Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Zwischen den politischen Machtblöcken

Die Übereinkunft seiner Gemeinschaft mit dem Königreich Neapel kam politisch zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, denn Neapel war seit einiger Zeit mit Rom entzweit. Die römische Diplomatie sah in der königlichen Anerkennung eine erneute Anmaßung und zugleich eine Möglichkeit, die eigene Macht zu demonstrieren. Das Opfer waren Alfons von Liguori und seine Redemptoristen. Sogar der Papst, Pius VI., wendet sich von ihm ab: „Ich weiß, daß Alfons ein Heiliger und dem Heiligen Stuhl treu ergeben ist. In dieser Angelegenheit aber hat er es nicht gezeigt.“

Während De Paola und Leggio die römischen Ämter aufhetzten, antwortete Alfons am 24. August dem Kardinalpräfekten Francesco Carafa, er werde ihm angesichts seiner 85 Jahre und seiner Krankheiten an seiner Stelle nach der heißen Jahreszeit zwei Patres schicken, um die Wahrheit ins volle Licht zu setzen. „Ich hätte nicht erwartet“, fügt er hinzu, „in meinem Alter von den Meinen derart behandelt zu werden.“

Aber plötzlich überstürzen sich die Dinge. Ohne den Ausgang der Untersuchung abzuwarten, brachte die hl. Kongregation am 22. September ein vorläufiges Dekret heraus, das den Häusern des Königreichs Neapel die Indulte und Privilegien entzog, die der Kongregation des Allerheiligsten Erlösers gewährt worden waren, und erklärten, sie seien als dieser niemals zugehörig gewesen zu betrachten; die Niederlassungen der päpstlichen Staaten dagegen sollten einen eigenen Präsidenten erhalten.

Mit einem Mal waren nach päpstlichem Urteil die Redemptoristen im Königreich Neapel keine Redemptoristen mehr: Die Mitbrüder der neapolitanischen Häuser „waren“ — wägen wir die Worte — „zu betrachten, als seien sie niemals Mitglieder der Kongregation des Allerheiligsten Erlösers gewesen“. Maione und Cimino wagten sich nicht mehr „nach Hause“ zurückzukehren. Ersterer starb 1787 vor der Zeit; letzterer wird zum Bischof von Oria ernannt, kommt aber 1818 nach Pagani zurück, um dort als „Oblate“ inmitten seiner Brüder seine Tage zu beenden. Was De Paola und Leggio betrifft, so wollten sie zwar Präsidentschaft und Trennung, hatten aber nie die Vernichtung des neapolitanischen Zweigs gewünscht. Sie hatten nicht bedacht, daß ein einmal entfachter Brand nicht mehr lenkbar ist.

Für den armen Gründer war dies gewissermaßen ein Gnadenstoß. „Seit etwa zwei Jahren“, so schreibt Tannoia, „war Monsignore am Ende seiner Kräfte; dieser Bruch des Instituts war gleichsam sein Todesurteil. Vorher trug er die natürliche Last der Jahre auf einem ausgemergelten und gekreuzigten Leib, nachher fiel er in Agonie und war kein Mensch mehr. Er aß wenig und schlief noch weniger; sein Überleben in all diesen Bitterkeiten erschien allen wie ein Wunder. Er mußte trotz seines diesbezüglichen Gelübdes darauf verzichten, an den Samstagen über die Muttergottes zu predigen. Im November 1780 hielt er seine letzte Ansprache an die Gemeinschaft, in der er über die Wirksamkeit des Gebets, seine große Nützlichkeit, seine unerläßliche Notwendigkeit sprach. Alle waren von der Wärme und Ausführlichkeit seiner Rede angerührt. Es war gleichsam sein Vermächtnis an seine Söhne.“

Bei erster Gelegenheit aber, am 8. Oktober, schreibt Alfons an De Paola: „Mein lieber Francesco … ich freue mich, daß Ihr nun unter der Gewalt des Papstes steht und man Euch zum Oberen ernannt hat. Ich freue mich auch über die Mission von Velletri. Alles ist gut, und Ihr müßt alles so weiter laufen lassen, da es der Wille des Papstes ist. Der Papst hielt mich wohl für schuldig, weil ich das Regolamento des Königs akzeptiert habe; aber vielleicht könnt Ihr ihm durch eine befreundete Person mitteilen, daß wir Gefahr liefen, alles zu verlieren, wenn ich das Regolamento nicht angenommen hätte? Wenn der Papst das wüßte, würde er mich sicher nicht verurteilen. Ich hoffe, ihm zu gegebener Zeit alles darlegen und von ihm die Gnade erbitten zu können, die ich wünsche; denn ich habe die Liebe nicht vergessen, die er mir Unwürdigem entgegengebracht hat, und ich hoffe, als getreuer Diener seiner Heiligkeit und der Kirche zu leben und zu sterben. Ich ersuche Euch, irgendjemanden zu finden, der mir diesen Dienst beim Papst erweist; denn ich selbst kann ihm derzeit nicht schreiben und muß mich in all den Unruhen, in die ich verwickelt war, dem Willen Gottes ergeben. Ihr alle, die Ihr dort lebt, vergeßt nicht, bei der Messe um einen guten Tod für mich zu bitten, denn ich bin nicht weit davon entfernt. Jeden einzelnen von Euch habe ich sehr geliebt. Der Herr hat diese Trennung gewollt: sein heiliger Wille sei immer gepriesen! Wenn Ihr mir von Zeit zu Zeit schreiben und über Eure Erfolge berichten könntet, wäre ich sehr glücklich. Jesus und Maria mögen Euch alle segnen! Und betet für mich.“

Alfons lädt De Paola nach Pagani ein, doch dieser kommt nicht. Er schreibt dem Papst und versucht, ihm die unmögliche Situation verständlich zu machen. Am 24. Februar 1781 ringt er dem König für seine Mitglieder die Erlaubnis ab, den Eiden der Keuschheit und des Gehorsams die der Armut und der Beharrlichkeit hinzuzufügen; und das ist bereits ein Schritt zur Wiedervereinigung. Die Lage ist jedoch verfahren. P. De Paola, der versprochen hatte, für die Wiedervereinigung zu arbeiten, wird ungeduldig und verlangt von der hl. Kongregation, dem Provisorium ein Ende zu machen. Leggio, jetzt Prokurator der Häuser im Kirchenstaat, besteht auf der Aufrechterhaltung der Beschlüsse vom 22. September 1780. Er gewinnt seine Sache am 24. August 1781, als die hl. Kongregation die endgültige Beibehaltung des Dekrets von 1780 beschließt. Das Institut ist in zwei Teile gespalten; die Mitbrüder des Königreichs gehören nicht mehr zur Kongregation vom Allerheiligsten Erlöser. Der Gründer ist auch unter den letzteren.