Liturgische Metamorphose – 7. Teil

Das „Eucharistische Hochgebet“ beginnt also seinerseits mit der Präfation. Die Zahl der Präfationen wurde zu diesem Zweck erheblich erweitert. Finden sich im „Schott Meßbuch“ von 1938 noch 15 Präfationen auf 9 Seiten, so sind es im „Schott“ aus dem Jahr 1983 gute 80 Präfationen auf 35 Seiten. Allein für die Adventszeit existieren nun nicht weniger als 5 Präfationen, für die Weihnachtszeit drei, für jeden Fastensonntag eine eigene und zusätzlich eine für die Fastenzeit, den Palmsonntag und zwei für das „Leiden des Herrn“. Die Osterzeit kennt fünf Präfationen, Christi Himmelfahrt zwei und ebenso der Heilige Geist. Acht Präfationen gibt es für die „Sonntage im Jahreskreis“, zwei für die Eucharistie, zwei für Maria, dazu noch jeweils eine eigene für „Darstellung des Herrn“ (2. Februar) und „Aufnahme Mariens“ (15. August). Zwei Kirchweih-Präfationen, fünf bei den Messen für Verstorbene und drei für die Wochentage ergänzen das Angebot. Und diese 80 sind noch längst nicht alle Präfationen, die es gibt, denken wir nur an die Vielzahl für sog. „Kindermessen“. Daß es so manchem geistlichen Herrn bei einer solchen Überfülle an Auswahl schwindlig wird und er zur Unterstützung eines eigenen, meist von Damen dominierten, „Liturgie-Ausschusses“ seines „Pfarrgemeinderats“ bedarf – der meist noch kreativ seine eignen Präfationen hervorbringt –, kann man ihm nicht verdenken. Das Sanctus kann deutsch oder lateinisch gebetet werden oder „durch ein Lied ersetzt“.

Der verfälschte Meßkanon

Nun stehen dem Zelebranten standardmäßig vier „Hochgebete“ zur Auswahl – es gibt aber bei Bedarf auch noch mehr, die freilich nicht im römischen Meßbuch stehen. Das erste „Hochgebet“ nennt sich „Der römische Meß-Kanon“. Wie der Name schon sagt, ist es dem römischen Meßkanon nachempfunden, entspricht aber nicht diesem, sondern dessen Entstellung im 1967er „Kanon Deutsch Latein“, den wir bereits kennengelernt haben, mit all seinen Defiziten, die wir hier kurz wiederholen. Der wahre Kanon wird still gebetet, als „Stillmesse“, weil in ihm der Priester alleine eintritt in jenes gewaltige göttliche Mysterium wie einst Moses in die Wolke auf dem Berg Sinai oder der Hohepriester des Alten Bundes, der einmal im Jahr allein das Allerheiligste des Tempels betrat. Noch heute wird in den östlichen Liturgien an dieser Stelle die Ikonostase geschlossen. Natürlich hat daher auch die „Volkssprache“ im Kanon nichts verloren; denn hier wird nicht zum Volk gesprochen, sondern zu Gott, und nicht vom Volk, sondern vom geweihten Priester „in persona Christi“. Der Kanon ist angefüllt mit Gesten und Handlungen der Ehrfurcht und Heiligkeit wie Verneigungen, Kreuzzeichen, Kniebeugen, Altarkuß, die zum größten Teil getilgt worden sind, wie wir bereits gesehen haben. Zur Wandlung stützt sich der Priester im Kanon auf den Altar, da dieser der Opferstein ist, der Berg Golgotha, auf welchem das Opfer dargebracht wird, nicht mehr so im neuen „Kanon“, bei dem er Hostie und Kelch frei in die Luft hält. Kurzum, dieser „Kanon“ ist nicht mehr die Opferhandlung unserer heiligen Kirche, er ist nur ein sinnentleertes Museumsstück oder, schlimmer noch, eine ohne Sinn und Verständnis modernisierte Antiquität. Man hat ihn so stillos modernisiert wie manche alte Kirchenbauten und ihm dabei Geist und Wirkung vollständig ausgetrieben. Was früher ein heiliges, in atemloser Stille sich vollziehendes, geheimnisvolles Geschehen war, wird nun zum mehr oder weniger salbungsvollen Vortrag über Mikrophon.

Natürlich durften eine gewisse Vereinfachung, Neuordnung und zusätzliche Wahlmöglichkeiten nicht fehlen. So beginnt der wahre römische Meßkanon mit dem „Te igitur“ wie folgt: „Te igitur, clementissime Pater, per Jesum Christum, Filium tuum, Dominum nostrum, supplices rogamus, ac petimus, uti accepta habeas et benedicas, haec dona, haec munera, haec sancta sacrificia illibata, … – Dich, gütiger Vater, bitten wir demütig und flehen zu Dir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unsern Herrn: nimm wohlgefällig an und segne diese Gaben, diese Geschenke, diese heiligen, makellosen Opfergaben.“ Dabei wurde ein dreifaches Kreuzzeichen über diese Gaben geschlagen. Nunmehr heißt die Stelle so: „Dich, gütiger Vater, bitten wir durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus: Nimm diese heiligen, makellosen Opfergaben an und segne sie.“ Ein Kreuzzeichen genügt dazu und ist auch schon genug für den ganzen Rest des „Kanon“. Das ist der „Glanz edler Einfachheit“. Kein demütiges und eindringliches Flehen mehr um „wohlgefällige“ Annahme, sondern ein schlichtes „Bitten“, Gott wird’s schon machen, kein dreifach ehrfürchtiges staunendes Stammeln mehr über „diese Gaben, diese Geschenke, diese heiligen, makellosen Opfergaben“, ein nüchternes Erwähnen des letzten Ausdrucks tut es auch.

