Neue Welt im Heiligen Geist

Mit der Aufklärung beginnt der Mensch titanenhaft nach Autonomie zu streben. Autonomie in diesem aufgeklärten Sinne ist Selbstständigkeit, Unabhängigkeit unter Ausscheidung des Überweltlichen im Menschen und des Persönlichen in Gott: „Gestört ist das Verhältnis des Menschen zu Gott. Das wird im Gebiete der Kunst so deutlich wie nirgends sonst sichtbar an den neuen Aufgaben, denen man die Kraft zuwendet, die früher den Tempeln und der Kirche und dem Götterbild galt. Die neuen Götter des Menschen sind die Natur, die Kunst, die Maschinen; das All, das Chaos, das Nichts … Gestört ist das Verhältnis des Menschen zu den anderen Menschen. Das wird unmittelbar anschaulich in jenen Richtungen der modernen Malerei, in denen der Mensch, auf das Niveau der übrigen sichtbaren Dinge, zum Schluß der toten und totesten Dinge herabgedrückt, sich – wie in pathologischen Störungen des Einzelbewußtseins – des psychischen Lebens der anderen nicht mehr bewußt wird … Gestört ist das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt. Es sind gleichsam geöffnet die Tore der Unterwelt, die sich jetzt in das ganze Leben ergießt und es durchsetzt. Unmittelbar sichtbar wie nirgends sonst ist diese Dämonisierung der Kunst in jenen Richtungen der modernen Malerei, die bewußt oder unbewußt das Eindringen der chaotischen unteren Welt in die Welt des Menschen sichtbar machen mit einer Kraft der Anschauung, die früher nur an die Darstellung der Heiligenwelt gewandt wurde“ (S. 169f).

Ernst Jünger schreibt einmal: „Die verlassenen Altäre sind von Dämonen bewohnt“ (E. Jünger, Blätter und Steine). Je mehr man Gott hinausdrängt aus der Menschenwelt, umso mehr dringt das Dämonische hinein. Der Teufel läßt sich nicht zweimal bitten, sondern füllt jedes vermeintliche religiöse Vakuum sofort aus. Und sobald er festen Fuß gefaßt hat, breitet er sein Reich rücksichtslos aus.

Der autonome Mensch hat keinerlei Orientierung mehr. Sein kindisches Spiel, wie Gott sein zu wollen, erweist sich nur allzu schnell als Wahnsinn. Hans Sedlmayr arbeitet heraus, wie das Verhältnis des modernen Menschen nicht nur zu Gott, sondern auch zur Natur, zur Zeit und zu sich selbst zerstört ist. Das Zeitalter der „Moderne“ beginnt für Sedlmayr mit der Inkubationszeit der Französischen Revolution, also etwa 1760, und er sieht es gekennzeichnet durch den neuen, autonomen Menschen: „Es steht im Zeichen der Kluft zwischen Gott und den Menschen, des vermeintlichen autonomen Menschen und des Ersatzes des trinitarischen Gottes durch neue Götter und Götzen: Natur und Vernunft (Pantheismus, Deismus), Kunst (Ästhetizismus), Maschine (Materialismus), Chaos (Antitheismus, Nihilismus) … Es zeigt sich an allem, daß bis in die neueste, scheinbar vollkommen säkularisierte Kunst hinein Gegenstand und Charakter der Kunst wesentlich bestimmt wird durch einen Glauben oder Glaubens-Ersatz. Sei es auch nur der Aberglaube einer modernen Sekte. ,Weil es keinen Menschen gibt und gab, der nicht entweder seinem Gott oder seinem Götzen Opfer bringt’ (Franz von Baader)“ (S. 228f).

Die Analyse Hans Sedlmayrs ist viel treffender und präziser als die meisten Analysen moderner Kirchenvertreter oder auch mancher „Traditionalisten“, die inzwischen offensichtlich ebenfalls vielfach mit Blindheit geschlagen sind. Was würde Hans Sedlmayr erst heute, angesichts der postmodernen Gleichgültigkeit sagen? Wie würde er den ausgereiften Zustand der Gottlosigkeit beschreiben, den wir nun auf der ganzen Welt vor uns haben? Das übernatürliche Denken ist überall am Aussterben, so daß die Kluft zwischen Gott und den Menschen unüberwindlich scheint. Der Mensch der Moderne glaubt nicht nur, was er will, er tut auch, was immer ihm beliebt. Es gibt keinerlei göttliche Gebote mehr, auch keinerlei Naturregeln, denn man hat allmählich alle Tabus zerstört. Sedlmayr zitiert Le Corbusier, der es folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Der Kern unserer alten Städte mit ihren Domen und Münstern muß zerschlagen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden.“ Ein treffenderes Bild der modernen Welt kann man wohl kaum finden. Anstatt der Dome und Münster, die den göttlichen Glauben darstellen, Wolkenkratzer als Ausdruck des modernen Turmbaus von Babel. In diesem Bild findet sich die ganze Moderne wieder.

