Vater unser, der Du bist im Himmel

von antimodernist2014

1. Die Bittage erinnern uns an die Notwendigkeit des Bittgebetes. Denn nach den Worten des Heilands: „Bittet, und ihr werdet empfangen“, ist es ein Gesetz, daß wir die Gnaden und Wohltaten, die wir benötigen, nur erlangen, indem wir darum beten. Es ist daher für uns von großer Wichtigkeit zu wissen, wie und worum wir beten sollen, um es in der rechten Weise zu tun. Das haben auch die Apostel so empfunden, deshalb baten sie den Heiland: „Herr, lehre uns beten!“ Der Heiland hat dieser Bitte nur zu gern entsprochen, und so lehrte Er uns das Gebet des Herrn, das Vaterunser. Damit wir jedoch das Vaterunser richtig und mit Andacht beten, ist es nützlich, es uns vom heiligen Thomas von Aquin erklären zu lassen.

2. „Wir beten also ‚Vater’“, beginnt der große Aquinate. „Dabei ist zweierlei zu beachten: Inwiefern ist Gott unser Vater? und: Was sind wir Ihm als Vater schuldig?“ Aus drei Gründen, fährt der engelgleiche Lehrer fort, wird Gott „Vater“ genannt. Erstens wegen „der besonderen Art unserer Erschaffung, denn er hat uns Ihm ähnlich, nach Seinem Ebenbild geschaffen, das Er den anderen, niedrigeren Geschöpfen nicht einprägte“. „Lasset uns den Menschen schaffen nach Unserem Bild und Gleichnis“, spricht Gott im Anfang der Schöpfung (Gen 1,26). Das ist es, was den Menschen vom Tier und jeder anderen körperlichen Kreatur unterscheidet. Er ist nach dem Bilde Gottes geschaffen, er ist Ihm ähnlich, darum darf er Ihn auch zurecht Vater nennen. Schon Moses schärft daher in seinem letzten Buch dem Volk Israel erneut ein: „Er ist dein Vater, der dich schuf“ (Deut 32,6).

Zweitens ist Gott unser Vater wegen „der besonderen Art, wie Er uns regiert“. Gott ist ja nicht nur Schöpfer, sondern auch Lenker und Erhalter der Welt. Doch „obwohl Er alles regiert, so regiert Er uns doch wie Kinder, die anderen aber wie Diener“. „Du bist es, der den Himmel ausspannt wie ein Zeltdach, der das Grundgebälk für seine Kammern in den Wassern festigt, der sich als Wagen und Wolken ausersieht, einherfährt auf des Windes Flügeln, der sich die Winde macht zu seinen Boten, zu seinen Dienern Feuerflammen“ (Ps 104,2-4). Vom Menschen aber heißt es: „Mit großer Ehrfurcht leitest du uns“ (Weish 12,18).

Drittens und vor allem nennen wir Gott unseren Vater, weil „Er uns an Kindes Statt annahm“, indem Er uns die heiligmachende Gnade verlieh. „Denn alle, die vom Geiste Gottes getrieben werden, diese sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, um euch wiederum zu fürchten, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba (Vater)! Denn der Geist gibt selbst unserem Geiste Zeugnis, daß wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so sind wir auch Erben: Erbe Gottes und Miterben Christi“ (Röm 8,14-17). „Weil ihr aber Kinder seid, so sandte Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der da ruft: Abba, Vater! So ist er denn nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, auch Erbe durch Gott“ (Gal 4,6f). „Den anderen Geschöpfen hat Er gleichsam nur Geschenke gegeben“, staunt der heilige Thomas, „uns aber die Erbschaft, weil wir Seine Kinder sind, und wenn Kinder, dann auch Erben.“

