Die Irrtümer Quesnels

von antimodernist2014

Wie viel könnte man aus der Geschichte lernen! Wie viele Fehler könnte man vermeiden, würde man nur die Vergangenheit eingehender studieren und früheren Einsichten entsprechend beachten. Leider sind nur ganz wenige dazu in der Lage, die Geschichte als Lehrmeisterin anzuerkennen, weil die Beschäftigung mit den Toten vielfach als unnütz gilt oder weil man sich einbildet, sowieso alles besser zu wissen und zu können.

Wir sind vor einiger Zeit auf einen Text gestoßen, der diesen Sachverhalt demonstrieren kann. Der hl. Alphons von Liguori hat ein umfangreiches Werk über die Geschichte der Häresien geschrieben. In diesem dokumentiert er die Entstehung und Überwindung der vielen Irrtümer, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden und sich verbreiteten. Wir wollen in der Folge einen Ausschnitt von 9 Seiten wiedergeben, der sich mit den Irrtümern Quesnels auseinandersetzt. Während der Lektüre dieses Textes waren wir mehr und mehr erstaunt, von welch großer Aktualität diese Gedanken sind. Aber lesen Sie selbst…

Alphons Maria von Liguori, Dogmatische Werke, Fünfter Band,
Geschichte der Häresien und ihre Widerlegung I.
Regensburg, 1846, In Commission bei G.J. Manz

S. 565-574
Die Irrtümer Quesnels.
166. Quesnel wird aus der Kongregation des Oratoriums entlassen.
167. Er läßt in Brüssel mehrere schädliche Schriften erscheinen.
168. Er wird verhaftet, entflieht nach Amsterdam und stirbt dort außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft.
169. Das Buch Quesnels. Die moralischen Reflexionen.
170. Die Bulle Unigenitus, durch welche dasselbe verdammt wird.
171. Derselbe wird vom König, Klerus und von der Sorbonne angenommen, worauf die Anhänger Quesnels an ein Konzil appellieren.
172. Mehrere Bischöfe, sowie der Kardinal von Noailles appellieren ebenfalls, worauf das Konzil von Embrun diese Appellationen als nichtig erklärt.
173. Die Konsulation der Advokaten wird von der Versammlung der Bischöfe verworfen, der Kardinal von Noailles widerruft und nimmt die Bulle an, welche sowohl von der Sorbonne, als von den Bischöfen als dogmatisch erklärt wird.
174 – 176. Dreifache Grundlage des Religionssystems von Quesnel.

166. Unter dem Pontifikat Clemens’ XI. erschien das Buch: Moralische Reflexionen über das neue Testament von Quesnel, welches dieser Papst durch die Bulle Unigenitus verboten hat. Quesnel ward 1634 zu Paris geboren und 1657 von Kardinal Berulle in die Kongregation des Oratoriums aufgenommen. Im Jahre 1678 ward in einer Generalversammlung des französischen Oratoriums der Beschluß gefaßt, daß jedes Mitglied dieser Versammlung eine gewisse gegen die Lehren des Bajus und Jansenius gerichtete Formel unterschreiben solle. Als Quesnel sich weigerte, diese Formel zu unterschreiben, mußte er die Kongregation verlassen, worauf er sich nach Orleans (Tournely Compend. Theolog. tom. 5. part. 1. Disp. 8. art. ? § 1. p. 396) begab.

167. Aus Furcht vor anderweitigen Strafen ging Quesnel im Jahre 1685 nach Brüssel, um sich daselbst mit Arnauld, der in dieser Stadt als Flüchtling verborgen lebte, zu verbinden, von wo aus beide mehrere Schriften zugunsten des Jansenismus verbreiteten. Im Jahre 1690 wurden indes beide aus Brüssel verwiesen, worauf sie sich nach Delft in Holland begaben; später gingen sie ins Lütticher Gebiet und kehrten hierauf wieder nach Brüssel zurück. Nach dem Tode Arnaulds (1694), dem Quesnel die Sterbesakramente gereicht, hielt er sich auch fernerhin in letzterer Stadt verborgen, nachdem er seinen Namen geändert hatte; worauf die Jansenisten ihn als ihr Haupt unter dem Namen des Pater Prior bezeichneten. Hierauf fuhr er fort, von seinem Schlupfwinkel aus, mehrere Apologien seiner Person und seiner Lehrern erscheinen zu lassen, welche zugleich gegen die Dekrete des Papstes und der weltlichen Macht gerichtet waren, welchen die Appellanten Widerstand leisteten: wie man solches deutlich aus dem Urteil des Erzbischofs von Mecheln in der Angelegenheit Quesnels ersieht. (Tournely p. 397. e Gotti c. 119. §. 1. n. 3.)

