Prototyp der Neuen Messe

Im „Schott“ wird „Der heilige Karfreitag (Feria VI in Parasceve)“ einleitend erklärt: „Der heutige Tag trug in der frühesten Zeit den Namen ‚Freitag der Todesfeier des Herrn‘; heute heißt er Parasceve, d.h. Rüsttag (vor Ostern). Dieser Tag ist einer jener Tage des Kirchenjahres, deren Begehung in die Urzeit der Kirche hinaufreicht. …“

Die Neuerer übernehmen wieder den in den frühesten Zeiten üblichen Namen und nennen ihn „Freitag des Leidens und Sterbens unseres Herrn“. Damit wollen sie wohl suggerieren, daß sie mit dem Namen auch den früheren Ritus wieder herstellen wollen, obwohl dieser „Tag einer jener Tage des Kirchenjahres ist, deren Begehung in die Urzeit der Kirche hinaufreicht“ – und das nicht nur geschichtlich, sondern auch durch die uralten Riten!

Der Karfreitag und die hl. Messe

Der Ritus des Karfreitags ist seinem Aufbau nach einer hl. Messe nachempfunden. Dementsprechend hatte auch er drei Teile: „1. Lesungen mit Fürbittgebeten, 2. die Enthüllung und Verehrung des heiligen Kreuzes, 3. die sog. Missa praesancitificatorum, d.h. die Messe der vorherverwandelten Gabe, weil in ihr nicht konsekriert, sondern die am Tage vorher verwandelte Hostie genossen wird“, so der Schott.

Bugnini macht aus den drei Teilen deren vier – nach dem „Bomm“: „Der erste ist eine Art Vormesse mit Gebeten, Lesungen und Gesängen und dem Evangelium vom Leiden und Sterben des Herrn (Johannespassion). Den zweiten Teil bilden die Allgemeinen Fürbitten. Als dritter folgt die Enthüllung und Verehrung des heiligen Kreuzes und als vierter eine Kommunionfeier, in der nach einem alten, jetzt erneuerten Brauch auch die Gläubigen den Leib des Herrn empfangen sollen.“

In der Umgestaltung der Teile und die Erweiterung auf deren vier ist nicht unschwer die Vorstellung von den „beiden Teilen“ zu erkennen, „aus denen die Messe gewissermaßen besteht, nämlich Wortgottesdienst und Eucharistiefeier“. Die beiden ersten Teile bilden dann den Wortgottesdienst, die beiden letzten die Eucharistiefeier, wobei beide „so eng miteinander verbunden sind, daß sie einen einzigen Kultakt ausmachen“. Es ist wichtig zu begreifen, wie gezielt und konsequent die Reformatoren (so muß man sie wohl am besten nennen) vorgegangen sind.

Erster Teil: Lesungen und Fürbitten

Kommen wir nun zum ersten Teil: Lesungen mit Fürbittgebeten nach der „alten“ Ordnung, erster und zweiter Teil nach der reformierten Ordnung.

Im ursprünglichen Ritus kommt der Priester in schwarzen Gewändern (also mit Meßgewand) zum Altar, er wirft sich vor diesem aufs Angesicht nieder und verharrt eine Zeit lang im stillen Gebet. Nach diesem erhebt er sich, geht an den Altar, küßt den Altar und beginnt auf der Epistelseite für die Lesungen.

Im reformierten Ritus zieht der Zelebrant schweigend durch die Kirche zum Altar, ohne Meßgewand, nur in Albe und mit schwarzer Stola, er wirft sich nieder in Prostratio, dann erhebt der sich, betet eine Oration, worauf er sich auf die Seite zu den Sedilien begibt. Der Zelebrant geht also nicht mehr an den Altar, sondern er feiert den Wortgottesdienst an der Seite an den Sedilien, genauso wie es in der Neuen Messe üblich sein wird.

Bugnini hat in seinen reformatorischen Ritus auch schon viele Nuancen eingearbeitet, die wegweisend sein werden. Der Priester trägt nicht mehr das traditionelle Meßgewand, sondern nur noch die Albe. Es war Anfang und Mitte der 50er Jahre noch nicht möglich, sofort die modernen „Meßgewänder“ einzuführen, die immer bunter werdenden Kartoffelsäcke, aber es war schon möglich, auf das Meßgewand zu verzichten – oder es, wie wir noch sehen werden gegen den Rauchmantel auszutauschen.

