Katholiken im Widerstand?

von antimodernist2014

Die sog. Kirchenkrise treibt immer wieder neue Stilblüten, Stilblüten, die auf eine mangelnde gedankliche Durchdringung dieses Phänomens hinweisen, wie ja der Begriff „Kirchenkrise“ selbst schon eine solche gedankenlose Stilblüte ist. So fand sich kürzlich auf „Katholisches.info“, einer der „Piusbruderschaft“ mehr als nahestehenden Internetpräsenz, ein Beitrag zu Kardinal Burkes Ausführungen bezüglich der letztjährigen Familiensynode im Vatikan mit der Überschrift „Widerstand“. Da heißt es einleitend: „Der Widerstandsgedanke von Kardinal Raymond Burke sorgte in Rom und der katholischen Welt für einiges Aufsehen (siehe Kardinal Burke: ‚Ich werde widerstehen‘). Es ist lange her, daß sich ein Kardinal der Kirche öffentlich so deutlich und in einem konkreten Kontext zum derzeitigen Pontifex äußerte.“

Mit dem Begriff „Widerstand“ verbindet man zunächst ein gegen ein Unrecht sich wehrendes Verhalten. In diesem Sinne ist Widerstand Bürgerpflicht, und diese Bürgerpflicht offenbart, inwiefern eine Gesellschaft, ein Staat noch fähig ist, Unrecht zu erkennen und sich dagegen zu wehren. Ein derartiger Widerstand zeigt also, ob die Gesellschaft noch ein lebendiges Rechtsempfinden bewahrt hat und Recht noch von Unrecht unterscheiden kann. In der heute herrschenden demokratischen Beliebigkeit ist es freilich recht schwer geworden, dem Recht noch objektive Geltung zuzusprechen, weshalb man heutzutage unter „Widerstand“ eher krawallartige Kundgebungen gewaltbereiter Demonstranten versteht, denen es um alle möglichen oder noch besser gesagt unmöglichen Dinge geht, die durchaus nichts mehr mit Recht und Unrecht zu tun haben. Bei derartigen Demonstranten ist vielmehr anzunehmen, daß sie selber gar nicht wissen, was sie eigentlich wollen, hat sich doch ihr Denken auf Schlagwörter reduziert, von denen sie offensichtlich meinen, diese könnten nur schlagend zur Überzeugung werden.

Im kirchlichen Bereich – und darum geht es in unserem Fall – ist „Widerstand“ zunächst eher etwas Verdächtiges. Denn die von Gott seiner Kirche eingestiftete hierarchische Ordnung zielt ihrem Wesen nach auf Gehorsam – und nicht auf Widerstand. In fast allen Heiligenbiographien und Traktaten über das geistliche Leben wird darauf hingewiesen, daß der Gehorsam eine entscheidende Tugend ist, will man dem Geist der Kirche entsprechend handeln. Nicht selten wird in der Darstellung des vollkommenen Gehorsams der Eindruck erweckt, der Gehorsam sei umso vollkommener, je blinder er ist. Hier wird eine gefährliche Klippe sichtbar, die es zu umschiffen gilt, will man den wahren Sinn des Gehorsams nicht völlig aus dem Blick verlieren. Doch ist dies nicht unser Thema.

In der sog. Tradition, die sich ihrem Selbstverständnis nach im Widerstand gegen das modernistische Rom befindet, wird in diesem Zusammenhang meist darauf verwiesen, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Damit meint man gewöhnlich, das Problem des Gehorsams in dieser Zeit der „Kirchenkrise“ gelöst und den Widerstand gerechtfertigt zu haben, was aber bei weitem nicht der Fall ist, wie sich zeigen wird.

In dem erwähnten Beitrag geht es also um „Widerstand“, konkreter gesagt, um Widerstand gegen „Papst“ Franziskus aufgrund seines Verhaltens auf und nach der Familiensynode im vergangenen Jahr. Der Text stammt von einem jungen britischen Konvertiten, so wird berichtet. Dieser setzt sich mit dem Widerstand des Kardinals auseinander und versucht, diesen einzuordnen und zu rechtfertigen. Warum sich die Verantwortlichen von „Katholisches.info“ bei diesem durchaus nicht einfachen, sondern vielmehr recht komplexen Thema auf einen jungen britischen Konvertiten meinen stützen zu können, scheint uns einerseits bedenklich aber anderseits auch wieder bezeichnend zu sein – je nachdem von welcher Seite aus man es betrachtet. Bedenklich, weil die Verantwortlichen damit dokumentieren, daß sie selber das Thema nicht bewältigt haben, bezeichnend, weil dies bei dieser Art von Traditionalisten auch gar nicht zu erwarten ist.

