Katholiken im Widerstand?

Doch zurück zum Text: Wie geht es nun eigentlich mit dem Widerstand weiter? Was soll denn der Kardinal konkret tun, wie soll er sich in dieser prekären Situation verhalten? Er soll „öffentlich gegen jede Verwässerung oder Verfälschung der kirchlichen Lehre, auch durch die ‚pastorale Praxis‘, die Stimme … erheben, damit den Katholiken von heute und den künftigen Generationen von Katholiken wie auch der übrigen Menschheit die Fülle der ganzen Wahrheit für die Rettung des Menschengeschlechts nicht vorenthalten wird“.

Hört sich das nicht gut an, daß „den künftigen Generationen von Katholiken wie auch der übrigen Menschheit die Fülle der ganzen Wahrheit für die Rettung des Menschengeschlechts nicht vorenthalten wird“? Der junge Herr will also gleich die ganze Menschheit und das ganze Menschengeschlecht (beides abstrakte Begriffe! Wir können nur Menschen retten, nicht die Menschheit oder gleich das ganze Menschengeschlecht!) retten und zwar ohne „jede Verwässerung oder Verfälschung der kirchlichen Lehre, auch durch die ‚pastorale Praxis’“ und im Widerstand gegen den Papst! Und das zudem inmitten des alles beherrschenden Modernismus, der inzwischen zum Postmodernismus ausgereift ist, im heutigen Rom und allem, was zu diesem gehört, bzw. sich gehörig fühlt, um es treffender im modernistischen Jargon auszudrücken. Ob das Seine Eminenz wirklich vorhat, darf wohl mit Recht bezweifelt werden. Doch unser junger Konvertit hat sich nun so richtig in Fahrt geredet oder auch geschrieben, daß er sogar meint sagen und schreiben zu können: „Wenn es im aktuellen Klima Roms auch scheint, als würde Kardinal Burke damit etwas tun, was von einem Kardinal einen übernatürlichem Heldentum entspringenden Mut verlangt, nämlich auch um den Preis des eigenen Blutes die Lehre der Kirche zu verteidigen, ist das letztlich genau das, was jeder Kardinal und Bischof, Priester und Laie zu tun hätte.“

Das mit dem „übernatürlichen Heldenmut“ scheint doch reichlich übertrieben – immerhin wurde der Kardinal nur auf einen anderen, durchaus lukrativen Posten befördert, was doch von ihm keinerlei Verzicht oder Opfer oder eine wirklich spürbare Überwindung fordert – außer der Überwindung des Gehorsams seinem Papst gegenüber, was doch eine Selbstverständlichkeit sein sollte für einen Kardinal der römisch-katholischen Kirche. Vom Preis seines Blutes kann also in keiner Weise die Rede sein, auch wenn das die „Aufgabe“ eines jeden Bischofs ist, nämlich: „Sich zu Christus zu bekennen, ob gelegen oder ungelegen.“

Nachdem wir vom vermeintlich heldenmütigen Widerstand des Kardinals erfahren haben, wechselt der Schreiber nochmals das Thema, um der Sache doch noch weiter auf den Grund zu gehen. Denn so richtig haben wir ja noch immer nicht erfahren, wie der Konflikt gelöst werden kann. Nach Meinung des jungen englischen Konvertiten schaut die Lösung so aus:

1. Wir schulden vor allem anderen dem Herrn Jesus Treue und schulden den Aposteln und allen, die vor uns waren und die nach uns kommen werden und allen heute lebenden Katholiken die Wahrheit Jesu Christi und des unverkürzten Evangeliums.
2. Der Papst ist der Stellvertreter Christi und Nachfolger des Heiligen Petrus mit der ganzen Autorität und Vollmacht, die der Person verliehen ist, die dieses Amt innehat.
3. Wir schulden dem Papst Treue, der – unabhängig von seinen Gaben, seinen Fähigkeiten oder seiner Persönlichkeit – im Namen der göttlichen Person, die er vertritt, die Gläubigen nie in eine Situation bringen darf, in der sie zwischen der Lehre Christi und der Lehre des Papstes entscheiden müssen.
4. Der Papst ist aber nicht der allmächtige Gott und kann daher weder umkehren noch verändern, was Christus gelehrt hat und was die Kirche in Seinem Namen immer gelehrt hat.

Diese Lösungslinie faßt weitgehend zusammen, was ein nicht geringer Teil der sog. Traditionalisten denkt und womit diese sich dann auch zufrieden geben, weshalb dieser Text auch in einer traditionsnahen Internetseite kommentarlos wiedergegeben wird. Keiner bemerkt mehr, daß sich in dieser Argumentation ein wesentlicher Fehler findet, weil sie das Entscheidende verschweigt, bzw. der Schreiber gar nicht fähig ist, das Entscheidende in den Blick zu bekommen und zu thematisieren – wofür der junge englische Konvertit natürlich nichts kann.

