Katholiken im Widerstand?

Ein öffentlicher Häretiker muß als seiner Ämter verlustig erklärt werden. In dem Augenblick nämlich, in dem ich mich einem legitimen Papst bis zum Tod widersetze, wie es unser Konvertit fordert, bin ich selber nicht mehr katholisch, erhebe ich doch damit meine eigene, persönliche, private Meinung über das kirchliche Lehramt. Nochmals, weil es so wichtig und entscheidend ist: Der Papst ist kein Mensch wie jeder andere, er hat durch das persönliche Charisma der Unfehlbarkeit eine einmalige Sonderstellung, die nur aus dem übernatürlichen Glauben an den außerordentlichen Gnadenbeistand Gottes für wahr gehalten werden kann.

Papst Leo XIII. erklärt in seiner Kirchenenzyklika „Satis cognitum”: „Dazu (d.h. zum Zweck der Einheit im Glauben) hat Jesus Christus in der Kirche ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt eingesetzt, das er mit seiner eigenen Vollmacht bereicherte, mit dem Geist der Wahrheit ausstattete und durch Wunder bestätigte; und er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen. – Sooft also durch das Wort dieses Lehramtes verkündet wird, daß dies oder jenes zum Bereich der von Gott überlieferten Lehre gehöre, muß jeder gewiß glauben, daß dies wahr ist: wenn es in irgendeiner Weise falsch sein könnte, würde daraus folgen – was offensichtlich widersinnig ist -, daß Gott selbst der Urheber des Irrtums im Menschen ist: ‚Herr, wenn es ein Irrtum ist, sind wir von dir getäuscht worden‘ (Richard von St. Viktor, De trinitate I 2 (PL 196,891D). Wenn also so dem Zweifel jeder Grund entzogen ist, wie kann es dann noch jemandem erlaubt sein, auch nur einen Punkt von diesen Wahrheiten zurückzuweisen, ohne daß er ebendadurch in die Häresie stürzt, ohne daß er sich von der Kirche trennt und mit diesem einen Punkt die ganze christliche Lehre verwirft? Derart nämlich ist die Natur des Glaubens, daß ihm nichts so widerspricht als das eine anzunehmen und das andere zurückzuweisen.“

Es sollte hoffentlich nunmehr genügend einsichtig gemacht worden sein, daß man einem legitimen Papst niemals bis aufs Blut widerstehen kann. Denn solange er als legitimer Hirte für die ganze Kirche handelt und spricht, verbürgt sich Gott für die Wahrheit seiner Aussagen und die Richtigkeit seiner Anordnungen. Und dieser übernatürliche Einfluß Gottes auf seine Kirche ist nicht nur vorübergehend, sondern dauernd, denn Jesus Christus hat in der Kirche ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt eingesetzt. Allein dieses übernatürliche Lehramt kann uns Katholiken die Sicherheit geben, auf dem Boden des göttlichen Glaubens zu stehen. Nur das unfehlbare Lehramt der Kirche ist die authentische Interpretin der kirchlichen Tradition. Sobald ich in den Widerstand gegen dieses unfehlbare Lehramt der Kirche trete, vertausche ich die entfernte Glaubensnorm (die von mir interpretierte Tradition) mit der nächsten Glaubensnorm (dem unfehlbaren Papst als obersten Lehrer und Richter der Kirche). Ich stelle meine Einsicht von Tradition über die allein authentische Interpretation der Kirche.

Der Dogmatiker Heinrich schreibt dazu: „II. Die tiefste und folgenschwerste Irrlehre liegt in dieser Beziehung darin, wenn man, wie die Jansenisten und in noch größerem Umfange die neuesten Häretiker (es sind die Altkatholiken gemeint) taten, zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens anerkennt, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition praktisch und theoretisch leugnet, indem man sich selbst oder ‚der Wissenschaft‘ das Recht zuschreibt, Dasjenige, was man durch eigene Forschung in der Tradition gefunden zu haben meint, unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten.“ Hören wir nun noch, wie J.B. Heinrich ein derartiges Verhalten beurteilt: „Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition. Man erkennt dann zwar an, daß die heilige Schrift einer Beglaubigung, Erklärung und Ergänzung durch die Tradition bedürfe; aber die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, maßt man in letzter Instanz sich selber an.“

Da die Stellung des Papstes in der Kirche Gottes so einmalig ist und von ihm wirklich alles abhängt, haben sich die Theologen zu allen Zeiten Gedanken darüber gemacht, was geschehen würde, wenn ein Papst persönlich in Häresie fiele. Welche Auswirkungen hätte das auf ihn und welche Folgen entstünden daraus für die Kirche? Prof. Dr. Rolf Decot schreibt in seinem Werk, „Die Kirche im Spätmittelalter (Konziliarismus und Reformkonzilien)“ in §6 „Das Problem des Konziliarismus im Spätmittelalter“: „b) Kirchenverfassung und ‚häretischer Papst‘. Der Rechtsgrundsatz ‚prima sedes a nemine iudicatur‘ ist seit dem 5. Jhd. nachweisbar. Ausnahmen von der Gültigkeit dieses Satzes gab es für den Fall der Häresie eines Papstes. Daher entwickelte sich der Rechtsgrundsatz weiter zu der Form: ‚Papa a nemine iudicatur, nisi deprehendatur a fide devius‘. (Der Papst wird von niemand gerichtet, wenn er nicht vom rechten Glauben abweicht). So wird dieser Satz bereits von Papst Hadrian II. (867-872) anerkannt und endgültig von Kardinal Humbert (+1061) promulgiert. Durch Kardinal Deusdedit, Ivo von Chartres und Gratian fand dieser Rechtsgrundsatz Eingang in die kirchliche Kanonistik und wurde von den Dekretisten immer wieder eifrig kommentiert. Die Vorstellung findet sich in dem berühmten Kanon Si papa.“

