Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Die Gründung der Redemptoristen

Die Gründung der Redemptoristen ist ein Gewirr von Intuitionen, himmlischen Erleuchtungen, mehreren Versuchen oder auch Versuchungen – und einen Gründer, der mit unbeschreiblicher Geduld und Gottvertrauen all diese Stationen des Werdens eines großen Werkes der Kirche durchläuft und durchträgt, sodaß man schließlich dieses Wunder der göttlichen Vorsehung bestaunen kann. Es ist unmöglich, in diesem Rahmen dieses Gewirr auch nur einigermaßen erschöpfend darzustellen. Es bleibt darum nichts anders übrig, als einige Stationen herauszugreifen, um wenigstens eine grobe Skizze des Ganzen zu erstellen. Ein Mann von entscheidender Bedeutung in der göttlichen Planung dieses Werkes war Mgr. Falcoia. Dieser war von Gott eingesetzt worden, das Entstehen der neuen Gemeinschaft sozusagen zu moderieren. Die verschiedenen Puzzleteile, die ihm zugetragen wurden, sollte er zusammenzufügen.

Als Alfons ihn eines Tage besucht, kommt Falcoia sofort zur Sache: „Also. Ich habe die Absicht, in der Kirche ein neues Institut von apostolischen Arbeitern zu errichten, und Ihr werdet der Grundstein dieses Gebäudes sein.“ Alfons ist überrascht und errötet, dann dankt er und stammelt Entschuldigungen: „Eure Freundschaft führt Euch auf einen Irrweg, Pater… Ihr schlagt mir ein Abenteuer vor, dessen Ausgang eher negativ denn positiv sein wird. In Neapel, bei den Cinesi, den Missionen und Exerzitien dagegen kann ich mit Sicherheit viel Gutes tun, und das nimmt meine Kräfte und meine Zeit voll und ganz in Anspruch. Soll ich denn das Sichere für das Ungewisse aufgeben? Auf jeden Fall müßte ich zuerst viel darüber nachdenken, beten und mich beraten.“

Falcoia ist mit dieser Antwort durchaus nicht zufrieden, denn das Werk drängt in seinen Augen: „Ich hätte Euch auf der Stelle hierbehalten wollen, um sofort anzufangen. Man kann Gott nicht warten lassen… Aber ich gebe zu, daß Eure Umsicht nicht ohne Vernunft ist. Nein, ganz und gar nicht. Ich verstehe Euch… Ich billige Euer Denken sogar. Es handelt sich hier um ein großes Unternehmen, in dem es um die Ehre Gottes geht. Überdenkt die Sache; beratet Euch; Euer Beichtvater ist ausgezeichnet. Empfehlen wir uns dem Herrn, um seinen Willen zu erfahren.“ Dann deckt er seine Karten auf: „Ich erwarte vertrauensvoll Eure Antwort. Denn dieser Gedanke kommt weniger von mir als von einer Inspiration des Herrn, die mich schon lange verfolgt. Visionen, die heilige Seelen in jüngster Zeit hatten, skizzieren den Plan dieser Kongregation und drängen auf seine baldige Verwirklichung.“ Hinter diesen „Visionen“ steht ein Name: M. Celeste Crostarosa.

Alfons‘ Ruf nach Santa Maria dei Monti …

Die Schauungen dieser Schwester haben das Werk zwar in Gang gesetzt, aber sodann sofort auch einen Berg von Schwierigkeiten aufgetürmt. Denn die entscheidenden Leute waren zunächst durchaus nicht davon überzeugt, daß dies Werk von Gott komme, sie hielten das Ganze vielmehr für Phantasien einer hysterischen Nonne. Auch Alfons wollte durchaus nicht aufgrund dieser Visionen an die Gründung des Werkes gehen.

