Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Alfons‘ Wirkungsbereich und erste Erfahrungen in S. Maria die Monti

Der Biograph bemerkt, daß besonders Alfons drängt, das Angebot anzunehmen, denn „vor allem können wir hier diesen armen Bergbewohnern helfen“. So folgen sie also dem Tal des Dragone und erklimmen über eine Art „Treppe“ mit einer Steigung von 45° über Terrassen von Zitronen- und Rebenpergolas den Berg. Schließlich folgen sie im Schatten von Hecken und Kastanienbäumen steilen und steinigen Pfaden, die in einer Höhe von 1.080 m zwischen dem Cervigliano (1.204 m) und dem Ceretto (1.306 m) in wunderbare Almwiesen einmünden. Die „Muttergottes von den Bergen“ erwartet sie in ihrem Kirchlein mit den drei Altären. Und zudem bietet ihnen ein steinernes Gebäude mit Obergeschoß mit seinen fünf oder sechs Räumen genügend Platz.

Nach einer guten Nachtruhe ist es die erste Freude unserer Sommerfrischler, gemeinsam das Brevier zu beten und das hl. Meßopfer zu feiern, sodaß das kleine Heiligtum wieder vom göttlichen Herrn in der kleinen weißen Hostie bewohnt wird. Dann geht es sicher an die Erkundung der näheren Umgebung. Alfons‘ Blick sucht jedoch nicht so sehr den Apennin oder das Mittelmeer als vielmehr die Menschen. „So viele arme Ziegenhirten leben hier verlassen“, hatte der Generalvikar gesagt. „Die Ankunft der Missionare“, so berichtet unser Biograph, „hatte sich schnell herumgesprochen, und so dauerte es nicht lange, bis Sennen und Ziegenhirten und andere Bewohner dieser Gegend herbeikamen. Man kann sich nicht vorstellen, wie glücklich Alfons über diesen Zulauf war, und er begann mit seinen Gefährten, diese Bauern den Katechismus zu lehren und sie liebevoll zur Beichte zu führen. Ein Hirte erzählte es dem anderen, und so kamen immer mehr aus immer größerer Entfernung. Die Sommerfrische unserer Apostel wandelte sich in eine permanente und fruchtbare Mission.“

Bei dieser Gelegenheit ließ Gott Alfons die große geistige Not erkennen, die so viele Seelen erleiden, weil sie jahraus jahrein ohne Sakramente und ohne das Wort Gottes leben müssen und verlassen auf dem Land und in den kleinen Dörfern verloren sind und vergessen werden. „Sein Herz war in S. Maria dei Monti geblieben“, schreibt der Biograph. „Er konnte seine Sennen und Ziegenhirten nicht mehr verlassen. Der Gedanke an ihre Verlassenheit trieb ihm die Tränen in die Augen, und er flehte zum Herrn, er möge unter den Söhnen Abrahams einen rufen, der sich des Schicksals dieser Unglücklichen erbarme.“

Und wenn Gott niemand finden würde? Wäre dann dies nicht seine, Alfons von Liguoris Berufung? Beim Heiligsprechungsprozeß sagten drei Zeugen aus, er habe sich bereits in S. Maria dei Monti „mit dem Gedanken getragen, eine Missionskongregation zu gründen, die sich das Heil der Menschen in den kleinen und kleinsten Dörfern des ländlichen Hinterlands, die ohne jede geistliche Betreuung leben mußten, zur Aufgabe machen sollte“. Dies hatten die drei nach ihren Aussagen aus seinem eigenen Mund gehört. Nach P. Caiones Aussage war er nach Neapel hinabgestiegen „mit dem neuen Entschluß, eine Kongregation von Missionaren zu gründen, die sich ganz der Seelsorge der Verlassensten in den ländlichen Gebieten widmen sollte; er wollte sich darüber mit seinem Beichtvater (damals P. Pagano) besprechen… Ich habe es aus dem Mund des Dieners Gottes selbst gehört … und sofort, nach dem ich sein Zimmer verlassen hatte, schriftlich festgehalten.“

Aus all diesen Zeugnissen geht eindeutig hervor, daß sich Alfons bereits im Juni1730 mit dem Gedanken eines neuen Instituts trug, das er als eine dringende Notwendigkeit für die Kirche und möglicherweise auch als seine persönliche Pflicht ansah. Sein Herz und Gewissen sprachen hierin die gleiche Sprache: Man kann diese Armen nicht weiterhin in ihrer Verlassenheit verkommen lassen.

Anderseits mußte die Entscheidung erst noch reifen, denn ist es wirklich die Stimme des Geistes Gottes, oder treiben ihn Ehrgeiz und Eigensinn zu einer Selbsttäuschung? P. De Meulemeester beschreibt das Vorgehen des hl. Alfons bei der Lösung dieser Fragen so: „Er akzeptierte stets die Vorschläge anderer klarsichtiger Menschen, wie Falcoia, Schwester Crostarosa, Kanonikus Torni, um Lebensprogramm und Wirken seiner Ordensfamilie festzulegen. Doch unterschieden sich diese Vorschläge immer von seinen persönlichen Absichten, da sie nicht, wie er selbst, die Hauptbetonung auf die Seelsorge für jene legten, die am wenigsten geistliche Betreuung hatten. Die ausdrücklichere Erwähnung dieses Apostolats, dem seine Vorliebe galt, kann uns in den aufeinanderfolgenden Texten der Regel gelegentlich sogar als Anhaltspunkt für den mehr oder weniger umfangreichen Anteil Alfons‘ an ihrer Ausarbeitung dienen. Die Fassung, die er später dem hl. Stuhl zur Approbation vorlegte und in der er sich stärker von den früher von Falcoia vorgeschlagenen Formulierungen lösen konnte, meißelt in energischen Begriffen seine großen persönlichen Gedanken auf dem Titelblatt der neuen Regel ein: Das einzige Ziel des Instituts wird es sein, dem Vorbild unseres Erlösers Jesus Christus folgend, den Armen das Wort Gottes zu verkünden, wie er selbst gesagt hat: Er hat mich gesandt, den Armen die Frohbotschaft zu bringen (Lk 4,18). Daher werden sich die Mitglieder dieser Kongregation im Gehorsam gegenüber dem jeweiligen Bischof gänzlich der Aufgabe widmen, den Bewohnern der Landgebiete und Dörfer, insbesondere denen, die der geistliche Hilfe am meisten entbehren, durch Missionen, Unterweisungen… zu Hilfe zu kommen.“