Der Vorsehungsglaube des heiligen Josef

Wenn ein Heiliger eine außergewöhnlich Sendung zu erfüllen hat, dann greift Gott auch besonders in sein Leben ein. Gott muß ihn auf seine zukünftige Aufgabe vorbereiten. So war es gemäß den Visionen von Maria Cäcilia Baij auch beim hl. Josef: „In einer Nacht, als Josef schlief, erschien ihm der Engel im Traume und sagte ihm, Gott habe sehr große Freude darüber, daß er den Vorsatz machte, die ganze Zeit seines Lebens jungfräulich zu leben. Gott verheiße ihm Seine besondere Gunst und Hilfe. Dann zeigte ihm der Engel einen Gürtel von unvergleichlicher Kostbarkeit und Schönheit und sagte zu ihm: ‚Diesen Gürtel sendet Dir Gott zum Zeichen des Wohlgefallens, das Er an Deinem Entschluß hat. Und zum Zeichen der Gnade, die Er Dir gibt, um immer unvermindert den Glanz Deiner Reinheit zu bewahren, beauftragte Er mich, daß ich Dich mit diesem Gürtel umgebe‘. Der Engel näherte sich nun Josef und umgürtete seine Lenden mit dieser Gürtelschnur. Er befahl ihm, Gott zu danken für die ihm erwiesene Gunst und Gnade. Als Josef erwachte, erhob er sich sofort, kniete nieder und betete Gott an, Ihm innigst dankend für diese Wohltat. Josef wurde dadurch niemals von einer Versuchung gegen die Keuschheit belästigt. Obschon der Teufel ihn mit verschiedenen Versuchungen angriff, konnte er ihm in diesem Punkt nicht nachstellen, weil Gott es nicht zuließ. Der Allerhöchste bewahrte in ihm eine wunderbare Reinheit, so daß er wohl würdig war, Beschützer der Königin der Jungfrauen zu sein.“

Josef soll der reinste Bräutigam der allerseligsten Jungfrau Maria werden. Darum mußte er sich die Tugend der Keuschheit in höchstmöglicher Weise aneignen, was natürlich nur mit der Hilfe einer außerordentlichen Gnade Gottes möglich war. Da jedoch der hl. Josef vollkommen treu mit der Gnade mitwirkte und somit lernte, sich vollkommen zu beherrschen, gewährte ihm Gott die besondere Auszeichnung einer engelgleichen Reinheit, die in der Vision durch den Gürtel, den der Engel ihm umlegt, besiegelt wird: „Der Allerhöchste bewahrte in ihm eine wunderbare Reinheit, so daß er wohl würdig war, Beschützer der Königin der Jungfrauen zu sein.“

