Vatikanum und Anti-Vatikanum

Aus zwei offensichtlichen Gründen, antwortet der Kardinal. Erstens, weil zunehmend klar wurde, daß die Welt in diesem Konzil nichts ausrichtete und daß die „Opposition“, auf die sie baute, keine Diener der Welt waren, sondern Bischöfe der katholischen Kirche, welche, „während sie alle Freiheit nutzten, welche die Kirche ihnen überreichlich gewährte, in Herz, Sinn und Willen treu ihrer göttlichen Autorität und Stimme gegenüber blieben“. Zweitens, weil klar wurde und eigentlich evident war, daß keine Opposition, sei es von außen oder von innen, das Konzil auch nur ein Haarbreit von dem Kurs abbringen konnte, der es ruhig und unwiderstehlich seine Arbeit tun ließ.

Eine erste herbe Enttäuschung erfuhren die Erwartungen der merkwürdigen Allianz aus Katholiken, Protestanten, Rationalisten und Ungläubigen, als etwa fünfhundert Väter des Konzils vom Heiligen Stuhl die Definition der Unfehlbarkeit des Römischen Pontifex erbaten. Doch noch hatte man Hoffnung, die Definition zu verhindern, indem vielleicht die Minorität doch noch anwachsen könne oder die Majorität durch Spaltung zu verringern sei. Doch auch diese Hoffnung wurde jäh zerstört durch das einstimmige Votum in der dritten öffentlichen Sitzung. „Die erste Konstitution De Fide war so heftig angegriffen und, wie man meinte, so völlig niedergemacht worden, daß man glaubte, wenn überhaupt, so würde nur eine kleine Mehrheit dafür stimmen oder es würde mindestens eine eindrucksvolle Minderheit sie ablehnen. Es war daher keine geringe Überraschung, daß das ganze Konzil, damals aus 664 Vätern bestehend, sie mit einstimmigem Votum annahm.“ Die Welt begann zu fürchten, daß die „innere Opposition“ ihren Zielen nicht diente oder nicht ihre Arbeit tat. „Eine spürbare Änderung im Tonfall wurde bemerkbar. Die Korrespondenten schrieben über alles außer jene Einstimmigkeit. Die Zeitungen wurden beinahe stumm. Die Leitartikel blieben beinahe aus. Seitdem wich der Ton der Zuversicht und des Triumphes einem Ton der Irritation und einer nicht geringen Verbitterung.“

Doch es keimte eine neue Hoffnung. Regierungen fingen an, Druck auf den Heiligen Vater und das Konzil auszuüben. Man war sicher, daß ein solcher Einfluß seine Wirkung nicht verfehlen könne. Merkwürdig war, daß es dieselben Kreise waren, welche die mangelnde Freiheit auf dem Konzil beklagt hatten, die nun auf diese Weise dieses unter Druck setzen wollten. „Auch bedachten sie nicht, daß jene, welche den weltlichen Arm gegen die geistliche Autorität der Kirche anrufen, um entweder ein bereits gefälltes Urteil anzugreifen oder eines zu verhindern, das erst gefällt werden soll, ipso facto exkommuniziert sind und ihr Fall dem Heiligen Stuhl vorbehalten ist.“ Aber auch diese Hoffnung brach in sich zusammen. Das Konzil machte unmißverständlich klar, daß es entschlossen war, seine Arbeit zu tun. Es wurde deutlich, wie gering die „Opposition“ in Wirklichkeit war und daß sie vollkommen verschwinden würde, wenn erst einmal die Definition gegeben sein würde. So war das Spiel vorüber, und einer nach dem anderen verließen die Korrespondenten die Stadt Rom. Die anti-katholischen Kräfte hatten vergessen, „daß Bischöfe keine Abgeordneten sind und ein Ökumenisches Konzil kein Parlament“. Ihre enttäuschten Erwartungen also waren der Grund, warum die Zeitungen ihr Interesse am Konzil verloren.

5. Nach dieser Darstellung des Konzils „von außen“, im Spiegel der Presse, will der Kardinal es uns nun von innen schildern. Er hatte das Glück, mit Ausnahme von vielleicht drei oder vier Tagen, an sämtlichen Sitzungen des Konzils, 98 an der Zahl, von der Eröffnung bis zum Schluß, teilnehmen zu können. So könne er als persönlicher Zeuge auftreten. „Kardinal Pallavicini hat, nachdem er die Streitereien und Eifersüchteleien der Redner von Katholischen Staaten dargestellt hatte, die auf dem Konzil von Trient versammelt waren, uns gesagt, daß die Einberufung eines Konzils, sofern sie nicht absolut von der Notwendigkeit gefordert ist, bedeutet, Gott zu versuchen.“ An dieses Diktum hätte man sich einige Jahrzehnte später erinnern sollen. „Er sagte genau vorher, was am Anfang des Konzils geschehen würde. Seine diplomatische Voraussicht erfaßte gänzlich die politischen Gefahren. Diese waren zweifellos offensichtlich und schwerwiegend. Doch niemand konnte zu dieser Zeit die überwältigende Einigkeit und Festigkeit des Konzils vorhersehen, die sämtliche Hoffnungen übertraf und schließlich alle Ängste vertrieb.“ Das zeigt, wie notwendig dieses Konzil tatsächlich war und wie sehr der Segen Gottes darauf ruhte – im geraden Gegensatz zum „II. Vatikanum“.

