Der Vorsehungsglaube des heiligen Josef

Wie treffend die göttliche Vorsehung alles fügt. Da Josef aus dem Hause David stammt, ist auch er zur Brautschau geladen, der sonst niemals hinzugekommen wäre. Josef wollte einfach nur den Willen Gottes erfüllen, als er zu der festgelegten Zeit zum Tempel ging.

„Es hatten sich auch die übrigen Nachkommen Davids eingefunden und viele andere, die ebenfalls die heilige Jungfrau sehen wollten ob des großen Rufes, der in der Stadt verbreitet war. Der Priester gab die Erklärung ab, daß Maria mit einem Manne aus dem Stamme Davids verheiratet werden müsse. Er machte folgenden Vorschlag: Um den göttlichen Willen zu erkennen, wer von Gott zum Bräutigam der so würdigen Jungfrau bestimmt sei, möge jeder von ihnen einen dürren Zweig in der Hand halten. Man möge Gott anflehen, Er solle den Zweig desjenigen erblühen lassen, der zum Bräutigam Mariens bestimmt sei. Mit allgemeiner Zustimmung wurde dieser Vorschlag des Priesters angenommen und so getan. — Indessen flehte die heiligste Jungfrau Maria in ihrer Kammer Gott um Seinen Beistand und Seine Gnade an; Er möge ihr einen jungfräulichen Bräutigam auserwählen, der der Wächter ihrer Reinheit sei. Schon sah sie im Geiste, wie ihr der keuscheste und heiligste Josef zugewiesen werden wird. Darüber höchst erfreut, sagte sie Gott Dank.
Inzwischen verrichtete der Priester mit allen anderen ein Gebet, das sich auf den guten Ausgang der Sache bezog. Unser Josef stand hiebei an der abgelegensten Stelle, weil er sich für unwürdig erkannte. Da auf einmal sah er seinen Zweig erblühen und mit schneeweißen Blüten bedeckt werden. Das Wunderzeichen wurde gleich von allen angestaunt. Auf das hin sagten die Diener des Tempels und der diensthabende Priester, Josef sei von Gott zum Bräutigam der Jungfrau Maria bestimmt. Nach diesem Ereignis wollte Gott auch ein anderes offenkundiges Zeichen von dieser keuschesten Vermählung geben. Alle sahen nun eine schneeweiße Taube vom Himmel herabsteigen und sich auf das Haupt Josefs setzen. Durch dieses Zeugnis von Seiten Gottes wurden alle in Staunen versetzt und man hatte nun die Gewißheit, daß Gott Josef aus allen Bewerbern zum Bräutigam der heiligsten Jungfrau erwählt hatte. Alle freuten sich darüber; nur jene, die enttäuscht wurden, empfanden Schmerz über die für sie ungünstige Entscheidung.
Welche Gefühle das Herz des demütigsten Josef nun durchfluteten, kann jeder sich vorstellen.
Während er sich wegen seiner Unwürdigkeit schämte, wurde er zugleich ob des glücklichen Ausganges von Jubel erfüllt, und zwar in einer Weise, daß er in Verzückung geriet. Oft wiederholte er: ‚Woher ist mir, mein Gott, eine so große Gnade geworden? Wann habe ich jemals ein so besonderes Geschenk verdient? O, mit Recht hat mir der Engel gesagt, daß Du mir eine überaus große Gnade zugedacht hast und daß ich mich darauf vorbereiten soll. Nun weiß ich, wer die reinste Taube ist, die mir in die Hand gegeben wurde, damit ich der Wächter ihrer Reinheit sei. Ich werde, mein Gott, dies sein, mit Hilfe Deiner Gnade und mit der Gunst meiner treuen Taube und Braut Maria.‘
Indessen wurde die heiligste Jungfrau Maria herbeigeholt, damit der Priester sie mit Josef vermähle. Alle blieben hier, um dies zu sehen. Nun erschien die Jungfrau mit zur Erde gewandten Augen. Ihr Antlitz hatte eine wunderbare, jungfräuliche Röte. Beim Anblick ihrer Erscheinung wurde jeder in Staunen versetzt ob ihrer seltenen Schönheit, Anmut und einzigartigen Bescheidenheit. Alle beneideten Josef ob seines glücklichen Loses. Als Josef Maria sah, wurde er ganz verzückt, er weinte vor Freude. Der Heilige sah einen großen Glanz im jungfräulichen Antlitz seiner reinsten Braut und in seinem Herzen vernahm er die Stimme Gottes, die zu ihm sprach: ‚Josef, Mein getreuer Diener, siehe, Ich mache Dir nun das verheißene Geschenk und gebe Dir zur Braut das teuerste Geschöpf, das Ich auf Erden habe. Ich übergebe Dir dieses Kleinod, auf daß Du dessen Wächter seiest. Diese reinste Taube wird Deine treueste Gefährtin sein. Ihr beide werdet Euch jungfräulich erhalten. Ist es doch gerade die Jungfräulichkeit, die Euch am innigsten verbindet. Die Liebe von Euch beiden wird sich nun zu einer Liebe vereinigen, die Mir geweiht sein wird. Bin doch Ich der Mittelpunkt dieser Liebe und das Ziel all Eurer Wünsche.‘
Josefs Herz war voll von Trost und Jubel. Er wagte es nicht, seine reinste Braut anzuschauen; er fühlte sich jedoch angezogen von einer wahren, herzlichen Liebe und von einer zarten Weihe, anzuschauen und zu verehren die Schönheit und Majestät ihres Antlitzes. So oft er die Augen erhob, um sie zu sehen, war er entzückt. Er erkannte deutlich durch ein höheres Licht, daß seine Braut voll der Gnade war. Er verdemütigte sich aber und erkannte sich als den Unwürdigsten, mit ihr umzugehen. Oft sagte er: ‚Wie hast Du, o mein Gott, mir eine so große Gunst erwiesen?‘ — Unterdessen nahm der Priester die religiöse Handlung vor, wie sie in jener Zeit gebräuchlich war. Während dieser feierlichen Handlung sahen die heiligen Brautleute aus ihren Herzen eine Flamme hervorbrechen, die sich zu einer einzigen vereinigte und zum Himmel stieg. Gott bestätigte mit diesem sichtbaren Zeichen das, was Er Josef in seinem Innern vernehmen ließ, nämlich, daß ihre Liebe zu einer einzigen vereint und Gott der geliebte Gegenstand in der Ehe sein werde.“