Unsere Visionärin berichtet uns zudem, Josef habe Maria schon vor seiner Vermählung gekannt, obwohl er sie niemals vorher gesehen hat, um mit ihr eine Gebetsgemeinschaft zu bilden: „Es befand sich damals im Tempel die heilige Jungfrau Maria, die zur Mutter des göttlichen Wortes bestimmt war. Ihre wunderbaren Tugenden wurden von allen anderen Tempeljungfrauen bewundert, besonders von jenen, denen sie zur Erziehung anvertraut war, und es wurde darüber auch in der Stadt geredet. Unser Josef aber wußte keine Neuigkeiten, denn er verkehrte mit niemanden. In einer Nacht aber sprach der Engel zu ihm im Traume und offenbarte ihm, daß im Tempel ein Mädchen sich befinde, das Gott so sehr teuer sei. Es werde vom Allerhöchsten überaus geliebt und bevorzugt; ja man könne sich die unendliche Liebe Gottes zu diesem Menschenkinde gar nicht vorstellen. Gott habe an ihm Sein größtes Wohlgefallen. Er ergötze Sich an ihm ob seiner seltenen Tugenden und seiner wunderbaren Reinheit und Heiligkeit. Diese Tempeljungfrau sei Maria, die Tochter des Joachim und der Anna, welch beide er ja gut kenne. Dies sagte der Engel zu ihm, auf daß er Gott lobe und Ihm für die Gnaden und Gunsterweise danke, die Er Maria erteilt hat. Er möge sich freuen, daß es auf der Welt ein Geschöpf gebe, das so würdig und Gott so wohlgefällig ist. Als Josef erwachte, erhob er sich und mit großem Herzensjubel dankte er Gott und lobte Ihn. Er freute sich sehr ob der erhaltenen Botschaft. Dabei fühlte er in seinem Herzen eine heilige Liebe zu dieser Jungfrau sich entzünden, sodaß er sehr oft zum Tempel ging, angezogen von der Neigung zu ihr. Obschon er sie niemals sah, liebte er sie doch ob ihrer seltenen Tugenden. Im Tempel betete er und dankte Gott, daß er Sich gewürdigt habe, der Welt eine so heilige Jungfrau zu senden. Er bat den Allerhöchsten, sie immer mehr mit Seinen Gnaden zu bereichern. Und wie sie an Alter zunehme, ebenso möge sie auch in der Tugend reifen. Gott nahm die Gebete unseres Josef mit Wohlgefallen an. Hierüber gab Gott auch Maria ein klares Licht. Er ließ sie die Frömmigkeit Seines Dieners Josef erkennen, Er teilte ihr mit, wie sehr derselbe für sie bete. Auf das hin betete auch Maria von nun an für Josef und flehte zu Gott, Er möge ihn mit Seiner Liebe und Gnade erfüllen. Gott erhörte in wunderbarer Weise die Bitten Mariens. Sowohl der heilige Josef, als auch die heiligste Jungfrau Maria empfahlen sich gegenseitig immer Gott, obwohl sie sich von Angesicht zu Angesicht nicht gekannt, noch jemals miteinander gesprochen hatten. Sie wußten jedoch alles durch göttliche Offenbarung.“

Wie gesagt, muß es nicht in allem genau so gewesen sein, wie es die Schauungen berichten. Dennoch zeigen uns diese Schilderungen der Maria Cäcilia Baij die Möglichkeiten Gottes auf, Großes in den Seelen zu wirken, die einen großen Glauben haben. Warum sollte Gott diese zwei heiligsten Seelen nicht geheimnisvoll miteinander verbunden haben, ehe sie sich überhaupt kannten? Hat er denn nicht auch die Seele eines Franz von Sales mit der einer Johanna Franziska von Chantal in einer Weise verbunden, die jede gewöhnliche Freundschaft himmelweit übersteigt? Sollte Gott nicht wollen, daß die beiden heiligsten Seelen füreinander beten und opfern und sich gegenseitig ermuntern, in der Liebe Gottes Großes zu vollbringen, wenn auch ganz im Verborgenen? So ferne ist dieser Gedanke gar nicht, wie er zunächst womöglich scheint.

