Prototyp der Neuen Messe

Die Missa Praesanctificatorum

Kommen wir zum letzten Teil der Karfreitagsliturgie.

Im „Schott“ liest man: „Nun folgt die Missa Praesanctificatorum, d.i. die Messe der vorherverwandelten Opfergaben. Im römischen Ritus kommt sie nur an diesem Tage vor; im Morgenlande dagegen ist sie in der Fastenzeit häufig. Sie bildet den erhabensten Teil des heutigen Gottesdienstes; freilich ist sie, weil das Wesentliche, die Wandlung, fehlt, keine eigentliche Meßopferfeier, aber doch eine wahre Eucharistiefeier, besser gesagt, eine Kommunionfeier. Der zelebrierende Priester genießt unter uralten und feierlichen Gebräuchen die am Vortrag konsekrierte Hostie. In der heutigen Kommunionfeier wird er gleichsam vom Kreuze aus genährt. ‚Wir werden vom Kreuze Christi herab gespeist, weil wir seinen Leib essen‘ (hl. Augustinus). Heute, da die Kirche ganz vom Andenken an das blutige Kreuzesopfer erfüllt ist, wagt sie es gleichsam nicht, dessen unblutige Erneuerung zu feiern.“

Von der Zeremonie her erinnert diese Missa Praesanctificatorum durchgehend an die Zeremonien beim hl. Meßopfer: die Beräucherung des Altars, der Kelch mit Wasser und Wein, das Lavabo, die Erhebung der Hostie, das „Vater unser“. Wenn es auch kein eigenes und eigentliches Opfer ist, das hier gefeiert ist, so verweist doch alles darauf, daß diese hl. Hostie Opferfrucht ist, Frucht des furchtbaren Leidens und Sterbens des göttlichen Erlösers am Kreuz. Darum, bildet die „Missa Praesanctificatorum den erhabensten Teil des heutigen Gottesdienstes“. Im Morgenland war diese Art der liturgischen Feier besonders während der Fastenzeit üblich, weil sie mehr den Bußcharakter zum Ausdruck bringt und der dieser Zeit eigenen Trauer besser entspricht als das hl. Meßopfer, bei der die Freude im Vordergrund steht.

Bedenkt man zudem, am Karfreitag geht der Missa Praesanctificatorum unmittelbar die Kreuzverehrung voran, während der dem an diesem Tage wirklich geschehenen Opfertod unseres göttlichen Erlösers gedacht wird – die Karfreitagsliturgie ist sozusagen das Requiem für den soeben am Kreuz gestorbenen Erlöser – so wird aus dem Gesamt des Ritus die Nähe zum hl. Meßopfer noch deutlicher. Es wird auch sofort verständlich, daß sich der Brauch durchgesetzt hat, am diesen Tag nicht zu kommunizieren. Die Gläubigen sind so vom Leiden und Sterben ihres göttlichen Erlösers ergriffen, so von einem abgrundtiefen Schmerz erfüllt, daß sie sich darin ihrem göttlichen Vorbild angleichen wollen und auf die Freude der hl. Kommunion verzichten. Aus diesem Grund fand schon zur Zeit des Papstes Innozenz I., also zu Beginn des 5. Jahrhunderts, in der römischen Kirche weder ein Opfer noch ein Opfermahl statt. Genauso war es in der Kirche zu Jerusalem, berichtet doch die Pilgerin Aetheria nichts von einem Kommunionempfang am Karfreitag. Erst im 8. Jahrhundert kam ein solcher Brauch auf, wurde jedoch im 12. Jahrhundert in der römischen Kirche abgeschafft, was sogar im Kirchenrecht seinen Niederschlag fand. Darum war es nur noch üblich, daß allein der Priester kommunizierte und das wohl nur deshalb, damit das Opfer wie bei der hl. Messe vervollständigt wird.

Die modernen Reformatoren machen aus der „Messe der vorhergewandelten Opfergabe“ eine „Kommunionfeier“. Im Bomm heißt es dazu: „Diese Kommunionfeier wird so gehalten, wie sie in der alten Zeit an Tagen üblich war, an denen man kein eigentliches Opfer hielt, und wie sie heute noch im Morgenlande während der Fastenzeit häufig vorkommt. Während lange Zeit hindurch am Karfreitag nur der Priester den Leib des Herrn empfing, ist seit 1956 wieder die allgemeine Kommunion vorgesehen. Für die Nüchternheit gelten die für die Abendmesse gegebenen Vorschriften.“

Das ist freilich nicht den Tatsachen entsprechend, die Kommunionfeier wird keineswegs „so gehalten, wie sie in der alten Zeit an Tagen üblich war“, sondern in einem neuerfundenen Ritus, wodurch die ganze Karfreitagsliturgie einen anderen Sinn erhält. Bugnini läßt ganz bewußt entgegen der ältesten Tradition an diesem Tag die ganze Gemeinde kommunizieren – wobei er sich zwar auf örtliche Gebräuche beruft, die jedoch gerade nicht bis zur Zeit des Urchristentums zurückgehen, wie wir schon gesehen haben. Das Ziel dieser Umformung ist auch viel weitgehender als es auf den ersten Blick scheint. Das wird ersichtlich, sobald man bedenkt, daß die Missa Praesanctificatorum vollkommen verändert wird. Warum übernimmt Bugnini nicht einfach die Missa Praesanctificatorum und verbindet sie mit einer allgemeinen Kommunionausspendung? Warum formt er besonders bei diesem Ritus alles um und erfindet ihn neu? Weil er mit seiner Art der Kommunionfeier den ganzen Ritus uminterpretieren möchte. Mit anderen Worten: Er macht mit seiner Kommunionfeier aus dem Opfer ein Mahl!

