, wobei wir uns durchaus Rechenschaft über die Verschiedenheit von Zeit und Ort sowie den Unterschied zwischen einer örtlichen Verfolgung und jener weltweiten Verfolgung ablegen, die unter dem Antichristen stattfinden wird. Doch was steht uns noch bevor? Welches neue Ungeheuer des Götzendienstes wird sich in unseren Tempeln breitmachen, die zu Tempeln des Gottes Menschheit, des Gottes Vernunft, des der Welt innewohnenden Gottes geworden sind, und am Ende nach all den Bemühungen des Freidenkertums über den weltjenseitigen Gott der christlichen Offenbarung triumphieren? Irgendein geheimnisvoller Luziferianer aus den finsteren Höhlen der freimaurerischen Zusammenkünfte, jäh ans Tageslicht getreten, wird die Stelle der umgestürzten Tabernakel unseres Herrn Jesus einnehmen“ („La Parousie“ [„Die Parusie“], S. 122-124, Ed. Beauchesne).