Gelitten unter Pontius Pilatus …

Ein viertes Übel wird genannt: „Die Strafe für die Sündenschuld.“ „Die Gerechtigkeit Gottes fordert, daß jeder, der sündigt, gestraft werde.“ Das ist eine Wahrheit, die heute gerne vergessen wird. Man spricht nur noch von Gottes Barmherzigkeit, nicht mehr von Seiner Gerechtigkeit, dabei vergessend, daß die sog. Eigenschaften Gottes im Grunde alle eins sind mit Ihm und weder von Ihm noch untereinander zu trennen. „Die Strafe richtet sich aber nach der Schuld“, das verlangt die Gerechtigkeit. „Da aber die Schuld der Todsünde – weil der Sünder gegen das unendlich Gut, das heißt gegen Gott, dessen Gebote er verletzte, gesündigt hat – eine unendliche ist, so ist auch die der Todsünde gebührende Strafe unendlich.“ Das ist die Strafe der ewigen Verdammnis, die Höllenstrafe. „Aber Christus hat uns durch Sein Leiden diese Strafe abgenommen und selbst getragen.“ Hier eben erweist sich die wahre Barmherzigkeit Gottes, die Seiner Gerechtigkeit keinerlei Abbruch tut: daß Er selbst Seinen eingeborenen Sohn dahingab, um die Strafe für uns zu zahlen. „Unsere Sünden trug Er in Seinem Leibe“, wundert sich der heilige Petrus (1 Petr 2,24). „Denn das Leiden Christi hat solche Kraft, daß es hinreicht, alle Sünden der ganzen Welt zu sühnen, und wenn es auch Hunderttausende wären. Daher werden diejenigen, die die Taufe empfangen, von allen Sünden reingewaschen, und aus dem gleichen Grunde kann auch der Priester die Sünden nachlassen.“ Darum werden in der Taufe nicht nur die Sünden, sondern auch alle Strafen nachgelassen, und in der Beichte wird wenigstens ein Teil der Strafen erlassen und die ewige Strafe in eine zeitliche umgewandelt. „Und je mehr sich einer dem Leiden Christi gleichförmig macht, um so mehr wird er Verzeihung erlangen und Gnade verdienen.“ Das ist der Segen, der aus der Kreuzesnachfolge kommt.

Das fünfte Übel schließlich ist die „Verbannung aus dem Reiche Gottes“. „So wie diejenigen, die einen König beleidigen, gezwungen werden, dessen Reich zu verlassen, so wurde auch der Mensch wegen der Sünde aus dem Paradies vertreiben: gleich nachdem Adam gesündigt hatte, wurde er aus dem Paradiese gejagt und dessen Pforte geschlossen.“ Damit war auch der Himmel für die Menschheit verschlossen. „Aber Christus hat durch Sein Leiden jene Pforte wieder geöffnet und die Verbannten in das Reich zurückgerufen. Durch das Öffnen der Seite Christi ist auch die Pforte des Paradieses geöffnet worden, und das Vergießen Seines Blutes hat die Makel abgewaschen, Gott versöhnt, die Schwäche hinweggenommen, die Strafe getilgt und die Verbannten ins Reich zurückgerufen. Daher wurde dem Schächer gesagt: ‚Heute noch wirst du bei Mir im Paradies sein!‘ Das wurde vorher noch keinem gesagt, nicht Adam, nicht Abraham, nicht David; aber gerade ‚heute‘, das heißt als die Pforte geöffnet wurde, suchte und fand der Schächer Vergebung.“ „Zuversichtliche Hoffnung haben wir, in das Heiligtum einzugehen durch das Blut Christi“, sagt darum der heilige Paulus (Hebr 10,19).

4. Doch nicht nur als Heilmittel gegen die Übel der Sünde, sondern auch als Vorbild für das Leben ist uns das Leiden Christi von größtem Nutzen. „Wie der heilige Augustinus sagt, reicht das Leiden Christi hin, um unser Leben gänzlich durchzuformen. Wer nämlich vollkommen leben will, hat nichts anderes zu begehren als das, was Christus am Kreuz begehrte, und nichts anderes zu verachten als das, was Er verachtete; denn das Beispiel keiner einzigen Tugend ist dem Kreuze fern.“ Im Kreuz liegt die ganze Weisheit Gottes, wie uns der heilige Ludwig Maria von Montfort sagt. Es ist die Schule der Weisheit und der Gottesliebe.

