Der Vorsehungsglaube des heiligen Josef

Gott prüft zwar den hl. Josef hart, aber diese Prüfung geht dennoch einerseits nicht über seine Kräfte, anderseits ist sie für uns eine große Gnade. Denn Josef wird zum Zeugen der Reinheit Mariens und zum Bewahrer und Schützer ihres Geheimnisses, wodurch er schon als Schutzpatron der hl. Kirche vorgebildet ist. Als er nicht mehr aus noch ein weiß, sendet Gott den Engel und tröstet den hl. Josef: „Josef, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, deine Frau, heimzuführen; denn das in ihr Gezeugte stammt vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er nämlich wird retten sein Volk von seinen Sünden“ (Mt. 1,20f).

Damit beginnt ein ganz neues, unvorhergesehenes Leben für den hl. Josef, er wird ganz unvermutet zum Nährvater des Sohnes Gottes und zum Schutzherrn der hl. Familie. Der hl. Josef geht ganz in dieser neuen Aufgabe auf und wächst an der Seite des menschgewordenen Wortes Gottes zu einer schwindelerregenden Größe heran, die freilich zum Großteil verborgen ist hinter einem ganz alltäglichen Leben.

Die Geburt des göttlichen Kindes

Gottes Wege sind nicht unsere Wege, Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Diese Wahrheit begegnet uns augenscheinlich in der ersten Zeit des Zusammenseins von Josef und Maria. Nachdem der hl. Josef die schwerste Prüfung, wie wir sahen, glücklich bestanden hatte, kam die Zeit der Geburt. Die göttliche Vorsehung führte den hl. Josef nach Bethlehem und schließlich in einen Stall, eine Felsengrotte, wie wir es Jahr für Jahr am Weihnachtsfest betrachten. Josef lernte an diesem Tag, seine eigenen Vorstellungen zurückzustellen, um die göttliche Vorsehung vollkommener verstehen zu lernen. Josef sah ein, es mußte ein Stall sein, weil es die göttliche Vorsehung so wollte. So schwer es ihm auch fiel, diese Armut des neugeborenen Kindes zu sehen, so lieb hatte er sie anderseits auch wieder gewonnen, denn es war offensichtlich der Wille des Vaters. Josef verstand damit immer besser, daß alles im Leben des menschgewordenen Gottes ein Vorbild war und zugleich ein Gegenbild. Ein Vorbild für alle Menschen, immer den Willen des himmlischen Vaters über alles zu lieben, und ein Gegenbild zum Stolz des Teufels, den es zu besiegen galt. Das war nun wirklich ein Kampf ganz eigener Art, der hier entbrannte. Es dauerte deshalb auch nicht lange, bis man dem Kind nach dem Leben trachtete. Aber der hl. Josef war als Beschützer zur Stelle. Eilends, mitten in der Nacht, packte er schnell alles zusammen, was man für die Reise brauchen könnte, und floh mit dem Kind und der Mutter ins ferne Ägypten. Josef lernte, die Gewalt der in die Sünde verstrickten Menschen zu erdulden. Er lernte, auf Gott zu vertrauen, ohne ein Wunder zu fordern, eine Ausnahme für sich und die ihm Anvertrauten. Er lernte geduldig darauf zu warten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat – auch wenn das mehrere Jahre dauerte, die er in Ägypten ausharren mußte. Josef blieb immer lernfähig, der Wille Gottes konnte ihn sanft und geschmeidig lenken, weil er sich vollkommen lenken ließ.

Der Nährvater Jesu

Das Größte aber im Leben des hl. Josefs war der Alltag von fast 30 Jahren, ein Alltag verbunden mit der Fähigkeit, kleine Dinge ganz groß zu machen. An der Seite seiner heiligsten Braut erlebte der hl. Josef Tag für Tag das Wunder aller Wunder, wie nämlich der menschgewordene Sohn Gottes vor ihren Augen vom Kind zum Erwachsenen heranwuchs. Wobei der hl. Josef nicht nur Zuschauer ist an diesem gottmenschlichen Schauspiel, sondern Mitspieler, Hauptdarsteller. Er, der einfache Zimmerer, ist der Stellvertreter des himmlischen Vaters, zu dem Jesus Christus wirklich auch „Vater“ gesagt hat, wie es der hl. Franz von Sales einmal so beeindruckend und innig schreibt: „Aber, oh siegreiche Mutter! Wer kann seine Augen auf deine Majestät richten, ohne zu deiner Rechten den zu sehen, für den dein Sohn sich aus Liebe zu dir so oft herabließ, ihn mit dem Titel Vater zu ehren, nachdem er dich mit ihm verbunden hatte durch das himmlische Band einer höchst jungfräulichen Ehe, auf dass er dein Beistand und Helfer sein möge bei der Führung und Erziehung seines göttlichen Kindes? O großer heiliger Josef! Vielgeliebter Gatte der so sehr geliebten Mutter, ach! Wie oft hast du in deinen Armen die Liebe des Himmels und der Erde getragen, während – entflammt von den süßen Umarmungen und Küssen dieses göttlichen Kindes – deine Seele vor Freude schmolz, wenn es zärtlich in dein Ohr flüsterte (o Gott, welche Süßigkeit!), dass du sein großer Freund wärest und sein geliebter Papa!“