Die größte Prüfung im Leben des hl. Josef

Man möchte bei diesen Beschreibungen fast ausrufen: Gepriesen sei Gott ob Seiner wunderbaren Vorsehung. Der hl. Josef war begreiflicherweise voller Glück und Freude, eine solche von Gott geliebte, heilige, reine Braut sein eigen nennen zu können. Mit welcher Ehrfurcht wird er sie in sein Heim eingeführt haben. Und wie waren die Tage so voll unbeschreiblichen, himmlischen Glücks. Ein Glück, das aber nur die Vorbereitung auf eine der größten Prüfungen im Leben des hl. Josefs war. Denn es kam der Tag der Verkündigung, und seine Braut empfing vom Heiligen Geist denjenigen, vor dessen Namen sich alle Knie beugen, im Himmel und auf Erden und unter der Erde. Josef wußte nichts von diesem Geheimnis. Ganz ahnungslos verlebte er noch die Tage, bis zu dem Tag, an dem er zum ersten Mal unsicher wurde: Erwartet seine Braut ein Kind? Natürlich erschien ihm das Erkannte unmöglich. Seine Braut war so rein, so heilig, so fromm, so gottverbunden, wie man es sich nur denken konnte. Wie sollte sie jetzt ein Kind erwarten, ein Kind von wem? Ein verwirrender, ängstigender, ja geradezu unheimlicher Gedanke. Es folgten für den hl. Josef Tage schwerster Leiden – seelischer Leiden, Gedankenpeinen ohnegleichen! Tag und Nacht ließ es ihn nicht mehr los: Was sollte er nur tun? Er versuchte den Willen Gottes zu erforschen, versuchte eine Lösung des Rätsels zu finden, fand es aber nicht. Schließlich wollte er heimlich weggehen, wollte seine Braut verlassen und fern in der Fremde leben mit seinem zerbrochenen Herzen. Gott wußte, warum alles so war, und Gottes Willen sei über allem gepriesen in alle Ewigkeit!