Im Band II. Seite 436, Fußnote 2 nimmt Heinrich auf diesen Kanon Bezug und erklärt: „Endlich kommt hier der sehr allgemein anerkannte, in´s Corpus juris canonici – Can. Si Papa dist. 4.c.6 – aufgenommene Grundsatz in Betracht, daß der Papst, wenn er persönlich in Häresie falle, eo ipso seines Amtes verlustig sei und von der Kirche gerichtet werden könne.“ Die Theologen sagen also, ein Papst, der persönlich in Häresie falle, würde damit eo ipso seines Amtes verlustig sein und könnte deswegen auch von der Kirche gerichtet werden. Heinrich spricht hier von einem sehr allgemein anerkannten Rechtsgrundsatz, der Jahrhunderte im Kirchenrecht verankert war!

Kommen wir nun nochmals auf die Frage des Widerstandes gegen „Papst“ Franziskus zurück. Die Aufgabe Kardinal Burkes wäre entsprechend unseren Erkenntnissen nicht, sich „Franziskus, der sich zum Rivalen oder Gegner Christi aufschwingt, statt sein Stellvertreter zu sein, bis zum Tod zu widersetzen“, sondern diesen aufgrund seiner hartnäckig öffentlich vertretenen glaubenszerstörenden Lehren als all seiner Ämter verlustig zu erklären. Er müßte zudem erklären, daß alle Päpste spätestens seit dem 2. Vatikanum ebenfalls eo ipso ihr Amt aufgrund der auf dieser Versammlung öffentlich vertretenen Irrlehren verloren haben, hat doch keiner von ihnen jemals sich von diesen losgesagt oder distanziert. Solange er nicht dazu bereit ist, befindet er sich nicht im Widerstand, sondern im Widerspruch zur Wahrheit des Glaubens. Bildet er sich doch wie bedauernswerter Weise auch der junge Konvertit ein, es könnten „die Bischöfe und Kardinäle, in erster Linie, aber auch alle Katholiken nicht zustimmen oder schweigen oder sich zu Komplizen machen, wenn die Familie, die Ehe und die Lehre der Kirche aus dem Inneren der Kirche angegriffen werden, selbst dann nicht, wenn es sich dabei um den Papst handelt“. Es heißt hier wirklich, daß „die Familie, die Ehe und die Lehre der Kirche aus dem Inneren der Kirche angegriffen werden“, wobei mit dem „Inneren der Kirche“ konkret der Papst gemeint ist!

Wenden wir unsere gewonnene Erkenntnis nochmals abschließend auf diesen Text an: Wie soll die Lehre der Kirche aus dem Inneren der Kirche, also vom als legitim bezeichneten Papst, angegriffen werden, ohne daß sich damit zugleich die Kirche zerstörte? Wie soll ein solcher Angriff möglich sein, ohne zugleich die Unfehlbarkeit des Lehramtes und den dauernden Beistand des Heiligen Geistes zu leugnen – und sich selbst zum obersten Richter in Glaubenssachen zu erheben, bzw. das protestantische Prinzip der freien Forschung in Anspruch zu nehmen?

Bei genauerer Betrachtung der Sache zeigt sich uns also, die eigentliche, grundlegendste Einsicht, um die es für uns Katholiken heute geht, ist die: Wir leben in einer papstlosen Zeit! Erst diese Einsicht befähigt uns Katholiken dazu, ein Urteil über die wahre Situation der Kirche zu fällen und diese wahre Kirche Jesu Christi von der antichristlichen Menschenmachwerkskirche zu unterscheiden. Solange man diese Unterscheidung nicht trifft, wird man niemals theologisch sicheren Boden unter die Füße bekommen, sondern man wird in einem vermeintlich berechtigten Widerstand die eigenen Glaubensfundamente nur umso gründlicher zerstören, je mehr man meint, sich gegen den als legitimen Amtsträger anerkannten Papst auf die Tradition stützen zu können. So ganz nebenbei und unbemerkt wird durch diesen Trugschluß aus der übernatürlichen, von Gott eingesetzten und geleiteten Kirche Jesu Christi eine rein natürliche Gemeinschaft voller Fehler, Irrtümer, ungerechter Gesetze, die zudem eine Liturgie feiert, an der man sich weigert teilzunehmen. Für einen Katholiken sind das alles Dinge, die schlichtweg unmöglich sind, weil sie dem übernatürlichen Wesen der Kirche vollkommen widersprechen. Diesem übernatürlichen Wesen entsprechend müssen wir unser Wissen über die heilige Kirche in einer papstlosen Zeit bewahren.