Vatikanum und Anti-Vatikanum

von antimodernist2014

1. Kardinal Henry Edward Manning, Erzbischof von Westminster, berichtete im Jahr 1870 in einem Pastoralbrief an seinen Klerus über das Vatikanische Konzil, an dem er selber als Konzilsvater teilgenommen hatte. Das erste Kapitel dieses Briefes hat die Überschrift: „Die Welt und das Konzil“. Darin beschreibt der Kardinal zunächst die äußere Geschichte des Konzils.

2. Während der Monate seiner Teilnahme am Konzil habe er aufmerksam die Berichterstattung darüber in den Zeitungen studiert, so der Kardinal, und zwar in der italienischen, deutschen, französischen und englischen Presse. Er habe damals auf eine Frage geantwortet, was man in Hinsicht auf das Konzil glauben solle: „Lesen Sie sorgfältig die Korrespondentenberichte, die aus Rom in England veröffentlicht werden, glauben Sie das Gegenteil, und Sie werden nicht weit von der Wahrheit sein.“

Zwei Dinge hat der Kardinal damals festgestellt. „Die Zeitungen katholischer Länder, so verkehrt und feindlich sie sein mochten, machten sich kaum, wenn überhaupt, lächerlich. Sie schrieben mit großer Bitterkeit und Feindseligkeit, aber so daß man erkannte, daß sie wußten, was sie verdrehten. Und sie hatten offensichtlich ihr Wissen von Quellen, die ihnen nur durch Verletzung der Schweigepflicht geöffnet gewesen sein können. Ihre Berichte über die Ereignisse, die sich tagtäglich vor meinen eigenen Augen abspielten, waren so nah an der Wahrheit und zugleich so weit von ihr entfernt, so buchstäblich genau und doch so absolut falsch, daß ich zum ersten Mal Paolo Sarpis ‚Geschichte des Konzils von Trient‘ zu verstehen begann…“ Die englische Presse hingegen habe sich vollkommen lächerlich gemacht, so unsäglich daneben waren ihre Berichte gewesen. Erst später hätten sie dazugelernt und Berichte ausländischer Zeitungen übernommen, die weniger amüsant, aber nicht weniger irreführend waren, im Gegenteil.

Eine Zeitung, bei welcher die englischen Blätter sich bevorzugt bedienten, war die „Augsburg Gazette“. Der Bischof von Mainz, von Ketteler, habe öffentlich protestiert gegen die „systematische Unaufrichtigkeit des Korrespondenten der ‚Augsburg Gazette’“, so Manning. Der Bischof nannte es eine glatte Erfindung der Zeitung, daß beispielsweise Döllinger in der Frage der Unfehlbarkeit die Mehrheit der deutschen Bischöfe repräsentiere. Und dies sei nicht ein vereinzelter Irrtum, „sondern Teil eines Systems, das in dem dreisten Versuch besteht, falsche Nachrichten zu publizieren, um die deutsche Öffentlichkeit zu täuschen nach einem vorab abgesprochenen Plan“. Sein Name, so Bischof von Ketteler, werde in den Zeitungen niemals erwähnt, ohne irgendeine Verleumdung daran zu hängen. Bischof Hefele meinte, es müsse gewissenlose Zuträger aus dem Konzil geben, wenngleich keine Bischöfe darunter seien. Wie man sieht, hat sich in diesen Dingen bis heute nicht viel geändert, nur daß durch neue Medien wie Rundfunk, Fernsehen, Internet etc. noch viel mehr und bessere Instrumente zur Desinformation zur Verfügung stehen.

Ihm selbst sei es in der englischen Presse ebenso ergangen wie Bischof von Ketteler, sagt Kardinal Manning. Auch über ihn habe man nie geschrieben, ohne irgendwelche Gemeinheiten hinzuzufügen. Er zitiert dann einige völlig aus der Luft gegriffene Berichte von Ereignissen, die sich angeblich auf dem Konzil abgespielt hätten, und stellt fest, neun von zehn aller Berichte seien reine Enten gewesen. Der Hauptangriffspunkt der medialen Feinde war freilich der Stellvertreter Christi, Papst Pius IX. Dies sei nicht weiter verwunderlich, meint der Kardinal und verweist auf die Worte Christi: „Haben sie den Hausherrn Beelzebub genannt, wieviel mehr seine Hausgenossen!“ „Für niemanden gilt dieses Privileg mehr als für den Stellvertreter des Hausherrn“, schreibt der Kardinal, „und es ist eine große Freude und eindeutige Quelle der Kraft und des Vertrauens für alle Hausgenossen, an diesem Zeichen Anteil zu haben, das unfehlbar jene kennzeichnet, die auf Seiner Seite stehen gegen die Welt.“ Das ist ein Wort, das sich so mancher Katholik unserer Tage fest einprägen sollte.