Einleitend heißt es in dem Text: „Kardinal Raymond Leo Burke löste mit seiner entschiedenen Aussage eine Schockwelle aus, er werde, wenn es die Situation verlange, Franziskus ‚widerstehen‘.“ Das Ganze klingt, verglichen mit dem wirklich Geschehenen, reichlich übertrieben, bzw. es dürfte diese Feststellung wohl nur für manche traditionalistische Gruppen oder Grüppchen gelten. Die „Schockwelle“ war jedenfalls nicht besonders hoch und zudem nicht sehr weitreichend – warum auch in einer so liberalen Welt – die kirchliche Welt ist damit gemeint –, in der doch im Grunde alles möglich ist, warum also nicht auch ein wenig Widerstand?

Der junge Konvertit versucht nach dieser Bemerkung eine Worterklärung zu geben, die darauf hinauswill, „Widerstand“ von Revolution und Rebellion abzugrenzen. Wobei der Versuch zunächst jedoch einfach auf halben Wege stehenbleibt und in eine reine Feststellung mündet, da „’Widerstand‘ gegen einen Papst zwar interessant klingt, ist aber, wie Kardinal Burke sagt, auch beunruhigend“. Es interessiert nun natürlich den Leser, was denn da so beunruhigend sei, worauf er erfährt: „Natürlich ist es nicht der Wunsch von Kardinal Burke, der Lehre eines Papstes zu widerstehen, aber er ist für den Herrn Jesus Christus und für das Wohl der Seelen bereit dazu.“

Es geht also bei dem Widerstand konkret um eine Lehre des Papstes, der widerstanden werden muß – obwohl „es nicht der Wunsch von Kardinal Burke“ ist, „der Lehre eines Papstes zu widerstehen“ – was er dann aber doch wieder tun muß, wenn es Jesus Christus und das Heil der Seelen erfordern. Da ein solcher Widerstand selbst in konzilskirchlichen Ohren konservativer Couleur immer noch recht befremdlich klingt, werden wir dahingehend belehrt: „Es gibt eine Grenze für die päpstliche Macht und eine Linie, die der Papst nicht überschreiten kann, ohne die Kirche und deren göttlichen Stifter zu verraten und die Seelen in Gefahr zu bringen.“ Leider werden wir nun über diese Grenze nicht genauer und weitergehend unterrichtet, was doch zunächst und zuerst notwendig wäre, sondern der junge Konvertit wechselt plötzlich das Thema und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck: „Ich erwarte mir, daß der ‚Widerstand‘ von Kardinal Burke ganz seiner derzeitigen Haltung entsprechen wird: immer respektvoll und würdevoll gegenüber dem Papst.“

Wenn wir das richtig verstehen, dann heißt das, daß ein Papst jene oben erwähnte Grenze überschreiten und gegen den Herrn Jesus Christus und das Wohl der Seelen handeln darf, ohne daß sich dadurch etwas Entscheidendes ändert. Nein, man muß gegenüber dem Papst „immer respektvoll und würdevoll“ sich verhalten – was das konkret auch immer heißen mag. Wir wollen besonders darauf hinweisen, daß der Schreiber in gut modernistischer Manier durch diese Bemerkung von der Sachebene auf eine rein psychologische Ebene wechselt, ohne es womöglich selbst überhaupt zu bemerken. Auf dieser psychologischen Ebene unterscheidet sich jedoch das Papstsein durch nichts vom Sein anderer Menschen, hat doch schließlich jeder Mensch ein Recht darauf, „respektvoll und würdevoll“ behandelt zu werden – und nicht allein ein Papst. Durch diese Bemerkung wird das Papstsein desjenigen, der gegen unseren Herrn Jesus Christus und gegen das Wohl der Seelen handelt, außer Frage gestellt. Immer, gleichgültig, was er tut oder auch nicht tut, immer muß man ihn „respektvoll und würdevoll“ behandeln, was doch so viel heißen soll als: immer bleibt er der Papst. Wenn man den weiteren Text aufmerksam liest, bestätigt sich diese Einsicht. Diese entscheidende Frage wird niemals mehr thematisiert.

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