Die Väterlichkeit ist sein Charakter und zwar Väterlichkeit mit allen Eigenschaften, die zu ihr wesentlich gehören: Ruhe und Überlegung, Selbstlosigkeit, Treue und Unerschöpflichkeit der Liebe. So begegnet uns der heilige Josef im Evangelium als unerschütterliche Ruhe in allen Ängsten, als die Geistesgegenwart in aufregendsten Vorkommnissen, als die Sanftmut und Geduld in quälenden Sorgen, als die bewunderungswürdigste Einfachheit und Schlichtheit bei den größten Gnadenbezeigungen und Ehrenvorzügen, als die ergiebigste Liebe und der unwandelbare Starkmut in der Pflichterfüllung. In diesen lieblichen und erhabenen Zügen trägt der heilige Josef ganz das Bild des himmlischen Vaters, welcher in der heiligsten Dreifaltigkeit auch die von einem Ende zum anderen ruhig und beständig fortwirkende göttliche Vorsehung darstellt. Der hl. Josef ist die wunderbarste Interpretation von der göttlichen Vorsehung in unserer Menschenwelt, weshalb die geistlichen Schriftsteller es lieben, ihn als den Schatten des himmlischen Vaters zu bezeichnen. Das drückt auch wirklich den ganzen Beruf und die ganze Größe des heiligen Josef auf die bündigste und erhabenste Weise aus. Dabei ist der hl. Josef nicht nur der Schatten des himmlischen Vaters in dem Sinne, daß er der Stellvertreter der Autorität des himmlischen Vaters an seinem Sohn ist, sondern auch insofern, als er durch den Anschein natürlicher Vaterschaft die Gottheit dieses Sohnes in der Zeit verdecken soll. Gott stellt den hl. Josef mit seiner gesetzlichen Vaterschaft wie einen Schatten zwischen sich und das Kind.

Der hl. Josef ist somit wirklich der Engel des Ratschlusses und der Heilige der Kindheit Jesu, er ist ihr Schützer, ihr Erzieher, man möchte sogar sagen, er ist die lebendige, geschaffene Vorsehung, die über ihn wacht. Das ist die eigentümliche Größe und Herrlichkeit des Berufes des hl. Josef.

Der hl. Franz von Sales hat dem heiligen Josef einen ebenso wahren wie schönen Ehrennamen gegeben, er nennt ihn „den Nährvater unserer Liebe zu Christus“. Nährvater Christi zu sein war seine erste Aufgabe; in ihr und durch sie ist er zu seiner zweiten herangereift, der Nährvater unserer Liebe zu Christus zu werden. Wir glauben, daß der heilige Josef die Sorgen seiner Vaterschaft in den Zustand seiner Vollendung mitgenommen hat; daß er seine Liebe zu Christus und Maria auf die Glieder des Leibes Christi überträgt und kein reineres und innigeres Verlangen kennt, als der Nährvater ihrer Liebe zu Christus zu sein. — „Zu meinem Fürsprecher und Herrn“ — Worte der heiligen Theresia von Avila — „erwählte ich den glorreichen heiligen Joseph und empfahl mich ihm recht inständig. Und in der Tat, ich habe klar erkannt, daß dieser mein Vater und Herr es gewesen, der mich sowohl aus meiner damaligen Not als auch aus anderen, noch größeren Nöten, die meine Ehre und das Heil meiner Seele betrafen, gerettet und mir sogar mehr noch verschafft hat, als ich zu bitten gewußt. Ich erinnere mich nicht, ihn bis jetzt um etwas gebeten zu haben, was er mir nicht gewährt hätte. Ja es ist zum Erstaunen, welch große Gnaden mir Gott durch die Vermittlung dieses glückseligen Heiligen verliehen und aus wie vielen Gefahren des Leibes und der Seele er mich durch ihn befreit hat. Andern Heiligen scheint der Herr die Gnade gegeben zu haben, nur in einem bestimmten Anliegen helfen zu können; diesen glorreichen Heiligen aber habe ich in allen Stücken als Nothelfer kennengelernt. Der Herr will uns ohne Zweifel zeigen, daß er ihm im Himmel alles gewähre, was er von ihm begehrt, nachdem er ihm auf Erden als seinem Nähr- und Pflegevater, der das Recht hatte, zu befehlen, untertänig gewesen war.“

So hat eine große Heilige die immerwährende Mission Josefs an sich erfahren, der Nährvater unserer Liebe zu Christus zu sein und an uns liegt es nun, gleichfalls diese Erfahrung zu machen und zu erleben, welche große Gnaden uns Gott durch die Vermittlung dieses glückseligen Heiligen verliehen und aus wie vielen Gefahren des Leibes und der Seele er uns durch ihn befreien möchte.