Gelitten unter Pontius Pilatus …

von antimodernist2014

1. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir unseren Glauben an den gekreuzigten Heiland: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ „So notwendig es für den Christen ist, an die Menschwerdung des Sohnes Gottes zu glauben, so notwendig ist es auch für ihn, an Sein Leiden und Seinen Tod zu glauben“, bemerkt dazu der heilige Thomas von Aquin in seiner Erklärung zum Glaubensbekenntnis.

„Daß aber Christus für uns gestorben ist, ist so hart, daß es unser Verstand kaum zu fassen vermag, ja daß es ihn in jeder Weise übersteigt.“ „Ein Werk wird geschehen in euren Tagen, das niemand glaubt, wenn davon erzählt wird“, heißt es beim Propheten Habakuk (Hab, 1,5). So nimmt es nicht wunder, daß selbst die Apostel sich mit den Leidensvorhersagen des Heilands sehr schwer taten. „In jener Zeit nahm Jesus die Zwölf beiseite und sprach zu ihnen: ‚Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem: dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben. Er wird den Heiden ausgeliefert, verspottet, mißhandelt und angespien werden; man wird Ihn geißeln und töten; aber am dritten Tage wird Er wieder auferstehen.‘ Allein sie verstanden nichts davon; diese Rede war für sie dunkel, und sie begriffen nicht, was damit gemeint war“ (Lk 18,31-34). „Denn so groß ist die Gnade Gottes und Seine Liebe zu uns, daß Er mehr für uns getan hat, als wir begreifen können“, bemerkt der engelgleiche Lehrer.

2. „Doch sollen wir nicht glauben, Christus hätte in der Weise den Tod erlitten, daß die Gottheit in Ihm gestorben wäre, sondern nur so, daß die menschliche Natur in Ihm starb; denn Er ist nicht gestorben sofern Er Gott, sondern nur sofern Er Mensch war.“ Das ist wichtig zu beachten. In Christus finden sich ja beide Naturen, die göttliche und die menschliche, und so besteht die Gefahr einer Vermischung oder Verwechslung. Sterben konnte selbstverständlich nur die menschliche Natur, nicht die göttliche.

Drei Beispiele sollen uns das klar machen: „Das erste findet sich in uns selbst. Wenn der Mensch stirbt und sich die Seele vom Körper scheidet, dann stirbt nicht die Seele, sondern der Körper, das heißt das Fleisch. So ist auch beim Tode Christi nicht die Gottheit, sondern nur die menschliche Natur gestorben.“ Das zweite Beispiel ist das eines Kleides, das ein König trägt. Denn ein Einwand lautet: „Aber wenn die Juden nicht die Gottheit getötet haben, könnte man meinen, daß sie keine größere Schuld begingen, als wenn sie einen anderen Menschen getötet hätten.“ Dagegen nun der Vergleich: „Dem ist entgegenzuhalten: wenn jemand das Kleid, das der König trägt, besudelt, so lädt er die gleiche Schuld auf sich, wie wenn er den König selbst besudelt hätte. So sind auch die Juden, die in Christus zwar nicht die Gottheit, sondern nur die menschliche Natur töten konnten, ebenso strafbar, wie wenn sie die Gottheit selbst getötet hätten.“ Zumal durch die hypostatische Union die Menschheit mit der göttlichen Person viel inniger vereint ist als ein Kleid mit dem König. Das dritte Beispiel: „Es ist schon gesagt worden, daß der Sohn Gottes das Wort Gottes ist und daß Seine Fleischwerdung verglichen werden kann mit der Niederschrift des königlichen Wortes auf Pergament. Wenn daher jemand ein Pergament des Königs vernichtete, so gälte es das gleiche, als hätte er das Wort des Königs vernichtet. Und so ist auch die Schuld der Juden für ebenso groß zu halten, als hätten sie das Wort Gottes getötet.“ [Man sollte vielleicht vorsorglich darauf aufmerksam machen, daß der heilige Thomas hier den Sprachgebrauch der Bibel verwendet, welche die Verfolger Jesu, die sich vor allem unter den Pharisäern und im Hohen Rat fanden, kurz „die Juden“ nennt. Keineswegs soll damit gesagt sein, daß alle damals lebenden Juden oder gar spätere Generationen die Verantwortung dafür trügen, waren ja nicht einmal alle Mitglieder des damaligen Hohen Rates beteiligt, wie etwa Nikodemus und Joseph von Arimatäa.]