„Suchst du ein Beispiel der Liebe, so denke an die Rede des Herrn: ‚Eine größere Liebe hat niemand, als wenn er sein Leben für seine Freunde hingibt‘ (Jo 15,13). Dies hat Christus am Kreuz getan; und wenn Er sogar Sein Leben für uns hingab, sollte es uns nicht schwerfallen, um Seinetwillen jegliches Leiden auf uns zu nehmen.“ „Wie kann ich dem Herrn vergelten all das, was Er an mir getan?“ so betet der Priester bei der heiligen Messe mit dem Psalmisten (Ps 115,12), ehe er den Kelch mit dem Kostbaren Blut ergreift.

„Suchst du ein Beispiel der Geduld, so findest du das beste am Kreuze. Die Geduld erweist sich auf zweierlei Weise groß: entweder indem man Schweres geduldig erleidet oder indem man ein Leiden auf sich nimmt, das man vermeiden könnte. Christus hat am Kreuze große Leiden geduldig ertragen; Er hätte sie vermeiden können und hat es nicht getan. Seine Geduld am Kreuze war daher überaus groß.“ Die Größe der Leiden Christi deutet der Prophet Jeremias an in seinen Klageliedern: „O ihr alle, die ihr am Wege vorübergeht, achtet auf und seht, ob es einen Schmerz gibt wie meinen“ (Klag 1,12). Der Prophet Isaias schreibt: „Von der Fußsohle an bis zum Haupt ist nichts Heiles an Ihm“ (Is 1,6). Christus hat alle unsere Leiden getragen in einem für uns unvorstellbaren Ausmaß, und Er tat es in Geduld, denn „da Er litt, drohte Er nicht“ (1 Petr 2,23). Auch tat Er es in voller Freiheit und Freiwilligkeit. Darum: „Mit Geduld laßt uns dem uns vorgelegten Kampf zulaufen, den Blick auf Jesus gerichtet, den Urheber und Vollender des Glaubens, der das Kreuz statt der Ihm zu Gebote stehenden Freude auf Sich nahem, ohne der Schmach zu achten“ (Hebr 12,1).

„Suchst du ein Beispiel der Demut, so blicke auf zu dem Gekreuzigten. Denn obwohl Er Gott war, wollte Er von Pontius Pilatus gerichtet werden und sterben. Er, der der Herr und das Leben der Engel ist, wollte für den Diener, den Menschen sterben.“ „Da Er in der Gestalt Gottes war, dachte Er nicht, am Gleichsein mit Gott selbstsüchtig festhalten zu müssen, sondern Er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde Menschen gleich und in seinem Äußeren wie ein Mensch erfunden; Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis in den Tod, den Tod am Kreuze“ (Phil 2,6-8). Und so: „Suchst du ein Beispiel des Gehorsams, so folge dem nach, der dem Vater gehorsam gewesen ist bis zum Tode. ‚Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die vielen zu Gerechten gemacht‘ (Röm 5,19).“ „Und darum hat Ihn Gott so hoch erhoben und gab Ihm den Namen, der über jedem Namen ist, auf daß im Namen Jesu ein jedes Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde, und jede Zunge bekenne ‚Herr, Jesus Christus‘, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,9-11).

Schließlich: „Suchst du ein Beispiel der Verachtung des Irdischen, so folge dem nach, der der König der Könige und der Herr der Herrschenden ist, in dem sich alle Schätze der Weisheit finden, und der dennoch am Kreuze hing: nackt, verspottet, angespien, geschlagen, mit Dornen gekrönt, mit Galle und Essig getränkt, tot.“ Als König und Herr der ganzen Welt stand Ihm alles zur Verfügung. Doch Er hat alles gering geachtet. „Hänge deshalb nicht an Kleidern, und an Reichtum, denn ’sie haben Meine Kleider unter sich geteilt‘; nicht an Ehre, denn ‚Ich habe Spott und Schläge erfahren‘; nicht an Würde, denn ’sie flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf Mein Haupt‘; nicht an Genüssen, denn ‚in Meinem Durst tränkten sie Mich mit Essig‘. Christus achtete als Mensch die irdischen Güter gering, um zu zeigen, was wir geringachten sollen.“