Neue Welt im Heiligen Geist

von antimodernist2014

Ein Katholik, der noch wachen Sinnes durch diese Welt geht, wird unwillkürlich ein innerliches Befremden spüren angesichts dessen, was er überall sieht und hört und erlebt. Immerhin war dieses Land ehemals das christliche Abendland, das jedoch urplötzlich innerhalb von Jahrzehnten spurlos vollständig verschwand. Der Widerstand gegen die Zerstörung dieses heiligen Erbes ist offensichtlich mit einem Mal in sich zusammengebrochen. Dieses fürchterliche Geschehen war letztlich nur möglich durch eine feindliche Übernahme der weltweiten Organisation der römischen Kirche. Denn diese römische Kirche allein hielt noch das uralte Erbe am Leben, ist sie doch ihrem Wesen nach gelebte göttliche Tradition. Mit dem sog. 2. Vatikanum kam der radikale Umschwung, und damit war der Untergang besiegelt. Von nun an kämpfte die neu entstandene, sog. Konzilskirche auf der anderen Seite, also auf der Seite der Feinde.

In La Salette hatte die Gottesmutter, die weinende Gottesmutter, geoffenbart: „Die Häupter, die Leiter des Gottesvolkes, haben das Gebet und die Buße vernachlässigt, und der Dämon hat ihren Verstand verdunkelt. Sie sind jene irrenden Sterne geworden, welche der alte Widersacher mit seinem Schweif nach sich zieht, um sie zugrunde gehen zu lassen.“ Gleichsam über Nacht sind „Die Häupter, die Leiter des Gottesvolkes“, also die Hirten, zu Irrlichtern geworden, denn der Dämon hatte ihren Verstand verdunkelt und sie zu Irrlehrern gemacht. Sie bildeten sich deswegen plötzlich ein, man könne den Geist Gottes mit dem Geist der Welt versöhnen, ja man könne von ihm sogar lernen, weshalb man Fenster und Türen öffnen müsse, damit endlich wieder frische Luft in die vermodernde Kirche komme. Dieses abgrundtief irrige Bild, diese existenzielle Häresie hat inzwischen die Geister der meisten Katholiken erobert und ihren Verstand vollkommen verwirrt. Man wollte die Zeichen der Zeit nicht erkennen, und somit hatte sich die Mahnung Mariens bewahrheitet: „Im Jahre 1846 wird Luzifer mit einer großen Menge von Teufeln aus der Hölle losgelassen. Sie werden den Glauben allmählich auslöschen, selbst in Menschen, die Gott geweiht sind. Sie werden sie in einer Weise blind machen, daß diese Menschen, falls sie nicht eine besondere Gnade empfangen, den Geist dieser bösen Engel annehmen werden. Viele Ordenshäuser werden den Glauben völlig verlieren und viele Seelen mit ins Verderben ziehen.“

All das hat sich vor unseren Augen nach der vatikanischen Revolution erfüllt: Die meisten Bischöfe, Priester, Ordensleute haben den Geist der Welt, d.i. den Geist der bösen Engel angenommen. Viele Ordenshäuser haben den Glauben völlig verloren – und wie viele Seelen haben sie mit ins Verderben gerissen! Als sich dann auch noch die furchtbare Prophezeiung erfüllte – „Rom wird den Glauben verlieren“ – zerbrachen schließlich alle übernatürlichen Reste im öffentlichen Leben, denn die Menschenmachwerkskirche weiß vom göttlichen Erbe nichts mehr und kann es darum auch nicht mehr weitergeben.

Dies hatte schon seine Vorgeschichte, denn Maria erklärte: „Im Jahre 1865 wird man Greuel an den heiligen Orten sehen. In den Ordenshäusern werden die Blüten der Kirche in Fäulnis übergehen und der Teufel wird sich als König der Herzen gebärden. Die Oberen der Ordensgemeinschaften mögen auf der Hut sein, wenn sie jemand in das Kloster aufzunehmen haben; denn der Teufel wird alle seine Bosheit aufwenden, um in den religiösen Orden Leute unterzubringen, die der Sünde ergeben sind. Denn die Unordnungen und die Liebe zu fleischlichen Genüssen werden auf der ganzen Welt verbreitet sein.“

