Betrachtung zu den Kartagen

von antimodernist2014

Das liturgische Jahr geht seinem Höhepunkt entgegen, der Karwoche mit den drei heiligen Tagen. Welch einen Reichtum enthüllen die Zeremonien dieser Tage, einen Reichtum an Gedanken über die Sünde, das Leiden, die Sühne, die Erlösung, und damit immer eingeschlossen einen Reichtum an Gnade. Damit jedoch dieser Gnadenreichtum die Seele ergreifen kann, muß diese vorbereitet sein. Wir müssen die Liturgie verstehen, damit wir sie in der rechten Weise mitfeiern können und die Gnaden in uns fruchtbar werden.

Eine grundlegende Einsicht ist dabei, liturgisches Feiern ist etwas anderes als nur ein erinnerndes Nachspielen des damals Geschehenen, wie es etwa bei den Passionsspielen von Oberammergau geschieht. Die Darstellung des Leidens Jesu kann bei diesem Schauspiel so ergreifend sein, daß viele Zuschauer bis zu Tränen gerührt werden. Dabei begegnet man während den Passionsspielen dem leidenden Gottesknecht nur im Bilde, in der Liturgie dagegen in Wahrheit und Wirklichkeit. In der hl. Liturgie, deren Wesensmitte das hl. Meßopfer ist, wird das Erlösungsgeschehen so vergegenwärtigt, daß es Wirklichkeit wird und ist. Das Kreuzesopfer wird nicht nachgespielt, sondern sakramental erneuert. Auf dem Altar bringt sich der ewige Hohepriester wahrlich und wirklich dem himmlischen Vater zum Opfer dar – Opferpriester, Opfergabe und Opferhingabe sind identisch, nur die Art und Weise der Darbringung ist verschieden. Am Kreuz hat sich Jesus Christus blutigerweise aufgeopfert, im hl. Meßopfer unblutigerweise – oder mit den Worten des Tridentinischen Konzils: „Eine und dieselbe ist nämlich die Opfergabe, derselbe (auch) derjenige, der sich nun durch den Dienst der Priester opfert (wie derjenige), der sich selbst damals am Kreuz opferte, wobei nur die Art und Weise des Opferns verschieden ist. Die Früchte dieses (blutigen) Opfers aber, werden durch dieses unblutige (Opfer) überreichlich empfangen … Deshalb wird es nicht bloß für die Sünden, Strafen, Sühneleistungen und anderen Verpflichtungen der lebenden Gläubigen dargebracht, sondern mit Recht nach apostolischer Überlieferung auch für die in Christus Gestorbenen, die noch nicht gereinigt sind“ (DS 1743).

Die Karwoche konfrontiert uns mit dem ganzen Ernst der Erlösung. Dabei ist die Art der Konfrontation ganz und gar außerordentlich. Die Anteilnahme an der hl. Liturgie ist nicht so sehr emotional, wie bei einem Schauspiel, sondern geistig und gnadenhaft. Die Liturgie zielt auf das Herz, in dem unsere Erkenntnis und unser Wille gründen. Die Liturgie führt uns auf sicheren Wegen, um dem Geheimnis begegnen zu können, das ein Geheimnis des Glaubens ist. Ein Glaubensloser, der an der Liturgie der Karwoche teilnimmt, könnte womöglich an der Musik, der wunderbaren Ästhetik der Riten, den schönen Gewändern Freude haben, am Eigentlichsten, an der Gnade, würde er nicht teilnehmen, das Geheimnis bliebe ihm verschlossen. In den ersten Jahrhunderten wäre er deswegen nach der Predigt hinausgeschickt worden. Ohne Glauben kann man die Liturgie nicht verstehen und ohne das Sakrament der Taufe empfangen zu haben nicht an ihr teilnehmen.

Bereiten wir uns deswegen entsprechend auf die hl. Woche vor. Bemühen wir uns ein wenig, das Geheimnis besser zu verstehen, damit wir es würdiger feiern können und die gottgeschenkten Gnadenfrüchte auch annehmen und in uns wirken lassen.

Sühnopfer für unsere Sünden

Der Schlüssel zum Geheimnis dieser Tage ist das Sühneleiden des gottmenschlichen Hohepriesters für unsere Sünden. Das Tridentinische Konzil erklärt: „Und weil in diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, jener selbe Christus enthalten ist und unblutig geopfert wird, der sich selber einmal auf dem Altar des Kreuzes ‚geopfert hat‘ (Hebr 9,27), lehrt die heilige Synode, daß dieses Opfer in Wahrheit ein Sühnopfer ist“ (DS 1743).