Der römische Kanon fährt im selben Gebet fort: „…in primis, quae tibi offerimus pro Ecclesia tua sancta catholica: quam pacificare, custodire, adunare et regere digneris toto orbe terrarum: una cum famulo tuo Papa Nostro N. et Antistite nostro N. et omnibus orthodoxis, atque catholicae et apostolicae fidei cultoribus. – Wir bringen sie Dir dar vor allem für Deine heilige katholische Kirche: schenke ihr den Frieden auf dem ganzen Erdkreis; behüte, einige und leite sie huldvoll, samt Deinem Diener, unserem Papst N., unserem Bischof N., allen Rechtgläubigen und allen, die den katholischen und apostolischen Glauben fördern.“ In der neuen Version stellt diese Passage bereits den nächsten Abschnitt des „Hochgebets“ dar und lautet wie folgt: „Wir bringen sie dar [Wem? Das wird schon nicht mehr gesagt.] vor allem für deine heilige katholische Kirche in Gemeinschaft mit deinem Diener, unserem Papst N., mit unserem Bischof N. und mit allen, die Sorge tragen für den rechten, katholischen und apostolischen Glauben. Schenke deiner Kirche Frieden und Einheit, behüte und leite sie auf der ganzen Erde.“ Wie wir sehen, sind die „Rechtgläubigen“ hier verschwunden bzw. wurden zu denen geschlagen, die „Sorge tragen“ für den Glauben, dafür wird aber die „Gemeinschaft mit deinem Diener, unserem Papst“ und „mit unserem Bischof“ betont. Natürlich, die „Neue Messe“ ist ja in erster Linie Gemeinschaftsfeier, Ausdruck der Gemeinschaft und ihr Wirkmittel, muß also in der Gemeinschaft der jeweiligen Teilkirche gefeiert werden und dann auch der Gesamtkirche, um überhaupt gültig zu sein (so sehen es jedenfalls einige modernistische Theologen). Hier liegt auch ein ökumenistischer Ansatz zur „Ecclesia“ aus den vielen „ecclesiae nach Ratzingers Theologie. Indem jeder in seiner Teilkirche, seiner kleinen „ecclesia“, die „Messe oder Versammlung“ feiert, entsteht die große Gemeinschaft der Gesamtkirche, der „Ecclesia“. Durch die Umstellung im Text wird außerdem der Sinn verändert. Wir bitten nämlich zunächst Gott um Frieden für seine Kirche auf dem ganzen Erdkreis, beten sodann um Sein fortgesetztes Wirken in ihr, daß Er sie nämlich „behüte, einige“ und „huldvoll“ leite. Gott ist es, der die Kirche behütet, Er ist es, der in ihr ihre Einheit wirkt, Er ist ihr eigentlicher Leiter. Aber Er bedient sich dazu der kirchlichen Hierarchie, des Papstes vor allem, dann des Bischofs, welche die Kanäle Seiner Gnaden sind, aber auch aller Rechtgläubigen und derer, die den wahren Glauben fördern, was z.B. und vor allem Staatsoberhäupter sein können. Dieses Wirken Gottes in Seiner Kirche wird im „Novus Ordo“ zu einem Sorgen Gottes für die Kirche. Damit wird eine neue Ekklesiologie sichtbar, Gott handelt der Kirche gegenüber nicht mehr innerlich, sondern äußerlich.

Das „Gedächtnis der Heiligen“, früher „Communicantes“, sieht nun mindestens 16 verschiedene Einleitungen vor, früher gab es nur besondere Einleitungen für die Hochfeste Weihnachten, Epiphanie, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten mit ihren jeweiligen Oktaven. Eingefügt ist der heilige Joseph (wie bereits in den „Büchern Johannes‘ XXIII.“), getilgt wurden die Verdienste der Heiligen und durch ihr „heiliges Leben und Sterben“ ersetzt: „quorum meritis precibusque concedas, ut in omnibus protectionis tuae muniamur auxilio. – Ob ihrer Verdienste und Fürbitten gewähre uns in allem hilfreich Deinen Schutz und Beistand“, hieß es früher, „blicke auf ihr heiliges Leben und Sterben und gewähre uns auf ihre Fürsprache in allem deine Hilfe und deinen Schutz“, heißt es nun. Da dürfte wohl auf die protestantische Sichtweise Rücksicht genommen worden sein, wonach es ja keine Verdienste der Heiligen gibt. Das Gebet „Hanc igitur“, die „Bitte um Annahme der Opfergaben“, wurde zu einem Gebet „für die Ortsgemeinde“, was den Sinn völlig verändert, im Text selber allerdings wenig modifiziert, außer daß aus der „ewigen Verdammnis“, vor welcher uns Gott bewahren möge, das „ewige Verderben“ wurde.