Lassen wir uns nun den Fortgang des Geschehens von einem der größten Prediger der Ostkirche erklären, von Johannes Chrysostomus: „Es kam also der Engel, als Joseph bereits unruhig geworden war …Siehst du, wie gut der Mann war? Nicht nur hat er seine Braut nicht bestraft, er hat auch mit niemandem davon geredet, nicht einmal mit ihr selber, an deren Treue er zweifelte, sondern einzig und allein mit sich selber ging er zu Rate; ja er suchte die Ursache seines Vorhabens sogar vor der Jungfrau selbst noch zu verbergen… Denn mit niemandem über etwas reden und dann das, was er nur in Gedanken mit sich herumgetragen, aus dem Munde des Engels hören war für ihn ein ganz unzweifelhaftes Zeichen, daß derselbe von Gott gesandt sei. Er allein kann ja die geheimen Gedanken des Herzens schauen. Sieh also, wozu dies alles gut war: der fromme Sinn Josephs hat sich geoffenbart… Diese von dir Geschiedene, sagt der Engel, behalte bei dir, da ja Gott es ist, der sie dir gibt, nicht ihre Eltern. Er übergibt sie dir aber nicht zur Ehe, sondern damit sie mit dir unter einem Dache wohne, und er übergibt sie dir durch diese meine Worte. Denn wenn er auch vom Heiligen Geiste ist, glaube deshalb nicht, die göttliche Vorsehung habe dir keine Aufgabe dabei zugewiesen. Wenn du auch zur Menschwerdung nicht mitgewirkt hast, wenn auch die Jungfrau unversehrt geblieben, so sollst du, freilich ohne das Vorrecht der Jungfrauschaft ihr zu nehmen, dennoch wie ein wirklicher Vater das Recht haben, dem Kinde diesen Namen beizulegen. Du sollst ihm diesen Namen geben. Denn wenn es auch nicht dein Kind ist, du sollst ihm dennoch sein wie ein Vater. Deshalb knüpfe ich schon von dem Augenblick an, wo ihm der Name gegeben wird, ein Band zwischen dir und dem Kinde…“ (Matthäus-Kommentar, 4. Homilie, aus: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 1, S. 68 ff.).

Ergänzen wir diese Worte des Goldmundes noch mit denen des Honigmundes, des hl. Bernhard von Clairvaux: „’Es ward der Engel Gabriel von Gott gesandt zu einer Jungfrau, die mit Joseph verlobt war.‘ Zu einer Jungfrau, die verlobt war. Warum verlobt? Da sie eine auserwählte Jungfrau war und, wie gezeigt wurde, eine Jungfrau, die empfangen, eine Jungfrau, die gebären sollte, so ist es auffallend, warum sie verlobt war und sich nicht vermählen sollte. Sollte dies ein Zufall sein? Wer möchte es behaupten? Nein, hier liegt kein Zufall vor, sondern ein vernünftiger Grund, ein höchst nützlicher und gebieterischer Grund, der Anordnung des göttlichen Ratschlusses vollkommen würdig. Ich will euch meine, vielmehr der Väter Ansicht darüber kundtun. Die Verlobung Mariens hatte den gleichen Grund wie der Zweifel des Thomas. Es war Sitte der Juden, vom Tage der Verlobung an bis zur Hochzeit die Braut dem Bräutigam in Obhut zu geben, damit er ihr um so treuer sei, je sorgfältiger er auf ihre Keuschheit geachtet hatte. Thomas zweifelte und berührte die Wundmale des Herrn und ward so der standhafteste Bekenner der Auferstehung Christi. Joseph verlobte sich mit Maria, prüfte zur Zeit dieser Überwachung mit Sorgfalt ihren Lebenswandel und ward so der treueste Zeuge ihrer Reinheit. Beide Tatsachen stimmen herrlich überein: der Zweifel des Thomas und die Verlobung Mariens. Beide konnten uns in einen ähnlichen Zweifel verstricken, dort am Glauben, hier an der Keuschheit; beide konnten die Wahrheit verdächtigen. Aber in überaus kluger und gütiger Weise geschah das Gegenteil. Woraus man Verdacht fürchtete, kam sichere Gewißheit. Auch ich, schwach wie ich bin, würde über die Auferstehung des Sohnes schneller Thomas glauben, der zweifelt und betastet, als Kephas, der hört und glaubt. Betreffs der Enthaltsamkeit der Mutter glaube ich leichter dem Bräutigam, der sie bewacht und prüft, als der Jungfrau selbst, die nur mit ihrem Gewissen sich verteidigt. Sag, wer würde sie nicht eher Buhlerin als Jungfrau nennen, sähe er sie unverlobt und schwanger? Es wäre aber ungeziemend gewesen, dies von der Mutter des Herrn zu sagen. Erträglicher und ehrenvoller war es, eine Zeitlang zu glauben, Christus sei aus dem Ehebund entsprossen, als hervorgegangen aus dem Laster.“