Biedermann und die Brandstifter

von antimodernist2014

Der moderne Mensch hat die Fähigkeit, nüchtern zu denken, weitgehend verloren, wobei er sich zugleich einbildet, der aufgeklärteste und gebildetste Mensch der Geschichte zu sein. Eine lange geistesgeschichtliche Entwicklung – oder besser gesagt Fehlentwicklung – ist für dieses Phänomen verantwortlich.

Bei dieser Fehlentwicklung gibt es zwei widersprüchliche Stränge: Auf der einen Seite finden wir die raffinierte Ausbildung der technischen Intelligenz, auf der anderen Seite die Verkümmerung des rationalen Denkens. Diese Doppelzüngigkeit ist leicht zu erklären: Für den wirtschaftlichen Erfolg ist eine äußerste Disziplinierung der technischen Intelligenz notwendig – denn eine Maschine muß funktionieren, sie muß gefällig sein, das Preis- Leistungsverhältnis muß stimmen usw. Damit all das zusammenkommen kann, ist viel Sachverstand notwendig. Während also die technische Intelligenz im Interesse des wirtschaftlichen Fortschritts vorangetrieben wird, verliert sich im geistigen Bereich alles in der Beliebigkeit. Ein falscher Freiheitsbegriff verführt die Menschen anzunehmen, frei denken hieße, denken können, was man wolle, also rationales Denken ohne jeglichen Wahrheitsbezug. Man spricht nun von emotionaler Intelligenz, davon, daß man seinen Gefühlen mehr trauen und nur nicht zu nüchtern und sachlich die Dinge betrachten soll. Das Leben könne nur einmal gelebt werden, also laßt uns das Leben möglichst genießen – was immer das auch konkret heißen mag.

Diese Lebenseinstellung hat durchaus eine weitreichende Wirkung. Die grundlegende Erkenntnishaltung bleibt immer vage, jegliche klare Unterscheidung erscheint verdächtig und wird mit der Zeit verunmöglicht. „Wahrheit“ existiert im Grunde nicht mehr, wenn es sie aber doch geben sollte, so ist sie jedenfalls nicht erkennbar – und damit natürlich auch niemals einforderbar. Hinzu kommt noch, mit Hilfe der neu eröffneten technischen Möglichkeiten verliert sich der moderne Mensch mehr und mehr in einer virtuellen Welt. Die „Wirklichkeit“ scheint nicht mehr vorgegeben, sie ist nicht mehr objektivierbar, sondern jeweils nur ein subjektiver Entwurf des Einzelnen und deswegen auch so vielfältig und unterschiedlich wie es die einzelnen Menschen sind. Aus all diesen Gründen ist der moderne Mensch liberal und tolerant im Sinne eines absoluten, totalitären Relativismus, der alles gelten läßt, nur nicht die Wahrheit.

Diese Entwicklung hat natürlich auch vor den Katholiken nicht Halt gemacht. Schon im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der sog. „liberalen Katholiken“ sprunghaft an. „Liberale Katholiken“ sind „Katholiken“, die doch tatsächlich glauben, sich einbilden zu können, der katholische Glaube ließe sich mit jener modernen geistigen Haltung in Einklang bringen, welche die Erkenntnismöglichkeit der Wahrheit leugnet!

Die liberalen „Katholiken“ des 19. Jahrhunderts haben sich zu den Modernisten des 20. Jahrhunderts gewandelt, und schließlich sind daraus die Postmodernisten des 21. Jahrhunderts geworden. Bei einer solch erfolgreichen Verbreitung einer Irrlehre kann es nicht ausbleiben, daß auch die gutwilligen Katholiken angesteckt werden, man denke etwa nur an die rasche Ausbreitung des Protestantismus im 16. Jahrhundert. Auch bei den allermeisten Katholiken herrscht inzwischen die moderne Denkweise vor, wenn auch nicht immer in einer ganz reinen Ausprägung.