Um was geht es also bei dem Widerstand Kardinal Burkes eigentlich, wesentlich, wirklich? Wir haben die Reihenfolge des Textes ein wenig verändert, damit der Gedankengang besser dargestellt wird. Es geht bei diesem Widerstand um die Frage, ob der Papst der katholischen Kirche dieser Kirche eine Sittenlehre auferlegen bzw. vorschreiben oder dulden kann, die den Zehn Geboten und der ausdrücklichen Lehre ihres göttlichen Stifters widerspricht. Wenn es um die Sittenlehre geht, haben wir einen Vorteil: Da die Frage der Zulassung der Wiederverheirateten-Geschiedenen eine praktische Frage ist, kann man sie nicht so leicht umgehen, bagatellisieren, schönreden, übersehen. Bei Glaubensfragen ist das leider inzwischen gang und gäbe, denn wen kümmert noch eine Häresie bei dem unüberschaubaren Gestrüpp von Irrlehren im postmodernen Rom? Bezüglich der Moral ist unter den konservativen Konzilskatholiken noch eine größere Sensibilität festzustellen, hat man sich ja an dieser die letzten Jahre krampfhaft festgehalten. Denn immerhin, so argumentierte und dachte man, haben die Herren in Rom diese bis jetzt noch mehr oder weniger unangetastet gelassen. Nun wankt auch diese vermeintlich letzte Grundfeste, will doch Franziskus den entscheidenden Schritt wagen und Wiederverheiratete-Geschiedene zur Kommunion zulassen – wobei er anderseits auch nur wieder die schon in vielen Ländern stillschweigend geduldete Praxis bestätigen würde, was jedoch diese konservativen Konzilskatholiken geflissentlich übersehen und einfach verschweigen.

Nach dieser kurzen Nebenbemerkung wollen wir wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema und der entscheidenden Frage kommen: Was geschieht, wenn ein Papst die seit unvordenklichen Zeiten feststehende Lehre der Kirche leugnet und selbst das verändern möchte, was unser Herr Jesus Christus selbst völlig unmißverständlich gelehrt hat, daß nämlich eine Ehe unauflöslich ist – „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6)?

Der junge Konvertit sagt, dann müsse man diesem Papst Widerstand leisten, weil nämlich der Papst „nicht der allmächtige Gott“ ist und man deswegen Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Aber ist die Lösung wirklich so einfach, wie sie hier gegeben wird? Nein! Denn diese Lösung übersieht das Entscheidende, das Einmalige des Papstseins im Gegensatz zu den anderen Menschen, Gläubigen. Noch etwas präziser ausgedrückt: Mit dieser Lösung gerät das, was den Papst eigentlich erst zum Papst macht, nämlich das Charisma der Unfehlbarkeit und die damit verbundenen übernatürlichen Gnadenhilfen, vollkommen aus dem Blick. So als wäre dieses Charisma der Unfehlbarkeit plötzlich gar nicht mehr vorhanden. Der Papst wird damit aber gar nicht mehr in seiner übernatürlichen Eigenschaft als Stellvertreter Jesu Christi gesehen, sondern er wird behandelt wie jeder andere irrtumsfähige Mensch auch. Dieser, seines eigentlichen Wesens entkleidete „Papst“ kann sich sodann nicht nur selbst irren, wie jeder Mensch, er kann zudem mit seinem Irrtum die ganze Kirche in die Irre führen. Denn das ist doch die unmittelbare Folge dieses Irrtums. Doch was ist die Folge dieser Folge?

Versuchen wir nun, um das Ganze noch besser in den Blick zu bekommen, etwas genauer zu unterscheiden. Wir Katholiken glauben nicht aufgrund unserer eigenen Einsicht das, was zu unserem Glauben gehört, sondern aufgrund der göttlichen Autorität, die uns allein den Glauben als wahr verbürgt. Weil aber diese göttliche Autorität für uns (nach der Himmelfahrt Unseres Herrn Jesu Christi) nicht mehr direkt zugänglich ist und nicht direkt erreicht werden kann, hat der Sohn Gottes die heilige Kirche gegründet, die nach Seiner Himmelfahrt diese göttliche Autorität stellvertretend ausüben sollte und darum die Gläubigen aufgrund des verheißenen ständigen Beistandes des Heiligen Geistes und kraft ihrer von Gott verliehenen Autorität zum übernatürlichen Glauben verpflichten kann.