Vater unser, der Du bist im Himmel

4. Wir nennen Gott nicht nur unseren Vater, sondern wir beten „Vater unser“. „Das Wort ‚unser‘ zeigt an, daß wir dem Nächsten zweierlei schuldig sind“, erklärt der heilige Thomas, und zwar erstens „Liebe, denn sie sind unsere Brüder, weil wir ja alle Kinder Gottes sind“. So kann der heilige Johannes sagen: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, der er nicht gesehen hat. Und wir haben dieses Gebot von Ihm: wer Gott liebt, liebt auch seinen Bruder“ (1 Jo 4,20f). Zweitens sind wir ihnen schuldig „Ehrerbietung, weil sie Kinder Gottes sind“. „Denn es heißt in der Schrift: ‚Haben wir denn nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?‘ (Mal 2,10).“ Darin besteht die wahre Menschenwürde, die von uns verlangt: „Kommt einander mit Eherbietung zuvor“ (Röm 12,10).

5. Und warum fügt der Heiland noch hinzu: „Der Du bist im Himmel“? Der heilige Lehrer erklärt: „Der Betende muß vor allem Vertrauen haben, dies ist besonders wichtig.“ Wie schon der heilige Jakobus sagt: „Er bete im Glauben, ohne zu zweifeln“ (Jak 1,6). „Deshalb schickt der Herr, indem Er uns beten lehrt, das voraus, wodurch in uns das Vertrauen erweckt wird: die Güte des Vaters.“ Wie der Heiland uns belehrt: „Wenn ihr, die ihr böse seid, euren Kindern Gutes zu geben wißt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die Ihn darum bitten!“ (Lk 11,13). „Deshalb spricht Er ‚Vater unser‘ und fügt, um die Größe der Macht des Vaters hervorzuheben, noch hinzu: ‚Der du bist im Himmel‘.“ Es gibt ja zwei Gründe, warum wir an der Hilfe eines anderen Zweifel haben können: Weil er uns entweder nicht helfen will oder nicht helfen kann. Gott aber will uns helfen, weil Er der gütige Vater ist, und Er kann uns helfen, weil Er der allmächtige Vater ist. Darum haben wir keinen Grund zum Zweifel, sondern allen Grund zum Vertrauen.

6. „Der Du bist im Himmel“ kann sich „aber auf dreierlei beziehen“. Erstens auf „die Vorbereitung des Betenden“, denn diese besteht vor allem „in der Nachahmung des Himmlischen, da das Kind den Vater nachahmen soll“, dann „in der Betrachtung des Himmlischen, weil die Menschen ihre Gedanken häufiger dorthin zu richten pflegen, wo sie den Vater haben und was sie sonst noch lieben“, schließlich „in dem Streben nach dem Himmlischen, so daß wir von Ihm, der im Himmel ist, nur Himmlisches erbitten“. So lesen wir in der Schrift: „Wie wir das Bild des Irdischen getragen haben, werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen“ (1 Kor 15,49), weshalb wir das Himmlische nachahmen sollen; „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Mt 6,21), weshalb wir das Himmlische betrachten sollen, damit „unser Wandel im Himmel“ ist, wie der heilige Paulus sagt (Phil 3,20); „Suchet, was oben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters thront“ (Kol 31,), weshalb wir nur Himmlisches erbitten sollen.

Zweitens kann es sich beziehen auf „die Geneigtheit Gottes, uns zu erhören; denn ‚Er ist allen nahe, die Ihn anrufen‘ (Ps 144,18)“. Denn: „Die Worte ‚im Himmel‘ kann man auch auffassen als ‚in den Heiligen‘, denn Gott wohnt in den Heiligen, nach den Worten der Schrift: ‚Du bist in uns, Herr‘ (Jer 14,9). Die Heiligen werden daher auch ‚Himmel‘ genannt, und es heißt von ihnen: ‚Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes‘ (Ps 18,1).“ So erinnern uns diese Worte zum einen an die Gemeinschaft der Heiligen, die unsere Fürsprecher sind und an deren Verdiensten wir Anteil erlangen, zum zweiten an die uns selbst innewohnende heiligmachende Gnade. Gott nämlich „wohnt in den Heiligen durch den Glauben“, wie der heilige Paulus sagt: „Christus wohnt durch den Glauben in euren Herzen“ (Eph 3,17). Er wohnt in ihnen durch die Liebe, nach den Worten des heiligen Johannes: „Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Jo 4,16). Und Er wohnt in ihnen durch „die Erfüllung der Gebote“, denn so sagt der Heiland selbst: „Wenn jemand Mich liebt, so wird Er Mein Wort halten, und Mein Vater wird ihn lieben. Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Jo 14,23).

