Vatikanum und Anti-Vatikanum

7. Der Kardinal geht noch auf den von den liberalen Kirchengegner aufgebrachten Vorwurf ein, das Vatikanische Konzil sei von Papst Pius IX. nur deshalb zusammengerufen worden, seine Unfehlbarkeit zu dogmatisieren. Selbst wenn dies zuträfe, so sagt er, wäre es nichts Außergewöhnliches, daß ein Konzil zum Zweck der Bekämpfung einer bestimmten Häresie einberufen würde. Noch jedes Konzil habe zur Aufgabe gehabt, gegen ein verbreitetes Hauptübel oder die vorherrschende Zeithäresie vorzugehen, wie etwa das Konzil von Trient gegen die lutherischen Irrtümer. Nun sei aber die Leugnung der päpstlichen Unfehlbarkeit der vorherrschende Irrtum seiner Zeit. Obendrein galt es, den unwürdigen Spaltungen und Streitereien zwischen „Gallikanern“ und „Ultramontanisten“ ein Ende zu setzen, welche ein Ärgernis waren und den Un- und Irrgläubigen in die Hände spielten. So war es dringend nötig, eine endgültige und autoritative Entscheidung herbeizuführen.

Wie nötig wäre so etwas heute, wenn man die unzähligen Spaltungen unter den Katholiken und besonders die unseligen Streitereien zwischen den Nachkommen der „Gallikaner“, den „Lefebvristen“, und den Nachfahren der „Ultramontanisten“, den „Sedisvakantisten“, betrachtet – letzteres eine unmittelbare Folge der Auseinandersetzungen von 1870, die leider durch die Definition der Unfehlbarkeit des Papstes nicht in allen ihren Winkeln und Ausfaltungen geklärt worden waren. So haben die „Neo-Gallikaner“ einen Schlupfwinkel gefunden, insofern sie die Unfehlbarkeit des Papstes zwar im Prinzip akzeptieren, sie jedoch im Praktischen leugnen, indem sie diese – gerade unter Berufung auf die Vatikanische Definition – unzulässig einschränken, um sich so gleichsam beliebig über sie hinwegsetzen zu können. Nach bald 150 Jahren ist die Leugnung der päpstlichen Unfehlbarkeit immer noch der vorherrschende Irrtum unserer Zeit. Da wäre ein Machtwort der kirchlichen Autorität wirklich dringend erforderlich, und gerade da fehlt der Kirche derjenige, der dieses Machtwort allein sprechen könnte!

Manning beklagt: „Die Spaltungen und Streitereien zwischen ‚Gallikanismus‘ und ‚Ultramontanismus‘ waren ein Skandal und eine Schande für uns. Protestanten und Ungläubige wurden durch unsere inneren Zwistigkeiten von der Wahrheit ferngehalten, zumal es um einen Punkt geht, der so sehr und so zutiefst mit der ganzen Lehrautorität der Kirche verbunden ist. Noch einmal, auf moralischem Gebiet hat die Spaltung und der Streit über diesen angeblich offenen Punkt mehr Entfremdung, Bitterkeit und Feindseligkeit zwischen Hirten und Volk, und, was noch schlimmer ist, zwischen Hirten und Hirten verursacht als irgendein anderer unserer Tage. Unsere internen Streitigkeiten, die von protestantischen Zeitungen und, noch ärger, auch von katholischen ausgebreitet wurden, waren für uns eine Schmach vor der ganzen Welt. Es war höchste Zeit, dem ein Ende zu bereiten, und wenn das Konzil aus keinem anderen Grund zusammengetreten wäre, so wäre dies ein mehr als ausreichender Grund gewesen…“

Der Kardinal weist noch das von manchen liberalen Stimmen verbreitete Gerücht zurück, das Unfehlbarkeitsdogma sei per „Akklamation“ zustandegekommen. „Die Erfahrung hat gezeigt“, sagt er, „auch wenn dies die Theologie einstiger Zeiten noch nicht getan hatte, daß eine Akklamation keine Definition ist, und daß eine Akklamation den Gegenstand so hinterläßt, wie sie ihn vorgefunden hat, ebenso diskutierbar wie zuvor.“ Stattdessen sei also auf dem Konzil sauber gearbeitet und eine genaue Definition verabschiedet worden.