Als er wieder einmal nach Scala kommt, waren die Schwestern beglückt und sie quartieren ihn und seine drei Gefährten in ihrem Gästehaus ein. Alfons geht mit Mazzini in die Kirche. In dem kleinen Beichtzimmer, das noch heute rechts vom Chor gezeigt wird, hört er einige Beichten, dann folgt ein langes Gespräch mit Schw. M. Celeste. Mazzini betet währenddessen im Kirchenschiff. Mit einer Sicherheit, wie sie nur die Aufrichtigkeit gewährt, berichtet Schw. M. C. Crostarosa von den Offenbarungen des 3. und 4. Oktobers und eröffnet dem Pater: „Das Werk des Herrn umfaßt auch eine Männerkongregation… Und Gott will, daß du sie gründest.“

Diese Eröffnung verschlägt Alfons zunächst die Sprache. Hat er nicht selbst die Echtheit der ersten Offenbarungen der Schwester anerkannt? Bestätigen diese hier nicht den Aufruf, der ihn in S. Maria dei Monti in Herz und Gewissen traf? Er sieht seine Sennen und Ziegenhirten wieder vor sich, er hört den Ruf der Verlassenen… Ja, aber die Aufgabe übersteigt menschliches Maß. Nein, nein, er ist so armselig, das kann einfach nicht sein. Und außerdem, auf Visionen bauen? „Du hältst deine Träumereien für göttliche Manifestationen, Celeste. Deine Phantasie verwirrt dich“, wirft er ihr vor. Doch sie entgegnet unbeeindruckt: „Verwirrt, verrückt, was immer du willst. Gott aber will dieses Institut und daß du es verwirklichst.“

„Je mehr Alfons ihr widersprach“, berichtet unser Biograph Tannoia, „umso nachdrücklicher behauptete sie, Gott wünsche von ihm dieses Werk für die Landbewohner und die Verlassensten.“ Im Verlauf dieses Gesprächs hatte Mazzini, wohl deswegen, weil die Unterhaltung immer lebhafter wurde, die Kirche verlassen und war zu Mannarini ins Gästehaus zurückgekehrt. Die Zeit verging, man erwartete Alfons zum Essen. Hören wir, was Mazzini beim Heiligsprechungsprozeß berichtet: „Ich hatte Alfons im Beichtzimmer mit einer Schwester sprechen hören. Nach Beendigung der Beichten hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen. Vincenzo und ich hörten ihn schluchzen. Es war höchste Zeit, sich zu Tisch zu setzen. So übernahm ich es, zu ihm hinaufzugehen. ‚Was betrübt Euch so sehr, Alfons?‘, forschte ich nach. ‚Das Gespräch, das Ihr soeben mit einer Schwester geführt habt? Wenn es nicht das Beichtgeheimnis betrifft, so sagt mir, was vorgeht und wie wir Euch helfen können.‘ ‚Schwester M. Celeste hat mir gesagt, ich müsse Neapel verlassen, um hier eine Ordensgemeinschaft ausschließlich für Volksmissionen in den Dörfern und Weilern auf dem Land, die ohne geistlichen Beistand sind, zu gründen. Sie sagt, die Städte und entwickelten Gegenden hätten kein Bedürfnis dafür, und es sei der Wille Gottes. Aber wie sollte ich vorgehen… Es ist ganz und gar unmöglich: Ihr kennt meine Aufgaben in Neapel: der Missionsdienst, meine anderen seelsorglichen Pflichten…‘ Und er übertrieb die Unmöglichkeit eines Erfolgs, wandte aber gleichzeitig ein, daß er sich dem göttlichen Willen widersetze, wenn er den Rat dieser Dienerin Gottes nicht befolge. Diese Zweifel setzten ihm so sehr zu, daß ihn schwindelte und er beinahe die Besinnung verlor. Nun versuchte ich, ihn mit vielen Argumenten zu trösten und sagte zu ihm: ‚Laß dich nicht unterkriegen, mein Lieber. Wer weiß, wo der Wille Gottes ist? Das will überlegt sein.‘ Er aber spann seine Gedanken weiter: ‚Aber wo sind meine Gefährten?‘ Worauf ich antwortete: ‚Schau her, ich bin der erste… Also, komm nun essen und überlassen wir Gott diese Sorge.‘ Alfons wurde plötzlich wieder heiter und ging zu Tisch.“