3. Da Gott also unser Vater ist, so „sind wir Ihm viererlei schuldig“, nämlich Ehre, Nachfolge, Gehorsam und Geduld in den Züchtigungen. „Wenn Ich der Vater bin, wo ist dann Meine Ehre?“ fragt Gott vorwurfsvoll durch den Mund des Propheten Malachias (Mal 1,6). Diese Ehre aber besteht zum einen „in dem Lob Gottes, das aber nicht nur aus dem Munde, sondern auch aus dem Herzen kommen soll“. „Das Opfer des Lobes ehre Mich“, heißt es im Psalm (Ps 49,23). Doch beim Propheten Isaias klagt der Herr: „Nur im Munde führt Mich dieses Volk; nur mit den Lippen ehrt es Mich; doch fern hält es von Mir sein Herz, und die Verehrung, die sie Mir erweisen, besteht in angelernten Menschenformeln“ (Is 29,13). Ferner besteht die Ehre Gottes „in der Reinheit des Leibes“. Das ergibt sich daraus, daß wir als Kinder Gottes Seinen Geist in uns tragen. „Oder wisset ihr nicht, daß eure Glieder ein Tempel des Heiligen Geistes sind, der in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euer eigen seid? Denn um hohen Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlichet und traget Gott in eurem Leibe!“ (1 Kor 6,19f). Schließlich ehren wir Gott „in der Gerechtigkeit des Urteils gegenüber dem Nächsten“, ist doch auch der Nächste ein Kind Gottes. Und: „Die Ehre des Königs liebt das gerechte Urteil“ (Ps 98,4).

Die Nachfolge des himmlischen Vaters besteht zunächst „in der Liebe, die im Herzen getragen werden muß“. „Du wirst mich Vater nennen und wirst nicht aufhören, in Meiner Spur zu gehen“, fordert Gott, der Herr, uns durch den Propheten Jeremias zur Nachfolge auf (Jer 3,29). Der heilige Paulus erklärt, wie wir das tun sollen: „Suchet denn Gott nachzuahmen im Gedanken, daß ihr geliebte Kinder seid, und wandelt in der Liebe“ (Eph 5,1). Daraus ergibt sich ferner die Nachfolge „in der Barmherzigkeit, die mit der Liebe verbunden sein und sich in Werken erweisen muß“. „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“, mahnt uns der Heiland kurz und bündig (Lk 6,36). Er selber ging mit dem allerbesten Beispiel voran. Schließlich sollen wir Gott, dem Vater nachfolgen „in der Vollkommenheit, weil Liebe und Barmherzigkeit vollkommen sein müssen“. Wieder sagt es uns der Heiland mit Seinen so schlichten und unendlich tiefen Worten: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 6,48).

Wir schulden unserem himmlischen Vater kindlichen Gehorsam. Oder „sollen wir nicht willig uns unterordnen dem Vater unserer Seelen, um das Leben zu gewinnen?“ (Hebr 12,9). Diesen Gehorsam schulden wir in erster Linie „wegen Seiner Herrschaft über uns, denn Er ist unser Herr“. „Alles was der Herr sagt, wollen wir tun und Ihm gehorchen“, gelobte Moses am Berg Sinai (Ex 24,7), wo er die steinernen Tafeln empfing, die mit den Worten beginnen: „Ich bin der Herr, dein Gott“ (Ex 20,2). Wir schulden außerdem Gehorsam „wegen Seines Beispiels, indem der wahre Sohn dem Vater ‚gehorsam war bis zum Tode‘ (Phil 2,8)“. Christus als der eingeborene, wahre Sohn des Vaters, ist ja unser Vorbild in allem. Endlich schulden wir Gott Gehorsam „wegen Seines Wohlgefallens“. Ein Kind, das seinen Vater liebt, sucht ja vor allem, ihm zu gefallen. So kann es sagen: „Ich werde spielen vor dem Herrn, der mich erwählt hat“ (Weish 8,30).

Schließlich schulden wir unserem himmlischen Vater Geduld in den Züchtigungen, geschehen sie doch nur aus übergroßer Liebe und zu unserem Besten. „Die Züchtigungen des Herrn, mein Sohn, verwirf nicht, und laß den Mut nicht sinken, wenn du von Ihm gestraft wirst; denn wen der Herr liebt, den züchtigt Er, und hat Wohlgefallen an ihm, gleich wie ein Vater an seinem Sohne“ (Prv 3,11f).

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