Einheit oder Zentralismus

von antimodernist2014

I. Ein hervorstechendes Merkmal unserer babylonischen Zeit ist die Konfusion, das Durcheinander, die Zersplitterung, die Parteiungen, das Fehlen jeder Einheit und Einigkeit, und das sogar unter den Katholiken. Es ist ja nicht erst seit der vatikanischen „Familiensynode“ so, daß wir es selbst unter den Würdenträgern mit verschiedenen Parteien zu tun haben. Da gibt es „Konservative“ und „Progressive“ und alle möglichen Schattierungen derselben, wobei heute ja schon einer als „konservativ“ gilt, wenn er die „Homo-Ehe“ ablehnt, mag er im übrigen jeden liturgischen Greuel einschließlich Ministrantinnen und Handkommunion praktizieren. Dann gibt es die „Bewegung der Tradition“ und darin auch wieder die verschiedensten Gruppierungen, die „Indultisten“, wie sie einer einmal nannte, d.h. „Motu proprio“-Fans, „Ecclesia Dei“-Gemeinschaften etc., „Lefebvristen“ wie die „Piusbruderschaft“ (die allerdings zunehmend zu den „Indultisten“ aufschließt und deren Platz der „Pius-Widerstand“ einzunehmen beginnt), und die „Sedisvakantisten“, wobei man hier wieder in „Opinionisten“, „Sedisprivationisten“ und „Totatlisten“ zu differenzieren pflegt. Das ist aber nur eine ganz grobe Einteilung und Klassifizierung. Tatsächlich scheint es inzwischen soviele Arten von Katholizismus zu geben wie es Katholiken gibt.

Wir wollen uns hier nicht die Mühe machen, eine Systematik all dieser unterschiedlichen Richtungen zu bieten. Uns geht es vielmehr darum, den Grund dieses Phänomens herauszuarbeiten. Das ist nicht weiter schwer, wissen wir doch, daß die Einheit der Kirche und damit die Einheit unter den Katholiken durch den Heiligen Geist gewirkt wird, welcher sich dazu Seines Organs par excellence bedient: des Papstes. Der Nachfolger Petri ist es, welcher die Einheit der Kirche herstellt und erhält. Darum ist auch der Zerfall der Einheit unter den Katholiken heute das deutlichste Zeichen, daß dieses Organ der Einheit ausgefallen ist. Anders ist der gegenwärtige Zustand schlicht nicht erklärlich.

II. Matthias Joseph Scheeben schreibt in seiner Abhandlung „Die theologische und praktische Bedeutung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes, besonders in seiner Beziehung auf die heutige Zeit“, wo er die Unfehlbarkeit des Papstes mit den übernatürlichen Eigenschaften der Kirche in Beziehung setzt: „Neben der Heiligkeit hebt Christus keine Eigenschaft Seiner Kirche so sehr hervor, wie die Einheit derselben. Wie er Seine Einheit mit dem Vater als Ideal der durch ihn zu vermittelnden Einheit der Menschen mit Gott und untereinander aufgestellt hat, und daher in der Eucharistie in so wunderbarer Weise die Glieder der Kirche mit sich selbst als ihrem Haupte zu einem Leibe vereinigt: so muß auch die Kirche in der Einheit ihres inneren Lebens und ihres äußeren Organismus diese innere Einheit ihres Wesens darstellen und verwirklichen.“

Er fährt fort: „Als der Leib Christi muß sie ein sichtbares Haupt haben, welches im Namen und in der Kraft Christi der Regulator ihres Lebens ist, wie Christus selbst die Quelle desselben, ein Haupt, mit welchem äußerlich die Glieder so notwendig zusammenhangen, wie sie innerlich mit Christus zusammenhangen, und durch dessen äußere, regulierende Tätigkeit die Einheit des Lebens ebenso in sich selbst erhalten und gefördert, wie nach außen dargestellt wird. Da nun die Einheit des Lebens in der Kirche zunächst und vor allem eine Einheit des Glaubens ist und sein soll: so muß das äußere Prinzip der kirchlichen Einheit so beschaffen sein, daß es wahrhaft der Regulator des Glaubens im ganzen Körper sein kann, daß dieser Glaube stets mit ihm übereinstimmen und zusammenhangen, d. h. von ihm geleitet und getragen werden kann und muß, und daß es folglich die Macht hat, die Übereinstimmung aller in demselben Glauben ebenso wohl zu bewirken und erhalten, als sie zu repräsentieren und darzustellen.“