Eine so weitreichende Veränderung des Denkens geschieht nicht von selbst. Wie alle Revolutionen, so wird auch diese geistige Revolution von einer Elite getragen und vorangetrieben. Die Feinde der Kirche Jesu Christi haben schon vor 200 Jahren erkannt, daß die katholische Kirche nur dann für das moderne Denken geöffnet werden kann, wenn man die Spitze dieses hierarchisch geordneten Gemeinwesens erobert. Immer klarer zeigte sich, die Eroberung des Stuhles Petri wäre sicherlich der genialste Schachzug. Alle gutwilligen Katholiken sind schließlich gewöhnt, nach Rom zu schauen. Sobald man den Stuhl Petri in der Hand hat, hat man die Kirche fest im Griff, man kann sie nach Belieben gemäß den eigenen Plänen leiten und natürlich auch verändern.

Im Jahre 1818 wurde eine „Fortlaufende Instruktion“ oder auch „Gesetzbuch und Handweiser der Oberen in der hohen Freimaurerei“ herausgegeben, das zum Ärger der Geheimbünde in die Hände der Kirche fiel und selbst um hohe Summen Geldes nicht zurückerobert werden konnte. Am Ende dieser geheimen Anweisungen heißt es: „Auf dem Wege, den wir unseren Brüdern vorzeichnen, sind große Hindernisse zu bewältigen und mehrfache Schwierigkeiten zu überwinden. Mit der Erfahrung und Schlauheit werden wir darüber triumphieren. Das Ziel ist so schön, daß man alle Segel zu seiner Erreichung einsetzen muß. Ihr wollet Italien revolutionieren? Suchet einen Papst, wie wir ihn gezeichnet haben. Ihr wollet die Herrschaft der Erwählten auf dem Throne der babylonischen Dirne befestigen? Machet, daß die Geistlichkeit unter eurer Fahne einherziehe, und dennoch meine, sie wandle unter der Fahne der heiligen Schlüssel. Ihr wollet die letzte Spur der Tyrannen und Unterdrücker austilgen? Spannet eure Netze aus, wie Simon Barjona, im Inneren der Sakristeien, der Seminare und Konvente, nicht in der Meerestiefe. Und wenn ihr Nichts überstürzet, so versprechen wir euch einen noch wunderbareren Fischzug, als jenen des hl. Petrus. Der Fischer wurde Menschenfischer, und ihr werdet sogar zu den Füßen des apostolischen Stuhles Freunde fischen. So habet ihr dann im Netze eine Revolution in Tiara und Mantel, an deren Spitze das Kreuz und die große päpstliche Fahne getragen wird; eine Revolution, die nur kleiner Hilfe bedarf, um das Feuer in allen vier Weltgegenden anzustecken“ (Der stille Krieg gegen Thron und Altar von G.M. Pachtler S.J., Amberg 1876, S. 94f).

Diese Zeilen wurden schon vielmals von katholischen Autoren zitiert und auch immer wieder je nach Aktualität kommentiert. Aber man kann dabei eine seltsame Feststellung machen: Nur äußerst selten wurden sie ernst genommen, also als realisierbare oder gar als realisierte Wirklichkeit verstanden. Und selbst heute, also während ein Bergoglio im Gästehaus des Vatikans haust und auch noch alle vielleicht noch verbliebenen Reste einer katholischen Fassade entsorgt, fallen die meisten modernen „Katholiken“ und auch Traditionalisten aus allen Wolken, wenn man den Plan von 1818 als verwirklicht ansieht, was doch eigentlich jeder Blinde sehen müßte – so denkt man wenigstens.

Biedermann und die Brandstifter…

Den meisten Lesern ist sicher von der Schule her noch das Stück, „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch in Erinnerung – „Ein Lehrstück ohne Lehre“, wie es im Untertitel heißt. Um die Erinnerung etwas aufzufrischen, wollen wir eine kurze Inhaltsangabe geben:

Gottlieb Biedermann ist ein reicher Haarwasserfabrikant, also ein Vertreter des wohlsituierten Bürgertums. Es ist neun Uhr abends. Biedermann schimpft bei der Zeitungslektüre über die in der Gegend sich häufenden Brandstiftungen: „Aufhängen sollte man sie!“ Da meldet das Dienstmädchen Anna einen Hausierer, der sich einfach nicht abwimmeln läßt und „Menschlichkeit“ verlangt. Schon steht Joseph Schmitz, ein ehemaliger Ringer im Zirkus, im Wohnzimmer. Biedermann sträubt sich zunächst, Schmitz in sein Haus aufzunehmen, erliegt schließlich aber doch der Schmeichelei, mit der Schmitz seine Spießermentalität, seinen Egoismus, sein Mißtrauen, sein schlechtes Gewissen und sein Sicherheitsdenken geschickt zu manipulieren weiß. In der Folge berichtet Schmitz Herrn Biedermann ganz ungeniert, er sei von klein auf mit dem Feuer vertraut, weil sein Vater Köhler war. Auch habe er aus Freude an den Flammen bereits einen Zirkus angezündet. Nachdem sich Schmitz immer stärker im Haus Biedermanns breit macht und sich von seiner Frau sogar das Frühstück servieren läßt, kündet er seinen Helfershelfer, den ehemaligen Kellner Willi Eisenring an: „…mein Vater war Köhler, ich habe keine Kultur … Aber mein Freund, der Willi, der Oberkellner war, bis das Hotel abbrannte, der hat Kultur.“ Und schon steht Willi vor der Tür.

Während Herr Biedermann den Brandstiftern gegenüber sich vollkommen nachgiebig zeigt, ist er in seinen eigenen geschäftlichen Angelegenheiten ein kalter, nüchterner Rechner. Seinen Angestellten Knechtling, der eine Erfindung in Biedermanns Haarwasserfabrik gemacht hat und sich deswegen eine Beteiligung an dem dadurch gemachten Gewinn erhofft, wird von Biedermann rücksichtslos gekündigt und damit seine Existenzgrundlage zerstört. Biedermann empfiehlt Knechtling, sich entweder einen Anwalt zu nehmen, was Knechtling finanziell gänzlich unmöglich ist, oder sich unter den Gasherd zu legen, was der Angestellte aus Verzweiflung auch wirklich machen wird.

Die beiden Brandstifter sind die ganze Nacht lang damit beschäftigt, Benzinfässer auf dem Dachboden zu stapeln, um das Feuerwerk sachgemäß vorzubereiten. Als Biedermann Schmitz und Eisenring aus dem Haus weisen will, da seine Frau Babette durch das Gepolter der herangerollten Fässer am Schlaf gehindert wird, trifft ein Polizist ein. Biedermann, der gerade kurz vorher erfahren hat, daß sich in den Fässern Benzin befindet, könnte sich nun dem Polizisten anvertrauen. Da er aber Schmitz erzählt hatte, er habe Knechtling empfohlen, sich unter den Gasherd zu legen, und ihm der auf die Anzeige Frau Knechtlings eintreffende Polizist nun mitteilt, Knechtling habe sich tatsächlich unter den Gashahn gelegt, hält ihn die Furcht vor dem Zeugen Schmitz zurück, die beiden Brandstifter zu verraten. Als der Polizist fragt: „Was haben Sie denn in diesen Fässern da?“ erklärt Biedermann: „Haarwasser“. Biedermann ignoriert alle Warnungen und redet sich ein, daß die beiden Brandstifter nur harmlose Kerle seien: „…ein bißchen Vertrauen, ein bißchen guten Willen, nicht immer nur das Böse sehen …, nicht immer dieser Defaitismus [Schwarzseherei], meine Herrn, sagen Sie nicht immer: Weh uns!“

Da aber Biedermann trotz allem zur Schau getragenen Vertrauen die Furcht dennoch im Nacken sitzt, geht er auf den Dachboden und lädt die Brandstifter zum Essen ein. Während des Gespräches arbeitet Willi unentwegt an Zündschnur und Zündkapsel. Willi erzählt von sich, er sei zwar aus gutem Hause, aber im Gefängnis gesessen. Willi gibt sich klassenbewusst und er gesteht, er habe Lust an Zerstörung und Feuer. Aber durch seine Art zu scherzen, seine Sentimentalität und vor allem „die nackte Wahrheit“, die niemand glaubt, täuscht er Biedermann über den wahren Sachverhalt hinweg.

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