Das Konzil bestand zu Beginn aus 767 Vätern. Allein aufgrund ihrer Gesichter beklagte bereits ein Korrespondent, daß das geistliche Wohl der Welt in die Hände solcher Männer gelegt sei! Dann teilte die Presse das Konzil in eine Mehrheit und eine Minderheit, und zwar so, daß sich „Theologie, Philosophie, Wissenschaft, Kultur, intellektuelle Fähigkeit, logische Schärfe, Beredsamkeit, Aufrichtigkeit, Geistesadel, geistige Unabhängigkeit, Mut und edler Charakter in diesem Konzil ausschließlich auf seiten der Minderheit fand“. „Die Mehrheit hingegen war ein Totes Meer aus Aberglaube, Enge, Oberflächlichkeit, Ignoranz, Vorurteil; ohne Theologie, Philosophie, Wissenschaft oder Beredsamkeit; bigott, tyrannisch, taub gegenüber der Vernunft; mit einer Herde ‚kurialer und italienischer‘ Prälaten, und lauter ‚Apostolische Vikare‘.“ Auch hierin hat sich bis heute nichts geändert. Nach wie vor reserviert man die positiven Attribute für die Liberalen, und je liberaler, desto höher steigt ihr Ruhm und ihre Wertschätzung, während man für Katholiken und namentlich Antimodernisten nur die niedersten und abschätzigsten Charakteristika übrig hat.

Weiter hieß es in der Darstellung der Presse, daß die präsidierenden Kardinäle Männer von herrschsüchtigem und überheblichem Charakter waren, welche durch heftiges Glockenschwingen und ständige Unterbrechungen die ruhige und unerbittliche Logik der Minderheit abschnitten. Noch ärger habe sich freilich die Mehrheit aufgeführt. Durch wildes Geschrei, bedrohliches Gestikulieren und lautstarke Kundgebungen rund um die Tribüne hätten sie durchdringende Beredsamkeit der Minorität übertönt und unwiderlegliche Redner zum Abgang gezwungen. Nicht genug damit hätte die Majorität ein neues Reglement durchgesetzt, welches jenen wenigen edlen Charakteren die Diskussionsfreiheit nahm, welche Konzil und Kirche von ihren Zwängen hätten befreien wollen. Damit war nicht länger an der „Nicht-Ökumenität“ dieses Konzils zu zweifeln. Das Konzil war nicht frei. So habe die tyrannische Mehrheit schließlich die Minderheit gewaltsam unterdrückt, obwohl diese heroisch durchgehalten hatte, sich deren Beredsamkeit und Logik mit Taubheit und willkürlichen Gewaltmitteln widersetzend. Auf solche Weise hatte man die einzigen Stimmen zum Schweigen gebracht, die sich in hehrer Weise für Wissenschaft, Aufrichtigkeit und Menschenverstand eingesetzt hatten. Somit wurde die Definition des neuen Dogmas unausweichlich, und der Gegensatz zwischen dem Ultra-Romanismus einer Partei und dem Fortschritt der modernen Gesellschaft, zwischen Unabhängigkeit und Servilität, wurde perfekt.

3. So also sei in den letzten neun Monaten die Geschichte des Konzils ab extra (von außen) beschrieben worden, schreibt Kardinal Manning. Interessant sei die Feststellung eines englischen Journals, welches zehn Tage nach der Definition der Unfehlbarkeit des römischen Pontifex feststellte, daß das Interesse für das Konzil in der Presse plötzlich sehr geschwunden sei. Habe man vorher jedes leiseste Gerücht mit großem Tamtam verbreitet, sei es mit glühendem Eifer selbst von solchen diskutiert worden, welche für kirchliche Dinge wenig Interesse haben, so habe die Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas plötzlich nur noch wenig Resonanz gefunden, höchstens in einigen kirchlichen Kreisen sei ein wenig oberflächliche Kritik erklungen. Manning sieht den Grund für dieses merkwürdige Verhalten darin, daß man zunächst die Hoffnung gehabt hatte, die „römische Kurie“ und die „Ultramontane Partei“ unter Kontrolle zu bringen und unter die Entscheidungen der Bischöfe zu zwingen. Deswegen hatte man in Deutschland, Frankreich und England einen Feldzug gestartet gegen das, was man „Ultramontanismus“ nannte, „Ultra-Katholizismus“ oder „Ultra-Romanismus“.