Drittens können sich die Worte beziehen auf „die Kraft und Wirksamkeit Gottes, um uns zu erhören“. „Wir können nämlich unter den Worten ‚im Himmel‘ auch den sichtbaren Himmel verstehen, nicht als ob Gott im sichtbaren Himmel eingeschlossen wäre, da Ihn ja ‚der Himmel und die Himmel der Himmel nicht fassen können‘ (1 Kg 8,27), sondern im Hinblick auf Seine Allwissenheit, mit der Er von der Höhe herabsieht, auf Seine erhabene Macht und auf Seine Unveränderlichkeit in der Ewigkeit, weshalb es auch von Christus heißt: ‚Sein Thron ist des Himmels Tagen gleich‘ (Ps 88,30).“

7. Demgemäß wird uns durch die Worte „Der Du bist im Himmel“ auch „Vertrauen auf das Gebet gegeben, und zwar aus drei Gründen“. Der erste Grund ist die „Macht dessen, zu dem wir beten“. „Auf diese Macht wird hingewiesen, wenn unter ‚Himmel‘ der sichtbare Himmel verstanden wird, und wenn Er auch von keinem materiellen Ort umfaßt werden kann, so sagt man doch von Ihm, Er sei im sichtbaren Himmel, um damit die Größe Seiner Macht und und die Erhabenheit Seiner Natur anzudeuten.“ Die Größe Seiner Macht wird dadurch angedeutet, „da wir ja in dem Sinne von Gott sagen, Er sei im Himmel, weil Er der Herr der Himmel und der Sterne ist“, was vor allem jene widerlegt, die dem törichten Glauben anhangen, „daß durch den schicksalhaften Einfluß der Himmelskörper alles mit Notwendigkeit geschehe, so daß es unnütz wäre, zu Gott zu beten“ – ein auch heute noch weitverbreiteter Aberglaube. Die Erhabenheit der göttlichen Natur wird dadurch zum Ausdruck gebracht, weil der Himmel „unter den sinnlichen Dingen das höchste ist“ und so auf die „alles menschliche Denken und Begehren übersteigende“ Größe Gottes hinweist und somit jede körperliche Vorstellung von Gott zurückweist. „Daher ist alles Denkbare und Wünschbare geringer als Gott.“

Der zweite Grund ist die „Freundlichkeit Gottes“. „Diese wird deutlich, wenn wir unter ‚Himmel‘ die Heiligen verstehen. Da einige behaupten, Gott kümmere sich infolge Seiner Erhabenheit um die menschlichen Dinge nicht, muß dagegen betont werden, daß Er uns nahe, ja ganz in uns ist, da es heißt; Er sei im Himmel, nämlich in den Heiligen, die ‚Himmel‘ gennant werden“, wie wir oben gesehen haben. „Du bist in uns, o Herr, und Dein heiliger Name ist angerufen über uns“, heißt es beim Propheten Jeremias (Jer 14,9). „Die Betenden haben also Grund zu vertrauen, weil Gott uns so nahe ist, und weil wir durch den Beistand der Heiligen das erlangen können, worum wir bitten.“ Deshalb heißt es in der Heiligen Schrift: „Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein“ (Mt 6,6,), nämlich in das innere Kämmerlein der Herzens, wo wir Gott finden, und: „Betet füreinander, damit ihr das Heil erlangt; viel vermag das eindringliche Gebet eines Gerechten“ (Jak 5,16).

Der dritte Grund ist schließlich die „Angemessenheit“ und „Zweckmäßigkeit des Gebetes“. „Diese erlangt das Gebet, wenn wir die Worte ‚Der Du bist im Himmel‘ in dem Sinne auffassen, daß wir unter ‚Himmel‘ die geistigen und ewigen Güter verstehen, in denen die Seligkeit beruht. Dadurch wird in uns die Sehnsucht nach dem Himmlischen erweckt, denn unsere Sehnsucht muß dorthin gerichtet sein, wo wir den Vater haben, weil dort unser Erbteil ist“, weshalb uns der Apostel mahnt: „Suchet was oben ist“ (Kol 3,1), nämlich „das unvergleichliche, fleckenlose unverwelkliche Erbe, das euch im Himmel hinterlegt ist“ (1 Petr 1,4). Ferner „werden wir dadurch zu einem himmlischen Leben angeleitet, damit wir dem himmlischen Vater gleichförmig werden“. Und „beides – die Sehnsucht nach dem Himmlischen und das himmlische Leben – erzeugt die rechte Verfassung und die Angemessenheit des Gebetes“. Daher sind gerade die Tage vor Christi Himmelfahrt, da sich unser Blick bereits himmelwärts richtet, die rechte Zeit, dieses Gebet mit neuem Eifer und größerer Andacht zu verrichten.