Soweit also die kleine Darlegung der inneren Geschichte des Konzils, welche laut Kardinal Manning durch neun verschiedene Phasen ging, wobei man zugeben muß, daß jene, welche die Definition verhindern wollten, ihre Position mit nicht geringer Hartnäckigkeit verteidigten. „Der erste Angriff kam von der Welt außen, unterstützt von einer Handvoll Professoren und Schriftsteller, welche die Wahrheit der Lehre leugneten; die zweite Position war die, ihre Wahrheit zuzugeben, aber abzustreiten, daß sie definitionsfähig sei; die dritte war, zuzugestehen, daß sie zur Definition fähig sei, aber die Opportunität ihrer Definition in Abrede zu stellen; die vierte, sich der Einführung der Lehre in die Diskussion zu widersetzen; die fünfte, die Diskussion durch Verzögerung unmöglich zu machen; die sechste, die Diskussion so lange auszudehnen, bis ein Abschluß physisch unmöglich wurde und die Sommerhitze das Konzil zum Auseinandergehen zwänge; die siebente, die Definition nach Abschluß der Diskussion in die Zukunft zu verschieben; die achte, nachdem die Definition getroffen worden war, ihre Promulgation zu verhindern; die neunte – und ich will nicht sagen die letzte, denn man weiß nicht was noch kommt – zu behaupten, daß die Definition, obwohl feierlich vorgenommen, vom Haupt der Kirche im Ökumenischen Konzil bestätigt und veröffentlicht und urbi et orbi promulgiert entsprechend des überlieferten Brauches der Kirche, trotzdem die Gewissen der Gläubigen nicht binde, bis das Konzil abgeschlossen und von den Bischöfen unterzeichnet sei.“ Es wundert uns also nicht, daß sich diese Reihe der Attacken bis in unsere Zeit fortsetzt mit der „neo-gallikanischen“ oder lefebvristischen Behauptung, das Konzil habe damit definiert, daß der Papst nur in sehr seltenen Fällen überhaupt unfehlbar sei und obendrein nur dann, wenn er selbst es auch wolle.

8. Vergleicht man diese Darstellung, die Kardinal Manning vom Vatikanischen Konzil gibt, mit der Geschichte des „II. Vatikanums“ wie sie etwa Ralph Wiltgen in seinem Buch „Der Rhein fließt in den Tiber“ schildert, so fallen spontan einige verblüffende Parallelen ins Auge, aber auch sehr gravierende Unterschiede. Frappant ähnlich sind die Erwartungen der Welt, „das Konzil würde die Erklärungen des Konzils von Trient zurücknehmen oder zumindest abschwächen, es würde Freiheit in einigen Fragen geben, welche als abgeschlossen galten, oder es käme sogar zu einem Kompromiß oder Verhandlungen mit anderen Religionen“, und zumindest „werde man die dogmatische Steifheit und Strenge ihrer Traditionen zugunsten moderner Auffassungen und moderner Theologie lockern“. Nur daß diese Erwartungen und der entsprechend von der Welt und namentlich den Medien ausgeübte Druck ungleich stärker waren. Man hatte diesmal offensichtlich weit mehr Zuversicht, ans Ziel zu gelangen.

Wieder gab es eine liberale Minderheit auf dem „Konzil“, nur daß es dieser diesmal im Handstreich gelang, sofort zu Beginn das ganze „Konzil“ unter ihre Kontrolle und in ihre Gewalt zu bringen. Hatte man beim Vatikanum der Mehrheit vorgeworfen, die Minderheit zu tyrannisieren, so war es nun tatsächlich genau umgekehrt. Die von Wiltgen so genannte „Europäische Allianz“ oder „Rheinische Allianz“ begann ihren Putsch gleich in der allerersten Sitzung mit der Ablehnung der vorbereiteten römischen Listen, welche sie dann durch eigene Listen ersetzten. So gelang es ihnen, ihre eigenen Kandidaten auf die entscheidenden Plätze zu setzen. Mit dem Verwerfen der Vorbereiteten Konzilsschemata war der Weg frei, das „Konzil“ nach ihren Wünschen zu lenken und zu beeinflussen.

Wie wir wissen, war es mit der Einheit der Konzilsväter ebenso wenig weit her wie mit der auf dem „II. Vatikanum“ herrschenden Freiheit. Dem Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ottaviani, drehte man das Mikrophon ab wegen „Überschreitung der Redezeit“, eine Petition von 435 Konzilsvätern, den Kommunismus zu verurteilen, verschwand unbeachtet in einer Schublade. Die konservative „Opposition“ gegen die dominierende liberale Minderheit organisierte sich erst recht spät und konnte nichts Entscheidendes ausrichten. Außer ein paar Abschwächungen oder Verwischungen allzu liberaler Aussagen in den Konzilstexten vermochten sie nichts zu erreichen.