Nach der Kreuzverehrung zieht sich im reformierten Ritus der Zelebrant um und legt keine schwarzen, sondern violette Meßgewänder an. Man beachte: In der Neuen Messe wird die Farbe Schwarz ganz verschwinden, was hier schon angedeutet wird. Der Priester kommt also mit dem violetten Meßgewand am Altar an, und im Schott heißt es sodann: „Der Zelebrant spricht laut und deutlich: ‚Oremus, Preceptis salutaribus… dicere‘, und alle Anwesenden sprechen gemeinsam mit dem Priester, sozusagen als eucharistisches Tischgebet, das Vaterunser.“

Hier ist eindeutig der Brauch der Neuen Messe vorgebildet, das „Vater unser“ mit dem Volk zusammen zu beten, „sozusagen als eucharistisches Tischgebet“ (!) – denn die Neue Messe ist ihrem Wesen nach eine Mahlversammlung unter dem Vorsitz des Priesters. Die Wandlung wird folgerichtig zum bloßen Einsetzungsbericht umfunktioniert – am Karfreitag der Kreuzverehrung entsprechend. Sowohl Opfer (Kreuzverehrung) als auch Mahl (neugestaltete Kommunionfeier) sind somit nur noch Erinnerungsfeiern, das Opfer ist kein wahres, wirkliches Opfer mehr und die Hostie nicht mehr der wahre Opferleib Jesu Christi. Mit anderen Worten: Die Kommunionfeier Bugninis ist nur noch das Austeilen des hl. Brotes zur Erinnerung an den Tod Jesu am Kreuz.

Zusammenfassung

Wie wir gesehen haben, ist die Reform der Karfreitagsliturgie genau gemäß den Grundsätzen der zur Neuen Messe führenden Liturgiekonstitution ins Werk gesetzt worden. Die späteren Macher der Neuen Messe haben im neugeschaffenen Ritus des Karfreitags einen Prototyp für die folgenden Veränderungen geschaffen. Nachdem der Test erfolgreich verlaufen ist – es gab kaum Widerstand gegen diese Reform – war der Weg zur Neuen Messe frei!

Schluß

Lassen wir zum Abschluß noch einmal einen Zeitzeugen zu Wort kommen. In dem schon erwähnten Buch „Die heilige Woche“ schrieb Aemiliana Löhr OSB im Jahre 1958: „Es ist eines der Grundanliegen der gegenwärtigen »Instauration« der Paschaliturgie, den Gläubigen wieder die Einheit des österlichen Geschehens im Vielerlei der Riten und Feiern, wie sie sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, begreiflich zu machen. Die Heilige Woche soll wieder zu einer einheitlichen Feier werden, in der das Einzelne, an seinen richtigen Platz gerückt, das Ganze in allen seinen Teilen ebenso wie in seiner Einheit sichtbar macht und jedem Gläubigen, der ganzen Kirchengemeinde den lebendigen Mitvollzug des Pascha Domini sichert. Darin zumeist liegt auch das, was man das pastorale Anliegen der jüngsten liturgischen Neuordnung genannt hat. Wenn man dabei, um dem Volke eine lebendige und verständnisvolle Teilnahme an dem einen und ganzen Pascha weitgehend zu ermöglichen und zu erleichtern, zu einigen Kürzungen, Auslassungen und Umgestaltungen altehrwürdiger Texte und umgekehrt zur Neueinführung des einen oder anderen Ritus gegriffen hat, so können darüber die Ansichten natürlich geteilt sein. Die Zeit wird erweisen, ob in jedem Fall das Richtige getroffen wurde. Wo nicht, wird die kluge und liebevolle Mutter Kirche nicht zögern, einen Mißgriff zu berichtigen.“

Offensichtlich wurde mit der Neuordnung der Karliturgie noch kein endgültiges Ergebnis geliefert, sondern nur der vorläufige Stand des liturgischen Experiments dokumentiert. Wobei man dazu doch die entscheidende Frage stellen müßte, die die ganze Zeit schon untergründig im Raum stand: Kann die hl. Liturgie überhaupt Experiment sein? Jedenfalls kam es entgegen der Hoffnung von damals zu keinerlei Einsicht mehr, daß damit ein Irrweg beschritten worden war, denn die Feinde hatten die Reform der Liturgie in die Hand genommen – schon von 1948 bis 1960 war Annibale Bugnini Sekretär der von Papst Pius XII. eingesetzten Kommission zur Generalreform der Liturgie. Mit dem Tod von Pius XII. und vollends dem „2. Vatikanum“ haben sie dann endgültig das Zepter in die Hand genommen – die Bahn war nun endgültig frei und man mußte sich nicht mehr mit dem Karfreitag begnügen.

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