Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Die erste war die der Pii Operai, der „Frommen Arbeiter“, die Carlo Carafa (1561—1633) 1601 in Neapel gegründet hatte. Eine eigenständige Gründung, die das Statut des Weltpriesters ohne Gelübde mit allen Ansprüchen des Ordenslebens verband: Gemeinschaftsleben mit intensivem Gebet — einschließlich Nachtoffizium —, mit Güterteilung, wirklicher Armut und einer Strenge, die großmütige Seelen begeistern konnte. Der erste Bischof, der aus ihren Reihen hervorging, war Pater Emilio Cavalieri, Alfons‘ Onkel. Tommaso Falcoia ist einer ihrer führenden Köpfe. Zwar beherbergen und betreuen sie in S. Giorgio Maggiore, Via Duomo, zahlreiche Bruderschaften — Priester, Adelige, Doktoren, Studenten, Künstler, Musiker, Kaufleute, Handwerker, Jugendliche —, ihr Hauptziel bleibt aber nach wie vor die Abhaltung mitreißender und kurzer Missionen „in Städten, Dörfern und Weilern“.

Daneben gab es noch Kongregationen von Weltpriestern, die nicht in Gemeinschaft lebten und sich ebenfalls den Volksmissionen widmeten. Zu den wichtigsten zählte die von dem Jesuiten Francesco Pavone (1569—1637) 1611 unter dem Namen „Kleriker der Assunta“ (Himmelfahrt) gegründete Kongregation, die auch als „Väter der Konferenz“ bekannt wurde und sich über Westeuropa bis nach Indienverbreitete. Sodann die etwas jüngere Kongregation von S. Maria della Purita, 1680 vom angesehensten Mitglied der Frommen Arbeiter, Antonio Torres, gegründet. Und schließlich die Kongregation der „Apostolischen Missionen“, auch „Domkongregation“, oder wegen ihrer ursprünglichen Bestimmung für die heidnischen Länder „Propagandakongregation“ genannt. Ihr widmete Alfons mit Hingabe sein Herz und seine Bemühungen. Die „Illustrissimi“, also die „Erleuchtetsten“ des Doms machten ihrem Ruf alle Ehre: sie wurden im gesamten Königreich verlangt. Der Biograph schreibt über diese Zeit: „Nie wich er einer Aufgabe aus, in der man auf ihn zählte. Seine Kongregation der Apostolischen Missionen verfügte über eine gutdotierte tägliche Kaplanei, die vom Stifter ausdrücklich für den eifrigsten ihrer Brüder bestimmt war. Obwohl Alfons noch gar nicht lange Priester war, vielleicht sogar der jüngste dem Weihedatum nach, schätzte man ihn bereits so hoch ein, daß die Illustrissimi nicht zögerten, sie ihm zu übergeben.“

Das Leben eines Missionars

Tauchen wir nun einmal in dieses Leben des Missionars ein.

Das Jahr 1730 folgt einem Jahr der Überanstrengung und beginnt mit der Aussicht auf vermehrte Missionen. An diesem Samstag, dem 14. Januar, haben die Gläubigen von Spirito Santo in Marano di Napoli (etwa 5.000 Einwohner) nur Augen für die abgetragenen Kleider des Heiligen: „Schaut nur den zerlumpten Missionar an! Wenn seine Predigten wie seine Soutane sind, dann wehe uns!“ Sie werden noch Gelegenheit genug haben, sich davon persönlich zu überzeugen, denn der hl. Alfons hat die Morgenbetrachtungen, den großen Katechismus am Nachmittag und die Beichten zu übernehmen. Es wird eine intensive Mission in beiden Pfarreien. Wegen der regen Teilnahme wird sie um weitere acht Tage verlängert. Damit auch alle Platz finden, organisiert jede der beiden Pfarreien von Marano am Sonntag, dem 29., zwei Abschlußpredigten, aber viermal können die Kirchen die Mengen bei weitem nicht fassen. Es folgen zwei Tage zum Atemholen, und schon wird Alfons wieder eingesetzt, diesmal in der benachbarten Stadt Casoria (4.000 E.) im Norden Neapels. Bei jeder dieser beiden Missionen besteht die Mannschaft aus „zwölf Aposteln“.