Nur wenn man den Ernst der Sünde begreift, kann man verstehen, was in den drei hl. Tagen der Karwoche gefeiert wird. Darum versteht der moderne Mensch das Sühneleiden Christi nicht mehr, weil er „wie Wasser trinkt die Sünde“ (Job 15,16). Der moderne Freiheitswahn hat die Herzen inzwischen sogar soweit verführt, daß sie meinen, ein Recht auf die Sünde zu haben. Das Wissen um die natürliche, gottgegebene Ordnung und die daraus folgenden Gebote Gottes ist nicht nur verloren gegangen, man macht sich vielfach über denjenigen lustig, der es noch wagt, auf diese göttlichen Normen unseres Handelns zu verweisen. Die Folge davon ist, der Mensch hat sich an die Sünde gewöhnt, er hat sein Urteilsvermögen verloren, denn sein Gewissen ist abgestumpft. Beim Propheten Jeremias heißt es: „Kann denn ein Kuschiter seine Hautfarbe wechseln, der Panther seine Streifen? Dann würdet auch ihr noch Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid“ (Jer 13, 23). Gibt es angeblich keine Sünden mehr, dann ist natürlich auch keine Sühne mehr für die Sünden notwendig. Das Sühneleiden unseres göttlichen Herrn Jesus Christus ist deswegen den allermeisten heutzutage vollkommen unverständlich geworden. Es wird zu einer politischen Tragödie umfunktioniert, ein tragisches Mißverständnis oder ein Justizmord.

Sünde und Schuld

Wir wissen noch, die Sünde ist nicht nur eine Tatsache, sie ist zudem das eigentliche Übel in unserer Menschenwelt. Bemühen wir uns, dieses Wissen zu vertiefen, um das, was wir mit dem Begriff Sünde benennen, noch besser fassen zu können. Bei diesem Bemühen wählen wir den hl. Thomas von Aquin als besonderen Helfer, da seine nüchternen und klaren Darlegungen der Sache dazu bestens geeignet sind.

Der Begriff der Sünde setzt den Begriff der Ordnung und dieser wiederum den der Schöpfung voraus. Wenn Gott die Welt schafft, dann schafft Er sie notwendig als Ordnung, denn diese ist ein Ausdruck Seines Wesens und zugleich Seiner alles überschauenden Weisheit. Dementsprechend stellt Thomas von Aquin fest: „Die Ordnung der Glieder des Alls zueinander besteht kraft der Ordnung des ganzen Alls auf Gott hin“ (De Pot. 7,9). Gott hält die ganze Welt zusammen, Er ist die ordnende Kraft des Alls, denn Er hat die Welt nicht nur erschaffen, Er erhält sie Augenblick für Augenblick im Sein. Mit anderen Worten: Ohne den Schöpfer würde alles im Chaos versinken, aber ohne Schöpfer erscheint auch das All als Chaos, ist doch die der Welt innewohnende Ordnung nur von Gott her verständlich. Insofern die Welt aber Geschöpf ist, also aus dem Nichts stammt und durch die ihr innewohnende Tendenz wieder ins Nichts zurücksinken möchte, trägt sie neben den Zügen der gottgeschenkten Ordnung auch Züge des Chaotischen, des Nichts an sich. Darum stellt Thomas fest: „Die Ordnung der göttlichen Vorhersicht fordert, daß in den Dingen Zufall sei und Ungefähr“ (ScG. 3,74). Gott müßte um die geschaffene Welt nicht mehr Sorge tragen, wenn es in dieser keine Unwägbarkeiten gäbe. Gibt es aber in den Dingen Zufall und Ungefähr, dann müssen sie jeden Augenblick neu auf ihr Ziel hingelenkt werden: „Was von Gott stammt, ist geordnet. Darin besteht die Ordnung der Dinge, daß die einen durch die anderen zu Gott geführt werden.“ Letztes Ziel der Schöpfung ist somit immer Gott selbst. Die einen Dinge erreichen dieses Ziel ihrer Natur nach einfachhin durch ihr Sein, also dadurch, daß sie so sind, wie sie sind, die anderen aber durch ihr Wirken, nämlich durch ihren Verstand und freien Willen. Letztere sind die geistigen Wesen, Engel und Menschen. Engel und Menschen sind dazu berufen, die Ordnung zu erkennen, sie zu bejahen und aus freiem Willen nachzuleben. Deswegen haben Engel und Menschen die Möglichkeit, gegen die göttliche Ordnung zu handeln, also Gott den ihrer Natur nach geforderten Gehorsam zu versagen. Die Sünde ist deswegen letztlich ein Mangel, ein Mangel an Erkenntnis und Willen. „Die Sünde geschieht im Willen nicht ohne irgendwelche Unwissenheit der Vernunft. Wir wollen nämlich nichts, es sei denn das Gute, das wirkliche oder das anscheinende“ (ScG. 4, 92). Eine Sünde geschieht immer aufgrund einer Täuschung. Der Sünder strebt einem Scheingut nach, durch das er das wahre Gut ersetzt. So meint etwa ein Dieb, es sei gut für ihn, dies oder jenes zu haben, obwohl es in Wirklichkeit ein Unrecht ist, da ihm das Diebesgut nicht gehört. Fälschlicherweise hält der das Diebesgut für ein Gut, obwohl sein Tun – der Diebstahl – gegen die Gerechtigkeit verstößt und somit in Wirklichkeit ein Übel ist. Würden alle Leute stehlen, wäre kein friedliches Leben mehr möglich. Der Diebstahl ist ein Unrecht, eine Sünde gegen die Gerechtigkeit, darum ist der Dieb, sobald er seine Sünde einsieht und bereut, verpflichtet, die entwendete Sache zurückzugeben, oder sie, falls er sie nicht mehr besitzt, zu ersetzen, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Wie aber sieht Gott eine solche fehlgeleitete Handlung? „Es gehört zur vollkommenen Gutheit Gottes, daß er in den Dingen nichts ungeordnet läßt; so sehen wir schon bei den Naturdingen, daß jedes Übel irgendeinem Gut untergeordnet wird … Weil aber die menschlichen Handlungen ebenso wie die Naturdinge Gegenstand der göttlichen Vorsehung sind, muß auch das Böse, das bei den menschlichen Handlungen vorkommt, irgendeinem Gut untergeordnet werden. Das geschieht aber am passendsten durch die Bestrafung der Sünden. Auf diese Weise wird nämlich alles, was das gebührende Maß überschreitet, der Ordnung der Gerechtigkeit unterworfen, die zum Ausgleich zurückführt. Der Mensch überschreitet aber sein ihm gebührendes Maß, sobald er seinen Willen dem göttlichen Willen vorzieht und ihm entgegen der Anordnung Gottes freien Lauf läßt. Diese Unausgeglichenheit wird nun beseitigt, wenn der Mensch gezwungen wird, gegen seinen Willen, aber gemäß der Anordnung Gottes etwas zu leiden. Es müssen also die menschlichen Sünden von Gott bestraft und ebenso die guten Handlungen belohnt werden“ (ScG III, 140, 5).

