Der Vorsehungsglaube des heiligen Josef

Zur ersten sagt der hl. Franz von Sales: „Um diese Reinheit und Jungfräulichkeit zu bewahren, war es notwendig, daß die göttliche Vorsehung sie der Obhut und Fürsorge eines Mannes übergab, der jungfräulich war, und daß die Jungfrau diese süße Frucht des Lebens, unseren Herrn, im Schatten der heiligen Ehe empfängt und gebiert … nicht, daß Josef in irgendeiner Weise zu dieser heiligen und glorreichen Frucht beigetragen hätte, es sei denn allein durch den Schatten der Ehe … Und obwohl er nichts aus sich selbst dazu beigetragen hatte, so hat er doch eine wichtige Rolle für diese heiligste Frucht seiner heiligen Braut gespielt; denn sie gehörte zu ihm und wurde direkt neben ihn gepflanzt, wie eine herrliche Palme neben eine von ihr geliebte zweite Palme. Gemäß dem Plan der göttlichen Vorsehung konnte und sollte sie keine Frucht hervorbringen, wenn nicht in seinem Schatten und unter seinen Augen.“

Zur zweiten schreibt Monsieur Olier: „Der bewunderungswürdige hl. Josef wurde der Welt geschenkt, um die hinreißende Vollkommenheit von Gott dem Vater auf greifbare Weise auszudrücken. In seiner Person allein trug er alle Schönheit Gottes des Vaters, seine Reinheit und Liebe, seine Weisheit und Klugheit, seine Barmherzigkeit und sein Mitgefühl. Ein einziger Heiliger wurde dazu bestimmt, Gott Vater widerzuspiegeln, während es einer unendlichen Menge von Geschöpfen, einer Vielzahl von Heiligen bedarf, um Jesus Christus darzustellen. Denn jegliche Arbeit der ganzen Kirche besteht allein darin, eine äußere Manifestation der Tugenden und der Vollkommenheiten ihres anbetungswürdigen Oberhauptes hervorzubringen, der hl. Josef aber repräsentiert allein den ewigen Vater … Von daher muss der majestätische hl. Josef als die größte, die berühmteste, die unbegreiflichste Person der Welt angesehen werden … Nachdem [der Vater] diesen Heiligen ausgewählt hat, um aus ihm sein lebendes Abbild auf Erden zu machen, gibt er ihm zusammen mit sich selbst einen Abglanz seiner unsichtbaren und verborgenen Natur mit auf den Weg, und meiner Ansicht nach befindet sich dieser Heilige in einem Bereich weit jenseits aller Verstehbarkeit durch den menschlichen Geist …“

Zur dritten führt Papst Leo XIII. aus: „Noch dank einer andern hoheitsvollen Auszeichnung nimmt der heilige Joseph eine einzigartige Stellung unter den Menschen ein: durch den Ratschluß der Vorsehung war er nämlich der Beschützer des menschgewordenen Gottessohnes, da er in den Augen der Welt als dessen Vater galt. (Vgl. Luk. 3, 23; Joh. 6, 42.) Aus diesem Umstand ergab sich für das Wort Gottes eine demütige Unterwerfung dem heiligen Joseph gegenüber, so daß Christus in vollkommener Unterordnung seinen Befehlen gehorchte, wie es sich für ein Kind seinem Vater gegenüber geziemt. (Vgl. Luk. 2, 51.) Ferner brachte diese doppelte Ehrenstellung ganz natürlich die Verpflichtungen mit sich, die einem Familienvater von Amts wegen obliegen. Somit war der heilige Joseph zugleich der Beschützer, der Fürsorger, der natürliche und gesetzmäßige Sachwalter der heiligen Familie, deren Oberhaupt er war. Diese Ämter und Befugnisse hat er auch tatsächlich ausgeübt, solange er hienieden lebte. (Vgl. Luk. 2, 22 23 27.) Mit inniger Liebe und unablässiger Mühewaltung hat er seine Ehefrau und das göttliche Kind umsorgt. Er verdiente durch regelmäßige Arbeit ihren Lebensunterhalt. Er entzog Jesus der tödlichen Gefährdung durch den König Herodes, indem er für ihn eine ferne Zufluchtsstätte fand. (Vgl. Matth. 2, 13—15.) Inmitten der Beschwerden einer mühseligen Reise und während des bitteren Auslandaufenthaltes bewährte er sich zu jeder Stunde als Leidensgenosse, Beschützer und Tröster der heiligen Jungfrau und ihres Kindes.“

Die Schauungen der M.C. Baji über den hl. Josef

Gehen wir nun den einzelnen Vorzügen dieses großen Heiligen nach, immer im Hinblick auf seinen alles überragenden Vorsehungsglauben.

