Neue Welt im Heiligen Geist

Der Heilige Geist hat als dritte Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit eine besondere Stellung zur Schöpfung, „deshalb wird ihm zunächst und vorzüglich die Vereinigung Gottes mit der Kreatur und der Kreatur mit Gott zugeeignet“. Das gilt zunächst für jedes Geschöpf, aber es gilt in besonderer Weise für den Menschen, der durch die heiligmachende Gnade nicht einfach nur irgendwie mit Gott verbunden ist, sondern mit dem göttlichen Leben selbst erfüllt wird. Denn: „Von dem Heiligen Geiste sagen wir nun, daß er selbst mit der Gnade zu uns kommt, sich selbst in der Gnade uns schenkt und auf eine unaussprechlich innige Weise wirklich und wesentlich durch die Gnade in uns wohnt. Der Geist Gottes ist es, der uns nach den Worten des Apostels durch seine Kraft in das Bild Gottes umgestaltet. Aber er tut dies nicht wie die Sonne, welche bloß von ferne durch ihre Strahlen eine Kristallkugel in ihr Bild verwandelt: nein, da er als Gott überall, wo er wirkt, gegenwärtig sein muß, so erleuchtet er unsere Seele wie ein Licht, das innerhalb einer Kristallkugel sich befindet, oder wie ein Feuer, das auf das innigste dem Körper, den es verklärt und glühend macht, nahe ist und denselben durchdringt. Er selbst ist das Siegel, wodurch Gott unserer Seele das Bild seiner göttlichen Natur und Heiligkeit aufdrückt. Wie nun das Siegel zwar nur seine Form im Wachse abprägt, aber um dies tun zu können, mit demselben in die engste Verbindung gebracht werden muß: so tritt auch der Heilige Geist, indem er uns mit seinem Bilde besiegelt, in die engste Verbindung mit unserer Seele. So kann uns also der Heilige Geist seine Gnade nicht geben, ohne daß er sich selbst uns schenkt, wie auch der Apostel sagt: ‚Die Liebe Gottes (welche mit der Gnade die höchste Gabe desselben ist) ist in unsern Herzen ausgegossen worden durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt worden‘ (Röm 5,5).“

Wenn wir nur eine einigermaßen gültige Vorstellung von der Wirklichkeit Gottes hätten, dann würde uns diese vom Glauben gelehrte Wahrheit in höchstes Erstaunen setzten, „daß er selbst mit der Gnade zu uns kommt, sich selbst in der Gnade uns schenkt und auf eine unaussprechlich innige Weise wirklich und wesentlich durch die Gnade in uns wohnt“. Diese übernatürliche Welt Gottes in uns ist unseren Sinnen vollkommen verborgen. Allein der Glaube kann sie uns offenbaren, allein er kann unseren Blick mit jenem Licht erfüllen, das die Welten durchdringt und das Unsichtbare erhellt. Aber in diesem irdischen Leben ist der Glaube ein dunkles Licht – das Geheimnis bleibt. Geheimnisvoll also ist der Heilige Geist in unserer Seele, und „Er selbst ist das Siegel, wodurch Gott unserer Seele das Bild seiner göttlichen Natur und Heiligkeit aufdrückt“. Seine Einwohnung ist göttlich wirksam, sie läßt uns teilnehmen an der göttlichen Natur, so daß wir nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es sind. Angesichts dieses Wunders ruft unser Theologe aus: „O wunderbare Größe der Gnade, die einen so hohen, so süßen und so heiligen Gast in unsere Seele einführt und ihn so innig und unzertrennlich mit uns verbindet! Wenn Zachäus sich selig pries, daß er den Sohn Gottes seiner Menschheit nach für kurze Zeit in sein Haus aufnehmen konnte, um wieviel mehr müssen wir uns dann glücklich schätzen, daß wir den Heiligen Geist in seiner Gottheit nicht in unser Haus, sondern in das Innerste unseres Herzens aufnehmen können! Mögen andere es als eine große Ehre ansehen, wenn sie einen irdischen König in ihr Haus aufnehmen können; wir werden gerne alle Schande und Unehre von den Menschen annehmen und für nichts achten, wofern wir nur den Geist Gottes in unserem Herzen bewahren. ‚Wenn ihr geschmäht werdet im Namen Christi‘, sagt der Apostelfürst, ‚werdet ihr selig sein, weil die Ehre, die Herrlichkeit und Kraft Gottes und sein Geist über euch ruht.‘ Einen heiligen Stolz sollten wir allem Schimpf und Spott, den die Welt auf uns ladet, entgegenstellen, in dem Bewußtsein, daß niemand diesen hohen Gast aus unserer Seele vertreiben kann.“

Mit dem Heiligen Geist kommt die Fülle Gottes zu uns, die ganze Allerheiligste Dreifaltigkeit und damit die Verheißung des ewigen Lebens. Wir sollten viel mehr auf dieses göttliche Leben achten, denn je aufmerksamer wir dieser geheimnisvollen göttlichen Wirklichkeit gegenüber sind, desto wirksamer ist diese Gegenwart, desto heiligender kann der Heilige Geist sein. Wer könnte nahe an einem großen Feuer wohnen, ohne selbst erwärmt zu werden – oder womöglich sogar verbrannt?

