Katholiken im Widerstand?

Unser Glaube bezieht sich also nicht zuerst und zunächst auf das, was wir gemeinhin „Tradition“ nennen, wie heute von den meisten Traditionalisten mißverständlich bzw. falsch geglaubt wird, sondern unser Glaube stützt sich zuerst und zunächst auf das ordentliche, immerwährende Lehramt der Kirche, das wiederum wesentlich auf der Unfehlbarkeit des Papstes gegründet ist. Darum sagen die Theologen, daß der Papst als unfehlbarer Richter in allen Glaubens- und Sittenfragen die nächste Norm unseres Glaubens ist. In der Dogmatik von J.B. Heinrich aus dem Jahre 1882 liest man im zweiten Band über das „Wesen der göttlichen Tradition“ folgendes: „Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird.“

Jeder, der unserer Argumentation aufmerksam gefolgt ist, wird wohl bei dieser Ausführung des Dogmatikers Heinrich gemerkt haben, wie schwierig bei dieser Voraussetzung ein „Widerstand“ gegen den Papst wird, der mit seiner Unfehlbarkeit doch das eigentliche Rückgrat der ganzen „Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche“ ist. Darum schrieb schon Pius IX.: „Es geht tatsächlich darum, ehrwürdige Brüder und geliebte Kinder, dem apostolischen Sitz den Gehorsam entweder zu erweisen oder zu verweigern; es geht darum, seine oberste Autorität selbst über eure Kirchen anzuerkennen, und zwar nicht nur hinsichtlich des Glaubens, sondern auch in bezug auf die Disziplin: wer diese (Autorität) leugnet, ist ein Häretiker; wer sie zwar anerkennt, sich aber hartnäckig weigert, ihr zu gehorchen, verdient die Exkommunikation“ (Pius IX., Enzyklika „Quae in patriarchatu„, 1. September 1876).

Bei der anstehenden Frage der Zulassung Wiederverheirateter-Geschiedener zur hl. Kommunion geht es um eine Lehre bezüglich der Sitten, die für die ganze Kirche gelten soll. In einer solchen, die ganze Kirche betreffenden Entscheidung wird der Papst durch das Charisma der Unfehlbarkeit vor jeglichem Irrtum bewahrt – „es geht darum, seine oberste Autorität selbst über eure Kirchen anzuerkennen, und zwar nicht nur hinsichtlich des Glaubens, sondern auch in bezug auf die Disziplin!“

Der Dogmatiker Heinrich betont: „Das liegt im Wesen der Kirche als des von Christus, seinem göttlichen Haupte, und vom Heiligen Geist unzertrennlichen Reiches und Leibes Christi, und in der Notwendigkeit des wahren Glaubens zur Konstituierung der wahren Kirche. Denn Dasjenige, was prinzipaliter die Kirche zur wahren Kirche macht, ist der wahre Glaube, welcher deshalb von Vätern und Theologen einmütig als Seele, Forma, Seins- und Lebensprinzip der Kirche bezeichnet wird. Indem daher die Gläubigen im apostolischen Symbolum (Glaubensbekenntnis) und in allen anderen Bekenntnissen die Eine heilige Kirche Christi bekennen und alle Tage bis an´s Ende der Welt sie bekennen müssen, bekennen sie eben damit deren Indefektibilität im wahren Glauben: denn in dem Augenblicke, wo die Kirche auch nur in einem einzigen Punkte abwiche von dem wesentlichen unteilbaren Einen wahren Glauben, hätte sie aufgehört, die wahre Kirche zu sein, und es wäre nicht mehr wahr, was in den Worten ausgesprochen wird: Credo Sanctam Ecclesiam (Ich glaube an die heilige Kirche).“

Daraus folgt mit Notwendigkeit: Wenn eine „Kirche“ Wiederverheiratete-Geschiedene offiziell zur hl. Kommunion zuläßt, dann heißt das, diese „Kirche“ kann nicht mehr die Kirche Jesu Christi sein – und der „Papst“, der so etwas vorschreibt oder zuläßt kann unmöglich noch der Stellvertreter Jesu Christi, also wahrer, legitimer Papst sein. Wer das Gegenteil behauptet, verkennt die „Notwendigkeit des wahren Glaubens zur Konstituierung der wahren Kirche“.

Die modernen „Katholiken“, dazu gehören doch auch die allermeisten „Traditionalisten“, selbst wenn sie es nicht wahrhaben wollen, haben sich so sehr an die überall verbreiteten Irrtümer gewöhnt, daß sie schon froh sind, wenn einmal ein Würdenträger einen einigermaßen katholisch klingenden Satz von sich gibt. Das ist für sie dann sofort ein klares Zeichen dafür, daß dieser Würdenträger noch gut und katholisch ist. Mag er auch ansonsten noch so viel Irriges, Glaubensgefährdendes von sich gegeben haben und natürlich täglich die moderne Mahlfeier als Ritus seiner „Kirche“ zelebrieren, das zählt plötzlich alles nichts mehr. Diese Mentalität offenbart ganz deutlich eines: Die meisten dieser Gläubigen haben inzwischen jeglichen übernatürlichen Glauben eingebüßt. Die göttliche Verpflichtung, alles mit übernatürlichem Glauben für wahr zu halten, was die Kirche als von Gott geoffenbarten Glauben lehrt, existiert nur mehr theoretisch, jedoch nicht mehr in der Praxis des kirchlichen Lebens. In der Praxis hat man nur noch einen rein natürlichen Glauben, einen Glauben, der Irrtümer zuläßt, duldet, schönredet, usw.

