Zur Oktav der hll. Apostel Petrus und Paulus

Das ist also das Fels-sein des Petrus für die Kirche: Petrus gibt dem Glauben die notwendige göttliche Sicherheit, „Dem Zweifel ist somit jeder Grund entzogen!“ Petrus verbürgt dem Katholiken als oberster Inhaber des Lehramtes den göttlichen Glauben, denn er ist ausgestattet mit einer von IHM (also von Gott) entspringenden Gewalt und macht den Glauben dadurch felsenfest. „Sooft also durch das Wort dieses Lehramtes erklärt wird, dieser oder jener Punkt gehöre zum Umfang der von GOTT her überlieferten Lehre, dann muß jeder fest daran glauben, daß dies wahr ist: wenn auf irgendeine Weise etwas Falsches daran wäre, so folgte daraus (was ein offenkundiger Widerspruch ist), daß GOTT selber der Urheber des Irrtums im Menschen sei.“ Damit wird auch erst richtig verständlich, was unser Herr noch anfügt: „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“. Denn was sind die Pforten der Hölle genau? Wogegen sichert aber der Felsenmann die Kirche ab? Allioli kommentiert diese Stelle so: „Der Kirche steht ein anderer Fels entgegen, der Teufel mit all denen, die seine Macht bilden (Orig.), ganz besonders die Häresien (Orig. Hier.). Aus dieser Verheißung folgt die Unfehlbarkeit der Kirche, mithin des Papstes, der ihr Fundament ist, ein Felsen.“

Denn wie würde die Kirche durch die Pforten der Hölle überwunden? Was ist der Grenzwall, der zwischen dem Reich Jesu Christi und dem Reich des Satans aufgerichtet ist? Den Grenzwall bildet die göttliche Wahrheit. Wenn in die Kirche eine einzige Irrlehre, eine einzige Häresie eindringen und öffentlich, mit lehramtlicher Verpflichtung gelehrt würde, dann hätten sie die Pforten der Hölle überwältigt. Denn eine einzige Irrlehre zerstört den göttlichen Glauben – und damit natürlich auch die übernatürliche Kirche! Hören wir dazu nochmals Leo XIII.: „Nichts widerspricht nämlich der Natur des Glaubens mehr, als das eine gläubig anzunehmen, anderes aber davon zurückzuweisen. Nach der Lehre der Kirche ist der Glaube jene übernatürliche Tugend, durch die wir mit der Hilfe und unter dem Einfluß der Gnade GOTTES alles, was ER geoffenbart hat, für wahr halten: nicht wegen der Erkenntnis der inneren Wahrheit der Dinge, welche durch das Licht der natürlichen Vernunft einsichtig wird, sondern wegen der Bürgschaft durch den offenbarenden GOTT selbst, der weder betrügen noch betrogen werden kann (Vatikanisches Konzil). Wer also weiß, daß etwas von GOTT gelehrt worden ist, und es dennoch nicht glaubt: der glaubt überhaupt nichts mit göttlichem Glauben“ (Freude an der Wahrheit, Karl Haselböck, Wien, Nr. 83, S. 21).

Die wichtigste, notwendigste Aufgabe des Petrus ist es darum, den göttlichen Glauben zu bewahren, weil in ihm alles andere eingeschlossen ist, wie Leo XIII. weiter erklärt: „Die durch diese Gebote unterwiesene Kirche hat eingedenk ihrer Amtspflicht für nichts größere Anstrengung und Eifer aufgewendet, als um die Unversehrtheit des Glaubens von allen Seiten zu schützen. So behandelte sie alle, die in was immer für einem Stück ihrer Lehre nicht mit ihr übereinstimmten, als Hochverräter und verbannte sie weit weg von sich. Die ‚Arianer‘, ‚Montanisten‘, ‚Novatianer‘, ‚Quartodecimaner‘ und ‚Eutychianer‘ verwarfen keineswegs den ganzen katholischen Glauben, sondern bloß gewisse Punkte — und doch: wer wüßte nicht, daß diese öffentlich als Irrlehrer erklärt und aus dem Schoß der Kirche ausgestoßen wurden? Ein ähnliches Verdammungsurteil traf in späteren Zeiten alle Urheber verkehrter Glaubenslehren. Nichts Gefährlicheres gibt es als diese Irrlehrer: sie reden in tadellosen Ausführungen über alles. (Oft) nur mit einem (einzigen) Worte, wie mit einem Tropfen Gift, verpesten sie dabei den reinen und einfachen Glauben des Herrn und der apostolischen Überlieferung“ (Freude an der Wahrheit, Karl Haselböck, Wien, Nr. 83, S. 18).