Die Einheit der Kirche ist wesentlich Einheit im Glauben. Darum setzt die „Bedeutung und Stellung des äußeren Prinzips der kirchlichen Einheit“, nämlich des Papstes als ihrem sichtbaren Haupt, „notwendig voraus und kann nur daraus vollkommen verstanden und begriffen werden, daß dieses Prinzip in unzertrennlichem Zusammenhang und ungestörter Einheit und Übereinstimmung mit dem inneren Prinzip der kirchlichen Einheit, dessen Organ es ist, mit Christus und Seinem Heiligen Geiste verbunden bleibt, daß seine Lehre stets der wirkliche Ausfluß und der treue ungefälschte Ausdruck der Lehre der ewigen Wahrheit und ihres Geistes ist: sonst wäre die Einheit der Kirche nicht wesentlich eine Einheit der Wahrheit, in der Wahrheit und durch die Wahrheit. So wahr sie aber dieses ist, und so wahr zugleich ihr äußerer Organismus auf die vollkommenste Darstellung und Erhaltung der Einheit der Wahrheit berechnet sein muß: so wahr ist die übernatürliche Unfehlbarkeit des sichtbaren Oberhauptes der Kirche die wesentliche Bedingung und der vollkommenste Ausdruck der übernatürlichen Einheit der Kirche.“

Ohne das unfehlbare Lehramt des Papstes gäbe es die kirchliche Einheit nicht. Auch die eucharistische Gemeinschaft mit Christus hängt von der Unfehlbarkeit des Papstes ab. Denn wenn „die Glaubensgemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle die notwendige Bedingung der eucharistischen Gemeinschaft mit Christus ist, und dieselbe ihrerseits wieder durch die Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche bedingt wird: dann muß auch die letztere ebenso wesentlich in der übernatürlichen Einheit der Kirche enthalten sein, ihr zugrunde liegen und ihr Wesen offenbaren, wie die Eucharistie selbst: Nur deshalb kann die Einheit, die communio fidei mit dem Heiligen Stuhle die Bedingung der Gemeinschaft der Gnaden der Eucharistie sein, weil auf dem Heiligen Stuhle in der Person des Papstes derselbe Christus seine Schafe um sich selbst als den einen Hirten zu einer Herde versammelt, welcher in der Eucharistie als Speise des Lebens seine Schafe mit seinem eigenen Leibe und Blute nährt und sie dadurch mit sich zu einem geheimnisvollen Leibe vereinigt“.

Daraus folgt: „Nimmt man dagegen die Unfehlbarkeit des Papstes weg, dann muß sofort das Band der kirchlichen Einheit gelockert und zerrissen werden … Die fundamentale Einheit der Kirche kann dann nicht mehr wesentlich in dem Zusammenhange und in der Verbindung mit einem gemeinschaftlichen Zentrum bestehen; die Einheit der Übereinstimmung in demselben Glauben und Leben wird nicht mehr durch die Kraft des gemeinschaftlichen Zentrums wirksam bestimmt und erhalten, wie sie auch nicht mehr durch dasselbe wirksam repräsentiert und geltend gemacht wird.“ In diesem Fall müßte es „entweder dem Heiligen Geiste überlassen bleiben, wie weit er ohne die organische Verbindung der Glieder mit dem Haupte die zerstreuten Glieder in der Einheit des Glaubens zusammenführen will, oder der freien Bewegung der einzelnen Menschengeister, wie weit sie sich noch aus freiem Entschlusse, ohne durch die Anziehungskraft des Zentrums bewältigt zu werden, sich zusammenfinden wollen“. Und ist das nicht eine Beschreibung der Situation, in welcher wir uns befinden?

Scheeben erklärt: „Wenn es schon auf diesem Wege faktisch gelänge, eine Einheit oder Übereinstimmung des Glaubens und der Lehre zu erzielen, so wäre diese zusammengewürfelte Einheit doch nicht die wirkliche Einheit der Kirche, bei der die Einheit des Lebens, wie beim organischen Körper, wesentlich durch den Zusammenhang eines Gliedes mit dem anderen und die Abhängigkeit von demselben bedingt wird.“ Deshalb erweist sich „die Herstellung einer allgemeinen, vollen und stetigen Übereinstimmung im Glauben ohne die wirksame Anziehungskraft des Zentrums als eine Unmöglichkeit; die freie Bewegung der menschlichen Geister zeigt sich tatsächlich als die fruchtbare Mutter unzähliger Glaubens- und Meinungsverschiedenheiten, und der Heilige Geist will, obgleich er es vermöchte, schon deshalb nicht durch seine innerliche Erleuchtung alle Kontroversen beseitigen, weil er die Menschen an die Kirche fesseln will, sie nicht wirksam fesseln könnte, wenn sie nicht bei seinen Organen in der Kirche die volle Gewißheit des Glaubens und die Lösung ihrer Kontroversen zu suchen hätten“. Da haben wir den Grund, warum es heute nicht gelingen will, die Katholiken wieder zu sammeln, zumal der „Geist der Zeit, der Geist Babels, d. i. der Verwirrung und Zerstreuung“ dem kräftig entgegenwirkt. Aber vielleicht haben wir hier auch den Grund, warum Gott diesen Zustand zugelassen hat, nämlich die Menschen durch das Erfahren des Mangels an Einheit wieder an die Kirche zu fesseln.

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