Von Maria wissen wir, daß sie sich schon vor ihrer Vermählung mit Josef durch ein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit ganz und gar Gott geschenkt hat. Vor der Verlobung mit Josef mußte sie diesem also von ihrem Gelübde Mitteilung machen. Da der hl. Josef sie trotz dieses Gelübdes geheiratet hat – und ein solches Gelübde war zur damaligen Zeit etwas ganz und gar Außergewöhnliches – muß man davon ausgehen, daß auch er sich mit einem solchen Gelübde schon vor Gott gebunden hatte oder ein solches noch vor der Vermählung ablegte. Ersteres scheint der göttlichen Vorsehung angemessener zu sein. Gott führt die zwei reinsten Seelen zueinander, um sie in einem hl. Bund zu verbinden. Doch hat dieser Bund nicht den gewöhnlichen Sinn einer menschlichen Ehe, er dient nicht der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes, sondern er soll Voraussetzung sein für das kommende Leben des göttlichen Erlösers. Die jungfräuliche Ehe zwischen Josef und Maria ist der Lebensgrund für den kommenden Messias, der als Kind geboren werden und in einer Familie aufwachsen soll.

Wenn man mehr und Genaueres über die Zeit der Kindheit und Jugend des hl. Josef wissen will, sind wir auf die von der Kirche geprüften Visionäre angewiesen. Wobei die Kirche sich nur dafür verbürgt, daß die geprüften Visionen nicht im Widerspruch mit dem Glauben stehen, sie will jedoch nicht verbürgen, daß alles wirklich so gewesen sein muß, wie es die Visionäre berichten. Dennoch sind solche Schauungen heiliger oder heiligmäßiger Visionäre eine große Hilfe für uns, uns eingehender und tiefer in das Leben des hl. Josefs hineinzudenken. Bekannt sind die Schauungen der Äbtissin Maria Cäcilia Baij, O.S.B. über das Leben des hl. Josef. Maria Cäcilia Baij lebte im Benediktinerkloster in Montefiascone, wo sie 1713 eintrat. Sie trug unsichtbar die Wundmale Jesu und wurde von ihrem göttlichen Bräutigam aufgefordert, ihre Schauungen mitzuteilen.

Über die Geburt des hl. Josef schreibt sie: „Als die Zeit der Geburt Josefs nahte, bereitete sich seine Mutter mit glühenden Gebeten darauf vor. Es kam nun der bedeutungsvolle Tag. Mit großer Leichtigkeit gebar die Mutter ihren Josef. Durch diese Geburt wurden sowohl die Eltern als auch die helfenden Frauen sehr getröstet. Josef hatte einen engelhaften, ehrwürdigen und heiteren Gesichtsausdruck. Wenngleich in diesem Alter bei anderen Kindern die Gesichtszüge kaum unterschieden werden können, bemerkte man sie bei Josef sehr gut. Jeder, der ihn bloß anschaute, fand Trost. Wie die Eltern ihr Kind in so schöner Gestalt sahen, wurden sie in der Wahrheit, die der Engel ihnen im Traum geoffenbart hatte, befestigt. Nachdem die notwendigen Verrichtungen geschehen waren, dankte die Mutter Gott für die glückliche Geburt. Sie nahm das Knäblein auf den Arm und opferte es Gott auf mit dem Wunsche, es dem heiligen Tempeldienste in Jerusalem zu weihen. Gott aber hatte bereits bestimmt, Josef zum Wächter des lebendigen Tempels des Heiligen Geistes, nämlich der Mutter des göttlichen Wortes, zu machen. Der Allerhöchste nahm zwar die Sehnsucht und das Opfer der Mutter an. Wenn Er aber ihren Wunsch, Josef einmal als Tempelpriester zu sehen, nicht erfüllte, so tat Er es deshalb, um ihn eines höheren Berufes zu würdigen.“

Die göttliche Vorsehung hatte den hl. Josef auserwählt, „Wächter des lebendigen Tempels des Heiligen Geistes, nämlich der Mutter des göttlichen Wortes“ zu sein. Dafür bedarf es zweifelsohne außerordentlicher Gnaden. Das Leben dieses Kindes mußte in der Gnade zu einer Vollkommenheit heranreifen, die unsere Vorstellung weit übertrifft. Der moderne Mensch, der modernistische Theologe will das nicht mehr wahr haben – also für wahr halten und glauben! Er möchte das Leben dieser heiligsten Menschen auf das Niveau eines Durchschnittskatholiken herabziehen. Welch ein Unsinn, oder soll man besser sagen, welch ein Unglaube! In den Schauungen Maria Cäcilia Baijs ist von diesem modernistischen Geist noch nichts zu spüren. Sie führen uns im Gegenteil in eine Welt ein, die weit über unsere religiöse Erfahrung hinausgeht. Doch letztlich ist das bei jedem Heiligen der Fall, der nicht nur eine gewöhnliche, sondern eine heroische, also heldenhafte Tugend übt. Ihre Tugenden, ihre Gebete, ihre Leiden, ihre Prüfungen übertreffen unsere um Vieles. So ist es notwendigerweise auch beim hl. Josef. Die Vorsehung führt ihn den schmalen und steilen Weg der Vollkommenheit.