In der Kirche, so Manning, habe sich eine kleine Schule gebildet, welche von der Lehre des Heiligen Stuhles abweiche in Dingen, „welche nicht den Glauben betreffen“. Diese Schule sei sehr klein, ihr Zentrum liege in München, aber sie habe auch Anhänger in Frankreich und Deutschland. Sie seien jedoch sehr eifrig und vor allem schriftstellerisch tätig, wobei man keinen roten Faden in ihren Schriften finden könne außer einem Geist der Opposition gegen die Akte des Heiligen Stuhles in Angelegenheiten, welche außerhalb des Glaubens liegen. „In diesem Land [England]“, schreibt Manning, „wurde vor etwa einem Jahr der Versuch gemacht, die Definition der Unfehlbarkeit des Papstes unmöglich zu machen, wie man zuversichtlich, jedoch vergebens hoffte, indem man die eintönige Kontroverse um Papst Honorius wiederbelebte. Später erfuhren wir von einem wie auch immer gearteten Zusammenschluß hochgestellter Persönlichkeiten in Frankreich mit demselben Ziel. Es ist gewiß, daß diese Symptome nicht vereinzelt und unzusammenhängend auftauchen, sondern in gegenseitigem Einverständnis und mit einem gemeinsamen Ziel.“ Die anti-katholische Presse habe diese Schule kräftig ermutigt und unterstützt. Wie man sieht, gibt es wirklich nichts Neues unter der Sonne. Dabei waren die „Liberalen Katholiken“, denn um diese handelt es sich bei der „Schule“, nicht nur die Vorläufer der heutigen Modernisten und Postmodernisten, sondern sonderbarerweise auch der heutigen „Traditionalisten“, die ja ebenfalls „die eintönige Kontroverse um Papst Honorius wiederbelebt“ haben, um ihre Ideologie zu rechtfertigen und zu diesem Zweck die päpstliche Unfehlbarkeit zu beschneiden. Und das, was man seinerzeit „Ultramontanismus“ nannte, „Ultra-Katholizismus“ oder „Ultra-Romanismus“, nennt man heute eben „Sedisvakantismus“ (s. Vom Ultramontanismus und von der Dritten Partei).

Diese „Liberalen Katholiken“ hatten also im Vorfeld des Konzils ein gewaltiges publizistisches Feuerwerk entfacht und die ganze anti-katholische Welt in große Erwartungen versetzt im Hinblick auf das Vatikanum. Es ging sogar das Gerücht, das Konzil würde die Erklärungen des Konzils von Trient zurücknehmen oder zumindest abschwächen, es würde Freiheit in einigen Fragen geben, welche als abgeschlossen galten, oder es käme sogar zu einem Kompromiß oder Verhandlungen mit anderen Religionen. Zumindest werde man die dogmatische Steifheit und Strenge ihrer Traditionen zugunsten moderner Auffassungen und moderner Theologie lockern. „Es ist sonderbar“, bemerkt Kardinal Manning, „daß man vergessen haben sollte, daß jedes Allgemeine Konzil, von Nizäa bis Trient, das den Glauben berührte, neue Definitionen gegeben hat, und daß jede neue Definition ein neues Dogma ist und damit abschließt, was zuvor offen war, und die Glaubenslehren genauer festlegt.“ Dennoch hoffte man, Rom würde, indem es sich öffnet, zugänglich werden und, indem es inkonsistent wurde, seine Gewalt über Verstand und Willen der Menschen verlieren.

4. Die anti-katholische Presse fabulierte auf dieser Grundlage über eine „interne Opposition“ von mehr als einhundert Bischöfen auf dem Konzil selbst. Was die Welt von außen gegen Rom nicht vollbrachte, würden die eigenen Bischöfe im Dienst der Welt von innen tun. Diese Bischöfe waren „die Lieblinge der Welt, denn man meinte, sie würden den Papst bekämpfen“. Die ganze Welt erhob sich zu ihren Gunsten. „Regierungen, Politiker, Zeitungen, Schismatiker, Häretiker, Ungläubige, Juden, Revolutionäre vereinigten sich wie mit untrügbarem Instinkt darin, die Tugend, das Verständnis, die Wissenschaft, die Beredsamkeit, den Edelmut und Heroismus dieser ‚internen Opposition‘ zu bereden und zu preisen. So stieg das Interesse bis zum Höhepunkt, und eine feste Erwartung erhob sich und breitete sich aus, daß das Konzil unfähig sein werde, eine Definition zu treffen, und daß Rom besiegt werden würde.“ Das war der Grund, warum man sich so sehr auf dieses Konzil stürzte und es mit größtem Interesse belagerte. Warum aber schwand dieses Interesse noch vor Abschluß des Konzils?

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