Ergänzen wir diese Worte noch durch die Gedanken des hl. Thomas zu dieser Stelle des Evangeliums: „Um daher die Festigkeit der auf dem Felsen gegründeten Kirche zu zeigen, heißt es weiter: Und die Pforte der Hölle sollen sie nicht überwältigen. — Das heißt: Sie werden sie nicht von meiner Liebe und meinem Glauben scheiden. — Ich verstehe unter den Pforten der Hölle die Laster und Sünden, und gewiß die Lehren der Ketzer, wodurch die Menschen verführt werden und in die Hölle stürzen. — Aber auch die einzelnen Geister der Bosheit in der Höhe sind die Pforten der Hölle, welchen die Pforten der Gerechtigkeit entgegengesetzt sind. — Die Pforten der Hölle sind fernen die Qualen und Lockungen der Verfolger, wie auch die bösen Werke der Ungläubigen und die ungebührlichen Reden die Pforten der Hölle sind, weil sie den Weg des Verderbens zeigen.“

Nachdem wir nun die Bedeutung des hl. Evangeliums besser erfaßt haben, wollen wir nochmals auf das Gleichnis vom Felsenmann zurückkommen: Die meisten Traditionalisten lesen diese Worte Jesu so: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen – und die Pforte der Hölle werden sie nicht überwältigen“ – also gibt es keine Kirche ohne Papst, weshalb natürlich auch die Konzilspäpste wahre Päpste sind, denn sonst wäre die Verheißung Jesu hinfällig geworden. Wird aber der Sinn dessen, was das hl. Evangelium wirklich sagt, durch diese Interpretation bewahrt? Schauen wir nochmals etwas genauer hin.

Diese Auslegung ignoriert die entscheidende Frage: Entsprechen die sog. Konzils- und Nachkonzilspäpste noch dem, was wir über Petrus und sein Amt herausgearbeitet haben? Sind sie dem Wesen des Petrus entsprechend, sind sie noch Felsenmänner, auf denen die Kirche felsenfest stehen kann? Wir haben erkannt, zum Fels-sein gehört die unerschütterliche Festigkeit im göttlichen Glauben – und zwar nicht als Privatperson, sondern als Amtsträger! Petrus ist, insofern er höchster Träger des Lehramtes der Kirche ist, der Felsengrund der Kirche. Er ist dieser Felsengrund allein durch das Charisma der Unfehlbarkeit, das ihn aufgrund des göttlichen Beistandes vor jeglichem Irrtum im Glauben, insofern er im Rahmen des ordentlichen oder außerordentlichen Lehramtes „ex cathedra“ spricht, bewahrt.

Bezüglich der sog. Konzils- und Nachkonzilspäpste stellt sich damit konkret die alles entscheidende Frage: Kann ein Irrlehrer, Häretiker, Apostat diesen unerschütterlichen göttlichen Glauben amtlich repräsentieren? Kann ein Häretiker noch das Charisma der Unfehlbarkeit innehaben, da er sich durch seinen Irrglauben selbst aus der Kirche ausgeschlossen hat, somit nicht einmal mehr Glied der Kirche Jesu Christi ist? Oder gemäß dem Bild formuliert: Wie sollte ein Irrlehrer noch das Glaubensfundament, der Fels für die übernatürliche, allein von Gott gestiftete Kirche sein, wenn er dieser nicht einmal mehr angehört? Ist er – um nochmals im Bild zu bleiben – anstatt Fels zu sein nicht vielmehr Treibsand! Treibsand, in dem jeder wahre, göttliche, übernatürliche Glaube in die Tiefe des Irrtums hinabgezogen wird!