Werfen wir zur weiteren Verdeutlichung noch einen kurzen Blick auf die Malerei. Auch diese durchlebte eine Revolution, denn ohne Revolution kommt man nicht zur Moderne. Hans Sedlmayr schreibt: „Die Malerei ist in der modernen Zeit die hemmungsloseste aller Künste. Freigeworden von den Bindungen öffentlicher Aufgaben, für die sie schafft, freigeworden von verbindlichen Themen, die ihr gestellt sind, schaffend nur ‚für sich‘ oder für die Anonymität der Ausstellung, droht ihr der ‚Zufall des Beliebigen‘. Für die Maler, für sie am meisten, trifft zu, was Jaspers von dem geistig Schaffenden unserer Zeit überhaupt sagt: ‚Die sichere Begrenzung durch ein Ganzes fehlt. Aus der Welt kommt kein Auftrag, der ihn bindet. Er muß auf eigenes Risiko den Auftrag sich selbst geben. Ohne Widerhall oder mit einem falschen Widerhall und ohne echten Gegner wird er sich selbst zweideutig.‘ ‚Die Möglichkeiten scheinen unerhörte Aussichten zu eröffnen. Aber die Möglichkeiten drohen sich zu überschlagen. Aus der Zerstreuung sich zurückzufinden, fordert fast übermenschliche Kraft.‘ Auch wohnt in der entfesselten Farbe selbst – wo sie nicht mehr durch plastische und architektonische Gegengewichte gehemmt wird – ein Element des Formlosen und Chaotischen. Der moderne Maler ist der gefährdetste aller Künstler, abgeschnitten von der Realität, oft eine verzweifelte Existenz. Schon Marees fühlt die ‚entsetzliche Isoliertheit‘. Zwar sind die großen Maler der Moderne zweifellos tiefere Geister als die Architekten, aber nirgends bricht das Dämonische so stark durch, nirgends ist die Verlassenheit so groß, nirgends größer die Gefahr der Scharlatanerie. Schon aus diesen Gründen ist das Bild, das die europäische Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts bietet, noch unvergleichlich chaotischer als das der Baukunst. Trotzdem lassen sich auch hier einige Grundströmungen erkennen, die, bald offen zutage tretend, bald unterirdisch weiterfließend, der Epoche ihre Richtung geben. Es sind vor allem drei: eine den Mikrokosmos des Gemäldes im alten Sinn auflösend, eine das Flächenhafte des Bildes suchend, eine zur Darstellung des Alogischen, des Traumhaften strebend“ (S 109).

Beim aufmerksamen Lesen dieser Zeilen kommt einem der Gedanke, was Hans Sedlmayr bezüglich der modernen Malerei sagt, das gilt genauso für die moderne Theologie. Auch der moderne Theologe hat jeglichen Boden unter den Füßen verloren, seitdem er die Freiheit zum Irrtum sich ertrotzt hat. Seine Emanzipation vom Lehramt ist teuer erkauft durch den Verrat des göttlichen Glaubens. „Die Möglichkeiten scheinen unerhörte Aussichten zu eröffnen. Aber die Möglichkeiten drohen sich zu überschlagen. Aus der Zerstreuung sich zurückzufinden, fordert fast übermenschliche Kraft.“ Der Irrtum hat unzählig viele Varianten, während die Wahrheit nur eine ist. Aber wer sich einmal im Irrtum verrannt hat, der findet aus der Zerstreuung nicht mehr so leicht zurück. Es auch das gilt für die moderne Theologie, „nirgends bricht das Dämonische so stark durch, nirgends ist die Verlassenheit so groß, nirgends größer die Gefahr der Scharlatanerie“. Was tummelt sich nicht alles auf dem Markplatz der modernen Theologie herum. Die Menschen scheinen wirklich besessen zu sein, denn kein Gedanke, so falsch, so unsinnig, so blasphemisch er auch sein mag, wird einem als neueste Erkenntnis eines Theologen erspart. Der moderne Mensch denkt sich nichts mehr dabei, denn er kann den Glauben nicht mehr ernst nehmen und schon gar nicht so ernst nehmen, wie er seinem Wesen nach ist – nämlich göttlich ernst!

Für einen Katholiken stellt sich angesichts solcher chaotischer Verhältnisse die brennende Frage: Was kann ich noch tun? Ja, was muß ich tun, um meinen göttlichen Glauben zu bewahren und ihn zu leben? Wie sollen wir uns als Katholiken in dieser dämonisierten Umwelt noch zurechtfinden?

Welche Antwort gibt uns der göttliche Glaube auf diese Frage? Im Prolog des Johannesevangeliums lesen wir: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh. 1,11-13).