Treffender kann man den allgemeinen Zustand auch heute kaum beschreiben: „die Unordnungen und die Liebe zu fleischlichen Genüssen werden auf der ganzen Welt verbreitet sein.“ Der moderne Geist hatte wirklich alles durcheinandergebracht – ist mit anderen Worten diabolisch geworden, denn der Diabolus ist bekanntlich der Durcheinanderwerfer und nicht irgendein, sondern ein meisterlicher Durcheinanderwerfer. Sein teuflisches Spiel machte immer mehr Menschen süchtig nach Vergnügen jeglicher Art und entfremdete sie somit dem übernatürlichen Glauben und der Gnade. Zuletzt waren es fast nur noch die römischen Päpste, die mit ganz wenigen Getreuen diesen teuflischen Plan durchschauten. Diese waren schon im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einsamen Rufern in der geistigen Wüste geworden, Rufern, auf die kaum noch jemand hörte und denen niemand mehr folgen wollte. In dieser Zeit sickerte auch die Irrlehre des Modernismus in die Kirche ein, um sich sodann schnell wie eine Seuche auszubreiten. Wie war das möglich? Wie konnte die ganze Organisation der Kirche so schnell umfunktioniert und in ihr Gegenteil verkehrt werden? Das Grundübel war die Verblendung, die Unfähigkeit, geistige Entwicklungen zu sehen und vom göttlichen Glauben her recht zu beurteilen.

Hans Sedlmayr hat in seinem Buch „Verlust der Mitte“ versucht, anhand der Kunst die Symptome und Symbole dieser Entwicklung aufzuzeigen. Er macht deutlich, daß schon seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in der abendländischen Geschichte Erscheinungen, ja tiefgreifende Erschütterungen auftreten, die mit keiner Entwicklung anderer Kulturen vergleichbar sind. Hinzu kommt noch, daß die westliche Kultur im Laufe des zwanzigsten Jahrhundert mehr und mehr zu einer weltumspannenden Kultur wird. Die Analyse von Hans Sedlmayr lautet: „In den Jahren und Jahrzehnten vor 1789 hat in Europa eine innere Revolution von unvorstellbaren Ausmaßen eingesetzt: Die Ereignisse, die man als ‚Französische Revolution’ zusammenfaßt, sind selbst nur ein sichtbarer Teilvorgang dieser ungeheuren inneren Katastrophe. Es ist bis heute nicht gelungen, die dadurch geschaffene Lage zu bewältigen, weder im Geistigen noch im Praktischen. Zu verstehen, was damals wirklich geschehen ist, ist vielleicht die aktuellste Aufgabe, die den historischen Wissenschaften überhaupt gestellt ist: An dieser historischen Wende sind wir nicht nur historisch, sondern ganz unmittelbar interessiert. Denn mit ihr beginnt unsere Gegenwart, und von ihr her erkennen wir auch noch unsere Lage, erkennen uns selbst. Die Betrachtung der Kunst ist berufen, entscheidende Erkenntnisse zum Verständnis dieser inneren Revolution beizutragen. Nirgends ist das Unvergleichliche, Neue, das damals begonnen und Epoche gemacht hat, schärfer zu fassen als an einer Reihe von Erscheinungen in dem Gebiete der Kunst, die außerordentliche Prägnanz besitzen. Ist man imstande, diese Erscheinungen nicht bloß als historische Tatsachen zu sehen, sondern als Symptome, dann ergibt sich aus ihnen zwanglos eine Diagnose des Leidens der Zeit. Denn als Leiden werden diese Zustände zweifellos weiterhin empfunden. Man hat zwar gelegentlich für eine Deutung der Epoche Erscheinungen der Kunst als Symptome herangezogen, so Spengler. Bei ihm und den meisten anderen sind es aber gerade nicht die eigentümlichen Erscheinungen, sondern solche, zu denen es Analogien auch in anderen Epochen gibt. Es treten aber im Gebiete der Kunst seit rund 1760 Erscheinungen auf, die es nie und nirgendwo in der Weltgeschichte gegeben hat. Mit so großer symbolischer Kraft sprechen sie von Erschütterungen im Inneren der geistigen Welt, daß es einmal unverständlich erscheinen wird, daß die Betrachtung der Kunst nicht sogleich alles verraten hat. Man hätte wohl schon längst alles erraten, wenn nicht die Angst zu sehen die Augen verschlossen hätte. Denn diese Lage zu sehen und nicht zu verzweifeln, verlangt Mut“ (Hans Sedlmayr, Verlust der Mitte – Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit, Salzburg 1948, S. 7).