168. Im Jahre 1703 ließ der Erzbischof von Mecheln, um das Unkraut, welches durch diese Schriften gesät ward, gänzlich auszurotten, nachdem er sich des Beistandes des weltlichen Armes versichert, den Aufenthalt Quesnels und seines getreuen Genossen Gerberon erforschen; worauf beide am 30. Mai desselben Jahres in das bischöfliche Gefängnis eingeschlossen wurden, woselbst Gerberon im Jahre 1710, auf Veranlassung des Kardinals Noailles seine irrigen Meinungen zurücknahm und, nachdem er die Formel unterschrieben, frei gegeben ward. Quesnel dagegen war, schon wenige Monate nach seiner Festsetzung mit Beihilfe seiner Freunde, welche eine Öffnung in der Wand eingebrochen, nach Holland entflohen, wo er fortfuhr, den Jansenismus zu verteidigen. Nach seiner Flucht war er von seinen Anhängern mit dem Namen eines zweiten Paulus beehrt, und er selbst schrieb an den Generalvikar von Mecheln, er sei gleichwie der heilige Petrus von einem Engel aus dem Gefängnis geleitet worden. Er bemerkte aber nicht, daß der heilige Petrus sich nicht vor seiner Flucht mit Freunden deshalb beraten und ihnen nicht auf einer Bleiplatte die schriftliche Bitte mitgeteilt, in der Nacht die Mauer des erzbischöflichen Palastes zu durchbrechen. (Tournely p. 399, Gotti n. 5.) – Nach all diesen Vorgängen ward dem Quesnel zu Brüssel der Prozeß gemacht, worauf der Erzbischof von Mecheln am 10. November 1704 denselben, weil er des Jansenismus und Bajanismus überführt sei, von der Kirchengemeinschaft ausschloß und so lange zur Einsperrung in ein Kloster verurteilte, bis der Papst ihn davon freisprach. (Tournely p. 405). Endlich starb der unglückliche Quesnel in seiner Verhärtung und mit päpstlichen Zensuren beladen zu Amsterdam am 2. Dezember 1719 im fünfundachtzigsten Lebensjahre.

169. In Bezug auf die moralischen Reflexionen Quesnels zum neuen Testament ist zu bemerken, daß sie derselbe zuerst im Jahre 1671 in einem kleinen Duodezband herausgab, der eine französische Übersetzung der heiligen Evangelien mit einigen kurzen Betrachtungen dazu enthielt, die meist aus einer vom P. Jourdan, Obern des Oratoriums, verfaßten Sammlung von Aussprüchen Jesu Christi gezogen waren. Nach und nach vermehrte Quesnel das Buch, sodaß er sechzehn Jahre nach dessen ersten Erscheinen (1687) schon eine Ausgabe davon in drei kleinen Bänden herausgab, worin er Betrachtungen über das ganze neue Testament zusammengestellt hatte. Im Jahre 1693 veranstaltete Quesnel eine neue Ausgabe davon in acht Bänden und noch eine andere mit unbedeutenden Veränderungen im Jahre 1695, der eine Gutheißung des späteren Kardinals von Noailles, des damaligen Bischofs von Chalons, beigefügt war. Die letzte Ausgabe vom Jahre 1699 ward aber nicht mehr von dem Kardinal von Noailles gutgeheißen. Kurz Quesnel bemühte sich, zweiundzwanzig Jahre hindurch, dies Werk immer mehr zu vervollkommnen, nicht etwa, indem er die Irrtümer, die sich eingeschlichen, verbesserte, sondern indem er die Zahl derselben immerfort vermehrte; denn in der ersten Ausgabe fanden sich nur fünf der später verdammten Propositionen (die 12te, 13te, 30ste, 62ste und 65ste); in der zweiten Ausgabe zählt man achtundvierzig Irrtümer mehr, und in den folgenden steigt die Zahl derselben bis auf hundertundeins, die in der Bulle Unigenitus sämtlich verdammt worden sind. Man muß auch mit Tournely bemerken (pag. 409, c. 410), daß nur die erste Ausgabe (vom Jahre 1671) vom damaligen Bischofe von Chalons in einem Hirtenbriefe gutgeheißen ward (1685) und daß die späteren Ausgaben (obgleich sie doch wegen ihrer Vermehrung um mehr als das Doppelte einer neuen Gutheißung bedurft hätten) nur jene Gutheißung der Ausgabe von 1671 erhalten hatten. Die Anhänger des Quesnel rühmten sich auch, daß jenes Buch allgemeine Anerkennung gefunden. Tournely (p. 412. e seqq.) zeigt aber bis zur Evidenz, daß viele französische Bischöfe und Theologen alsbald das darin verborgene Gift erkannt hatten. Auch rühmten sich jene einer Gutheißung Bossuets; wovon man aber das Gegenteil, daß nämlich Bossuet sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen, zur Genüge bewiesen hat. (Tournely p. 419. e. seqq.)

170. Als das Buch in seiner vollendeten Gestalt (1693) erschien, ward es sogleich von den Theologen zensuriert und von mehreren Bischöfen verboten und durch ein besonderes Breve Papst Clemens’ XI. im Jahre 1708 verdammt. Als aber im Jahre 1711 drei französische Bischöfe durch besondere Mandate die Reflexionen verboten, so verwarf der Kardinal von Noailles, der sich beleidigt fühlte, ein Buch, das er früher gutgeheißen, als ketzerisch darin bezeichnet zu finden, diese bischöflichen Mandate. Als hierauf ein großer Lärm in Frankreich entstanden, bat der König in Übereinstimmung mit den Bischöfen und namentlich mit dem Kardinal den Papst Clemens XI., er möge doch das Buch Quesnels neuerdings untersuchen lassen und durch eine förmliche Bulle die darin etwa vorgefundenen Irrtümer verdammen. Nachdem die Untersuchung, die von Kardinälen und Theologen geführt ward, zwei Jahre lang gedauert, erschien am 8. September 1713 die Bulle Unigenitus Dei filius, in welcher 101 Sätze aus den Reflexionen als falsch, verfänglich, verwegen, irrig, der Ketzerei nahe grenzend und als respektiv häretisch, und die Sätze des Jansenius in dem Sinne, in welchem sie verdammt waren, erneuernd, förmlich verurteilt worden. Überdies ward erklärt, daß man hierdurch nicht beabsichtige, das sonst noch in dem Buche Enthaltenen gutzuheißen, da man außer den 101 Sätzen noch viele ähnliche darin gefunden und überdies entdeckt habe, daß der Text des Neuen Testamentes selbst häufig verfälscht worden sei. (Tournely p. 426 et seqq. et Gotti §. 2. n. 3 et 4.)

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