Hierzu noch ein weiteres Detail aus den Visionen der Maria Cäcilia Baij: „Der Engel sagte einmal zu Josef, daß Maria sich ganz Gott hingegeben und ihre Jungfräulichkeit durch ein Gelübde Ihm geweiht habe, was Gott höchst wohlgefällig sei. Als der Heilige diese Mitteilung des Engels vernahm, wurde er ganz begeistert, Maria nachzuahmen. Auch er wollte durch ein Gelübde seine Reinheit Gott weihen. Doch da dies damals nicht üblich war, war der Heilige unschlüssig, ob er dies tun dürfe und ob es Gott angenehm sei, wenn er das Gelübde ablegen würde. So ging er zum Tempel, um Gott anzuflehen, Er möge ihm Seinen Willen in dieser besonderen Angelegenheit offenbaren. Nach vielen Bitten würdigte Sich Gott, ihm Sein Wohlgefallen kundzugeben, indem Er innerlich zu ihm sprach; Er sagte ihm, daß es Ihm wohlgefalle, wenn er seine Jungfräulichkeit durch ein Gelübde Ihm weihe. Er versicherte ihn Seines Beistandes und Seiner besonderen Gnade, damit er das Gelübde vollkommen beobachten könne. Josef wurde sehr getröstet, als er die Stimme Gottes vernahm. Sogleich legte nun auch er das Gelübde immerwährender Jungfräulichkeit ab. Als er dieses Versprechen machte, wurde sein Herz von unaussprechlicher Freude erfüllt. Diesen Jubel ließ Gott ihn fühlen, damit er um so mehr die Versicherung habe, wie lieb Ihm dieses gegebene Versprechen sei. Josef wurde auch eine Offenbarung zuteil, in der ihm Gott die vielen Vorzüge der erhabenen Tugend der Reinheit erkennen ließ; er kam dabei sozusagen außer sich vor Freude. Dadurch wurde Josef immer mehr für diese Tugend begeistert und sagte Gott innigsten Dank. Daraufhin kehrte er ganz getröstet und freudig in seine kleine Werkstatt zurück. Des Nachts sprach der Engel wiederum zu ihm und versicherte ihm, daß Gott die Gelübdeablegung, die er zur Nachahmung der Tugend Mariens machte, höchst willkommen sei.“

Die Vermählung des hl. Josef mit der allerseligsten Jungfrau Maria

Nach dieser Schauung wäre es also wirklich so gewesen: Gott hat zunächst diese zwei reinsten jungfräulichen Seelen in einem hl. Gelübde ewiger Jungfräulichkeit an sich gebunden, ehe sie sich überhaupt kannten, um sie dadurch auf ihren unvorstellbar heiligen Beruf vorzubereiten.

Da wir uns nun schon etwas in diese visionäre, aber durchaus mögliche Welt eingelesen haben, dürfen wir wohl auch noch fragen, wie es Gott in Seiner unaussprechlichen Vorsehung gefügt hat, daß der hl. Josef zum Bräutigam dieser heiligsten Braut wurde. Da Josef nach den hl. Evangelien kein großer Redner war, wird er wohl einfach durch seine Eltern dazu bestimmt worden sein. So denkt man zunächst, denn immerhin war das damals ein allgemein üblicher Brauch. Trotz dieser Annahme bliebe jedoch immer noch als Hindernis einer Vermählung das Gelübde der Jungfräulichkeit. Wobei man sich durchaus vorstellen kann, daß der hl. Josef ganz im Vertrauen auf Gottes Vorsehung hoffen konnte, daß er eine Braut finden könne, die dieses Gelübde anerkennen und womöglich gleichfalls ein solches Gelübde ablegen könnte.

Nach unserer Visionärin war der Hergang noch viel ergreifender. Josef hatte seine Eltern schon einige Zeit verloren und lebte allein in Nazareth, wo er eine sehr kleine Werkstatt hatte und arbeitete. „Josef hörte nun sagen, daß die heilige Jungfrau verheiratet werden solle. Deshalb wurden alle Jungmänner vom Stamme Davids verständigt, daß sie sich zum Tempel begeben sollten. Jener, der nach Gottes Willen zum Bräutigam Mariens bestimmt sei, werde sie zur Braut bekommen. Josef staunte darüber sehr und sagte: ‚O selig jener, dem solch ein Glück zuteil wird!‘ Muß auch er als Nachkomme Davids zu dieser Entscheidung im Tempel sich einfinden? Er war sehr unschlüssig. Doch um dem Befehl zu gehorchen, schickte auch er sich an, zu dieser Begegnung mit Maria sich zu begeben. Er dachte aber, daß ihm ein so schönes Los nicht zuteil werden würde, da er doch seine Jungfräulichkeit Gott geweiht hatte. Trotzdem empfahl er sich Gott sehr an und bat Ihn um Seine Huld und Seinen Beistand in dieser so wichtigen Angelegenheit.“