Der Kardinal fährt fort: „Seit dreihundert Jahren ist die über die ganze Welt verstreute Kirche in Kontakt mit der verdorbenen Zivilisation alter katholischer Länder und mit der anti-katholischen Zivilisation von Ländern, die sich in offenem Schisma befinden. Die geistigen Traditionen fast aller Nationen sind kontinuierlich von der Einheit des Glaubens und der Kirche abgerückt. In den meisten Ländern ist die öffentliche Meinung der katholischen Religion förmlich feindlich geworden. Die Geister der Katholiken wurden sehr stark beeinflußt von der Atmosphäre, in welcher sie leben. Es war zu befürchten und zu erwarten, daß die Bischöfe der ganzen Welt, so sehr verschieden in Rasse, politischen Institutionen und Geisteshaltung, in das Konzil Elemente der Uneinigkeit tragen könnten, wenn nicht sogar unversöhnliche Spaltung. … Die meisten Bischöfe trafen sich zum ersten Mal. Die Hirten von gut dreißig Nationen waren dort versammelt und brachten die ganze Vielfalt geistiger und sozialer Kultur und Erfahrung mit sich; aber inmitten all dieser Vielfalt regierte eine vollkommene Einheit des Glaubens. Drei Jahrhunderte der Spaltung und Uneinigkeit in allen Dingen der natürlichen Ordnung hatten das nicht geändert. Nur die Kirche Gottes allein konnte dreihundert Jahre dauernder Veränderungen unter den überaus mächtigen Einflüssen der Welt unverändert überstehen. Nichts hat die übernatürliche Einrichtung der Kirche glanzvoller erwiesen als das Vatikanische Konzil. In diesen drei Jahrhunderten ging sie durch Revolutionen, welche ganze Weltreiche, Rechtsordnungen und Geisteshaltungen auflösten. Aber der Episkopat der katholischen Kirche traf sich im letzten Dezember in Rom ebenso wieder, wie er sich in Trient, Lyons oder Nizäa getroffen hatte. Sofort ging er ans Werk und begann, wie instinktiv oder mit einer aus unauslöschlicher Erfahrung gewonnenen mühelosen Gewandtheit, Glaubenslehren zu definieren oder disziplinäre Gesetze zu erlassen. Eine solche Einigkeit des Geistes und des Willens liegt jenseits der Bedingungen der menschlichen Schwäche. Sie ist allein auf eine Macht und Leitung zurückzuführen, den übernatürlichen Beistand des Geistes der Wahrheit, Welcher die Kirche Gottes fortwährend im Licht und der Einheit des Glaubens erhält.“ Wie ganz anders verhielt es sich doch auf dem „II. Vatikanum“!

Den Konzilsteilnehmern sei das von Tag zu Tag greifbarer und geradezu evident geworden. „Daran änderte auch nichts, daß eine gewisse Anzahl vorhanden war, die meinte, es sei ungelegen, die Unfehlbarkeit des Römischen Pontifex zu definieren. Das war eine Frage der Klugheit, der Taktik, der Zweckmäßigkeit, nicht der Lehre oder der Wahrheit. Ebenso war die Kirche zwanzig Jahre zuvor einig im Glauben an die Unbefleckte Empfängnis, während es noch einige gab, die bezweifelten, ob es klug sei, sie zu definieren. Abgesehen von dieser Frage der Opportunität gab es auf dem Vatikanischen Konzil keine Differenzen von Bedeutung, und ganz gewiß keine, die irgendwie die Glaubenslehre betrafen. Ich konnte von keinen fünf Bischöfen hören, welche die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit bestritten hätten. Fast alle vorhergehenden Konzilien wurden von Spaltungen, wenn nicht von Häresien bedrängt. Hier gab es keine Häresie. Die Frage der Opportunität war von untergeordneter Bedeutung und frei. Man kann wahrhaft sagen, daß es nie eine größere Einmütigkeit gegeben habe als auf dem Vatikanischen Konzil. Davon hatte die Welt ihren ersten Beweis durch das einstimmige Votum, mit welchem am 24. April die erste Konstitution über den Glauben angenommen wurde.“