Lassen wir uns diesen Sachverhalt nochmals durch einen echten Theologen genauer erklären. In dem oben zitierten Text fährt der Dogmatiker Heinrich weiter: „Dies gilt nicht nur von der selbstverschuldeten eigentlichen Häresie, welche jede Verbindung der Kirche mit Christus und seinem heiligen Geiste notwendig sofort auflösen, mit ihrer Wahrheit ihre Heiligkeit zerstören, dadurch die Kirche selbst vernichten und in ihr gerades Gegenteil umwandeln würde; es gilt auch von dem unverschuldeten Irrtum. Es ist daher nicht möglich, daß die Kirche jemals irgend etwas als geoffenbarte und katholische Wahrheit glaube und zu glauben vorstelle, was solches nicht ist.“

Die wahre Kirche Jesu Christi ist unvereinbar mit jeglicher Häresie, jeglicher Irrlehre, weil diese „jede Verbindung der Kirche mit Christus und seinem heiligen Geiste notwendig sofort auflösen, mit ihrer Wahrheit ihre Heiligkeit zerstören, dadurch die Kirche selbst vernichten und in ihr gerades Gegenteil umwandeln würde“. Mal ehrlich, wie viele Irrtümer gesteht ein Konzils“katholik“ inzwischen seiner „Kirche“ zu? Wie viele Häresien dulden selbst Traditionalisten in ihrer kranken „Kirche“, weil angeblich diese kranke Kirche diejenige ist, die von unserem Herrn Jesus Christus gegründet worden ist? Wir müssen also feststellen: Ein rein natürlicher Glaube zieht notwendigerweise eine rein natürliche Auffassung von der Kirche nach sich. Wer die postkonziliare Menschenmachwerkskirche für die katholische Kirche hält, muß damit eingeschlossen das übernatürliche Wesen der Kirche leugnen. Denn diese Menschenmachwerkskirche mit ihren vielen Irrtümern, ihren zumindest zweifelhaften oder sogar sicher ungültigen Sakramenten, ihren den Glauben gefährdenden oder zerstörenden Gesetzen, ihrer sakrilegischen Praxis der Kommunionspendung usw. kann nur noch eine rein menschliche Gemeinschaft sein. Jede Verbindung dieser Menschenmachwerkskirche mit Christus und Seinem Heiligen Geiste hat sich notwendig auch nur mit einem solchen Irrtum sofort aufgelöst. Denn diese Irrtümer sind nicht Privatirrtümer eines einzelnen Bischofs, Priester oder Laien, sondern offiziell gelehrte Irrtümer bzw. allgemein gültige disziplinäre Vorschriften.

Dabei ist dieser rein natürliche Glaube nicht einmal in einem neutralen Sinne zu verstehen, wird doch die Kirche, wie Heinrich uns belehrt, durch solche Ungeheuerlichkeiten selbst vernichtet und in ihr gerades Gegenteil verkehrt! Diese Menschenmachwerkskirche ist somit eine Gegenkirche, d.i. eine dämonische Nachäffung der wahren Kirche Jesu Christi.

Leider hat unser junger englischer Konvertit seinen Glauben nur bei konservativen Konzils“katholiken“ erlernt. Somit ist ihm das eigentliche übernatürliche Wesen der Kirche ganz verborgen geblieben. Hören wir nochmals, was der junge Mann meint, als Katholik denken zu können: „Niemand, auch nicht der Papst, kann das fleischgewordene Wort Gottes ändern oder so handeln, daß es nicht mehr meint, was es sagt, oder nicht mehr als angemessen für den modernen Menschen betrachtet wird. Aus demselben Grund können die Bischöfe und Kardinäle, in erster Linie, aber auch alle Katholiken nicht zustimmen oder schweigen oder sich zu Komplizen machen, wenn die Familie, die Ehe und die Lehre der Kirche aus dem Inneren der Kirche angegriffen werden, selbst dann nicht, wenn es sich dabei um den Papst handelt. Einem Papst, der sich zum Rivalen oder Gegner Christi aufschwingen würde, statt sein Stellvertreter zu sein, müßte man sich bis zum Tod widersetzen.“

Nein, das ist ganz sicher falsch! „Einem Papst, der sich zum Rivalen oder Gegner Christi aufschwingen würde, statt sein Stellvertreter zu sein“, müßte man sich nicht bis auf den Tod widersetzen, sondern man müßte zunächst und vor allem feststellen, daß ein solcher Mann niemals Papst sein kann, sondern mit seinem Glauben auch sein Amt verloren hat. Denn wie sollte jemand nächste Norm und Hüter meines Glaubens sein, der öffentlich und von Amts wegen meinen Glauben zerstört? Fenelon schreibt deswegen ganz treffend: „Wenn der Apostolische Stuhl jemals etwas Häretisches definieren und der Kirche zu glauben vorschreiben würde, so wäre er, so lange er diese Definition, welche eine Pest und Ansteckung für die ganze Kirche wäre, nicht zurücknähme, keineswegs das die Glieder bestärkende Haupt, sondern selbst ein krankes gefallenes Glied, das von den anderen zurechtgewiesen und geheilt werden müßte. In diesem ganzen Zeitraum würde der Nachfolger Petri nicht Christi, sondern in Wahrheit des Antichristen Stellvertreter sein: denn er würde die Völker nicht den Glauben Christi lehren, sondern sie zum Abfall von dem Glauben Christi verführen; daher wäre er in dieser Zeit nicht der Vater und Lehrer aller Christen, sondern der Verführer der Völker und Lehrmeister des Irrtums.“