Am Samstag, dem 22. April, beginnt eine neue Mission auf dem Vorgebirge Capodimonte. „Ein in der Welt vielleicht einmaliger Blick“, schreibt Stendhal. In dieser Dekanatskirche erhält Pater von Liguori, der jüngste der dreizehn Missionare, die höchste Weihe, die nur anerkannter Kompetenz und Beredsamkeit gegeben wurde: er ist es, der allabendlich die Predica grande, die große, eineinviertelstündige Predigt hält – nach nur drei Jahren und vier Monaten Priestertum! Am Sonntag, dem 30. schließt er die Mission und kommt zu seinen Mitbrüdern, die im Kloster dell’Annunziata missionieren: Ordensfrauen, großes Hospiz, Waisenhaus mit Station für verlassene Säuglinge, conservatorio für junge Mädchen und unverheiratete Frauen, Asyl für Reumütige. Achtzehn Missionare für diese „Stadt“. Diese letzte Anstrengung wurde Alfons zu viel.

„Er verausgabte sich so sehr“, sagt Tannoia, „daß seine Widerstandskraft erlahmte. Er wurde lungenkrank und bekam Fisteln und andere eitrige Geschwüre. Mehr als einen Monat lang fürchtete man um sein Leben. Wie mir P. Fatigati versichert, kam er nur durch ein offensichtliches Wunder Mariens davon.“ Unsere Liebe Frau erwartete ihn in ihrer bescheidenen Bergkapelle von S. Maria dei Monti, „Heilige Maria von den Bergen“, inmitten der Ziegenweiden oberhalb von Scala. Nach einiger Zeit konnte der Kranke zur Erholung aufbrechen, obschon die Zurückgebliebenen sich noch immer um ihn ängstigten. Die Priester seiner Gruppe, die ihm am nächsten stehen, bewegen ihn dazu. Einer davon, Don Giuseppe Panza stammt aus Amalfi und er kennt die Einsiedelei S. Nicola, die ihnen hoch über Minori Ruhe, Bergluft und einen herrlichen Blick auf die Bucht von Amalfi bieten kann. Spätestens Mitte Mai besteigen die Freunde einen Segler, der sie nach 60 km Fahrt in Amalfi an Land setzen soll. G. Panza, G. Mazzini, V. Mannarini, G. Iorio und G. Porpora sind fürsorglich um Alfons bemüht. Also: „Adieu Neapel! Adieu Vesuv mit deiner Rauchsäule!“ Linkerhand taucht in zwei Meilen Entfernung schon bald Castellamare di Stabia mit seiner Bucht auf und das strahlende Capri. Hinreißende Ausblicke bieten sich den Reisenden. „Aber was ist mit dem Meer los, daß es uns so durchrüttelt?“

Nachdem unsere Seefahrer zwischen Capri und der Landzunge von Campanella di BoccaPiccola durchfahren haben, empfängt sie der Golf von Salerno ziemlich abweisend, denn der Sturm ist so heftig, daß er sie leicht gegen die Felsen der Monti Lattari schleudern könnte. Darum ist es einfach unmöglich, in Amalfi an Land zu gehen. Der Wind bläst auch für das Notsegel noch viel zu stark. So können unsere Reisenden erst 5 km weiter in der geschützter gelegenen Bucht von Minori landen. Gerade über ihnen befindet sich die Einsiedelei S. Nicola, aber als Priester bestehen sie darauf, sich zuerst der Diözesanautorität vorzustellen. Sie erfrischen sich, während das Meer sich wieder beruhigt, und segeln dann zurück nach Amalfi, wo unsere Urlauber den Erzbischof Mgr. Michele Bologna begrüßen. Während sie miteinander plaudern, kommt Don Matteo Angelo Criscuolo, der Generalvikar von Scala, herein. Sie werden einander vorgestellt. Er informiert sich und fragt: „Was gibt uns die Ehre, Euch in unserer Gegend begrüßen zu dürfen?… Ihr wollt Euch oberhalb von Minori zurückziehen? Aber nicht doch! Kapselt Euch doch nicht in den Wäldern und Felsen von S. Nicola ab. Dort oben werdet Ihr die Messe nur für die Eichhörnchen lesen. Warum geht Ihr nicht nach S. Maria dei Monti? Es liegt oberhalb von Scala: eine Einsiedelei mit genügend Wohnmöglichkeiten; da könnt Ihr bleiben und obendrein noch etwas Gutes tun für die vielen armen Ziegenhirten, die ganz verlassen dort oben leben. Ich gebe Euch die Jurisdiktion und alle meine Vollmachten. Eine Einsiedelei ist so viel wert wie eine andere!“