Hatte das Vatikanum mit seinen Definitionen und namentlich jener der päpstlichen Unfehlbarkeit den Glauben und die Kirche nachhaltig gestärkt und ihren Feinden einen kräftigen Hieb versetzt, so geschah nun das gerade Gegenteil. Glaube und Kirche erhielten den entscheidenden Schlag, und ihre Feinde triumphierten. Man kann das „II. Vatikanum“ daher nicht als Fortsetzung des „I. Vatikanums“ auffassen, sondern als dessen Gegenteil, als dessen Umkehrung gewissermaßen. Man sollte daher nicht von „Erstem“ und „Zweitem Vatikanum“ sprechen, sondern lieber vom Vatikanum und vom Anti-Vatikanum. Es gab bisher nur ein Vatikanisches Konzil. Das sog. „II. Vatikanische Konzil“ war sein negatives Zerr- und Spiegelbild, seine Perversion und teuflische Rache.

9. Man fragt sich nun, wie das möglich sein konnte. Die Antwort gibt uns Kardinal Manning, der sagt, man habe das Wirken des Heiligen Geistes auf dem Vatikanum gewissermaßen unmittelbar verspürt, es sei handgreiflich, evident gewesen. Diese Einmütigkeit der Konzilsväter, ihre instinktive Kenntnis und ihr Antrieb, das zu tun, was Konzilien stets taten, die unter den gegebenen Umständen nur wunderbar zu nennen waren, konnten keine andere Ursache haben als den Heiligen Geist selbst. Er, Der die Kirche beseelt, seit Er am Pfingsttag über die versammelten Apostel kam, beseelte noch jedes Konzil der Kirche, einschließlich des Vatikanums. Aber Er beseelte ganz offensichtlich nicht das „II. Vatikanum“. Daher auch die Tyrannei des „II. Vatikanums“ statt jener wundervollen Freiheit, die auf dem Vatikanum herrschte, denn wir wissen: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17).

Der Heilige Geist, so lesen wir in der Apostelgeschichte, „erfüllte das ganze Haus“, in welchem die Apostel waren (Apg 2,2). Das „ganze Haus“ ist die Kirche. Das griech. Wort „Oikomene“ bedeutet nichts anderes als dieses „ganze Haus“, die weltweite Kirche. Hätte also der Heilige Geist nicht ein Ökumenisches Konzil ganz und gar erfüllen müssen? Da der Heilige Geist dem „II. Vatikanum“ fernblieb, kann es kein Ökumenisches Konzil, kein Konzil der Kirche gewesen sein (auch kein „Pastoralkonzil“). Wie aber konnte es geschehen, daß sich gut 2500 Bischöfe, praktisch der gesamte Weltepiskopat, zu einem Ökumenischen Konzil versammelten, das als solches einberufen und ausgegeben wurde, jedoch in Wahrheit keines war? Sicher läßt sich viel darüber spekulieren. Doch eine Antwort drängt sich geradezu auf. Die liberale Minderheit hätte nichts ausrichten können, wäre sie nicht von ausgesprochen einflußreicher Seite, ja von höchster Stelle unterstützt worden. Das führt uns auf eine heiße Spur. Ein Ökumenisches Konzil kann stets nur in Verein mit dem Papst und unter seiner Autorität ein solches sein. Er muß zumindest die Beschlüsse billigen und bestätigen. Was, wenn nun kein Papst vorhanden ist, oder wenn ein falscher Papst, ein Gegenpapst oder Scheinpapst ein solches Konzil einberuft und durchführt – und dann die liberale Minderheit fördert? Wäre es da verwunderlich, daß es sich um kein Konzil der Kirche handelt, daß der Heilige Geist ihm fehlt? Ja mehr noch, daß es ein Schein- und Gegenkonzil würde?

Eben das scheint uns der Fall zu sein. Professor Dr. Diether Wendland schreibt in seiner Abhandlung „Über das Papsttum der Römischen Bischöfe, die Eigenart des Apostolischen Stuhles und eine Kirche ohne Papst“ (erschienen in „Einsicht“, Dez. 2001 bis Feb. 2003): „Auf eine gewöhnliche Vakanz des Apostolischen Stuhles (Oktober 1958) folgte fast unmittelbar eine ungewöhnliche oder außergewöhnliche (auch das hat seine Bedeutung) und riß bereits vier Jahre später sogar ein ‘ökumenisches Konzil’ in die Häresie und Apostasie.“ Nach Dr. Wendland nämlich war der „Patriarch von Venedig, Roncalli, … ein Häretiker und Apostat, ja sogar in mehrfacher Beziehung“ und konnte deshalb nicht gültig zum Papst gewählt werden. „Eine solche Situation hatte es in der Geschichte der katholischen Kirche noch nie gegeben und war auch deswegen für viele Katholiken überhaupt nicht erkennbar, jedenfalls nicht sofort.“ „Dieser Abfall trat mehr und mehr in Erscheinung und verknüpfte sich dann auf einem ‘allgemeinen Konzil’ auch mit einem Abfall von der römisch-katholischen und apostolischen Kirche und was man sogar mit einer unglaublichen Frechheit als ‘Neuanfang’ ausgab und propagierte! Das war satanisch!“