„Aber dieser hohe Gast kommt nicht bloß, um uns mit seiner Gegenwart zu ehren; er bringt uns auch einen überreichen Schatz mit, und dieser Schatz ist er selbst; oder vielmehr er ist nicht nur ein Schatz, sondern auch das Pfand eines noch größeren Schatzes. Denn wie wir jetzt den Heiligen Geist in der Süßigkeit seiner Liebe kosten und genießen sollen, sollen wir auch einst den Vater und den Sohn in ihrer ganzen göttlichen Wesenheit und Herrlichkeit kosten und genießen. ‚Er ist das Unterpfand unserer Erbschaft‘, sagt der Apostel“, so nochmals Scheeben.

Ist unsere Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber solcher Liebe nicht erschreckend? Manchmal beginnt man schon zu fragen: Wie ist das möglich? Einen Gott im Herzen und man spürt es nicht! Überfüllt von einer Unendlichkeit und Allmacht und man wird nicht davon bewegt! „O wie wenig empfinden wir die Kostbarkeit dieses Schatzes und die lebendige Hoffnung, welche dieses Unterpfand uns gewährt, weil wir nur zu wenig dasselbe zu kosten suchen! Den Heiligen Geist, den Geist der göttlichen Liebe, kann man nur in dem Maße genießen, als man seine Liebe in sich aufnimmt. Je mehr wir ihn lieben, desto näher tritt er uns, desto tiefer senkt er sich in unsere Seele ein, desto mehr empfinden wir seine himmlische Süßigkeit, desto stärker wird in uns das Verlangen und das Vertrauen, dereinst nicht nur das Pfand allein, sondern den ganzen Schatz Gottes erwerben und genießen zu können. Wenn wir aber diese Liebe in uns nicht hegen und pflegen, dann sind wir selbst schuld daran, daß wir die Gegenwart des Heiligen Geistes in unserer Seele nicht wahrnehmen, und verdienen sogar, dieselbe bald ganz zu verlieren. Doch nein; das sei ferne von dir, lieber Christ; denn wenn du die Gegenwart des Heiligen Geistes in deiner Seele nicht achtest, bringst du nicht nur über dich das größte Unglück, du fügst auch ihm selbst die schmählichste Unbill zu. Welch empörende Beleidigung wäre es nicht, wenn ein Armer, bei dem ein irdischer König einkehren wollte, entweder ihn gar nicht aufnähme, oder, nachdem er ihn aufgenommen, sich gar nicht um ihn bekümmerte, oder ihn sogar aus seinem Hause wieder vertriebe! Wie aber, wenn du zwar nicht ausdrücklich, so doch durch dein gleichgültiges und verächtliches Benehmen deutlich genug dem Geiste Gottes sagtest: Bleibe zurück von mir! jenen Menschen gleich, von denen Job sagt, daß ’sie den Allmächtigen so halten, als wenn er nichts tun könnte, während er doch ihre Wohnungen mit Gütern erfüllt‘? Der Heilige Geist kommt zu dir, um sich selbst dir zu schenken und dich dadurch zu beglücken; er kommt aber auch zugleich als dein Herr und Gott, um dich als seinen Tempel in Besitz zu nehmen. Wißt ihr nicht‘, sagt der Apostel, ‚daß eure Glieder Tempel des Heiligen Geistes sind, der in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euer eigen seid?‘ Indem ihr den Heiligen Geist in euch aufgenommen, seid ihr zu seinem Tempel geweiht und gehört ihm an; alles, was ihr tut, soll zu seiner Ehre gereichen und seiner würdig sein. Neben ihm sollt ihr keinem andern Götzen dienen und dadurch den Tempel des wahren Gottes schänden. ‚Denn‘, sagt derselbe Apostel an einer andern Stelle, ‚welche Gemeinschaft hat der Tempel Gottes mit den Götzen? Ihr aber seid Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott spricht: ich werde in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.’“

Wir möchten diese Gedanken mit einer praktischen Anregung abschließen, die sicher jedem dabei helfen kann, das göttliche Geschenk wieder höher zu schätzen und im alltäglichen Leben mehr und aufmerksamer in der Gegenwart Gottes zu leben.

Ein Geheimnis….
„Ein Geheimnis der Heiligkeit und des Glücks möchte ich dir verraten. Bringe jeden Tag während fünf Minuten deine Einbildungskraft zum Schweigen. Verschließe deine Augen allen sichtbaren Dingen und deine Ohren allem Lärm der Welt. Halte Einkehr bei dir, und da, im Heiligtum deiner getauften Seele, die der Tempel des Heiligen Geistes ist, sprich also: ‚O Heiliger Geist, Du Seele meiner Seele, ich bete Dich an. Erleuchte mich, führe mich, stärke mich, tröste mich! Laß mich wissen, was ich tun soll; gib mir Deine Weisungen. Ich verspreche Dir, mich ganz Deinen Anordnungen zu fügen und alles anzunehmen, was mir nach Deinen Zulassungen geschehen kann. Laß mich nur Deinen Willen erkennen.‘ Wenn du das tust, wird dein Leben glücklich, ausgeglichen und trostvoll, selbst inmitten der Leiden; denn die Gnade wird der Prüfung angemessen sein, und mit Verdiensten gesegnet wirst du einmal die Schwelle der Ewigkeit überschreiten. Diese Hingabe an den Heiligen Geist ist das Geheimnis der Heiligkeit.“ (Kardinal Mercier)