6. Die Nachrichten „von außen“ hätten von gewaltsamen Szenen berichtet, welche sich auf dem Konzil abgespielt haben sollten. Er selber habe nichts dergleichen beobachten können, sagt der Kardinal. „Ich muß sagen, daß ich niemals soviel Ruhe, Selbstachtung, gegenseitige Rücksichtnahme, Höflichkeit und Selbstkontrolle erlebt habe wie bei den neunundachtzig Sitzungen des Konzils. Innerhalb von neuen Monaten mußte der Kardinal-Präsident vielleicht zwölf oder vierzehn mal zur Ordnung rufen.“ In jeder anderen Versammlung wäre das mindestens siebenmal öfter und früher passiert.

Gegen die Behauptung, eine tyrannische Mehrheit habe die Minderheit der Diskussionsfreiheit beraubt, betont Manning, erstens seien alle denselben Regeln unterlegen gewesen, sodaß es gar nicht möglich gewesen wäre, diese einseitig zu mißbrauchen. Zweitens sei die Art der Diskussionsführung derart gewesen, daß sie der Debatte die größte Freiheit einräumte. Das zur Diskussion stehende Papier wurde zunächst jedem Bischof ausgehändigt, welcher dann acht oder zehn Tage Zeit hatte, schriftlich seine Anmerkungen dazu einzureichen. Diese wurden von einer 24-köpfigen Kommission geprüft, um die relevanten davon zu berücksichtigen und das Schema zu ändern oder neu zu verfassen. Der so verbesserte Text wurde zur allgemeinen Diskussion gestellt, wobei jeder Bischof das Recht hatte, frei zu sprechen, und die Diskussionen gingen so lange, bis jeder Bischof, der es wollte, seine Meinung gesagt hatte. Die einzige Beschränkung der Diskussionsfreiheit lag in der Gewalt der Präsidenten, auf die Bitte von wenigstens zehn Bischöfen hin das Konzil zu befragen, ob es die Diskussion fortführen wollte. Die Präsidenten durften die Diskussion nicht beenden, das durfte nur das Konzil selbst per Mehrheitsbeschluß. Dieses Recht ist grundlegend für jede beratende Versammlung, meint Manning, es umfaßt die Freiheit, so lange Meinungen zu hören, wie sie dies für notwendig hält, aber auch damit aufzuhören, wenn sie urteilt, daß die Sache ausreichend besprochen worden ist. Eben diese Freiheit herrschte auf dem Konzil.

Für letzteres Recht, nämlich eine Diskussion zu beenden, wenn sie ausreichend geführt scheint, habe es allerdings nur ein Beispiel auf dem Konzil gegeben. Mit beispielhafter Geduld hörte es den oft endlosen Reden, Diskussionen und Ansprachen zu. Auf der Generaldiskussion des Schemas De Romano Pontifice hatten etwa achtzig Bischöfe gesprochen. Etwa die Hälfte von ihnen war von jenen, welche die Presse die „Opposition“ nannte, obwohl ihre Zahl nur etwa ein Sechstel der Konzilsteilnehmer ausmachte. Danach erfolgte noch die Diskussion des Prooemiums und der vier Kapitel im einzelnen, also weitere fünf Diskussionen, in welchen jeder der sechs- oder siebenhundert Bischöfe somit nochmals das Recht hatte, fünfmal zu sprechen. Es war also nur zu vernünftig, daß das Konzil die Generaldiskussion schloß, da ohnehin noch jeder Bischof weitere fünfmal zum Thema würde sprechen können. Niemand hätte ein Interesse haben können, die Diskussion länger auszudehnen, als wer sie ins Unendliche hinziehen wollte, um eine Verabschiedung des Schemas und die Definition zu verhindern. Alle Argumente waren bereits erschöpfend vorgetragen worden, nichts Neues kam mehr zur Sprache, nur ständige Wiederholungen, die sehr ermüdend wurden. Erst da stellte der Präsident auf Petition von nicht nur zehn, sondern wenigstens hundertundfünfzig Bischöfen die Frage, ob das Konzil die Diskussion fortsetzen oder beenden wollte. Mit einer überwältigenden Mehrheit sprach sich das Konzil für die Beendigung aus. Und dann fingen erst die Einzeldiskussionen an. Die Freiheit war in jeder Hinsicht so groß, daß einige US-amerikanische Bischöfe meinten, in ihrem Kongreß könne sie nicht größer sein. Eine einzige Freiheit habe die „Minderheit“ nicht besessen, nämlich jene, die Freiheit der „Mehrheit“ zu beschneiden. (Eben diese „Freiheit“ ergaunerte sie sich erst auf dem „II. Vatikanum“.)