Was für ein undurchdringliches Geheimnis: Er gab uns Macht, Kinder Gottes zu werden! Wenn wir nämlich an Seinen Namen Glauben, werden wir aus Gott geboren und zu einer neuen Schöpfung. Diejenige, die uns dieses Geschenk mitteilt, ist die heilige Kirche. Im Römischen Katechismus lesen wir unter „3. Was für Geheimnisse vor allem in dem Worte ‚Kirche‘ zur Betrachtung sich darbieten“: „Es sind aber nicht geringe Geheimnisse in diesem Worte enthalten. Denn in dem Aufrufen, was ecclesia bezeichnet, leuchtet sogleich die Güte und der Glanz der göttlichen Gnade hervor, und erkennen wir, dass die Kirche von anderen Gemeinwesen höchst verschieden ist. Denn jene stützen sich auf menschliche Vernunft und Klugheit, diese aber ist durch Gottes Weisheit und Ratschluss gegründet. Denn er hat uns durch den innersten Anhauch des Heiligen Geistes berufen, welcher die Herzen der Menschen öffnet, äußerlich aber durch die Tat und den Dienst der Hirten und Prediger. Welches Ziel überdies in Folge dieser Berufung uns vorgesteckt sein muss, nämlich die Erkenntnis und der Besitz der ewigen Dinge, das wird der recht gut einsehen, welcher betrachtet, warum ehemals das gläubige Volk unter dem Gesetze ‚Synagoge‘ d. h. Zusammentrieb genannt wurde. Denn, wie der heilige Augustinus lehrt, ward ihm dieser Name beigelegt, weil es nach Art der Tiere, für welche das Zusammengetriebenwerden mehr passt, nur irdische und vergängliche Güter vor Augen hatte. Darum wird mit Recht das christliche Volk nicht Synagoge, sondern Kirche genannt, weil es mit Verachtung der irdischen und sterblichen Dinge bloß nach den himmlischen und ewigen trachtet“ (Der römische Katechismus, Erster Teil, Zehntes Hauptstück).

Der gläubige Katholik hat im Sakrament der heiligen Taufe ein durch und durch übernatürliches Leben erhalten. Darum ist auch seine Kirche „von anderen Gemeinwesen höchst verschieden. Denn jene stützen sich auf menschliche Vernunft und Klugheit, diese aber ist durch Gottes Weisheit und Ratschluss gegründet.“ Wer sich also bloß auf eine rein menschliche Vernunft und Klugheit stützt, wie der moderne Mensch, der kann das Wesen der Kirche niemals begreifen, die „durch Gottes Weisheit und Ratschluss gegründet“ ist. Er kann zudem auch das neue, verborgene Leben nicht begreifen: „Denn er hat uns durch den innersten Anhauch des Heiligen Geistes berufen, welcher die Herzen der Menschen öffnet, äußerlich aber durch die Tat und den Dienst der Hirten und Prediger.“ Deswegen geht auch das Ziel himmelweit über alles irdische Sinnen hinaus, „nämlich die Erkenntnis und der Besitz der ewigen Dinge“. Je mehr darum der äußere „Dienst der Hirten und Prediger“ versagt, da diese zu Mietlingen oder gar Wölfe geworden sind, müssen wir uns auf den „innersten Anhauch des Heiligen Geistes“ konzentrieren. Wir müssen das Wirken dieses Geistes in unserer Seele möglichst gut verstehen lernen, um gehorsam dem leisesten Wink folgen zu können.

Aus diesem Grunde wollen wir uns noch anhand den Ausführungen J.M. Scheebens mit dem Thema der Einwohnung des Heiligen Geistes in unserer Seele beschäftigen. In seinen Herrlichkeiten der göttlichen Gnade erklärt er: „In der Sprache der Heiligen Schrift und der heiligen Väter wird gewöhnlich der Heilige Geist als diejenige göttliche Person bezeichnet, mit welcher wir durch die Gnade ganz besonders in Verbindung treten. Denn der Heilige Geist steht, als die dritte Person in der Gottheit, gleichsam an der Grenzscheide der heiligen Dreifaltigkeit, und deshalb wird ihm zunächst und vorzüglich die Vereinigung Gottes mit der Kreatur und der Kreatur mit Gott zugeeignet. Überdies ist er der persönliche Repräsentant der göttlichen Liebe, aus der er hervorgeht. Da nun die Vereinigung Gottes mit der Kreatur gerade durch seine Liebe bewirkt wird, und anderseits unsere Verbindung mit Gott in diesem Leben hauptsächlich in unserer Liebe zu ihm besteht, so ist es offenbar, warum gerade der Heilige Geist in dieser Beziehung die ganze heilige Dreifaltigkeit repräsentiert.“