Der Dieb empfindet aufgrund seines Diebstahls eine gewisse Freude. Diese ist mehr oder weniger groß, kürzer oder länger, je nachdem, was der Dieb erbeutet hat und wie lange er sich an seinem Diebesgut erfreuen kann. Beim Diebstahl zieht der Dieb seinen Willen dem Willen Gottes vor, der ihm sagt: Du sollst nicht stehlen! Aber um einer irdischen Freude willen verweigert der Dieb Gott den Gehorsam und übertritt das göttliche Gebot. Die Sünde ist eine verantwortete Unausgeglichenheit, in die sich der Mensch aus eigener Schuld versetzt, sie ist ein Unrecht gegen Gott und Seine Gebote. Die Gerechtigkeit verlangt nun einen Ausgleich. Wie wir schon gesehen haben, muß der Sünder im Fall des Diebstahls einerseits die gestohlene Sache erstatten, anderseits muß er aber auch noch das Unrecht gegen Gott wieder gut machen. Welche Strafe trifft den Sünder? Thomas erklärt: „Diese Unausgeglichenheit wird nun beseitigt, wenn der Mensch gezwungen wird, gegen seinen Willen, aber gemäß der Anordnung Gottes etwas zu leiden.“ Durch das Leiden wird der Mensch von Gott gezwungen, seine Sünden wieder gut zu machen – sofern er das überhaupt kann, muß man hinzufügen, wie wir noch sehen werden.

Lassen wir uns diesen Sachverhalt noch etwas ausführlicher erklären: „Weil aber nur das schlechthin Gute Gegenstand des Willens ist, findet sich das Böse als die Beraubung des Guten nur unter einer speziellen Rücksicht in den vernünftigen und mit freiem Willen ausgestatteten Geschöpfen. Das Übel also, das durch Entzug der Form oder Vollständigkeit eines Dings zustande kommt, hat den Charakter der Strafe, und dies zumal unter der Voraussetzung, daß alles der göttlichen Vorsehung und Gerechtigkeit unterliegt, wie oben gezeigt worden ist; es gehört nämlich zum Wesen der Strafe, daß sie dem Willen entgegengesetzt ist. Das Übel aber, das im Entzug einer geschuldeten Tätigkeit in den mit freiem Willen begabten Geschöpfen besteht, hat den Charakter der Schuld; denn es wird jemandem genau das als Schuld angerechnet, daß er es an der Vollkommenheit einer Handlung fehlen läßt, deren Herr er durch den Willen ist. So ist also jedes Übel in jenen Geschöpfen, die einen freien Willen besitzen, entweder Strafe oder Schuld“ (Sth I q 48 a 5).

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