Es ist erstaunlich, wie klar Hans Sedlmayr die Sache damals schon gesehen hat. Er bestätigt letztlich das, was Maria in La Salette sagte, denn: „Man hätte wohl schon längst alles erraten, wenn nicht die Angst zu sehen die Augen verschlossen hätte.“ Der Geist war also schon weitestgehend verblendet, man wollte nicht mehr sehen, darum hielt man die Augen gleich geschlossen. Der Grund für diese offensichtliche Verblendung war das Schwinden des Übernatürlichen. Der wahre, göttliche Glaube war seit der Renaissance ins Abseits gedrängt worden. Das Leben verweltlichte immer mehr und entfremdete sich der Gnade. Dieser Verlust des Übernatürlichen ist deswegen so gefährlich, weil er meistens nicht sofort erkannt wird. Der Glaube höhlt sich vielmehr zunächst innerlich aus und behält die äußere Form bei. Wenn man darum nicht genau hinsieht, bemerkt man die stillschweigende Veränderung nicht. Dennoch ist sie wesentlich. Am Greifbarsten wird dieser Wandel an den Kirchenbauten, bei denen die Künste vereint am Werk sind, um ein Haus Gottes zu schaffen, eine Pforte des Himmels, wie es bei der Kirchweihe heißt.

Sedlmayr kommt in dem Kapitel „Die alten Gesamtaufgaben ‚welken‘“ darauf zu sprechen: „Die Kirche ist nicht mehr imstande, einen festen neuen Typus des Kirchengebäudes hervorzubringen. Sie tastet unentschieden nach leeren Gehäusen, um in ihnen Halt zu finden: nach altchristlichen, byzantinischen, romanischen, gotischen und Renaissance-Formen. Vorübergehend verbirgt sie sich sogar in der Außenschale eines griechischen Tempels. Wie oberflächlich dieses ganze Formenwesen ist, zeigen in erschreckender Deutlichkeit Schinkels Entwürfe für die Werdersche Kirche in Berlin. Die vollkommen unverändert bleibende, kubische Grundform wird ‚zur Wahl‘ einmal romanisch, dann gotisch, dann antikisch ‚verkleidet‘, maskiert. Dieses Auseinanderklaffen von Grundform und Kleinform, die man als bloße Dekoration auffaßt, wird nun Schicksal der europäischen Kunst überhaupt. Nirgends aber ist es so schroff sichtbar geworden wie gerade an der Gelegenheit des Kirchengebäudes, was zweifellos tiefere Gründe hat. Die Konzeption des Kirchengebäudes selbst ist eben – und nicht nur im protestantischen Raum – im Grunde eine ‚massive‘, ‚kahle‘, aufklärerische. Das religiöse Element an ihr ist nicht sakramental und mythisch, sondern nur poetisch, nicht organisch, sondern ‚Gewand‘, bloßer ideologischer Mantel, entliehen der Vergangenheit.“

An den Kirchen dieser Zeit läßt es sich ablesen, der Glaube besitzt nicht mehr genügend Leben, um eine eigenständige religiöse Kunst hervorzubringen, um ein in sich stimmiges, durchdachtes, durchbetetes Gotteshaus zu schaffen. Das Ende des Barock markiert dieses Ende des in diesem Sinne lebensformenden Glaubens. Der Glaube degeneriert in der Öffentlichkeit allmählich zur Fassade! „Das religiöse Element an ihr ist nicht sakramental und mythisch“ – denn es fehlt der tragende sakramentale Glaube an die Wandlungsmacht der Gnade und damit das Wissen, daß die ganze Schöpfung durch den sakramentalen Dienst zu heiligen ist –, „sondern nur poetisch, nicht organisch, sondern ‚Gewand‘, bloßer ideologischer Mantel, entliehen der Vergangenheit“. Das ist eine ganz zentrale Feststellung für die Moderne: Der Glaube entartet zur Ideologie, er ist nur noch ein aus grauer Vergangenheit kommendes Wissen um etwas irgendwie Geheimnisvolles und Heiliges, das man jedoch im Grunde nicht mehr richtig versteht, weil es immer weniger zum modernen Leben und Denken paßt.

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