Der hl. Robert Bellarmin, Kirchenlehrer († 1621), erklärt kurz und bündig: „Es wäre ein großes Elend für die Kirche, wenn sie den offen wütenden Wolf als Hirten anerkennen müßte … Ein offensichtlicher Häretiker kann also nicht Papst sein … Wahr ist demnach die fünfte Ansicht: Ein offensichtlicher Häretiker hört von selbst auf, Papst und Oberhaupt zu sein, wie er auch von selbst aufhört, Christ und Mitglied der Kirche zu sein; deshalb kann ihn die Kirche richten und strafen. Das ist die Ansicht aller alten Väter.“

Hierzu noch ein weiterer Gedanke: Muß nicht derjenige, der einen Irrlehrer als seinen „Papst“ anerkennt, notwendigerweise damit auch seine Irrlehren anerkennen, ist doch der Papst als oberster Lehrer der Kirche die nächste Norm seines Glaubens? Was würde etwa passieren, wenn man Dr. Martin Luther als „Papst“ anerkennen würde? Man würde natürlich Lutheraner! Und genau das haben die Lutheraner letztlich getan, auch wenn sie vermeintlich das Papsttum abgelehnt haben, sie haben Luther als ihren „Papst“ anerkannt, da sie ihren Glauben nach dem Glauben, bzw. Irrglauben Luthers ausrichteten, weil sie ihm mehr Glauben schenkten als der hl. Kirche und ihrem Lehramt.

Werden folgende Worte des hl. Thomas nicht ins Lächerliche gewendet, sobald man annimmt, der „Papst“ sei ein Irrlehrer oder Apostat? Thomas schreibt: „Betrachte aber, welch eine große Macht der Felsen hat, worauf die Kirche gebaut wird, daß auch seine Urteile fest bleiben, gleich, als ob Gott durch ihn richtete. – Sieh ferner, wie Christus den Petrus zur erhabenen Erkenntnis von ihm erhebt. Denn er verheißt ihm das zu geben, was nur allein Gott zukommt, nämlich die Sünden zu vergeben und die Kirche unter so vielen Stürmen der Verfolgungen und Versuchungen unwandelbar zu machen.“

Wir sehen also, die Deutung, die viele Traditionalisten dem Wort Jesus Christi – „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen – und die Pforte der Hölle werden sie nicht überwältigen“ – geben, verkehrt ihren Sinn genau ins Gegenteil. Denn ihr Petrus, der ein Häretiker oder Apostat ist, ist durchaus nicht mehr der Fels der Kirche, weshalb diese Traditionalisten ihm auch in keiner Weise mehr gehorchen, sondern selbstverständlich, gewohnheitsmäßig, systematisch ihr privates Urteil über das Urteil ihres Lehramtes erheben. Was heißt das aber konkret?

Leo XIII. schreibt in seiner schon mehrmals zitierten Enzyklika über die Einheit und Einzigkeit der katholischen Kirche: „Petrus ist es also, der die Kirche trägt und sie durch eine unlösbare Zusammenfügung einigt, stärkt und erhält. Wie könnte er aber einer derartigen Aufgabe entsprechen ohne die Amtsgewalt, zu befehlen, zu verbieten und zu entscheiden, welche man im eigentlichen Sinne als die Jurisdiktion (= bevollmächtigte Rechtsprechung) bezeichnet? Durch nichts anderes als durch eine solche Rechtsprechungsgewalt haben die Staaten und öffentlichen Gemeinwesen Bestand. Der bloße ‚Vorrang der Ehre‘ und eine wenig besagende Beratungs- und Ermahnungsberechtigung, welche man auch ‚höhere Leitung‘ (= directio) nennt, vermag keiner menschlichen Gemeinschaft die entsprechende Einheit und Festigkeit zu geben.“

Der Generalobere der Piusbrüder hat vor einiger Zeit wieder einmal das Thema „Krise der Kirche“ aufgegriffen. S.E. Benard Fellay beginnt mit einer Klage über die „Krisenlage, in welcher sich unsere heilige Mutter Kirche befindet“, und ergänzt diese mit der Bemerkung, es ließen „in letzter Zeit gewisse beunruhigende Anzeichen vermuten, daß wir in eine noch intensivere Phase der Unruhe und Verwirrung eintreten“, denn: „Der Verlust der Einheit in der Kirche macht sich immer mehr bemerkbar, sowohl aufseiten des Glaubens und der Moral, als auch aufseiten der Liturgie und der Leitung“ („Brief an die Freunde und Wohltäter Nr. 84“, datiert vom 24. Mai 2015).