Es soll noch auf eine weitere Nuance hingewiesen werden, welche Bugnini diesmal weggelassen hat. Im ursprünglichen Ritus wurde der letzte Teil der Passion vom Priester als Evangelium gelesen. Im reformierten Ritus wird die ganze Passion zum Evangelium und sie wird am Pult, „dem Volk zugewandt“ gesungen. Der Priester hört nur noch zu, d.h. er liest das Evangelium nicht mehr selber am Altar, wie früher üblich.

Im ursprünglichen Ritus gehen die Lesungen einfach in die Fürbitten über, es ist ein einziger, zusammengehöriger Teil. Der Priester liest, bzw. singt deswegen die Fürbitten einfach auf der Epistelseite am Altar.

Dies ändert Bugnini: „Nun legt der Zelebrant das schwarze Pluviale an… Unterdessen breiten zwei Akolythen ein Altartuch auf dem Altar aus und legen darauf in die Mitte des Altares das Buch“, so der Schott. Bugnini läßt also das Buch in die Mitte des Altars stellen, vor den (leeren) Tabernakel! Es war niemals üblich, etwas vor den Tabernakel zu stellen – außer den Kelch beim hl. Meßopfer. Wie ist dies also zu deuten? Nun, im Gedanken hatte Bugnini den Tabernakel wohl schon beseitigt und an einen Volksaltar gedacht. Der Priester steht also im reformatorischen Ritus bei den Fürbitten in der Mitte des Altars und er hat vor sich das Buch und zumindest schon im Gedanken (oder auch schon in Wirklichkeit, denn der Volksaltar existierte in manchen Gegenden schon) auch die Gläubigen. Zudem tritt der Priester mit einem schwarzen Chormantel gekleidet an den Altar, wohl nochmals in Ermangelung eines modernen „Meß“-gewandes, denn auch hier ist der gedankliche Zusammenhang zu diesem naheliegend.

Und noch eines wird ganz ohne jegliches Aufsehen erreicht, man erfüllt die Forderung der Liturgiekonstitution, nach der „das ‘Allgemeine Gebet’ oder ‘Gebet der Gläubigen’ wiedereingeführt werden“ soll, „damit unter Teilnahme des Volkes Fürbitten gehalten werden“. Hierzu ist der Karfreitagsritus natürlich mehr als geeignet, sind in ihm allein im römischen Ritus die allgemeinen Fürbitten noch erhalten geblieben. Später wird man sie bei jeder Feier einer Neuen Messe wiederfinden, wo sie oft aufgrund ihrer Oberflächlichkeit und Banalität einer der peinlichsten Teile dieser Volksunterhaltungsfeier sind.

Zweiter Teil: Kreuzverehrung

Kommen wir zum nächsten Teil der Karfreitagsliturgie, die Kreuzverehrung.

In der ursprünglichen Liturgie legte der Priester das Meßgewand ab, das er die ganze Zeit trug, und er nimmt sodann das verhüllte Kreuz, das schon auf dem oder beim Altar steht. Sodann beginnt er auf der Epistelseite das Kreuz zu enthüllen. Im reformierten Ritus legt der Zelebrant das Pluviale ab, das er bei den Fürbitten trug, sodann wird das verhüllte Kreuz aus der Sakristei geholt, und der Diakon oder der Priester bringt es, von Lichtträgern begleitet, an den Altar. Hierzu eine Bemerkung: Der reformierte Ritus – der doch ein vereinfachter Ritus sein will – macht einen viel unruhigeren und unharmonischeren Eindruck als der ursprüngliche Ritus. Gerade am Karfreitag fällt auf, wie die ursprüngliche Einheit des Ritus zerstückelt wird, um diesen uralten, bis in die apostolische Zeit zurückreichenden Ritus durch ein selbstgemachtes Surrogat zu ersetzen – wie es alle Häretiker und Sektierer machten. An manchen Stellen der reformierten Karliturgie hat man unwillkürlich den unangenehmen Eindruck, es handle sich um neu geschaffene Showeinlagen, welche das Volk besser unterhalten sollen.

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