3. Die nächste Frage lautet: „Aber war es denn notwendig, daß das Wort Gottes für uns gelitten hat?“ Der Aquinate antwortet darauf: „Es war höchst notwendig, und zwar vor allem aus zwei Gründen: damit Sein Leiden ein Heilmittel gegen die Sünde und ein Vorbild für das Leben werde.“ Zuerst also ist das Leiden Christi als ein Heilmittel zu betrachten, das uns gegeben ist gegen „alle Übel, die wir uns durch die Sünde zuziehen“. „Solcher Übel aber sind fünf“, sagt der heilige Thomas und zählt sie uns auf. Das erste ist die „Befleckung der Seele“. „Wenn der Mensch sündigt, befleckt er seine Seele; denn wie die Tugend die Schönheit der Seele ausmacht, so bewirkt die Sünde ihre Befleckung.“ So spricht der Prophet Baruch im Bilde Israels die Seele an: „Israel, was weilst du im Lande deiner Feinde, wie kommt es, daß du in den Schmutz gelegt bist mit den Toten?“ (Bar 3,10). „Dieser Makel wird aber durch das Leiden Christi entfernt; denn Christus hat in Seinem Leiden durch Sein Blut ein Bad bereitet, um damit die Sünder reinzuwaschen, wie es in der Heiligen Schrift heißt: ‚Er hat uns reingewaschen von unseren Sünden in Seinem Blute‘ (Apk 1,5).“ Konkret geschieht das bei der Taufe, aber auch bei der Beichte. „Reingewaschen aber wird die Seele in der Taufe, welche aus dem Blut Christi läuternde Kraft hat. Daher fügt jeder, der sich nachher wieder durch die Sünde befleckt, Christus Schmach zu und sündigt mehr als vorher.“ Der heilige Paulus mahnt die Hebräer: „Wer das Gesetz Moses für nichtig erklärte, mußte, bei zwei bis drei Zeugen, ohne Erbarmen sterben. Wieviel schlimmer, meint ihr, wird die Strafe sein, die einer verdient, wenn er den Sohn Gottes mit Füßen tritt, das Bundesblut, wodurch er geheiligt ward, verachtet und gegen den Geist der Gnade frevelt?“ (Hebr 10,28). Welch eine Gnade, daß es das Sakrament der Buße gibt, welche auch diesen Frevel wieder gutmacht!

Das zweite Übel ist die „Beleidigung Gottes“. „Wie nämlich das Fleisch die fleischliche Schönheit liebt, so liebt Gott die geistige, das heißt die Schönheit der Seele. Wenn sich also die Seele durch die Sünde verunstaltet, so wird Gott dadurch beleidigt, und Er haßt den Sünder.“ Daraus ist ersichtlich, wie sehr Gott die allerseligste Jungfrau lieben muß, wie sehr Er aber auch etwa die Teufel und Dämonen hassen muß. „Gott sind verhaßt der Gottlose und sein gottloses Werk“, heißt es im Buch der Weisheit (Weish 14,9). „Durch das Leiden Christi wird dies aber aufgehoben, denn Er hat Gott dem Vater für die Sünde eine Genugtuung geleistet, die der Mensch selbst nicht leisten konnte; Seine Liebe und Sein Gehorsam waren größer als der Abfall und die Sünde der ersten Menschen.“ So wurde der Haß und der Zorn Gottes von der sündigen Menschheit abgewendet. „Wir wurden mit Gott, als wir noch Seine Feinde waren, durch den Tod Seines Sohnes versöhnt“ (Röm 5,10).

Als drittes Übel folgt die Schwachheit. „Der Mensch, der einmal gesündigt hat, meint, er könne sich nachher der Sünde enthalten. Aber gerade das Gegenteil tritt ein: denn durch die erste Sünde wird der Mensch geschwächt und geneigter zum Sündigen, und die Sünde beherrscht ihn und bringt ihn, soweit es an ihm liegt, in einen solchen Zustand, daß er sich – wie einer, der in eine Grube gefallen ist – nicht mehr erheben kann ohne Unterstützung durch göttliche Kraft.“ Das ist geschehen nach dem Sündenfall unserer Stammeltern. „Nachdem also der Mensch sündigte, wurde unsere Natur geschwächt und verdorben und mehr zum Sündigen geneigt. Aber Christus hat diese Schwäche und Hinfälligkeit vermindert, wenn auch nicht ganz aufgehoben; denn durch das Leiden Chrsti ist der Mensch gestärkt und die Sünde so geschwächt worden, daß sie ihn nicht mehr so sehr beherrscht und er, unterstützt von der Gnade Gottes, die ihm in den Sakramenten – die ihre Wirkkraft aus dem Leiden Christi haben – zuteil wird, den Kampf aufnehmen und der Neigung zur Sünde widerstehen kann.“ „Unser alter Mensch ward mitgekreuzigt, damit unser der Sünde verfallener Leib seine Macht verliere…“ (Röm 6,6).

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