Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Auch Mannarini gab deutlich zu verstehen, daß er der dritte im Bunde sein werde. Man würde demnächst nach Neapel zurückkehren, und dort solle ein jeder das Problem seinem Beichtvater vorlegen, um so den Willen Gottes zu ergründen.

… erste Widerstände

Am Samstag, dem 17. November, sind sie wieder in der Hauptstadt. Die erste Reaktion P. Paganos ist hart: „Visionen, Neuerungen, zwei Dinge, denen ich a priori mißtraue. Ihr brecht mit Scala und geht Euren gewohnten Pflichten nach!“ Das ist der Rat eines Weisen und Alfons hat zu gehorchen. Er würde es mit Freuden tun, wenn ihn der Gedanke an diese Verlassenen nicht Tag und Nacht verfolgte. Genau darauf aber baut Falcoia, wenn er am 24. November erneut einen Anlauf nimmt: „Der Herr will Euch. Mehr noch, er hat Euch zu einem Grundstein für dieses Gebäude auserwählt. Ich weiß nicht, was Euch motiviert, die Angelegenheit in Frage zu stellen und zu bezweifeln. Sagt Euch nicht Euer Herz dasselbe? Bestärkt Euch nicht der Zustand, in dem es sich befindet, all das mutig auf Euch zu nehmen, was dem irdischen Herzen am meisten widerstrebt, um dem großen Meister nachzufolgen, der uns vorangeht? Können diese Pläne denn von einem anderen als dem Heiligen Geist herrühren? Sie sind den Wünschen des alten Adam so konträr und entsprechen dem neuen, der, um unser Vorbild zu werden, so viel auf sich genommen und gelitten hat, in so hohem Maße. Sprechen wir nicht mehr darüber. Bittet den Herrn, er möge Euch mit seiner Gnade beistehen, und bereitet Euch darauf vor, für seine Liebe jede Prüfung zu erdulden. Tausend Umarmungen für meinen liebsten Don Matteo (Ripa); bittet ihn, von dem, was er weiß, keinen Gebrauch zu machen.“

… und sein Aufbruch ins Bergland – Die Icona Vetere

Am 1. Dezember 1731 reiste Liguori zum ersten Mal als Missionsleiter, mit fünf Mitbrüdern in das acht Tagereisen entfernte Taranto und sodann noch in die Ferse des italienischen Stiefels. Der Missionsleiter übernahm selbstverständlich die „große Predigt“ und trug die schwerste Last dieser zwei Missionsmonate. Dieses südländische Volk übertraf sich dabei in Reuekundgebungen: Frauen fielen bei der großen Predigt in Ohnmacht, Männer schlugen sich die Köpfe auf dem Straßenpflaster und an den Kirchenmauern wund…

Dennoch war dies immer noch nicht die Welt der Verlassenen, nach der Alfons hungerte und dürstete. Gegen Mitte Februar 1732 kehrte die Gruppe nach Neapel zurück – natürlich über Foggia, um hier der Jungfrau „mit dem lebendigen Gesicht“ einen Besuch abzustatten. Mgr. Pietro Faccolli, der Bischof von Troia, weilte gerade in der Stadt. Er empfing den heiligen Missionar und Neffen seines Vorgängers, Mgr. Cavalieri, mit großer Herzlichkeit. Ein Domherr der Kollegiatskirche, Don Francesco Garzilli, bestand darauf, die vier Missionare bei sich aufzunehmen. Der Herr wird ihm diese Gastfreundschaft besonders vergelten, denn mit 56 Jahren wird er ein „Sohn Alfons‘“ und bleibt es noch vierzig Jahre lang. Klerus und Honoratioren belagerten den Neffen ihres einstigen Bischofs mit ihren Besuchen. Sie luden ihn ein, sie zwangen ihn, eine Muttergottesnovene zu halten. Alfons hatte Bedenken: „Was wird Don Giulio Torni sagen, von dem ich weder den Auftrag, geschweige denn die Erlaubnis dazu habe?“ Der Ortsbischof jedoch, der ebenfalls ein „Bruder“ der Propaganda war, ersuchte ihn persönlich darum und nahm alle Verantwortung auf sich. Schließlich war es ja für Unsere Liebe Frau und für ein unglückliches Volk… Die Karosse der Mitbrüder fuhr also ohne Liguori ab, und er stieg auf die Kanzel der Kirche S. Giovanni Battista. Allerdings nur am ersten Abend, denn es mußten weit mehr Menschen außerhalb der Kirche bleiben, als in ihr Platz fanden. So brachte man die Kanzel kurzerhand an die Kirchentüre und stellte ihr gegenüber die Icona Vetere, das alte Gnadenbild auf.

Alle Beichtväter der Stadt reichten nicht aus, um nach den Predigten die Menge der Beichtwilligen zu bewältigen. Die Jungfrau tat in ihrer mütterlichen Liebe das ihre dazu, wie Alfons 48 Jahre später als Bischof im Ruhestand den Domherrn von Foggia auf dessen Anfrage hin bestätigt: „Allen, die diesen Brief lesen, bekunden und bestätigen wir unter Eid die Wahrheit folgender Tatsache: Als wir uns im Jahr 1732 in Foggia befanden, hielten wir in der Kirche S. Giovanni Battista für das Volk eine Reihe von Predigten. Diese Kirche besaß damals ein großes Bild, die sogenannte Alte Ikone, in deren Mitte sich eine ovale, mit einem schwarzen Schleier bedeckte Öffnung befand. An verschiedenen Tagen und zu wiederholten Malen sahen wir außerhalb dieser Öffnung das Antlitz der Allerseligsten Jungfrau Maria erscheinen. Es ähnelte dem eines dreizehn- bis vierzehnjährigen Mädchens, war weiß verschleiert und bewegte sich nach rechts und nach links… Dieses hehre Antlitz glich nicht einer Malerei, sondern einem lebendigen Gesicht, in vollem Relief, fleischfarben, wie das einer jungen Person, die sich nach rechts und links bewegt. Wir waren außerdem nicht die einzigen, die es betrachten konnten; das ganze zur Predigt versammelte Volk sah es ebenfalls. Es empfahl sich unter einem Ausbruch von Rufen und Seufzern innigst der Allerheiligsten Mutter Gottes. Im Glauben an die Wahrheit des Gesagten haben wir vorliegendes Zeugnis mit unserem Siegel versehen. Gegeben zu Nocera dei Pagani, am 10. Oktober 1777. Alfons Maria von Liguori, Bischof.“

Der Heilige hat jedoch aus Bescheidenheit nicht alles gesagt, sondern Folgendes verschwiegen: Eines Abends, als die Menge schon verabschiedet und die Ikone wieder in die Kirche zurückgebracht worden war, stieg der Missionar auf den Altar, um sie sich genauer anzuschauen. Dabei fiel er unvermittelt in Verzückung und konnte das schönste Antlitz auf Erden und im Himmel in aller Ruhe betrachten. Als er nach einer langen Stunde — außer sich vor Freude und… Verwirrung — wieder in diese Welt zurückkehrte, löste er die Spannung, indem er das „Meerstern ich dich grüße“ anstimmte und mit seiner herrlichen Stimme auch die dreißig anwesenden Priester und Herren mitriß. Am nächsten Tag beauftragte er einen Maler und gab ihm Anweisungen, wie er einen Abglanz der Züge der wunderbaren Jungfrau wiedergeben sollte. Die Überlieferung berichtet ferner, er selbst habe die letzten Pinselstriche zur Vollendung des Gemäldes geführt. Diese Madonna von Foggia ist noch heute bei den Redemptoristen von Ciorani zu sehen.